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Monatsinterview Februar: Dr. Henri B. Meier

 

Dr. Henri B. Meier (c) Dr. Henri B. MeierDr. Henri B. Meier, geboren 1936, langjähriger CFO und VR der Roche-Gruppe und Verwaltungsratspräsident von Givaudan sowie vieler weiterer Firmen, gehört zu den bekanntesten und erfahrensten Schweizer Unternehmerpersönlichkeiten. Lange Jahre für die Weltbank auf der ganzen Welt und als Divisionschef insbesondere in Lateinamerika tätig, setzte sich Dr. Henri B. Meier schon sehr früh mit den Themen Kanalisierung von Ersparnissen, Wertschöpfung und mit Innovation auseinander. Eine seiner ersten Aufgaben war die Mithilfe beim Aufbau von Finanzgesellschaften in Kolumbien, welche Jungunternehmer beim Aufbau berieten und finanzierten. Kurzfristiges Denken und fehlende hoch qualifizierte Intermediäre waren regelmässige Haupthindernisse der Wirtschaftsentwicklung in den betreuten Entwicklungsländern. Später entdeckte er, dass die Problematik der optimalen Kanalisierung von Ersparnissen in wertschöpfende Tätigkeiten auch in hochentwickelten Ländern aktuell war und in Kontinentaleuropa im Gegensatz zu angelsächsischen Ländern ein Strukturproblem. Für seine Verdienste in Wirtschaft und Forschung verlieh ihm die Universität Basel im Jahre 1999 die Ehrendoktorwürde (Dr. h.c.) und die Universität St. Gallen im Jahr 2011 den Titel eines Ehrensenators. Henri B. Meier hat nach seiner Pensionierung Stiftungen gegründet, Professorenstellen und ganze Lehrgänge ermöglicht und mit den von ihm (mit)gegründeten Firmen dutzende von Unternehmen nicht nur finanziell unterstützt, sondern sie auch strategisch begleitet. Das wohl bekanntestes Unternehmen, das er auch mehrere Jahre präsidierte, ist die HBM BioVentures, mit dem Unternehmen im Bereich der Medizin und Medizinaltechnik auf der ganzen Welt langfristig mit Risiko- und Wagniskapital ausgestattet werden. Im Gespräch mit Christian Dueblin spricht Dr. Henri B. Meier über die Probleme bei der Beschaffung von Risiko- und Wagniskapital, macht auf Mängel in der Fiskalpolitik vieler Länder, auch der Schweiz, aufmerksam und zeigt auf, wohin ein absoluter und unbeherrschter Kapitalismus hinführen kann. Der Gotthardtunnel und Spanien im 16. und 17. Jahrhundert dienen als Beispiele, sowohl für Pionierleistung als auch für wirtschaftliche Abgründe, die lauern und umschifft werden müssen.

Christian Dueblin: Sehr geehrter Herr Dr. Meier, Sie können heute auf eine beachtliche Karriere zurückschauen und haben sich ein halbes Jahrhundert insbesondere mit finanztechnischen Fragen auseinandergesetzt und darüber auch mehrere Bücher und Artikel geschrieben. Was hat sich Ihres Erachtens in dieser Zeit für Sie persönlich am meisten auf dieser Welt verändert und was fällt Ihnen auf, wenn Sie heute jüngere Menschen beobachten und junge innovative Unternehmen unterstützen?

