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Dr. Peter Schmid im Gespräch mit Christian Düblin

Dr. Peter SchmidDr. theol. h.c. Peter Schmid, geboren 1951, war von 1989 bis 2003 SP-Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft und Vorsteher der damaligen Erziehungs- und Kulturdirektion. Heute ist Peter Schmid u.a. Präsident des Fachhochschulrates der Fachhochschule Nordwestschweiz und Mitglied des Rates des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes. Im Gespräch mit Christian Dueblin nimmt Peter Schmid Stellung zu Fragen der Integration und der Bildung in der Schweiz. Als ausgewiesener Experte für theologische Fragen spricht er über das Spannungsverhältnis zwischen religiöser Toleranz und demokratischen Prinzipien in unserem Land.

C. Dueblin: Sehr geehrter Herr Schmid. Sie waren 14 Jahre lang Regierungsrat im Kanton Basel-Landschaft und leiteten in dieser Zeit die Erziehungs- und Kulturdirektion. Vorher waren Sie während zwölf Jahren Mitglied des Landrates, des Parlamentes des Kantons Basel-Landschaft. Was machen Sie heute nach dieser langen politischen Karriere?

P. Schmid: Nebst meiner Tätigkeit als Präsident der Fachhochschule Nordwestschweiz bin ich in einigen Verwaltungs- und Stiftungsräten und im Rat des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, dem Exekutivrat dieser evangelischen, nationalen Einrichtung, tätig. Mit diesen Aufgaben bin ich zurzeit gut ausgelastet. Damit verbunden beschäftige ich mich intensiv mit gesellschaftspolitischen Fragen und den damit zusammenhängenden Religionsaspekten. Ich äussere mich dazu öffentlich und schreibe Beiträge für Publikationen. Nach wie vor arbeite ich u.a. für meinen politischen Heimathafen, die Sozialdemokratische Partei. 

Im Jahre 2003 hat Ihnen die Universität Basel den Ehrendoktortitel für Ihre theologischen Arbeiten und Beiträge verliehen. Was hat Sie dazu bewogen, sich mit dem Thema Religion so intensiv auseinander zu setzen?

Ausgehend von einer religionspädagogischen Ausbildung befasse ich mich seit mehr als dreissig Jahren intensiv mit theologischen Fragen und interessiere mich für die religiösen Aspekte der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Theologie ist ein Teil meines Lebens. Das jüdisch-christliche Gespräch war mir stets sehr wichtig. Als vor einigen Jahren die Debatte über die 'nachrichtenlosen Vermögen' der in der Shoa ermordeten jüdischen Menschen das grosse Thema war, nahm ich oft zu den theologischen und religionsgeschichtlichen Aspekten dieses dunkeln Kapitels Stellung. Es ging damals um weit mehr als nur um Geld.
Aus aktuellem Anlass ist es heute dringend notwendig, 'etwas' von den Weltreligionen zu verstehen. Fragen, die für viele Leute als beantwortet und 'abgehakt' galten, stehen wieder auf der Tagesordnung. Es entspricht einem sehr westeuropäisch eingeschränkten Denken zu meinen, die berühmte Gretchenfrage: 'Wie hältst du es mit der Religion?' sei nahezu bedeutungslos geworden. Christlich erzogene und denkende Menschen sind plötzlich gehalten, ihren religiösen Standort, was immer sie auch darunter verstehen, benennen und erklären zu können. Und dies in einer säkularen Gesellschaft, die religiös eher sprachlos geworden ist.
Eine immer grösser werdende internationale Mobilität macht es nötig, dass wir uns vermehrt mit interreligiösen und interkulturellen Fragen auseinander setzen, denn sie betreffen uns alle.

Die Mobilität, von der Sie sprechen, hat auch Auswirkungen auf unsere Schulen. Wo sehen Sie als Fachmann für Bildungsfragen in Bezug auf Schlagwörter wie Integration, Toleranz und Fremdenhass die künftigen Herausforderungen im Schulwesen in der Schweiz?

