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Monatsinterview Mai: Dr. Joe Amberg

Dr. Joe Amberg. Mit freundlicher Genehmigung von Joe AmbergDr. Joe Amberg, Jahrgang 1928, absolvierte 1947 die Handelsmatura an der Kantonsschule Zug und arbeitete darauf als kaufmännischer Angestellter bei der SBG (Schweizerische Bankgesellschaft) in Zürich. 1949 begann er mit dem Ökonomie-Studium an der Handelshochschule St. Gallen (heute Universität St. Gallen), welches er 1954 als Dr. oec. abschloss. Er bildete sich später zum Eidg. dipl. Bücherexperten weiter und absolvierte in den Siebzigerjahren in Stanford (USA) ein „Executive Program for Smaller Companies“. Joe Amberg arbeitete unmittelbar nach seinem St. Galler Studium als „inspecteur comptable“ für Nestlé, u.a. in den USA, Australien, Neuseeland, Frankreich und Marokko und baute ab den Sechzigerjahren seine eigene Treuhandfirma in Zürich auf. Joe Amberg hat die Öffentlichkeit nie gesucht. Seine vielfältigen Tätigkeiten jedoch faszinieren und inspirieren Menschen aller Altersklassen und sein nachberufliches Leben steht zweifelsohne für „Successfull Aging“. Der ehemalige Segelflieger, Motorradfahrer und Segler beschäftigt sich heute u.a. mit Malen, Skilanglauf und Wandern, baut Flugmodelle, spielt Akkordeon und schreibt Bücher. Letztere geben Einsicht in ein interessantes und erfülltes Leben. Bei der Lektüre wird klar, wie sich die Welt in den letzten Jahrzehnten verändert hat, was aber auch gleich geblieben ist. Joe Amberg ist seit über 50 Jahren mit seiner Frau Alice verheiratet. Die beiden haben drei Töchter und vier Enkelinnen. Im Gespräch mit Christian Dueblin erzählt Joe Amberg aus seinem Leben, das manch einen aufgrund seiner Intensität und Vielfalt in Staunen versetzt.

Christian Dueblin: Sehr geehrter Herr Amberg, Sie haben in den frühen Fünfzigerjahren in St. Gallen zu studieren begonnen. In Ihren Memoiren berichten Sie auf eindrückliche Weise über diese – auch entbehrungsreichen - Jahre Ihres Lebens. Wie kam es zum Entschluss, in St. Gallen zu studieren und wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?

Joe Amberg: Die heutige Universität St. Gallen hiess ursprünglich HHS, also Handelshochschule St. Gallen. Mein Vater empfahl mir am Ende der Sekundarschule Cham, ich solle nicht einfach irgendeine Lehre beginnen, sondern die Kantonsschule in Zug absolvieren, um eine bessere Ausgangslage für das Berufsleben zu haben. Er selber war Arbeiter und er wollte mir ermöglichen, was ihm selber vorenthalten blieb.

Hatte damals jemand die Handelsmatura bestanden, fing er in der Regel gleich an zu arbeiten. Der übliche und logische berufliche Weg führte einen Zuger meistens nach Zürich. Nach einigen Wochen Arbeit beim Hauptsitz der SBG wurde mir jedoch klar, dass ich diese Arbeit nicht mein Leben lang machen wollte. So arbeitete ich zwei Jahre lang bei der SBG weiter, um mir das Geld für drei Jahre Studium in St. Gallen zu verdienen. Damals konnte man in sechs Semestern das Lizentiat erwerben und ich rechnete mit rund 250 Franken monatlichen Ausgaben für Wohnen und Essen. Das Budget für meine Studien war knapp und es zwang mich zu äusserster Sparsamkeit. Es gab damals in St. Gallen die „Habsburg“, ein vom Frauenverein geführtes Restaurant, in dem man ab Fr. 1.90 pro Mahlzeit essen konnte. Für ein einfaches Zimmer mit Kanonenofen im Hause eines Gärtnermeisters bezahlte ich Fr. 35.- pro Monat.

Was war der Stellenwert der HHS? War sie schon damals ein Ort der Lehre, der über die Grenzen der Schweiz hinaus ein grosses Renommee genoss und sich als Elite-Institution verstand?

