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Monatsinterview Juli: Deborah Büttel

Deborah Büttel (c) Deborah BüttelDeborah Büttel, Jahrgang 1985, gehört zu den bekanntesten Schweizer Leichtathletinnen. Mit Ihrem U20-Rekord über 10‘000 Meter schrieb sie im Jahr 2004 Schweizer Sportgeschichte. Sie lief 10‘000 Meter in 34:09 Minuten. Für ihre sportlichen Leistungen wurde sie schon in jungen Jahren mit diversen Preisen ausgezeichnet, u.a. auch mit dem Sportpreis der Stadt Basel, den sie 2004 zusammen mit Degenfechter Marcel Fischer entgegennehmen durfte und der ihr mediale Präsenz verschaffte. Deborah Büttel ist ein ausserordentliches Sporttalent, das schon als Kind von ihrer Familie entdeckt wurde. Mit Hilfe ihres Vaters, Theo Büttel, der sie als Trainer und Coach begleitete, begann sie ihr Talent weiterzuentwickeln. Im Gespräch mit Christian Dueblin spricht die Sportlerin und Studentin der Rechtswissenschaften Deborah Büttel über ihre Laufkarriere, über Talent und Training, die Bedeutung von Gesundheit, ihr Vorbild Haile Gebrselassie, aber auch über Schwierigkeiten vieler junger Talente, Sport, Schule und Beruf auf die Reihe zu bekommen. Lesen Sie ein interessantes Interview mit einer passionierten jungen Sportlerin.

Christian Dueblin: Liebe Frau Büttel, Sie gehören zu den herausragenden Schweizer Leichtathletinnen. Wann wurde Ihnen oder Ihrem Umfeld klar, dass Sie talentiert sind und wie hat man Sie gefördert?

Deborah Büttel: Ich denke immer wieder daran, wie viele Menschen es gibt, die ein Talent haben, das nicht entdeckt wird. Mir geht dann Mozart durch den Kopf, der ein genialer Musiker war und von seinem Vater enorm gefördert wurde. Ohne seinen Vater wäre Mozart vielleicht gar nie zur Kenntnis genommen worden, was doch musikalisch aus heutiger Sicht ein riesiger Verlust wäre. Ohne mich mit einem Genie wie Mozart vergleichen zu wollen, war es auch bei mir so, dass ohne Förderung von meinem Vater die bisherigen Erfolge nicht möglich gewesen wären oder ich sogar meine Passion zum Laufsport gar nie entdeckt hätte. Ich war als Kind polysportiv und völlig sportbegeistert. Ich spielte damals auch sehr gerne Tennis. Mein Vater fing mit 40 Jahren an, Laufsport zu betreiben. Meine beiden Brüder sind ebenfalls sehr sportlich, aber sieben und neun Jahre älter als ich. Ich ging mit der Familie oft an den Wochenenden auf die Finnenbahn und merkte, dass ich schon früh beim Laufen mit meinen Brüdern mithalten konnte, in anderen Disziplinen nicht. So hatte ich im Fussball oder im Tennis keine Chance gegen sie. Mir gefiel es, den beiden Paroli bieten zu können und ich fand am Rennen immer mehr Gefallen. Irgendwann kam es, dass ich mich bei einem Kinderlauf anmeldete und einen Wettkampf mitmachte. Ich wurde bei diesem Vorentscheidungsrennen für einen gesamtschweizerischen Final, dem sogenannten „Volksbank Grand Prix“, auf Anhieb Dritte. Damit war ich für den Final qualifiziert. Ich denke, das war eine Schlüsselstelle in meiner Sportkarriere. Mein Vater fing an, mit mir für den Final zu trainieren. Zuvor hatte ich nicht ernsthaft trainiert. Wir gingen fast jeden Tag laufen und ich wurde kurze Zeit später bei diesem gesamtschweizerischen Final Sechste. Dann ging alles Schlag auf Schlag. Ich nahm an Volksläufe teil und fand an langen Distanzen viel Freude. Auf kurzen Strecken war ich nie besonders gut, schon in der Schule nicht. Die Ausdauerfähigkeit war aber da. Es kam dann ein Lauf nach dem anderen und ich konnte viele Erfolge verbuchen. Ein Jahr später gewann ich diesen gesamtschweizerischen Final. Es folgten viele Erfolge an regionalen Volksläufen und danach auch bei nationalen Meisterschaften.