Dr. Henri B. Meier: Ich stelle fest, dass sich in Bezug auf den Menschen selbst und seine Verhaltensweise in den letzten 50/60 Jahren eigentlich nichts Fundamentales verändert hat. Er hat nach wie vor die gleichen Bedürfnisse und viele Alltagssorgen sind die gleichen. So steht es auch mit vielen philosophischen Fragen und Themen rund um Wertvorstellungen. Die vorherrschende Meinung hat sich in den letzten Jahrzehnten sicher etwas verschoben, so beispielsweise betreffend die Rechte der Frau, die Ansprüche gegenüber dem Staat, die sogenannte sexuelle Befreiung etc. Betrachtet man die Veränderungen des materiellen Niveaus, auf dem wir uns in der sogenannten westlichen Welt bewegen, so stelle ich fest, dass sich sehr viel dramatisch verändert hat. Der Lebensstandard und die Lebensqualität des durchschnittlichen Bürgers in unserer westlichen Welt haben sich in den letzten 50 Jahren enorm verbessert. Vieles von dem, was wir heute als ganz normal und selbstverständlich betrachten, war zu meiner Jugendzeit schlicht unvorstellbar - jederzeit eine heisse Dusche, Spültoiletten, Zentralheizung, Abfallentsorgung etc. für alle! Die meisten Produkte, die heute als selbstverständlich gelten, gab es damals noch gar nicht.

Was stellen Sie in einer derzeit wirtschaftlich etwas angespannten Situation fest, wenn Sie heute und damals das Unternehmertum betrachten, ein Thema, das Ihnen sehr am Herzen liegt und zu dessen Förderung Sie auch Studiengänge an Universitäten ermöglichen?

Es ist in diesem Zusammenhang für mich interessant zu sehen, wie heute die Medien mit der sogenannten „Eurokrise“ und Wirtschaftskrisen umgehen und wie die momentanen Probleme dabei überdimensioniert wahrgenommen werden. Tieferschürfende Analysen haben einen schweren Stand. Wir hatten in den letzten Jahrzehnten immer wieder Krisen zu bewältigen. Ich denke dabei an die Weltwirtschaftskrise der Dreissigerjahre, aber auch an die Petrodollarkrise der Siebzigerjahre. Dazu kommen eine ganze Menge politischer Krisen auf der ganzen Welt, wie der Zerfall eines ganzen Imperiums oder Atombomben für Kuba, die sehr bedrohlich waren. Die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die Rezessionsjahre danach waren auch für die Schweiz und ihre Unternehmer sehr schwierige Momente, die man unmöglich mit unseren momentanen Problemen vergleichen kann. Betrachtet man die wirtschaftlichen Realitäten, stehen wir heute sicher besser da als je vorher. Damit möchte ich die Überschuldung vieler Länder nicht kleinreden. Nur geht leicht vergessen, dass Schulden immer auch Forderungen gegenüberstehen.

Sie sprechen in Ihrer Frage das Unternehmertum an. Als ich damals in St. Gallen studierte, wollte man aus uns sachverständige Verwalter, Manager und Beamte machen. Als Unternehmer sah man damals die Söhne von denjenigen, die bereits Unternehmen hatten und führten. Man ging davon aus, dass diese ihre Unternehmen später an ihre Erben abtreten würden. Der Gedanke, einfach so selber ein Unternehmer zu werden, war in weiter Ferne, sogar an einer Universität St. Gallen. Das hat sich heute natürlich alles gewandelt, nicht nur weil man die Einstellung zum Unternehmertum nicht einfach vererben kann, aber auch weil es die Mehrzahl der heutigen Produkte damals gar nicht gab. Ein Unternehmer entwickelt sich umstandsbezogen. Die Entwicklung in der Wirtschaft ist rapid. Wir brauchen heute immer wieder neue Unternehmer mit neuem Wissen und den Umständen angepassten Fähigkeiten. Das Unternehmertum ist somit in einem konstanten Fluss. Von vielen Fähigkeiten, die ein Unternehmer aufweisen muss, um in Zukunft erfolgreich zu sein, wissen wir zurzeit noch gar nichts, weil wir noch nicht absehen können, wo die Reise wirtschaftlich und technisch hingeht. Darum ist es sehr wichtig, dass wir beweglich bleiben und alle Chancen, die sich ergeben, packen. Wir müssen junge Unternehmerinnen und Unternehmer ausbilden und den Zeiten angepasst positionieren. Damit schaffen wir Startlöcher, aus welchen heraus die Unternehmer zum richtigen Zeitpunkt mit einem guten Produkt und mit einer guten Idee loslegen können.

