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Monatsinterview August: Clemens Brandstetter

Clemens BrandstetterClemens Brandstetter, Jahrgang 1970, gehört einer neuen Managergeneration an, die, obwohl selber in beruflichen Führungspositionen tätig, kritische Fragen an die eigene Riege richtet und wirtschaftliche und soziale Zusammenhänge kritisch hinterfragt. Damit nicht genug. In seinem Buch „Vom Glück zu Arbeiten“ (Johannes Czwalina/Clemens Brandstetter, Vom Glück zu arbeiten: warum eine würdevolle Beschäftigung so wichtig ist. Frankfurter Allgemeine Buch, ISBN 978-3-89981-235-0) macht er u.a. auf Führungsmankos aufmerksam und mit managerfragen.org, einer von ihm mitgegründeten und initiierten Online-Plattform für Gesellschaftsdialog vor allem in Bezug auf Management, Ethik und Vorgänge in der Wirtschaft, sollen Bürger und Manager zusammen kommunizieren können. Dem Social Venture vorangegangen war ein ehrenamtliches Engagement als Social Intrapreneur innerhalb seines Arbeitgebers, der Deutschen Telekom AG, bei dem er zusammen mit einer Kollegin eine konzernweite Social Business-Initiative aufbaute. Die Dialogplattform managerfragen.org, an der zurzeit rund 45 Personen arbeiten, wird Mitte August 2012 online gehen. Im Interview mit Christian Dueblin spricht Clemens Brandstetter über seine Sicht von Verantwortung sowie Solidarität und stellt fest, dass sich gerade Führungskräfte aktiv mit Missständen auch in den eigenen Reihen auseinandersetzen müssen. Brandstetter zeigt u.a. Zusammenhänge zwischen Glück und materiellen Werten auf und spricht über Versäumnisse in der Wirtschaft der letzten Jahre, die zu grossen Schäden und einem zunehmenden Vertrauensverlust in der Gesellschaft geführt haben.

Sehr geehrter Herr Brandstetter, Sie gehören zusammen mit Vincent Paul Menken und Henrik Matthies zu den Gründern von managerfragen.org, einer Plattform für Gesellschaftsdialog. Bevor wir im Detail auf diese Plattform zu sprechen kommen, möchte ich Sie fragen, wie Sie dazu kamen, sich mit gesellschaftlichen Herausforderungen zu beschäftigen und gar mit dem Riehener Unternehmensberater und Theologen Johannes Czwalina ein Buch über Glück und Arbeit zu schreiben, Interessengebiete, die im Management auf den ersten Blick doch eher Mangelware zu sein scheinen?

Für mich war es immer ein sehr bewusster Prozess, auch in meinem Berufsleben Verantwortung zu übernehmen, mich mit Missständen auseinanderzusetzen und mich auch schwierigen Fragen aktiv zu stellen. Das von Ihnen genannte Buch ist ein Stückweit Teil dieses Prozesses, meiner Berufung zu folgen und dabei zugleich das zu leben, wovon ich im Buch schreibe, nämlich vom Getriebenen zum Gestalter zu werden.

Nicht zuletzt habe ich bei dem Buch einen Teil meiner persönlichen Vita veraJohannes Czwalina, Clemens Brandstetter: Vom Glück zu Arbeitenrbeitet. Dies war der erste Impuls für das Schreiben. Dazu gehört die Geschichte meines Vaters, der als Topmanager in der Automobilindustrie gearbeitet hat. Über seine Arbeit ist unter anderem die Ehe meiner Eltern gescheitert. Als langjähriger Leitender Angestellter habe ich selbst in der Praxis viel mit Restrukturierung sowie Personalumbau zu tun. Ich bin dann irgendwann auf die eine Sinnfrage gestossen, die dann auch zu dem Buch geführt hat. Das Buch zusammen mit Johannes Czwalina zu schreiben, ist sozusagen ein Stück weit das Coaching meiner eigenen Person gewesen.