Eine freie und offene Gesellschaft lebt aus der Toleranz heraus. Wenn die Schule auf das Leben vorbereiten soll, also eine Art von Lebensschulung vermitteln soll, so muss sie erstens tolerant sein und zweitens zur Toleranz hinführen. Toleranz bedeutet aber nicht, dass einfach alles gleich gültig und somit gleichgültig ist. Der zeitgemässe, demokratisch legitimierte Rechtsstaat zeigt Grenzen des Tolerierbaren auf. So ist im Schulwesen grundsätzlich auch die Schweizerische Bundesverfassung, im speziellen deren Artikel 8, zu beachten. Hier geht es um die Rechtsgleichheit von Frau und Mann und zugleich um Toleranz. Toleranz findet meines Erachtens dort ihre Grenzen, wo beispielsweise die Gleichberechtigung zwischen Mädchen und Knaben in Frage gestellt wird. Die demokratischen Prinzipien, wie eben die Gleichberechtigung und die persönliche Freiheit, gelten auch für die Schule und müssen durchgesetzt werden.
Das gilt aber genauso für nach wie vor sensible Bereiche wie die Frage der gleichgeschlechtlichen Beziehungen bis hin zur registrierten Partnerschaft. Die Schule ist weder ein religionsloser noch ein verfassungsloser Raum. Menschenrechte gehen der Religionsfreiheit vor. Diese Rangfolge ist eine Errungenschaft, die ich nicht in Frage stellen will.

Was bedeutet das aus Ihrer Sicht im konkreten Einzelfall? Ich denke an die Integration von Schülerinnen und Schülern aus anderen, uns oft fremdem, Regionen dieser Welt.

Es stellt sich in der Tat die Frage, wie die erwähnten demokratischen Prinzipien in der Praxis durchgesetzt werden sollen. Ist zum Beispiel ein muslimisches Mädchen aus Ostanatolien erst seit zwei Tagen in der Schweiz, so muss mit Bedacht gehandelt werden. Ein sorgfältiger Einstieg in unsere Gesellschaft sollte bei allen Handlungen und Forderungen gewährt sein. Es soll also menschenfreundlich und auf die jeweilige einzelne Situation reagiert werden, denn allgemeingültige Grundregeln, sind schwierig zu definieren. Ich würde im oben genannten Fall darauf hinwirken, dass ein Mädchen ungefähr, und spätestens, nach einem Jahr nach dem Schuleintritt in der Schweiz auch in 'gemischte' Schullager mitgeht und am Schwimmunterricht teilnehmen muss.

Themen wie das Kopftuchtragen und Kreuze in den Schulzimmern beschäftigen Behörden und Gerichte und werden von den Medien hochgespielt. Sie haben einige Arbeiten zu diesem Thema verfasst. Was empfehlen Sie den verantwortlichen Personen?

Das Thema ist sehr komplex. Ein Kreuz am Hals eines Kindes wird in unserer Gesellschaft nicht hinterfragt. Das kann tatsächlich ein Zeichen für ein religiöses Bekenntnis sein, aber gerade so gut kann es sich um ein Geschenk der Grossmutter oder schlicht um reine Dekoration handeln. Wir sollten deshalb das Kopftuch nicht allzu voreilig nur als religiöses Zeichen deuten. Das Kopftuch kann auch einfach ein Teil einer Kultur sein. Entscheidend ist für mich aber nicht, ob ein Mädchen oder eine Frau das Kopftuch trägt, sondern ob diese Personen das Kopftuch jederzeit ausziehen dürfen, wenn sie wollen, womit wir wieder bei den demokratischen Eckpfeilern angelangt wären.

Die Mobilität, von der Sie sprechen, wird in der CH, aber auch in anderen Ländern, oft medienwirksam als Problem dargestellt. Aus unternehmerischer und wirtschaftlicher Sicht ist diese Mobilität doch aber auch eine Bereicherung.