Als ich mit 10 Jahren die ersten Volksläufe bei der Damenelite gewann, meinte meine Grossmutter, wie ich denn mit diesen „Beinchen“ so schnell laufen könne (lacht). Das ist natürlich für Menschen, die nicht Spitzensport betreiben, nicht so einfach zu verstehen. Die besten Langstreckenläufer aus Äthiopien und Kenia beispielsweise, denken Sie an einen Haile Gebrselassie, sind kleine Menschen. Er ist etwa gleich gross wie ich. Die guten Leistungen haben nichts mit der Grösse, sondern mit körperlicher Effizienz und Hebelkraft zu tun. Ich muss hier aber noch festhalten, dass das Talent - das aber natürlich überall, wo man sehr gute Leistungen erbringt, vorhanden sein muss - alleine noch lange nicht ausreicht. Hinter Bestleistungen steckt immer sehr viel Training. Ich habe sehr viel und auch hart trainiert. Ich bin eine Person, die dabei auch gerne an ihre Grenzen geht und bin es gewohnt auf die Zähne zu beissen und etwas durchzuziehen. Das ist meine Natur und mindestens genauso wichtig wie das Talent.

Als junge Spitzensportlerin mussten Sie nebst dem Sport auch die Schule auf die Reihe bekommen. Wie gingen Sport und Schule bei Ihnen einher?

Meine ersten vier Gymnasialjahre absolvierte ich in Basel, ganz normal, wie alle anderen. Das letzte Maturjahr konnte ich auf zwei Jahre aufteilen, was mir die Möglichkeit gab, meinem Training mehr Freiraum zu gewähren. Ich wurde vom Gymnasium sehr gut unterstützt, auch von den Lehrerinnen und Lehrern. Die ständigen schulischen Herausforderungen und der Sport machten mich zu einer Einzelkämpferin. Vielleicht hat der eine oder andere Schüler nicht verstanden, dass mein Verzicht, gewissen anderen Beschäftigungen nachzugehen, eben mit meiner Doppelbelastung zu tun hatte. Ich war nicht an jeder Party dabei und musste oft nach der Schule gleich zum Training oder umgekehrt.

Sie betreiben keinen Mannschaftssport, laufen lange Strecken ganz allein und auf sich selber gestellt. Wird man damit ganz gezwungenermassen zur Einzelkämpferin?

Mir ist es ohne meine Mitmenschen nicht wohl. Ich bin sehr gerne unter Menschen. Ich bin im Grunde genommen ein sehr kommunikativer Typ und brauche Menschen um mich. Beim Laufen ist das anders. Dann bin ich gerne allein und ich trainiere auch gerne allein. So ist es mir auch am wohlsten, wenn ich einfach los rennen kann und niemanden um mich habe, der mich ablenkt. Zurück von meiner Laufwelt freue ich mich dann aber sehr, unter Menschen sein zu können, so auch an der Uni, wenn ich meine Freundinnen und Freunde treffe.

Sie haben im Jahr 2004 den U20-Schweizer Rekord im 10‘000 Meter Lauf gebrochen. Mit 34:09 sind Sie in dieser Kategorie immer noch die schnellste Läuferin.

Ich lief diesen Schweizerrekord bei den Juniorinnen in 34.09 Minuten und brach damit den Rekord von Nicola Spirig, einer heutigen Weltklassetriathletin. Aber eigentlich sehe ich das erst heute, dass ich damals als Juniorin eine beachtliche Leistung erbracht habe.

Sie sind eine Person, die gerne auch sportliche Grenzen auslotet. Wie würden Sie diese Grenzerfahrungen beschreiben? Was reizt Sie, an diese Grenzen zu gehen?

Die Grenzen sind natürlich dann erreicht, wenn man nicht mehr laufen kann, beispielsweise aufgrund einer Verletzung. Das ist auch eine Grenzerfahrung. Wenn ich nicht laufen kann, dann geht es mir auch psychisch nicht gut. Oft bekomme ich zu hören, dass ich doch gerade dann, wenn ich verletzt sei, meine Zeit und Energie dem Studium widmen könne. Dem ist nicht so. Ich bin im Kopf am besten bei der Sache, wenn ich auch körperlich vollkommen fit bin. So kann ich total ab- und umschalten, mich zeiteffizient dem Lernen hingeben. Bin ich verletzt, so bleibt die Verletzung immer im Hinterkopf und ein Abschalten ist, wenn überhaupt, nur beschränkt möglich.