Ein zweiter Impuls hat mir mein Kollegen- und Arbeitsumfeld gegeben. Von dort hörte ich immer häufiger Klagen über die Arbeit, die mir wichtige Denkanstösse auch zu dem Buch gegeben haben. So stellten sich mehr und mehr Fragen wie „Bin ich oder mein Umfeld bzw. das System „krank“? Was kann ich tun, um umzusteigen, ohne auszusteigen? Was kann jeder einzelne von uns tun, für sich, für andere und für die Gesellschaft? Ziel des Buches ist daher u.a., Bestehendes in Frage zu stellen, Denkanstöße zu geben, ein bewusst gestaltetes Leben zu führen und im eigenen Einflussbereich aktiv zu werden, um etwas zu verändern.

Wo sehen Sie die Schnittstellen zwischen dem Buch, managerfragen.org aber auch zu Ihrem Job als Manager eines weltweit tätigen Telekommunikationskonzerns?

Es gibt viele inhaltliche Bezüge zwischen dem Buch und managerfragen.org, aber auch zu meinem Berufsleben ganz allgemein. So geht es im Buch um die diversen Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, die zunehmende Spaltung und Sprachlosigkeit, die in den letzten Jahren entstanden ist und die eigene Rolle, die jeder dabei spielt oder spielen sollte. Es geht aber auch um den notwendigen gesellschaftlichen Zusammenhalt, den wir so dringend benötigen. Wir, und damit meine ich auch meine Managerkolleginnen und –kollegen müssen uns heute aktiv für Solidarität einsetzen. Sie stellt sich nicht einfach von alleine ein, auch nicht in einem Unternehmen. Es fehlten beiden Seiten - Bürgern wie Managern - bis dato die geeigneten Räume und Möglichkeiten, sich über wichtige Themen auszutauschen. Das Buch gibt Antworten auf einige der angesprochenen Fragen sowie Anstösse zum Weiterdenken und der Reflexion der eigenen Verantwortung, sich selbst und anderen gegenüber. managerfragen.org soll als Dialogplattform helfen, Bürger und Manager, d.h. Gesellschaft und Wirtschaft, wieder näher zusammen zu bringen. Interessierten Bürgerinnen und Bürgern helfen, Antworten zu finden und umgekehrt Managern einen Zugang zu ermöglichen, gleichermassen Fragen zu stellen, zuzuhören und zu lernen, ist das angestrebte Ziel.

Auch geht es in beiden Fällen um ein Mehr an Selbstverantwortung und das Verständnis von Führung im Sinne von Vernetzung und Kooperation statt nur Wettbewerb. All das hat mit Verantwortung zu tun, die man nicht wegdelegieren kann. Sie ist und bleibt immer bei uns. Die Frage ist nur, ob wir sie wahrnehmen oder nicht.

Sie sprechen von mangelnder Verantwortung auch von Entscheidungsträgern und fehlender Solidarität und in Ihrem Buch geht es auch um das Glück. Fragen des Glücks, scheinen viele Menschen sehr mit Geld in Verbindung zu bringen. Ist dem wirklich so, oder ist das nur unsere Wahrnehmung auf Medienberichte hin?

Geld, Wohlstand, materielle Anhäufung dominieren vielfach – anfangs; mit der Zeit kommt jedoch meistens die Ernüchterung und trotz Geld und materiellem Reichtum stellt sich dann oftmals Leere bei vielen ein. Geld verschont einen erfahrungsgemäss nicht vor persönlichen Krisen, die jeweils Anlass sein können für eine Neu-Gewichtung von Werten. Irgendwann stellt sich der Moment ein, in dem man die Dominanz materieller Werte hinterfragt. Jeder muss dabei natürlich seinen eigenen und ganz persönlichen Weg gehen und finden.