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Die HHS war noch sehr klein. Als sie erstmals die Zahl von 500 Studenten erreichte, dachten wir, das sei zu viel! Der Betrieb war etwas verschult, verbunden mit einem hohen Anspruch an Disziplin. Die Studienpläne waren weitgehend vorgeschrieben und man sprach deshalb abwertend von „Mittelschulbetrieb“. Der immer etwas elitäre Charakter verstärkte sich aber bald, als zunehmend Studenten und Studentinnen aus Deutschland nach St. Gallen kamen, um hier zu studieren. Viele deutsche Industrielle schickten ihre Sprösslinge nach St. Gallen. Das sind sicher alles Gründe für diesen etwas elitären Touch, den die heutige Universität St. Gallen immer noch hat und pflegt.

Zu meiner Zeit bedeutete die HHS für die Schweiz etwa was Harvard oder Stanford für die USA. Professor Gsell führte schon damals als Ergänzung zu den Vorlesungen die Fallmethode ein, die in den USA schon lange zuvor angewendet wurde. Mit der „case method“ vermittelte man theoretisches und praktisches Wissen anhand von Beispielen aus der Wirtschaft. Diese Art der Wissensvermittlung war damals für die Schweiz und Europa einzigartig.

Sie haben aber nicht nur drei Jahre studiert, sondern hatten sich vor rund 60 Jahren entschieden, auch noch zu dissertieren. Was hatte Sie motiviert, auch diesen zusätzlichen Aufwand auf sich zu nehmen?

Nach drei Studienjahren und mit dem „lic. oec.“ in der Tasche hätte ich eigentlich meinem Plan folgend eine Stelle antreten können. Nun regte sich aber der Perfektionist in mir und motivierte mich, das Studium bis zum Doktortitel weiter zu führen. Mein Vater fand diese Idee gut und unterstützte mich mit einem Darlehen von 5‘000 Franken. Es folgte mit den zwei Doktorandensemestern eine sehr interessante Zeit, hatten wir doch alle das für das Lizentiat gebüffelte Wissen zur Verfügung.

Die Ernüchterung folgte mit der Dissertation, denn deren Aufgabenstellung war eigentlich eine Katastrophe (lacht). Professor Keller, bei dem ich dissertierte, empfahl mir, über die Politik der Schweizerischen Nationalbank zu schreiben. Das war fast eine „mission impossible“. Wie sollte ich als Student mit 25 Jahren über Kenntnisse verfügen, die man noch heute kontrovers diskutiert! Die ersten 30 Seiten über die Kreislauftheorie brachte ich noch ordentlich hinter mich und später zeigte sich, dass diese Seiten in der Handbibliothek der Hochschule von Studenten fleissig gelesen wurden.

Für die Fortsetzung rettete mich ein Assistent der Hochschule, der mich mit Originalbüchern aus den USA zu diesem Thema eindeckte. Diese Unterlagen waren sehr gut. Ich konnte jetzt die amerikanischen Erfahrungen bezüglich der Notenbankpolitik auf unsere Verhältnisse ummünzen. Die Dissertation wurde dann auch angenommen, aber ich habe sie nie mehr angesehen!

Pyrgos, Griechenland. Mit freundlicher Genehmigung von Joe Amberg

Aquarelle von Joe Amberg: Pyrgos, Griechenland. Mit freundlicher Genehmigung von Joe Amberg

Mit der Abgabe Ihrer Dissertation fing eine neue Etappe in Ihrem Leben an. Sie gingen zur Firma Nestlé und waren viele Jahre für diese Firma auf der ganzen Welt unterwegs. Die Berichte über diese Zeit in Ihren Memoiren sind sehr abenteuerlich. Wie kam es zur Anstellung bei Nestlé?