Sie haben Stiftungen gegründet, welche unternehmerische Ausbildungen fördern. Auch haben Sie Lehrstühle ermöglicht, die sich auf wissenschaftlicher Ebene mit den Themen Finanzen und Unternehmertum auseinandersetzen. Was treibt Sie an, nicht nur selber als Unternehmer tätig zu sein, sondern gleichzeitig auch das Unternehmertum auf vielfältigste Weise zu fördern und sich auch öffentlich zu politischen und wirtschaftlichen Entscheiden zu äussern, gerade, wenn es um Start-ups und Risiko- und Startkapital geht?

Ich habe meine Dissertation über den Kapitalmarkt in der Entwicklung Venezuelas geschrieben und stellte fest, dass Ersparnisse nicht über Intermediäre zu Investitionen im Land flossen. Mangels Intermediären im Land floss das Geld in die USA. Später war ich für die Weltbank in vielen Ländern beim Aufbau von Strukturen für eine funktionierende Wirtschaft tätig und immer war die Kanalisierung von Ersparnissen in wertschöpfende Investitionen eine grosse Herausforderung. Ersparnisse und Intermediäre sind jedoch nur zwei Voraussetzungen für wertschöpfende Investitionen. Es braucht auch Unternehmer, welche diese finanziellen Mittel in wertschöpfende Tätigkeiten, Produkte und Dienstleistungen umwandeln. Unternehmer fallen nicht vom Himmel. Sie sind aber entscheidend für Wachstum und Wohlstand. Die erste Erfahrung mit der Problematik von Ersparniskanalisierung und Förderung von Jungunternehmen machte ich als „Young Professional“ der IFC (International Finance Corporation), einer Tochter der Weltbank, die auf den Privatsektor fokussiert ist. Die Aufgabe unseres Teams bestand darin, in Kolumbien Investmentgesellschaften aufzubauen, welche ihrerseits Jungunternehmen finanzierten und betreuten. Das Ziel, damals wie heute, ist es, brachliegende Ersparnisse in wertschöpfende Unternehmen zu kanalisieren. Unsere Sozialwerke werden nicht durch Gesetze, sondern durch die Leistung der Wirtschaft gesichert.

Wo sehen Sie heute die Parallelen zu damals?

Der wirtschaftliche Aufbau Kontinentaleuropas erfolgte vorwiegend mit Schulden, im Gegensatz zu den USA, wo Risikokapital die treibende Kraft war. Das hat sicher mit der Geschichte des Landes zu tun, in dem von Anfang an grösste Risiken eingegangen werden mussten. Stellvertretend dafür stehen die ersten Pioniere, die den ganzen Kontinent durchquerten und sich unter sehr unsicheren Umständen bis nach Kaliforniern durchschlugen. Diese Pionierstimmung prägte das Land lange Zeit und davon konnten viele junge Unternehmen profitieren. Viele dieser Unternehmen sind heute grosse Multis und beschäftigen Zehntausende von Mitarbeitenden. Die Schweizer Kantone schufen im 19. Jahrhundert die Kantonalbanken, welche den Auftrag hatten, Ersparnisse zu sammeln und die Wirtschaftsentwicklung zu fördern und dabei auch Risikokapital einzusetzen. Gleichzeitig förderten auch Pioniere wie Alfred Escher durch die Gründung von Banken das Sammeln von Ersparnissen und deren Investition auch in den Aufbau der Infrastruktur.

Wo sehen Sie in Bezug auf Risikokapital die Probleme beim Staat und was müsste dieser tun, um Ihrer Ansicht nach nachhaltig zu sein?