Schliesslich geht es aber in solchen Momenten um die Sinnhaftigkeit im Leben. Materielle Werte sind selten wirklich sinnstiftend. Ich stelle in meinem beruflichen Umfeld, in dem viele Menschen viel mehr verdienen als sie brauchen, fest, dass sich immer mehr Menschen nach einem anderen Arbeits- und Lebenskonzept sehnen, das sich mehr in „sowohl als auch“-Kategorien bewegt als in einem „entweder-oder“-Muster, wie das heute leider noch viel zu oft der Fall ist und wie wir es immer wieder vorgetragen bekommen und unreflektiert übernommen haben.

Was läuft in Bezug auf diese Wahrnehmung mit uns Menschen denn oft falsch? Wo im Leben wird die Weiche gestellt, sich dem Verlangen nach Geld kritiklos hinzugeben und viele Sinnfragen zu ignorieren?

Letztendlich wurzelt unsere innere Haltung, unser Denken und Handeln, in unserem Charakter. Eine wesentliche Prägung erhalten wir dabei bekanntermassen schon sehr früh: genetische Vererbung, frühembryonale Prägungen und natürlich in unserer Kindheit, mit den vielfältigen Konditionierungen, die wir durch Familie, das Umfeld und die Schule erfahren. Die wohl wichtigsten Prägungen unseres Charakters bekommen wir über die Familie. Dort lernen wir schon sehr früh, was die Bedeutung von materiellen Dingen, aber auch von Moral und Ethik, sein kann. Diesen Prägungen ist man aber nicht einfach nur so ausgesetzt. Am Charakter kann man arbeiten, auch wenn es für ältere Menschen und mit zunehmendem Alter zweifelsohne schwerer wird. Jeder von uns kann sich verändern.

Wenn in der Familie Ethik und Moral nur eine begrenzte Bedeutung beigemessen wird, ist das problematisch, der Schaden bleibt aber überschaubar, möglicherweise für andere gar nicht spürbar. Wenn aber Menschen mit wenig Grundlage an Moral und Ethik an Machtpositionen gelangen, sei es in Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft, und ohne einen ethischen Bezugsrahmen handeln, dann wird es kritisch. Das haben in den letzten Jahren viele Menschen auch aufgrund der Bankenkrisen etc. verstanden. Insofern ist es im Arbeitsleben eine zentrale Frage, welche Personen (wir) in Führungspositionen gelangen (lassen) und welche Art von Charakter und Verhaltensweise das jeweilige System erfordert, um erfolgreich zu sein. Diese Evaluations-Systeme funktionieren leider oft nicht, oder sie haben lediglich eine Feigenblatt-Funktion, was wirtschaftlich zu grossen Schäden führt, wie wir in den letzten Jahren deutlich erkennen konnten.

Wie würden Sie Glück denn selber als Manager beschreiben?

Glück ist für mich eine Frage der inneren Haltung. Glück ist mehr als eine Sache des Augenblicks. Ich persönliche bevorzuge für mich allerdings den Begriff innere Zufriedenheit. Sie drückt auch die Dauerhaftigkeit aus – eben auch im Alltag und bei Gegenwind und Widerständen.

Menschen, die Dankbarkeit ausdrücken können, denen Demut ein Begriff ist, die sich ihrer eigenen Vergänglichkeit bewusst und sich im Klaren darüber sind, dass alles in einem gewissen Sinne nur „geliehen“ ist, wissen oft besser, was Glück und Zufriedenheit bedeutet als andere. Geliehen ist im Übrigen auch die Macht in Funktionen und Ämtern. Es hilft ungemein, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, Dinge nicht immer zu bewerten und gegenüber anderen und ihren Meinungen offen zu sein. Auch ein attraktives Sozialleben und sich nicht ständig mit anderen zu vergleichen führt zu einer guten Lebens-Balance und somit zu Glück und Zufriedenheit. Es ist daher doch erstaunlich zu sehen, dass vielen Menschen nicht klar ist, dass Glück nicht einfach von alleine kommt. Glück hat unmittelbar damit zu tun, sich mit sich selber auseinanderzusetzen. Glück ist auch eine Frage von Qualität, auch der Qualität von Vorgesetzten bei der Arbeit.