Am Ende der Doktorandenseminare kam Professor Keller auf mich zu. Er war mit einem Generaldirektor von Nestlé befreundet und teilte mir mit, dass man dort junge Revisoren suchen würde, die bereit wären zu reisen. Ich brauchte nicht lange zu überlegen, denn ich wollte schon immer ins Ausland gehen. Ich sprach in der Folge beim betreffenden Generaldirektor vor und nach einer Art „Aufnahmeprüfung“ erhielt ich einen Vertrag als „Stagiaire“. In Vevey wurde ich während drei Monaten in Bezug auf das Unternehmen und seine Produkte geschult. Ich bekam bald die Möglichkeit, nach den USA zu gehen, was damals einer grossen Auszeichnung gleichkam. Ein Aufenthalt in den USA entsprach quasi einem Nachdiplomstudium. Scherzhafterweise sprach man vom „IAG“ (In Amerika gewesen) - fast wie heute vom „MBA“. Interessanterweise sahen auch meine amerikanischen Arbeitskollegen dies so, und sie beneideten mich oft um den guten „Deal“, den ich gemacht habe.

Ich arbeitete in den USA nicht für Nestlé selber, sondern für deren Revisionsfirma Deloitte, Plender, Haskins and Sells. Das war damals neben Price Waterhouse die zweitgrösste Revisionsfirma in den USA. Ich arbeitete etwa zur Hälfte ausserhalb von New York und konnte dabei grosse Erfahrungen sammeln, die mir später in meinem beruflichen Leben und beim Aufbau meiner eigenen Firma sehr hilfreich waren. Zurück in New York wohnte ich mitten in der Stadt im YMCA, wo ich für 2 Dollar die Nacht jeweils ein Zimmer mieten konnte. Daraus ergab sich ein spannendes „Doppelleben“, ein extrem einfaches in New York und ein fürstliches „aux frais de la princesse“ ausserhalb der grossen Stadt.

Sie kamen dann in die Schweiz zurück, wo Sie sich mit Ihrer Frau verlobten und bald ging es schon wieder in die weite Welt.

Das ist richtig. Nach meiner Arbeit in New York ging ich vorerst zurück in die Schweiz und verlobte mich mit meiner Frau Alice. Nach einer Revision in der Nestlé-Fabrik in Pontarlier, sandte man mich für eine Revision nach Marokko. Die Arbeit im damaligen Casablanca war recht abenteuerlich und ich war fachlich sehr gefordert. Auf der Rückreise revidierte ich das Verkaufsbüro Gibraltar und später wurde ich in Frankreich eingesetzt. Kaum war ich damit fertig, kam mein damaliger Chef, ebenfalls ein St. Galler Absolvent, auf mich zu und teilte mir mit, dass ich für ein knappes Jahr seine Stelle übernehmen müsse. Er selber beabsichtigte, eine grosse Revisionsreise durch Südamerika zu unternehmen. Ich war also mit 27 Jahren Chef des Inspektorates und hatte alle Hände voll damit zu tun, die Revisionsberichte der insgesamt zwölf Mitarbeiter zu kontrollieren.

Als mein Chef aus Südamerika zurückkam, schickte er mich für acht Monate nach Australien und Neuseeland. Ich wäre selber viel lieber auch nach Südamerika gegangen, um meine in St. Gallen erworbenen, recht guten Spanisch-Kenntnisse anzuwenden. Die Zeit in Australien stellte sich aber später als grosser Glücksfall heraus, denn ich konnte die Arbeitsweise der Australier mit jener der Amerikaner vergleichen und das war richtig spannend.

Zurück in der Schweiz legten Sie den Grundstein für Ihre eigene Firma, die Sie bis 1998 aktiv leiteten resp. mit leiteten. Wie kam es zum Entschluss, selbständig zu werden und was waren damals die Herausforderungen für diesen weiteren Schritt in Ihrem Leben?

Es war kein freiwilliger Entscheid, sondern ein eigentlicher Bruch in meiner Karriere. Unmittelbar nach meiner Rückkehr von Australien drängte mich mein Schwiegervater, bei Nestlé zu kündigen und bei der ORTAG, seiner Treuhandgesellschaft, einzutreten. Ich tat mich schwer mit diesem Schritt, denn ich fühlte mich der Nestlé gegenüber verpflichtet. Beruflich gesehen bedeutete das „zurück auf Feld 1“, denn das Meiste, das ich in den amerikanischen Grossbetrieben gelernt hatte, konnte ich vergessen. Mein Schwiegervater war ein exzellenter und vielseitig interessierter Unternehmer, aber er litt unter Angina pectoris, was die Zusammenarbeit mit ihm nicht erleichterte. Bald setzte er mich als Trouble-Shooter bei seinen verschiedenen Gesellschaften ein und hiess mich Dinge tun, die mir nicht lagen. Trotzdem waren diese sieben Jahre sehr lehrreich, lernte ich doch viel aus Fehlern jener Zeit.