Dr. Henri B. Meier (c) Dr. Henri B. MeierDer Staat hat die Aufgabe, Nachhaltiges zu fördern und Voraussetzungen zu schaffen, so dass auch spätere Generationen gut leben können. Für viele wirtschaftliche Zusammenhänge fehlt heute jedoch schlicht das Bewusstsein. Wir haben (fast) keine Intermediäre, die Jungunternehmer ausbilden können und wissen, wie man ihnen finanziell beistehen muss. Bei den Kantonalbanken, welche vor rund 150 Jahren gegründet wurden, mit dem Ziel, die Wirtschaft vorwärts zu bringen und Unternehmen zu fördern, auch mit Risikokapital, dominieren heute Darlehen und Hypothekarkredite. Die Schweiz steht vor der grossen Herausforderung, sich auf die neue Konkurrenzsituation einzustellen, in welcher Asien alle heutigen Produkte besser und billiger herstellen kann. In dieser Konstellation hat sie nur eine Chance, ihren im letzten Jahrhundert erarbeiteten Wohlstand zu halten, wenn sie an der Spitze des technologischen Fortschritts innovative Produkte entwickelt. Während unser Land auch heute noch an der Spitze der Forschungsleistung mithält, fehlen ihr bei der Umsetzung immer noch verschiedene Elemente, um an der Spitze mitzuhalten. Erwähnen möchte ich fehlende Sammelbecken und Intermediäre für langfristiges Risikokapital sowie unsere kreditfreundliche aber kapitalfeindliche Fiskalpolitik.

Hier zeigt sich doch aber auch, dass sowohl der Staat als auch viele Banken und öffentliche Institutionen wie Universitäten zu wenig sensibel sind für die Anliegen von Jungunternehmen. Es können nur Menschen Jungunternehmen unterstützen und Intermediäre sein, wenn sie selber auch Unternehmer sind oder unternehmerisch denken können. Das bedarf jahrzehntelanger Erfahrung.

Dieses Bewusstsein ist tatsächlich etwas ganz wichtiges. Daran mangelt es an mancher Stelle. Ein Grund ist halt eben, dass es uns gut geht und wir eigentlich der Meinung sind, dass wir gar keine Probleme haben, die wichtig sind und nachhaltig angegangen werden müssen. Wir sind uns auch zu wenig bewusst, dass wir mit unserer wohlgemeinten Sozialpolitik den Unternehmen seit dem 2. Weltkrieg, und v.a. in den letzten 25 Jahren, einen rasch steigenden Prozentsatz des freien „cash flows“ abgezweigt und in Vorsorgewerke kanalisiert haben, von wo sie den Weg in direkt produktive Investitionen nicht mehr finden. Für die nächsten zwei oder drei Jahre mache ich mir keine Sorgen betreffend den Wohlstand der Schweiz. Auch nicht für die nächsten fünf Jahre. Schauen wir aber mal die nächsten 20 Jahre an, dann hat Asien aufgeholt. Diese Länder haben ein Hundert- und Tausendfaches an Ingenieuren, die zurzeit bestens ausgebildet werden. Sie haben ein Tausendfaches an Kapital, das für Unternehmen aufgewendet wird.

Was können wir Ihrer Ansicht nach denn tun, um solche Szenarien zu vermeiden oder ihnen entgegenzutreten?

Wir müssen verstehen, dass wir gute Ideen und revolutionäre Innovationen fördern müssen und neuartige Produkte entwickeln müssen, mit denen wir die Welt erobern können. Das braucht aber viel Zeit und Kapital. Heute in der Medizin ein innovatives Produkt auf den Markt zu bringen, dauert in der Regel über 10 Jahre und die Kosten belaufen sich auf rund 2 Mia. Franken.