Sie selber gehören dem oberen Management eines international tätigen Konzerns an und Sie wissen, was Leistung und Rendite bedeuten. Was haben Sie selber bisher in Bezug auf Vertrauen und Nachhaltigkeit an Erkenntnissen im Berufleben sammeln können.

Wir müssen uns als Manager das Vertrauen nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch im Unternehmen (immer wieder) neu erarbeiten. Auch unternehmensintern wurden oftmals in der Kommunikation und im Umgang miteinander, insbesondere bei schwierigen und konfliktträchtigen Fragen, gravierende Fehler gemacht. Schweigen oder Wegschauen hilft jedoch nicht weiter. Im Gegenteil, viele stellen die Fragen nicht tief genug, „funktionieren“ nur, verdrängen Tatsachen oder machen einfach ihr eigenes Ding. Letztere verfolgen rein persönliche Ziele und betreiben nicht selten Einkommensmaximierung. Andere interpretieren Führung nur als Macht und nicht als Verantwortung. Es gibt aber viele Manager, die sich in ihrem Umfeld engagieren, die Veränderung wollen und die hart daran arbeiten. Von ihnen hört man weniger, weil sie in ihrem Umfeld und Aufgabengebiet weniger Probleme verursachen. Das ist für Medien nicht so interessant.

Mir macht eine neue Generation von Unternehmertypen Hoffnung, die auf dem Sprung in die „Entscheiderpositionen“ ist. Vor einigen Monaten hatte ich beispielsweise Gelegenheit, an der Universität St. Gallen im Kontext eines MBA-Programms für Business Engineering zwei Vorträge zum Thema Transformation von Unternehmen zu halten und mit dem Führungsnachwuchs und High-Potentials von über 30 Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu sprechen. Was ich aus dem Austausch mit den dortigen Führungskräften im Alter von Anfang bis Ende 30 wahrgenommen habe, ist die Andersartigkeit im Denken und eine veränderte Grundhaltung zur Arbeit, zur Führung, dem Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft sowie der eigenen Verantwortung. Diese Menschen können kritische Fragen stellen und werden die Einstellung zu Management verändern.

Ein Grund für die Projektidee managerfragen.org ist ein Vertrauensverlust vieler Menschen in wirtschaftliche und auch politische Interessenvertreter. Worauf ist dieser Vertrauensverlust, der wohl angesichts der Krisen in Europa zumindest in Bezug auf Banken und Finanzdienstleister sowie auf viele Politiker/innen sicher zutrifft, ganz generell zurückzuführen?

Es sind natürlich einerseits die Millionen-Abfindungen trotz Abwirtschaftens, Vertuschungen, Schmiergeldskandale, der Personalabbau trotz Milliardengewinne oder die Massenentlassungen aufgrund Verzockens von Geldern an den Finanzmärkten, die Menschen irritieren und aufbringen. Die Liste der Vorwürfe liesse sich fortsetzen. Diese Vorkommnisse haben ein schlechtes Licht über Unternehmen und Manager geworfen, teilweise zu Recht, teilweise auch zu Unrecht. Es gibt andererseits aber wie gesagt auch die Leuchttürme und Vorbilder, herausragende Unternehmen, die ganz andere Wege beschreiten und sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind. Sie gehen medial leider oft unter. Ziel von managerfragen.org ist es, einen fairen, öffentlichen und direkten Dialog zu ermöglichen.

Es sind in den letzten Jahren nicht nur unternehmensstrategische Fehler gemacht worden, die Konzerne wie mittelständische Firmen an den Abgrund führten und für deren Schäden oftmals Steuergelder aufgewendet werden müssen. Mir scheint, dass auch grosse moralische und ethische Schäden, auch wenn man diese nicht so klar messen kann, angerichtet worden sind.