Das Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen ist zunächst eine Bereicherung und tut der Schweiz gut. Das ist gewissermassen der Hauptsatz. Ihm folgt jedoch ein gewichtiger Nebensatz: Ganz so einfach liegen die Dinge dennoch nicht. Ich sehe mit Sorge, dass sich beispielsweise in Grossbritannien die dritte und vierte Generation nach der Einwanderung ihrer Vorfahren offenbar teilweise nicht integriert fühlt. Die Integration fremder Menschen ist eine grosse Chance für uns, dazu gehört jedoch auch das Benennen von echten Schwierigkeiten. Solange im Umgang mit Ausländern wirkliche Probleme behandelt werden, bedeutet das im Übrigen keinen Angriff auf Ausländer und hat auch nichts mit Intoleranz oder Fremdenhass zu tun. Erst dann, wenn in verallgemeinernder Weise bestimmte Gruppen von Ausländern, aus welchen Gründen auch immer, an den Pranger gestellt oder pauschalisierende Aussagen über sie gemacht werden, die nicht problembezogen sind, würde ich von Fremdenhass sprechen. Dagegen müssen wir vorgehen. Probleme mit 'schwierigen' Ausländern müssen aber, genauso wie Probleme mit 'schwierigen' Schweizern, angegangen werden.

Herr Schmid, wo steht die CH heute bezüglich Bildung?

Die Schweiz brilliert nach wie vor an unseren Hochschulen, d.h. Universitäten und Fachhochschulen, aber auch, und das wird oft übersehen, auf dem Felde der Berufsbildung, mit Höchstleistungen. Gerade Letzteres geht manchmal etwas vergessen. Bei den Berufsweltmeisterschaften belegt die Schweiz in einigen Sparten regelmässig Spitzenplätze. Das ist der eine Teil der Wahrheit.
Zum andern Teil der Wirklichkeit gehört, dass es Kinder und Jugendliche gibt, die Schwierigkeiten haben, sich in unserem System zurechtzufinden und sich integrieren zu können. Da haben wir noch ein Problem. Ich spreche beispielsweise von Jugendlichen, die in schwierigen familiären Verhältnissen aufwachsen und Mühe haben, den schulischen Anschluss zu finden. Das können Ausländer, aber auch Schweizer sein. Dazu kommt, dass die 'Normalität', wie wir oder unsere Eltern sie noch kennen, fast nicht mehr anzutreffen ist. Der normale Werdegang über den Kindergarten zur obligatorischen Schule bis hin zur Lehre oder der Hochschule gibt es immer weniger. Bei nüchterner und ehrlicher Betrachtungsweise stellen wir doch fest, dass es in den meisten, auch noch so stabilen, Familien Erfahrungen mit Schulschwierigkeiten gibt und nicht selten sind in dieser Beziehung Kinder aus ein und derselben Familie sehr unterschiedlich.
Viele Jugendliche machen heute Zwischenphasen oder Kurven. Das Bildungssystem geht aber immer noch davon aus, dass alle Kinder im gleichen Alter gleich weit sind. Dem ist nicht so. Die Schullandschaft wird tendenziell heterogener, weil auch die Bevölkerung heterogener wird. Die frühere homogene Gesellschaft hat sich noch heterogene Schulsysteme geleistet. Die heterogene Gesellschaft von heute jedoch sucht jetzt wieder das homogene Schulsystem. Das führt natürlich zu Diskussionen.

Den Medien entnimmt man zwei Extreme. Auf der einen Seite wird viel von Integrationsschwierigkeiten gesprochen. Auf der anderen Seite hört man Forderungen nach Eliteuniversitäten. Ist das ein Zeichen der Spaltung unserer Gesellschaft?

Sicher sind das Zeichen der Entwicklung unserer Gesellschaft. Es ist auch hier so, dass man heute genauer hinschaut als früher und andere Methoden anwendet. Vor 20 oder 30 Jahren wurden die schwächeren Schüler in einer Klasse geduldet und 'irgendwie' mitgenommen. Das war eine Form von Integration. Heute werden schwächere Schüler individueller behandelt und, wenn auch mit guter Absicht, aus der Regelschule ganz oder teilweise ausgegliedert. Sie werden pädagogisch oder therapeutisch begleitet. Das Problem ist aber vielerorts erkannt.

Wie stellen Sie sich zur Frage der Förderung besonders Begabter, also zur Eliteförderung?