Es dauerte bis 1965, bis wir uns richtig zusammengerauft und abgegrenzt hatten. Unterdessen hatte ich mich in das Schweizerische Steuerrecht eingearbeitet. Mit Hilfe tüchtiger junger Partner fing ich an, die ursprünglich sehr kleine Firma ORTAG auszubauen und nach einigen Jahren konnte ich sie von meinem Schwiegervater käuflich erwerben. Das war damals die Phase, in der die elektronische Datenverarbeitung auch in der Schweiz Eingang fand. Einer meiner jungen Partner nutzte die Vorteile der EDV für unsere Buchhaltungsabteilung. Wir verfügten damit über ein neues „Produkt“ und die Firma lief in den folgenden Jahren sehr gut. Bei meinem Austritt im Jahre 1998 beschäftigte sie 12 Personen und bediente etwa 250 Kunden. Diese gehörten vor allem zu den KMUs, eine Welt die mich immer sehr begeisterte. Ich lernte sehr viel über Unternehmertum und aus vielen Firmenbesitzern wurden im Laufe der Jahre gute Freunde.
 

Heidelberg Brücke und Schloss. Mit freundlicher Genehmigung von Joe Amberg

Heidelberg Brücke und Schloss. Mit freundlicher Genehmigung von Joe Amberg

Sie haben die Kriegszeit sehr bewusst erlebt und darüber schreiben Sie auch in Ihren Memoiren. Sie beschreiben, wie Sie während des Krieges Ähren auf abgeernteten Feldern lasen, um daraus Mehl für Kuchen mahlen zu lassen. Es fällt schwer, sich heute vorzustellen, dass man in der Schweiz oder in Europa Familien auf Feldern sieht, die die Resten der Ernte in mühsamer Arbeit auflesen. Was geht in Ihnen heute vor, wenn Sie darüber schreiben und zurückdenken?

Diese Eindrücke aus meiner Jugend sind tatsächlich sehr einschneidend und haben mein Leben sehr geprägt. Damals gab es viele Sachen, die einfach nicht mehr wiederbeschafft werden konnten. Es galt daher die Devise von der Abfallverwertung, oder wie es so schön auf Französisch hiess: „Récupérez les matériaux usagés“, eine Aussage, die mir heute noch in den Ohren klingt. Die Menschen wurden animiert, nichts wegzuwerfen, weil man es vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt noch brauchen konnte. Man wurde so gezwungenermassen zum Sammler. Das erklärt, warum ich mir beispielsweise auch heute noch meine alten Schuhe sohlen lasse und warum mich vieles an der Wegwerfgesellschaft stört.

Alles, was Sie tun, gehen Sie mit äusserster Präzision, viel Durchhaltevermögen und grossem Interesse an. Woher kommt dieser Durchhaltewille und Anspruch an höchste Qualität, der sich bei Ihnen auch im hohen Alter noch manifestiert?

Ja, mein Durchhaltewille steckt tief in mir drin. Ich bin 7 Jahre älter als meine Frau und als ich Sie im Sommer 1952 kennenlernte, war sie noch sehr jung. Ich brauchte 7 Jahre, um sie zu überzeugen, meine Frau zu werden. Diese Ausdauer habe ich von meinem Vater geerbt und bei ihm steckte sie auch schon in den Genen. Mein Grossvater väterlicherseits war ein Verdingbub aus dem Luzerner Hinterland und er verdankte es ausschliesslich seiner Zähigkeit, dass er als Spinnereiarbeiter im Zugerland eine zehnköpfige Familie ernähren und es zu einem bescheidenen Wohlstand bringen konnte. Ein Malfreund, selber Arzt, sagte einmal zu mir, Fleiss sei auch schon eine Begabung und ich sei halt unheilbar fleissig geboren! (Lacht)

Meine Eltern waren wie mein Grossvater ebenfalls sehr fleissige Menschen. Ich habe meinen Vater, wenn er als Schichtarbeiter einen halben Tag frei hatte, nie auf der faulen Haut liegen sehen. Immer war er daran, etwas zu tun. Das hat mich als Kind sehr geprägt. Ich habe heute mit bald 84 Jahren immer noch Mühe, nichts zu tun.