Das ist absolut richtig! Und dabei handelt es sich auch um ein grosses Thema auf managerfragen.org. Es lässt sich nicht vom Tisch wischen, dass viele Fehler beim unternehmerischen Handeln gemacht worden sind. Damit meine ich nicht nur Fehleinschätzungen o.ä., die passieren und zum unternehmerischen Risiko immer mit dazu gehören. Es sind tatsächlich auch moralische Versagen ans Tageslicht gekommen. Diese sind in Bezug auf ihre gesellschaftliche Tragweite als sehr viel schwerwiegender einzustufen. Sie tragen massgebend zur Erosion von Verantwortungsübernahme und gesellschaftlicher Verpflichtung sowie zum Verlust an Gemeinsinn und Vorbildfunktion bei.

Sie haben sich vorgenommen mit der Dialogplattform managerfragen.org im August 2012 online zu gehen. Können Sie uns beschreiben, wie Sie und Ihr Team vorgehen werden und was uns erwartet?

Sehr gerne. Thematisch werden wir in den nächsten Wochen und Monaten jeweils immer ein spezielles, gesellschaftlich relevantes Brennpunktthema in den Mittelpunkt des Dialogs stellen und die jeweiligen betroffenen Bürgerinnen und Bürger einerseits und korrespondierende Manager und Unternehmen andererseits, zusammenbringen. Die Bürger können aber dennoch weiterhin die ihnen wichtigen Themen frei wählen und benennen. Wir laden dabei Führungskräfte ein, die als Vorbild und Vorreiter einen Anfang machen, sich aktiv für den Gesellschaftsdialog zu engagieren. Die Bürger werden dabei auch die Möglichkeit haben, explizit Manager zu nominieren, mit denen sie in Dialog treten wollen. In einem ersten Schritt sprechen wir bei den Bürgern übrigens Schüler, Studenten, Auszubildende und Absolventen an, da sie in besonderer Weise die Auswirkungen der gesellschaftlichen Megatrends erleben werden, wie z.B. Oil Peak, Global Warming, Population Growth.

Müssen Managerinnen und Manager in Deutschland nun Angst vor vielen kritischen Fragen haben, die ihnen möglicherweise bevorstehen?

Ein klares Nein! Ziel von managerfragen.org ist es ja, einen fairen, öffentlichen und direkten Dialog zu ermöglichen. Dies umfasst eben auch, niemanden zu überfordern. Dafür haben wir sowohl diverse unterstützende Vorkehrungen getroffen als auch verschiedene technische Funktionalitäten realisiert, um den Umgang mit der Anzahl der Fragen wie auch Qualität im Sinne eines konstruktiven Dialogs sicherzustellen.

Wir haben uns einen fairen Umgang miteinander als oberstes Ziel gesetzt, da nur auf Basis einer guten Qualität des Austauschs und einer etablierten Kultur des offenen, wertschätzenden, interessierten Dialogs Vertrauen entstehen kann. Wir starten den Piloten daher zunächst als geschlossene Plattform, die eine Einladung und Registrierung erfordert – wobei jeder mitlesen darf - und werden entsprechend des gemeinsamen Lernens und den gesammelten Erfahrungen, die Plattform und den Dialog sukzessive erweitern.

Viele von uns – und dazu gehören auch wir als Führungskräfte - müssen aber sicherlich lernen, uns vermehrt und direkt kritischen Fragen zu stellen. Das Internet und das von uns ermöglichte Choice Enabling, also die direkte und unabhängige Meinungsbildung, bedeutet einen Kontrollverlust für Unternehmen im Sinne herkömmlicher Push-PR oder vorgegebener Deutung durch die Unternehmenskommunikation. Nur so entstehen jedoch Vertrauensimpulse, die glaubwürdig sind.

Sie betreiben mit managerfragen.org ähnlich wie Xecutives.net zurzeit ein Start up. Wie haben Sie persönlich die Gründung und den Aufbau der Plattform bis jetzt in Erinnerung. Welches waren positive Erlebnisse aber auch Probleme?