An unseren Hochschulen werden innovative, revolutionäre zukunftsgerichtete Ideen entwickelt, die in Produkte/Verfahren umgewandelt werden müssen. Viele von diesen passen in kein Portefeuille unserer heutigen Konzerne, brauchen aber sehr viel Kapital über sehr viele Jahre – all das bei grösster Unsicherheit. Die Anzahl Menschen, die bereit sind, 10 bis 15 Jahre zu warten, nur um zu wissen, ob sie erfolgreich investiert haben, ist sehr klein und wenn sie diese Verluste steuerlich nicht von den Gewinnen abziehen können, ist das doppelt unattraktiv. In der Regel können Verluste nur 5 bis 7 Jahre steuerlich vorgetragen werden, dann verfallen sie. Im Gewinnfall wird dieser bei Jungunternehmen in der Regel in einer kurzen Zeitspanne anfallen und entsprechend hoch besteuert. Die beteiligten Forscher und Unternehmer bekommen in der Regel in diesen 15 Jahren des Aufbaus ein sehr schmales Salär und sie nehmen grosse Risiken auf sich. Sie hoffen, dass sie sich im Falle eines Erfolges am Gewinn beteiligen können. Ein hoher Gewinn im 15. Jahr ohne Abzug aller Kosten (Verluste) der vorhergehenden Periode plus Steuerprogression macht ihnen dann einen Strich durch die Rechnung. Für viele Unternehmer ist das nicht akzeptabel. Das führt dazu, dass Unternehmen gar nicht erst gegründet werden oder die Gründung in anderen Ländern erfolgt. Bei kapitalintensiven Venture Capital-Gesellschaften kann schon die Stempelsteuer 2-stellige Millionenbeträge kosten - bevor ein Rappen investiert wird. Das ist nicht gerade ermunternd. Das Geld sollte für junge Unternehmer zu Verfügung stehen und nicht in die Staatskasse fliessen. Der Staat frisst im Grund genommen auf diese Weise die Saat, bevor diese Früchte bringen kann.

Was aber kann man machen, um diese Zusammenhänge und das Bewusstsein für die Bedürfnisse von Start-ups in der Gesellschaft und in der Politik bekannt zu machen? Ihre Anliegen sind verknüpft mit nachhaltigem Denken, oft „Mangelware“ in der Politik - und wie wir gesehen haben, auch bei Finanzdienstleistern.

Das Problem ist tatsächlich, dass fast niemand für diese nachhaltigen Ideen kämpft. Unsere Nachkommen, die profitieren, haben noch keine Stimme. Der Erfolg einer nachhaltigen politischen Entscheidung könnte sich z.B. erst in 25 Jahren einstellen, vielleicht erst nach dem Tod der Politiker. Das sind natürlich denkbar schlechte Voraussetzungen für die Förderung nachhaltiger Entscheide.

Was Sie sagen erinnert an die Auseinandersetzungen beim Bau des Gotthardtunnels vor bald 150 Jahren. Damals waren Pioniere die Treiber grosser Visionen, an die wohl nicht viele Menschen geglaubt haben. Trotzdem und zum Glück für uns wurde der Tunnel realisiert. Fehlen diese Pioniere und Treiber heute in unserer Gesellschaft?

Der Vergleich mit dem Gotthard ist durchaus berechtigt und passt vollkommen zum Problem, mit dem wir uns heute in der Schweiz auseinandersetzen müssten. Ich sehe das Problem nicht darin, dass die Politiker, mit denen ich auf Bundes- und auf Kantonsebene Kontakt pflege, es nicht erkennen würden oder Lösungen nicht sehen könnten. Es braucht aber Menschen, die diese Ideen durchsetzen und umsetzen, Parteien, die sich für nachhaltige Anliegen in Wirtschaft und Politik einsetzen. Aber auch Parteien sind an den Stimmen im nächsten Jahr interessiert. Risikokapital aber bringt nächstes Jahr kaum Stimmen.

Innovative und visionäre Pioniere und gut begüterte Privatiers haben gerade in der Schweiz eine grosse Tradition und haben grosse Beiträge für unseren Wohlstand geleistet. Wo sehen Sie weitere Möglichkeiten, Wagnis- und Risikokapital herzubekommen und warum hinkt gerade die Schweiz in Sachen Wagnis- und Risikokapital angelsächsischen Ländern hinterher?