In Bezug auf die sportlichen Grenzen bin ich mir heute bewusst, dass weniger oft mehr ist. Da ich meine Grenzen kenne und mich intensiv mit ihnen auseinandergesetzt habe, weiss ich heute viel besser, wann genug ist.

Schön ist es immer wieder zu erfahren, wenn man beim Rennen in den sogenannten „Flow“ kommt. Stellt sich dieser Flow ein, dann geht alles wie von selber. In der Vergangenheit stellte ich dabei immer wieder fest, dass mein Kreislauf durchaus noch leistungsfähiger wäre, aber meine Muskulatur noch nicht dort ist, wo ich sie haben möchte. Ich bin zurzeit im Aufbau meiner Muskulatur und ich bin sehr zuversichtlich, dass ich mit einem guten und konstanten Training noch bessere Laufresultate erzielen werde.

Sind Sie von offizieller Seite jemals gefördert worden, sprich hat man Sie in irgendeiner Form auch finanziell oder organisatorisch unterstützt?

Der Aufwand, den man im Leistungssport betreiben muss, ist enorm und Unterstützung habe ich vor allem von meiner Familie bekommen. Bei dieser Unterstützung geht es um weit mehr als nur um finanzielle Dinge. Der finanzielle Aspekt im Sport ist wichtig. Trainingslager, körperliche Pflege und Ausrüstung im Sport kosten Geld. Ohne meine Familie wäre auch mein Jurastudium, das ich in diesem Jahr abschliessen werde, in dieser Form, also zusammen mit dem Betreiben von Spitzensport, nicht möglich. Ich habe auch Sponsoren, die mich unterstützen, allen voran die Basler Kantonalbank und das Unternehmen Cendre Métaux. Sie sind mir eine grosse Hilfe.

Ein Problem hier in der Schweiz ist aber zweifelsohne, dass irgendwann der Punkt kommt, wo sich talentierte Sportlerinnen und Sportler entscheiden müssen, auf eine Ausbildung, beispielsweise ein Studium oder eine Lehre, zu setzen, oder sich eben voll dem Sport zu widmen. Das sind sehr schwierige Entscheide für junge Menschen. Es geht um grosse Risiken, die auf dem Spiel stehen, aber natürlich auch um Chancen, die man nicht vergeben möchte. Da man in diesem jungen Alter selten schon genug durch den Sport verdient, um seinen Lebensunterhalt finanzieren zu können, ist es unerlässlich, dass man auf den Support vom Verein/Verband, von Sponsoren, eines Fanclubs und/oder des Elternhauses zählen kann.

Was sind nebst finanziellen Belangen die weiteren Voraussetzungen, die wichtig sind und gegeben sein müssen, damit junge Sporttalente wie Sie sich entfalten können?

Nebst den erwähnten Finanzen, der Unterstützung der Familie und der Ausrüstung, die je nach Sportart sehr aufwendig sein kann, brauchen junge Sportlerinnen und Sportler Trainingsmöglichkeiten. Damit verbunden stellt sich dann auch gleich die Frage der Logistik. Viele Eltern mit Kindern, die aktiv und intensiv Sport betreiben, wissen, wie zeitintensiv es ist, jedes Wochenende mit dem Sohn oder der Tochter an einen Ort zu fahren, wo Wettkämpfe stattfinden. Dann braucht es auch Personalkompetenz, die mir auch sehr wichtig scheint. Die jungen Sporttalente sollten fühlen, dass man sich aktiv um sie kümmert und ihre Bedürfnisse ernst nimmt. Das gilt nicht nur für die Erfolgs-, sondern auch für die Misserfolgsphasen, die sich im Sport ebenfalls einstellen können. Steht ein Talent im Rampenlicht, so sind oft viele Menschen da, die sich von diesem Licht angezogen fühlen. Während meiner Verletzungszeit ist mir immer wieder aufgefallen, dass ich vor allem von meiner Familie betreut worden bin. Von der Verbandsspitze bin ich nie kontaktiert worden. Das diesbezügliche Interesse in einer Phase des Nichterfolges war bescheiden. Schliesslich braucht es auch fachliche Unterstützung, die man in einem Verband bekommen kann. Ich hatte das grosse Glück, von meinem Vater trainiert zu werden, der ebenfalls Laufsport betreibt.

Was sind Ihre nächsten sportlichen Ziele, die Sie angehen möchten?