Offen gesagt, bin ich begeistert, wie in so wenig Zeit so Vieles entstehen konnte: wie das Gründer- und Management-Team sich gefunden und eingespielt haben, wie eine grosse Community aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sowie interessierten und engagierten Followern bei Facebook & Co. entstanden ist, wie wichtige Persönlichkeiten als Fürsprecher und Unterstützer gewonnen werden und effiziente Organisationsstrukturen aufgebaut werden konnten. Die Dialog-Plattform wurde zudem auf Basis einer High-End-Software realisiert. Und vielleicht noch das Wichtigste: der Zuspruch seitens der Bürger wie von Managern und Unternehmen für den gemeinsamen Dialog war und ist enorm.

Im Laufe der Gründung und beim Aufbau des Start ups lerne ich täglich neu dazu: dezentrales Arbeiten, der Einsatz von Web-Collaboration-Tools und die Nutzung von Social Media. Leben und Arbeiten in der Arbeitswelt 2.0 oder als Enterprise 2.0 liegt nicht in der Zukunft, sondern findet heute schon statt. Crowd-Intelligence, ad hoc Abstimmungen u.a.m. sind keine Textzeilen aus Studien, sondern gelebte Praxis. Auch das derzeit so prominent diskutierte Thema Diversity leben wir bei managerfragen.org. Es treffen Tradition und Moderne zusammen. Das gefällt mir sehr.

Natürlich gab und gibt es unverändert eine Reihe von Herausforderungen, die wir noch angehen müssen, und wir freuen wir uns über jede Form der Unterstützung, die wir auch weiterhin brauchen. Dies liegt in der Natur der Sache.

Gab es auch Rückschläge?

Den bis dato grössten Rückschlag erlitten wir vor einem drei Viertel Jahr bei der Partnerauswahl für die technische Realisierung der Plattform. Aufgrund von Budget- und Ressourcenengpässen bei dem damalig, ursprünglich ausgewählten Software-Partner kam überraschend die Zusammenarbeit nicht zustande, wodurch wir ein halbes Jahr Zeit verloren. Im Nachhinein hat sich das jedoch als Glücksfall herausgestellt, da wir in der Folge als Partner anotheria.net gewinnen konnten, das Unternehmen, das auch eine der erfolgreichsten Online-Dating-Plattformen in Europa realisiert hat. Wir können somit als Start up von Beginn an eine High-End-Plattform bereitstellen, was sicherlich eine besondere Auszeichnung ist.

Wie verhält es sich mit den Reaktionen von bedeutenden Führungspersönlichkeiten, mit denen Sie bisher Kontakt hatten?

Wir haben in den letzten eineinhalb Jahren über 100 Gespräche mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft geführt. Das Feedback ist durchweg positiv. Im Grundsatz sehen alle die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Dialogs und Diskurses. Auch die Idee und der Ansatz von managerfragen.org werden durchweg begrüßt. Es gibt aber natürlich – wie gerade angesprochen - viele Fragen aufgrund der Neuartigkeit, die insbesondere die eigene Rolle betreffen. Es geht um Fragen der Zeit für den Dialog, die bei Managern stets knapp ist, aber auch um die Frage, ob aus Compliance-Sicht geantwortet werden darf. Alle Fragen oder auch Vorbehalte lassen sich aber letztendlich beantworten. Wir können Lösungen anbieten und die Sorgen nehmen. Es bleibt daher stets eine sehr persönliche Entscheidung und Frage der eigenen Haltung als Führungskraft und Manager für oder gegen ein Engagement. Welches Werte- und Führungsverständnis habe ich und wie definiere ich meine Verantwortung und eigenen Handlungs- und Gestaltungsspielraum? Insofern geht es uns auch nicht darum, jemanden zu überreden, sondern vielmehr die Vorbilder zu erreichen, die sich in der Verantwortung sehen und den Mut haben, neue Wege zu gehen. Es geht um diejenigen, bei denen unternehmerische Verantwortung immer auch gesellschaftliche Verantwortung umfasst und die aus eigener Erfahrung überzeugt sind, dass nur durch direkten Dialog neues Vertrauen entstehen kann.