Im Gegensatz zu Kontinentaleuropa haben die angelsächsischen Länder traditionell eine Risikokapitalkultur. In den USA beispielsweise investieren Pensionskassen über 5% ihrer Mittel in Venture Capital und führende „Endowment Funds“ bekannter Universitäten 50%. Der seit dem 2. Weltkrieg immer grössere Strom von Finanzmitteln, die früher Unternehmern für Investitionen zur Verfügungen standen, ist bei uns in kollektive Sammelbecken geflossen, deren Anlagepolitik sich nicht nach den Bedürfnissen des Wirtschaftswachstums richten. Nur ohne Investitionen in die Zukunft haben unsere Kinder keine Zukunft. Die Schweiz könnte Pensionskassengelder einsetzen und festlegen, dass ein gewisser Prozentsatz der Pensionsgelder als Risiko- und Wagniskapital zur Verfügung stehen muss, ohne dass vom Verantwortlichen der Pensionskasse schon nach einem Jahr Resultate erwartet werden.

Der Staat hat die Möglichkeit, alle staatlichen, fiskalischen und rechtlichen Hindernisse aus dem Weg zu schaffen, welche Risikokapitalinvestitionen verhindern. Unternehmen, die in innovative, zukunftsträchtige Projekte investieren, müssen Verluste steuerlich 10 bis 20 Jahre vortragen können, bis sich der Erfolg (oder eben auch der Verlust) einstellt. Es sind erfahrungsgemäss an der Spitze des technologischen Fortschritts wenige Unternehmen, die es zum Erfolg bringen. Das ist aber nichts Neues.

Sie haben das Wort „visionär“ gebraucht. Das visionäre Element darf natürlich nicht überschätzt werden. Was ich hier über Zukunftsentwicklung darlege, hat nur bedingt mit Visionen zu tun. Die Probleme sind klar erkennbar. Die Herausforderungen der nächsten zwei Jahrzehnte sind klar ersichtlich. Nehmen wir noch einmal Ihr Beispiel des Gotthardtunnels vor bald 150 Jahren. Auch dort waren die Pläne der Pioniere nicht so sehr visionär, sondern es gab handfeste Überlegungen. Die Schweiz war völlig isoliert, es wurden Eisenbahnen rund um die Schweiz geplant und gebaut. Ohne die Gotthardröhre und das Eisenbahnnetz wäre die Schweiz wirtschaftlich vollkommen abgeschnitten, abgefallen und schlicht umgangen worden. Das war denkenden Menschen vollkommen klar. Die Ausgangslage ist heute die Gleiche. Die Chinesen sind ein Kultur- und Machtvolk mit einer tausenden von Jahre alten Geschichte. Sie haben alle Voraussetzungen, die Vorherrschaft auf dieser Welt wieder zu erlangen. Der Vergleich der Ausbildungspolitik Chinas mit jener der USA gibt klare Hinweise. Da braucht es keine Visionen. Amerika bildet Anwälte und Finanzspezialisten aus, die Chinesen Ingenieure. Amerika exportiert die Wertschöpfung nach Asien und verliert mit der Zeit wichtige Fähigkeiten. Das Schlagwort ist „Wertschöpfung“.

Das Spanien des Mittelalters glaubte, je reicher zu sein, je mehr Gold und Silber sie importierten. Doch es kam anders. Die Preise stiegen so schnell, dass nichts mehr konkurrenzfähig im Land hergestellt werden konnte. Es wurde importiert. Die „Wertschöpfung“ fand in den exportierenden Ländern, v.a. in den Niederlanden, statt und Spanien verarmte, weil es seine Fähigkeiten und Kenntnisse verlor. Ein aufschlussreiches Beispiel ist das heutige Venezuela, wo Geld direkt – nicht über wertschöpfende Prozesse - verteilt wird, was dazu führt, dass nun fast alles importiert wird. Die Verarmung ist vorprogrammiert. Die USA sind durch die Auslagerung ihrer Industrie in Gefahr, Wissen und Erfahrung wichtiger Produktionsprozesse zu verlieren. Der amerikanische Arbeiter hat seit 30 Jahren keine Reallohnerhöhung erfahren. Die Erfahrung Englands mit der Desindustrialisierung wird ebenfalls Lehren liefern für die künftige Wirtschaftspolitik, die sich wieder stärker mit nachhaltiger Wertschöpfung beschäftigen muss.