Ich möchte wegen der mir zugeschriebenen Vielseitigkeit noch etwas erzählen: Als ich in New York im YMCA wohnte, nahm ich eines Abends an einem Treffen der Fotoamateure teil. Dabei stellte ich zu meiner Überraschung fest, wie langweilig es doch war, mit diesen Menschen ausschliesslich über Verschlussgeschwindigkeiten, Filmempfindlichkeiten und Tiefenschärfe sprechen zu können. Damals nahm ich mir vor, mindestens zwei Hobbys zu pflegen, um wenigstens hin und wieder das Thema wechseln zu können (lacht). Es blieb dann nicht bei den zwei Hobbys. Ich hatte das Privileg, in meinem Leben noch viele andere Dinge anzugehen.

Sie schreiben in Ihren Memoiren auch viel über das Segeln, das Sie lange Jahre beschäftigt hat und Ihnen viele tolle Reisen auf hoher See bescherte. Noch wichtiger schien mir jedoch der Stellenwert der Fliegerei zu sein, die Sie in einem besonderen Masse prägte. Mit viel Glück hatten Sie in Ihren Jugendjahren einen schlimmen Segelflugzeugabsturz überlebt. Haben Sie im Leben auch immer wieder die eigenen Grenzen gesucht?

Man hat mir das tatsächlich nachgesagt. Eine Graphologin stellte das vor vielen Jahren fest. Ich selber sehe das nicht so, denn ich war immer sehr vorsichtig mit dem was ich tat. Es lag mir fern, grosse Risiken einzugehen. Ich war bei meinem Flugunfall im Jahre 1947 erst 19 Jahre alt und hatte zu wenig Erfahrung. Ich war beim Altberg in der Nähe von Dällikon mit einem neuen Geschwindigkeitsmesser zu schnell unterwegs, verlor an Höhe und legte eine Bruchlandung in einem Obstgarten hin. Das gutmütige und solide „Grunau-Baby“ verlor dabei zwar den rechten Flügel, bewahrte mich aber vor Verletzungen. Die Reparatur des Schadens kostete mich 1‘500 Franken, Geld, das ich später im Studium gut hätte brauchen können!

Aus verständlichen Gründen machte ich nach diesem Crash lange Zeit einen grossen Bogen um alle Flugplätze. Die magische Anziehungskraft des Fliegens aber blieb und so wurde ich viele Jahre später ein „qualifizierter“ Passagier, der immer wieder Gelegenheit für einen schönen Flug im zweiten Sitz fand. Das weitaus eindrücklichste Erlebnis war ein fünfstündiger Flug mit einem Ex-Swisspilot auf einem Hochleistungssegler von Amlikon über die Bernina und zurück.

Und was macht ein vom Flugvirus befallener Mensch fortgeschrittenen Alters? Er baut Modellflugzeuge und fliegt sie mit Fernsteuerung ohne das geringste Risiko, sich dabei die Knochen zu brechen! Mein neuester Elektro-Grosssegler hat eine Spannweite von 3.60 Meter und steuert sich wie ein richtiges Flugzeug.

Die leistungsfähige Wundermaschine, aufgenommen vor dem Erstflug am 28. März 2012, von Joe Amberg präsentiert. Mit freundlicher Genehmigung von Joe Amberg

Die leistungsfähige Wundermaschine, aufgenommen vor dem Erstflug am 28. März 2012, von Joe Amberg präsentiert. Mit freundlicher Genehmigung von Joe Amberg