In Sachen soziale Netzwerke und Plattformen im Internet ist viel im Umbruch und es gibt viele Fragen, die nur schwer zu beantworten sind. Das hat auch der Börsengang von Facebook deutlich gezeigt. Sie haben sich als Manager aber auch als Mitgründer von managerfragen.org intensiv mit Netzwerken auseinandergesetzt. Was beobachten Sie und wo denken Sie führt die Reise in Sachen Online-Netzwerke hin?

Die Collaboration Economy wird kommen, daran besteht kein Zweifel. Wir stehen heute noch ganz am Anfang dieser Entwicklung. Die bestehenden Formen der neuen Netzwerke, die zum Teil noch belächelt und als Randthema nur auf bestimmte Zielgruppen begrenzt abgetan werden, werden sich weiterentwickeln. Da, wo es keine tragfähigen Geschäftsmodelle gibt, wird es sicherlich Bereinigungen geben. Die sogenannte Old Economy wird aber wie auch damals bei der ersten Welle des Internet-Hype, diese Themen aufgreifen und bei sich integrieren (müssen), so dass neben den reinen Internetfirmen auch bei den „Brick&Mortar-Unternehmen“ die „Netzwerke“ Einzug halten werden. Eine entsprechende Auslese und Verschiebungen innerhalb der Top-Unternehmen weltweit wird hier gleichermassen stattfinden - wie auch in den letzten 100 Jahren: zwischen denjenigen, die sich schnell genug und aktiv auf Neues einstellen können, die neuen Techniken für sich nutzen, und denjenigen, die die notwendige Transformation nicht erfolgreich bewältigen werden.

Inhaltlich gesehen, findet aktuell - parallel zur Verlagerung von Heim-PCs zu Tablets und mobilen Endgeräten - eine zweite fundamentale Veränderung statt, nämlich die Zuwanderung verschiedenster Nutzerströme zu sozialen Netzwerken. Es kommt damit zu einer strukturellen Neuordnung des Netzes. Im Mittelpunkt aller wirtschaftlichen Vermarktungsinteressen ist nicht mehr der Click des Users, sondern die Interaktion mit dem Nutzer. Die bisherigen Grenzen von Unterhaltung, Information und Werbung werden hier immer mehr verschwimmen. Die Lebenswirklichkeit von uns allen wird sich damit verändern. Die Welt wird zum Browser – auf welcher technischen Nutzeroberfläche auch immer - und unsere Familie, Freunde, Bekannte und Kollegen werden zur Community im Netz.

Ende der 90er Jahre habe ich einen eBusiness-Bereich bei einer IT-Tochter eines deutschen Dax-Konzerns aufgebaut und zusammen mit einem Kollegen ein Buch über unsere Erfahrungen veröffentlicht. Wenn ich heute darin lese, ist das meiste davon eingetroffen. Manches ist schneller eingetreten, manches hat mehr Zeit in Anspruch genommen. Zweifler gab es natürlich auch damals genug. So verhält es auch heute mit den neuen technischen Möglichkeiten des mobilen Internet und den sozialen Netzwerken. Technologische Neuerungen und das menschliche Grundbedürfnis nach Kommunikation treiben diese Entwicklung voran – gestern, heute und in Zukunft.

Insgesamt empfehle ich, mit den sogenannten neuen Hype-Themen unaufgeregt umzugehen. Wie in den 2000er Jahren, nach dem Platzen der Dot.com-Blase, wird es auch morgen noch „klassische Unternehmen“ geben, auch wenn sie ihr Gesicht und Innenleben verändern müssen.

Sehr geehrter Herr Brandstetter, ich bedanke mich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen und dem ganzen Team von managerfragen.org alles Gute und viel Erfolg mit Ihrem Projekt!

(C) 2012 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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- Clemens Brandstetter: Vom Glück zu Arbeiten
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