Wie sieht denn ein gesunder Kapitalismus Ihres Erachtens aus?

Kapitalismus hat sich unter den bekannten Wirtschaftssystemen bisher trotz aller Mängel als dasjenige präsentiert, welches am meisten individuellen Wohlstand bei grösster individueller Freiheit schafft. Seine Auswüchse und selbstzerstörerischen Tendenzen sind zur Genüge bekannt und die westliche Welt versucht seit der industriellen Revolution seine unbändige Kraft in wertschöpfende Kanäle und Tätigkeiten zu lenken. Dass dies nicht immer gelingt, zeigt die Geschichte der Wallstreet der letzten 25 Jahre, welche die besten Harvard Absolventen anzog, um Casinospiele zu entwickeln, die der Umverteilung dienten. Kurzfristige Gewinne ohne Wertschöpfung sind ein Thema, das die Wirtschaftswissenschaften noch lange beschäftigen wird.

Sie haben selber viel Geld investiert und mit Unternehmen, die Sie gegründet oder mitbegründet haben viel Venture Capital gesprochen. Wie investieren Sie mit den diversen Vehikeln für Venture Capital Geld?

Die Organisationen, die ich gegründet und mitbegründet habe, unterstützen vor allem Innovationen im medizinischen und medizinisch-technischen Bereich. Das ist die „Core Competence“. Der Investitionsentscheid liegt dabei immer beim Management-Team mit der entsprechenden Fachkompetenz. Die Förderung der menschlichen Gesundheit steht im Vordergrund. HBM BioVentures ist das bekannteste dieser Unternehmen, weil es an der Börse kotiert ist. Am wenigsten bekannt ist das erfolgreichste – HBM BioCapital. Beide sind einmalig, insofern, als auf der ganzen Welt investiert wird. Die meisten anderen Venture Capital-Unternehmen beschränken sich auf eine Region oder auf ein Land. Auch China und Indien sind im Investitionsprogramm miteingeschlossen. In Basel kennt man die BioMedInvest AG. Mit dieser Firma werden Jungunternehmen, Start-ups, in Basel und seiner weiteren Region unterstützt und gefördert. Jungunternehmer, die gute Ideen haben, wissen oft nicht, dass man diese Ideen auch in ganz anderen Bereichen anwenden könnte. Um diese Evaluation zu machen, bedarf es sehr viel Sachkenntnis und sehr viel Erfahrung. HBM BioVentures dagegen bedient Firmen, die schon weiter entwickelt sind und über strukturierte Organisationen verfügen, inklusive Finanzen, Steuern, Rechnungswesen, Personalpolitik etc. Die BioMedCredit schliesslich betreibt Mezzanine-Finanzierungen. Es werden über sie Firmen unterstützt, die schon ein erfolgreiches Produkt auf dem Markt haben, die nun aber expandieren wollen. Es handelt sich also um sogenannte Wachstumsfinanzierung. Oft bekommen Unternehmen von Banken keinen Kredit, weil diesen schlicht das Fachwissen fehlt, um ein neues Molekül oder Enzym zu beurteilen. Es bedarf spezialisiertem Wissen, um eine Innovation zu beurteilen. Für viele technische Entwicklungen haben wir in der Schweiz die Institutionen nicht, die erfolgsversprechende Innovationen erkennen und finanzieren können.

Mit allen diesen Vehikeln wird auf verschiedenste Art und Weise versucht, Unternehmen auf dem Gebiet Gesundheit den Zugang zu Risikokapital zu erleichtern und sie auf dem Markt professionell zu unterstützen.