In diesem Zusammenhang sind zwei Dinge für die Zukunft bedeutend. Wir müssen erstens lernen, über Schülerinnen und Schüler zu sprechen, die eine ausserordentliche Leistungsfähigkeit an den Tag legen. Eliten zu haben, ist nichts Ehrenrühriges. Sie spalten die Gesellschaft nicht. Wir können in diesem Punkt von der Romandie und Frankreich lernen. Die Hochbegabtenförderung ist wichtig und muss unterstützt werden. Dafür habe ich mich als Regierungsrat immer eingesetzt. Die Kritiker, die stets ganz rasch vom Überehrgeiz der Eltern sprechen, legen oft eine fundamentale Ignoranz an den Tag. Im Konzertsaal haben wir nichts gegen Eliten, auch nicht im Sport. Ein schönes Beispiel ist Roger Federer. Das Thema der Eliten ist übrigens eng verbunden mit dem Vorurteil, es gebe zu viele Hochschulabsolventen und der Ansicht, es müsse ja nicht jeder studieren. Das ist eine typisch schweizerische Grundhaltung, die sich hartnäckig in unserer Gesellschaft hält. Die These von zu vielen Hochschulabsolventen wird durch nichts gestützt. Wir haben eindeutig zu wenig Hochschulabsolventen in der Schweiz. Andere Länder sind uns in diesem Punkt weit voraus. Somit gibt es den Forderungen nach Eliteuniversitäten nicht viel entgegen zu setzen. Zweitens gibt es neben den Eliten und sehr gut ausgebildeten Menschen auch solche, die den Anschluss verpassen und sich auf der anderen Seite der Bildungsskala befinden. Auch dort muss man hinschauen und Massnahmen ergreifen. Man muss diese beiden Herausforderungen aber deutlich trennen und man darf sie unter keinen Umständen gegeneinander ausspielen. Es geht immer um Menschen und den sorgfältigen Umgang mit ihren Möglichkeiten. Ein weiteres Bildungs-Problem in der Schweiz sind die nicht ausreichenden Ressourcen, die für die Grundlagenforschung, aber auch für angewandte Forschung, bereitgestellt werden. Die Sponsoringkultur, wie sie in den USA praktiziert wird, ist uns suspekt. Mit Drittmittelfinanzierung tut sich die Schweiz seit Jahren schwer und wir machen im Gegensatz zu anderen Ländern eindeutig zu wenig in dieser Richtung. Ferner muss die Schule halten was sie verspricht. Lernziele und Lehrpläne müssen befolgt werden. Ich bin kein Vertreter der alten Leistungsschule, aber ich setze mich für einen sorgfältigen Umgang mit dem Leistungsbegriff ein. Fördern heisst auch Fordern. Tolle schulische Leistungen können und sollen Freude machen. Leistung muss deshalb gewürdigt, darf aber auch gefordert werden. Es gibt also noch einiges zu tun in unserer Bildungslandschaft.

Das Verhältnis zwischen Universitäten und Fachhochschulen ist und war immer etwas delikat. Was zeichnet sich hier in Bezug auf diese beiden Institutionen am Bildungshorizont künftig ab?

Ich zähle es zu den Vorzügen meiner Biographie, dass ich mich beruflich mit beiden 'Hochschultypen', also den Universitäten und den Fachhochschulen, intensiv beschäftigen musste. Ich bin ein begeisterter Anhänger und Vertreter der Fachhochschule und dabei aber beileibe kein Gegner der Universitäten. Fachhochschulen und Universitäten sind Partnerinnen und Konkurrentinnen zugleich. Beide kämpfen um ausbildungswillige junge Menschen, um herausragende und fähige Dozierende und Forschende, sowie um finanzielle Mittel. Ich lasse jetzt die besondere Stellung der ETH beiseite. Mir scheint aber, dass gerade in jüngster Zeit die Universitäten und die Fachhochschulen begriffen haben, dass sie in der konkreten Auseinandersetzung mit der 'Politik' nur gemeinsam gewinnen oder eben verlieren werden. Darüber hinaus besteht eine wachsende Zahl von hochschulübergreifenden Forschungsprojekten und erste gemeinsame Lehrstühle.
Leicht amüsiert nehme ich zur Kenntnis, dass es offenbar das hochschulinterne Spannungsverhältnis zwischen den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften an beiden Hochschultypen gibt und es hüben wie drüben verständige und vorurteilsarme Persönlichkeiten braucht, die ihre Begeisterung für ihr Fach nicht mit der Herabminderung anderer Disziplinen nähren.

Sehr geehrter Herr Schmid, im Namen von Xecutives bedanke ich mich herzlich für dieses Gespräch.

(C) 2007 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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