Ich würde mich natürlich sehr gerne für die Leichtathletik Europameisterschaften 2014, welche in der Schweiz stattfinden, qualifizieren. Immer vorausgesetzt, dass ich gesund bleibe und mein Training durchziehen kann, ist das möglich.

Der weltweite Konkurrenzkampf ist sehr gross. Wie gehen Sie mit dem Abschätzen, was für Sie möglich ist und was nicht möglich ist, um?

Es ist für Sportler sehr schwer abzuschätzen, was möglich ist und was nicht. Das hat mit sehr vielen Faktoren zu tun. Rennt man als Juniorin 10‘000 m in 34 Minuten, denkt man, dass mit fortführendem Training eine Leistungssteigerung über die Jahre die logische Folge ist. Bei jedem Athleten kommt jedoch früher oder später einmal eine Durststrecke, sei es eine Verletzung oder ein sonstiges Tief, die man durchstehen muss. Es ist nicht einfach, eine rückläufige Leistungskurve zu akzeptieren, vor allem, wenn Aufwand und Ertrag nicht mehr übereinstimmen. Deshalb braucht es im Leistungssport nebst dem Fleiss auch Ausdauer und Beharrlichkeit.

Die Konkurrenz ist tatsächlich sehr gross. Paula Radcliffe lief als Europäerin 10‘000 m in rund 30 Minuten. Das sind aber völlige Ausnahmen in unseren Breitengraden. Ich stelle immer wieder fest, dass es Sportanlässe gibt, wo praktisch nur schwarze Menschen rennen. Länder wie Kenia und Äthiopien verfügen über Hunderte von Spitzenläufern. Damit erklärt sich, dass an internationalen Wettkämpfen plötzlich für uns teilweise völlig unbekannte Menschen aus diesen Ländern auftauchen, von denen man vorher noch nie etwas gehört hat. Die Menschen, die wir dann an Sportanlässen sehen, sind notabene nur die besten einer ganzen Anzahl von sehr guten Läuferinnen und Läufern. Die Leistungssteigerungen dieser Menschen können oft gar nicht zurückverfolgt werden, ganz anders als bei uns, wo man bei jedem und jeder weiss, wie er oder sie sich in den letzten Jahren entwickelt hat und ganze Statistiken und Leistungskurven vorliegen. Das macht Vergleiche mit diesen Menschen sehr schwierig. Für mich ist es am wichtigsten, Freude am Laufen zu haben und zu sehen, dass mein Training mich weiterbringt und ich mein Potential ausschöpfen kann.

Auch der äthiopische Langstreckenläufer Haile Gebrselassie ist ein solches Talent. Sein Name ist auch Menschen ein Begriff, die sich mit Leichtathletik nicht auseinandersetzen. Sie haben grosse Achtung vor diesem Sportler. Ist er für Sie auch ein Vorbild?

Ich bewundere diesen Läufer sehr. Er läuft seit vielen Jahren an der Spitze. Eben wollte er sich für die Olympischen Spiele qualifizieren und kam aber nicht unter die besten drei. Er lief die 10‘000 Meter in 27:20 Minuten!! Das hat im Übrigen noch kein Schweizer geschafft und trotzdem reichte das Spitzenresultat nicht für die Olympiaqualifikation. Auch an diesem Beispiel sieht man den enormen Konkurrenzkampf, mit dem sich auch eine Sportlegende wie Gebrselassie auseinandersetzen muss.

Ich geniesse es, ihm beim Laufen zuzuschauen. Er ist zum Laufen geboren worden und ist für mich tatsächlich auch ein Vorbild, nicht aber, weil er nur ein guter Läufer ist. Ein Vorbild muss für mich noch andere Qualitäten aufweisen. Ich bewundere ihn auch aufgrund seines Engagements und der positiven Energie, die er ausstrahlt. Er setzt sich unermüdlich für sein Land ein und engagiert sich auch in Sachen Entwicklungshilfe. Das alles finde ich schon sehr beeindruckend.

Liebe Frau Büttel, was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Mein Wunsch ist, mich sportlich kontinuierlich weiter zu entwickeln und gesund zu bleiben. Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass die Gesundheit Vorrang hat. Ich baue nun bewusst aktive Erholungsphasen in mein Training ein.

2014 wird die EM in der Schweiz stattfinden. Mich für diesen Grossanlass zu qualifizieren, ist ein Ziel für mich.

Liebe Frau Büttel, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg bei Ihren sportlichen Aktivitäten!

(C) 2012 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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