Das zeigt aber auch deutlich auf, dass es eben nicht reicht, nur Geld zu investieren. Es bedarf eines sehr langfristigen Denkens und Intermediäre, die mit den finanziellen aber auch mit den technischen und industriellen Herausforderungen bestens vertraut sind.

So ist es! Und Risiko-/Wagniskapital muss sehr lange zur Verfügung stehen: In Deutschland konnten wir beobachten, dass junge Firmen anfänglich im grossen Stil subventioniert wurden. Im Moment, als sich der Staat dann aber nicht mehr oder ungenügend um das weitere Schicksal dieser Firmen gekümmert hat, blieben sie mitten in der Wüste ohne Wasser stecken. Heute stehen viele dieser jungen Unternehmen mangels langfristiger Mittel am Rande der Existenz, weil noch kein Produkt marktreif ist. Rund die Hälfte dieser Biotechunternehmungen wird erfahrungsgemäss verschwinden, weil ihnen im wahrsten Sinne des Wortes der Schnauf ausgeht. Diesen Firmen kann man nicht einfach mit Darlehen und Krediten helfen. Es bedarf Risikokapital. Wer dieses Geld investiert, muss damit rechnen, das Geld zu verlieren. Investitionen in revolutionäre Innovation sind hoch riskant. Ohne sie jedoch, wird gerade auch ein Land wie die Schweiz den Anschluss verpassen. Und wie erwähnt, ist unsere Fiskalpolitik diesbezüglich nicht förderlich.

Sehr geehrter Herr Dr. Meier, was wünschen Sie jungen Unternehmerinnen und Unternehmern, aber auch der Schweiz, für die Zukunft?

Die meisten grossen amerikanischen IT-, Medizin- sowie Pharma-Unternehmen, auf die wir heute stolz sind, sind mit Venture Capital ermöglicht und kreiert worden. Denken Sie nur an Intel, Genentech und Hewlett Packard. Das Verhältnis zwischen Venture Capital und normalen Krediten beträgt in der Schweiz jedoch heute wohl 1:100. Das sind schlechte Voraussetzungen, um hier Ähnliches zu schaffen. Ich wünsche mir eine Revision des Steuergesetzes. Sie muss es erlauben, dass Unternehmen an der Spitze des technischen Fortschritts, wo über Jahrzehnte Geld investiert wird, Verluste vortragen dürfen, bis sie mit Gewinnen verrechnet werden können. Das würde viele Unternehmer ermutigen, Geld in Firmen an der Spitze des technologischen Fortschritts zu investieren. Wir haben bis heute alles gemacht, um Schulden zu fördern und Risikokapital zu besteuern. Ich würde mir auch wünschen, dass die Schweiz die Rahmenbedingungen für eine Risikokapitalbank schafft. Wir haben heute nur Kreditbanken, die Ersparnisse entgegennehmen und Kredite fast nur gegen Sicherheit vergeben. Es braucht diese Kreditbanken auch, aber eben auch Investitionen, die langfristig Wagniskapital garantieren. Es bedarf klarer Anreize für das Fördern von Eigenkapital und eben nicht nur von Fremdkapital, wie das heute weitgehend der Fall ist.

Der Schweiz wünsche ich die Einsicht, dass die heutige Generation ihren hohen Lebensstandard hoch riskanten Investitionen ihrer Vorfahren verdankt, und die Absicht, für die nächste Generation dasselbe zu tun, indem sie ihre hohen Ersparnisse in Richtung zukunftsträchtiger Investitionen lenkt.

Sehr geehrter Herr Dr. Meier, ich bedanke mich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen und Ihren Projekten weiterhin alles Gute!

(C) 2011 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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Links
- Henri B. Meier stiftet eine Unternehmerschule an der Universität St.Gallen
- Henri B. Meier - Universität St. Gallen
- Henri B. Meier - Professur an der Universität Basel
- HBM BioVentures


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