Nochmals zurück zum Thema Vielseitigkeit und Durchhaltewillen: Als ich mit 60 Jahren erstmals mein Arbeitspensum ein wenig reduzierte, hatte doch tatsächlich meine Frau Angst, es könnte mir jetzt langweilig werden. Sie meldete mich für einen Zeichnungskurs an meinem Wohnort an und seither zeichne und male ich! Es ist wohl meiner angeborenen Sturheit zuzuschreiben, dass ich bis heute dabei blieb, denn ich tat mich anfänglich sehr schwer mit diesem neuen Hobby. Beim Malen wären nun mal Lockerheit und Phantasie gefragt, Qualitäten die man im Allgemeinen nicht mit dem Wesen eines Bücherexperten verbindet! Künstler bin ich in der ganzen Zeit nicht geworden, aber ich kann heute leidliche Aquarelle malen, am liebsten in Verbindung mit Reisen in sonnige Gefilde. Aber auch Blumen und Stillleben male ich gerne.

Stillleben mit Äpfeln. Mit freundlicher Genehmigung von Joe Amberg

Stillleben mit Äpfeln. Mit freundlicher Genehmigung von Joe Amberg

Anlässlich eines Symposiums der Wirz-Gruppe zum Thema „Successfull Aging“ wurden Sie als Podiumsteilnehmer zum Thema Alter befragt. Die Aussage, dass Sie nun in Ihrem Leben auch noch Bücher schreiben und CDs produzieren, führte im Publikum zu spontanem Applaus. Wie kam es zu diesen beiden Unterfangen, die Sie ebenfalls mit höchster Sorgfalt und Präzision angingen?

(Lacht) Als ich 75 Jahre alt war, realisierte ich, dass ich nun schon sehr lange gelebt und viel Interessantes gesehen hatte. Daraus entstand der Wunsch, für meine Nachwelt Spuren zu hinterlassen, ein Wunsch, der wohl schon längere Zeit latent vorhanden war. Ich schrieb also meine zwei Memoiren-Bücher und freue mich über die Echos aus meiner Familie und von anderen Menschen, welche die Bücher gelesen haben. Später produzierte ich zum Schreck meiner Akkordeon-Lehrerin mehrere „Örgeli“-CDs. Was anfänglich fast unmöglich schien, wurde dank unermüdlichen Übens und mit Hilfe anderer Musiker möglich. Ich habe grosse Freude am Resultat, das aber natürlich nicht für den Plattenmarkt bestimmt ist. Die CDs sind für mich und meine Freunde gedacht, für die Klassenkameraden, Maler- und Seglerkollegen, kurz für alle, die schon einmal Freude an meiner Musik bekundet haben. Übrigens habe ich fast mehr Komplimente für die Auswahl der Musik der CDs bekommen, als für die Musik selber! Bei den ersten beiden CDs war das Motto „Musik rund um die Welt“, mein neuestes Opus dagegen ist eine nostalgische Rückschau auf viele Stationen meines Lebens. Ich sehe mich im Übrigen bei der Musik, aber auch beim Malen und Schreiben, mehr als Handwerker, denn als Künstler. Ich habe aber in den letzten 20 Jahren viel gelernt und kämpfe um meinen Ausdruck - in der Malerei und in der Musik.

Es geht Ihnen wie vielen älteren Menschen, die noch fit und munter sind und sehen müssen, wie der Freundes- und Kollegenkreis immer kleiner wird. Menschen sterben und damit geht auch immer ein Stück der eigenen Geschichte und ein Teil der eigenen Spuren verloren. Wie gehen Sie im Alter mit all dem um?

Das ist ganz schwierig und Sie sprechen ein wichtiges Thema an, das einen im Alter tatsächlich beschäftigt. Ich stelle bei mir fest, dass ich schon sehr viele Menschen verloren habe und es bleibt mir nicht viel anderes übrig, als das einfach wegzustecken. Schauen Sie, ich kann Ihnen ein ganz einfaches Beispiel schildern: Ein guter Klassenkamerad des Jahrganges 1928, selber einmal ein passionierter Geiger, sagte an den jährlichen Treffen immer wieder: Joe, komm und spiel etwas auf Deinem Akkordeon! Nun ist dieser Kollege gestorben und ich habe einen guten Zuhörer weniger. Es ist nicht nur ein Menschen nicht mehr da, den ich gut mochte, sondern es fehlt mit ihm auch ein Stück Geschichte, das mit mir zusammenhängt. Mit zunehmendem Alter passiert das immer öfters und es lässt sich nicht verändern. Meine eigene Betriebsamkeit schützt mich da weitgehend vor der Melancholie des Alters.

Wie sehen Sie als Absolvent der Universität St. Gallen, als ehemaliger Unternehmer, aber auch als guter Beobachter und Chronist Ihrer eigenen Geschichte unsere heutige Welt? Wo muss sie sich möglicherweise ändern, um Ihres Erachtens weiter bestehen zu können?

Ich bin in Bezug auf die Entwicklung dieser Welt ein Optimist und kein Pessimist. Wenn ich beispielsweise lese, dass ein sehr bekannter und gut verdienender CEO eines grossen IT-Unternehmens im Silicon Valley seinen Sohn in eine dortige Rudolf Steiner-Schule schickt, dann ist das doch ein klares Zeichen, dass jede Bewegung auch eine Gegenbewegung auslöst. Der Sohn soll offenbar das normale Leben auch kennenlernen und nicht den ganzen Tag mit dem iPhone herumspielen.

Herausforderungen sehe ich klar in Sachen Umwelt. Gelingt unser Umweltschutz, und es gibt Anzeichen, dass dieser gelingen kann, dann denke ich, sind wir auch hier auf dem richtigen Weg. Es gibt in Bezug auf Umweltschutz aber sicher auch in der Schweiz noch einiges, das wir auf die Reihe bekommen müssen. In Bezug auf die wirtschaftliche Lage der Schweiz bin ich etwas skeptischer. Wir vertrauen zu sehr darauf, dass wir uns auf unserem Wohlstand ausruhen können und vergessen dabei, dass auf der anderen Seite der Welt Menschen leben, die sehr fleissig sind und vielleicht doppelt so viel arbeiten, wie manch einer hier in der Schweiz. Auf die Dauer kann das ja nicht gut gehen! Unser bisheriger Wohlstand ist darauf zurückzuführen, dass es sehr viele fleissige und innovative Menschen hier in der Schweiz gab und gibt. In dieser Beziehung wird die Schweiz noch viel umdenken und leisten müssen. Eine ganz besondere Rolle werden dabei die KMU spielen. Sie sind die Zellen von Innovation, nicht die grossen Unternehmen, die allzu oft mit ihrer eigenen Reorganisation beschäftigt sind. Diese interessanten und innovativen KMU, die ich mein Leben lang beraten habe, gibt es zum Glück immer noch.

Sehr geehrter Herr Amberg, was wünschen Sie heute jungen Menschen und was wünschen Sie sich selber und Ihrer Generation?

Ich wünsche mir und meiner Frau in unserem hohen Alter nur Gesundheit. Ich hatte das grosse Glück, mein ganzes Leben lang keine nennenswerten gesundheitlichen Probleme zu haben. Die Anzeichen des Alters machen sich aber langsam auch bei uns bemerkbar und es ist eine Laune des Schicksals, dass meine Frau dies mehr spürt als ich. Aber wir wollen uns den Herausforderungen des Alters gemeinsam stellen. Sollte es in Bezug auf meine Bewegungsfreiheit einmal nicht mehr so gut gehen, werde ich noch mehr als heute die elektronischen Kommunikationsmittel nutzen, um mit der Aussenwelt Kontakt zu pflegen. Ich bin der Meinung, dass beispielsweise E-Mails eine sehr spannende und interessante Art der Kommunikation darstellen.

Für die vielen jüngeren Menschen wünsche ich mir vor allem, dass Sie in Frieden zusammenleben können, und dass ihnen Kriegstreiber erspart bleiben.

Sehr geehrter Herr Amberg, ich bedanke mich ganz herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen viel Gesundheit und weiterhin alles Gute und viel Freude bei Ihren Projekten!
 

Weisse Lilien. Mit freundlicher Genehmigung von Joe Amberg

Weisse Lilien. Mit freundlicher Genehmigung von Joe Amberg

(C) 2012 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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Links
- Joe Amberg: Auf malerischen Kreuzfahrten in der Aegäis
- Joe Amberg: Blumenbilder und Stillleben

Die CDs "Best of Joes Örgeli" und "Nostalgische Souvenirs" sind direkt bei Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zu Selbstkosten erhältlich.

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