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Monatsinterview Juli: Chris Hopkins

Chris Hopkins (Foto: Hartmut Beifuss)Chris Hopkins, geb.1972, ist Gründer und Bandleader von „Echoes of Swing“, einer Jazz-Formation, die 2011 für ihre neuste CD „Message from Mars“ in Paris den Prix de l’Académie du Jazz entgegennehmen durfte, eine Auszeichnung, die Musikgrössen wie Kenny Barron, Ron Carter und, zeitgleich mit „Echoes of Swing“, auch Piano-Legende Ahmad Jamal verliehen wurde. Bernd Lhotzky, Oliver Mewes, Colin Dawson und Chris Hopkins fielen schon in jungen Jahren aufgrund ihres Musiktalentes und ihrer Begeisterung für den Jazz auf. Gerade mal 22 Jahre alt hatte Chris Hopkins Gelegenheit, Originalmusiker des Count Basie Orchestras mit einem Butch Miles am Schlagzeug und Clark Terry sowie Harry “'Sweets“ Edison an der Trompetezu begleiten. Seine Leidenschaft für die Jazz-Musik führte den Produzenten, Bandleader, Pianisten und Altsaxophonisten mit vielen weiteren bekannten Weltstars des Jazz zusammen. „Message from Mars“ ist eine musikalische Meisterleistung. In einer Zeit, in der Rock und Pop zweifellos dominieren, zeigen die 4 Musiker von „Echoes of Swing“, dass Jazz auch heute seine Berechtigung hat und sie finden mit ihrem traditionsbewussten und zeitgemässen Ansatz auch Gehör bei ausgewiesenen "Modernisten" und „Nichtjazzern“. Im Interview mit Christian Dueblin spricht Chris Hopkins über „Echoes of Swing“, seine musikalische Karriere, seine Leidenschaft, den Jazz, über Mentoren wie Hazy Osterwald, Ralph Sutton und Dick Hyman.

Christian Dueblin: Herr Hopkins, Sie gehören mit den Bandmitgliedern von „Echoes of Swing“, Nicki Parrott und Dorothee Oberlinger zu einer neuen Generation von musikalischen Ausnahmetalenten, die ihre ganz eigenen musikalischen Wege gehen und mit unerhörtem Talent ausgestattet sind. Auch spielen Sie mit Altsaxophon und Klavier gleich zwei Instrumente auf höchstem Niveau. Wie würden Sie das musikalische Talent beschreiben, das Sie und andere Musikerinnen und Musiker haben und die Zuhörer in Erstaunen versetzen kann?
       
Chris Hopkins: (Lacht) Ich denke, ein ganz wesentlicher Punkt ist die Begeisterung für die Musik. Auch ist es sicher ein Glück, eine solche Leidenschaft schon sehr früh zu entdecken, zu pflegen und in jungen Jahren Ziele zu beschreiben, die man erreichen will. Oft macht man sich das alles aber als Kind oder Jugendlicher nicht so ganz bewusst.

Chris Hopkins
Chris Hopkins am Saxophon

Wie ist diese Leidenschaft für die Musik, insbesondere für die Jazz-Musik, bei Ihnen entstanden?

Das hat sicher viel mit meinem Elternhaus zu tun. Mein Vater ist ein sehr guter klassischer Musiker, der Cembalo und Kirchenorgel spielt und nach Generalbass oder auch nach Gehör frei begleiten kann. Er war stets sehr offen für Improvisation, ein typisches Element der Barock-Musik, das im Verlaufe der musikalischen Entwicklungen der letzten Jahrhunderte in der Klassik leider weitgehend verloren gegangen ist. Meine Eltern hatten eine Jazz-Doppel-LP, die ich als Kind zufällig fand. Sie zog mich vom ersten Augenblick weg in ihren Bann. Es handelte sich um einen Sampler mit Jazz-Musik der Zwanziger-, Dreissiger- und Vierzigerjahre. Ich ging überall auf Flohmärkte und in Schallplattenläden und kaufte Tonträger mit Jazz-Musik, die ich Tag und Nacht hörte. Bald konnte ich viele Soli auswendig mitsingen und begann, Passagen, die mir besonders gefielen, nachzuspielen. In der Rückschau habe ich durch das Spielen nach Gehör mit am meisten gelernt. In der Schule gründete ich dann eine eigene Jazz-Band und fand Inspiration durch viele Live-Konzerte, die ich besuchte. Ältere Kollegen liessen mich dann später bei ihren Gigs einsteigen und so nahm alles seinen Gang.

Sie spielen Altsaxophon und Klavier auf Weltklasseniveau. Können Sie uns etwas über Ihren musikalischen Werdegang erzählen und dazu, wie es kommt, dass Sie gleich mehrere Instrumente beherrschen?

Meine musikalische Karriere fand, wie gesagt, ihren Anfang im lokalen Umfeld. In der Jazz-Szene kennt man die Spezialitäten der Musiker und ich fiel wohl dadurch etwas auf, dass ich eine besondere Leidenschaft für den traditionellen und swingenden Jazz hatte. Den Mythos, dass man von einem einflussreichen Manager ganz unerwartet entdeckt wird, gab es bei mir nie, wohl aber tolle Musikerkollegen, die mich gefördert haben. Ich denke dennoch, den langen Weg zu gehen und diesen selber zu finden, ist eine ganz wichtige Erfahrung für die Entwicklung eines jeden Musikers. Ich bin nun seit rund 25 Jahren mit der Musik beschäftigt und habe wie viele andere Musiker gelernt, dass man selber stets hart arbeiten muss, um dahin zu kommen, wo man hin möchte. Das gehört meines Erachtens zur Charakterbildung eines Musikers dazu. Die meisten Dinge, die ich über Musik weiss, habe ich mir selber beigebracht. Viel gelernt habe ich beim Spielen mit unterschiedlichsten Musikern. Die Zusammenarbeit mit älteren und sehr erfahrenen Musikern aus der ganzen Welt ist stets eine grosse Bereicherung und ich hatte das Glück, einige Legenden kennenzulernen. Ich habe mir mein Wissen somit auf der "freien Wildbahn" angeeignet, dort wo die Musik eben stattfindet, bei Jam-Sessions, Proben, Konzerten und beim Begleiten von Bands rund um den Globus. Schliesslich hatte ich das Glück, hervorragende junge Musiktalente zu treffen, allen voran Bernd Lhotzky, Colin Dawson, Oliver Mewes - meine Kollegen von „Echoes of Swing“.

Bei „Echoes of Swing“ sind Sie als Bandleader und Saxophonist tätig. Sie spielen in anderen Formationen aber auch Klavier, vor allem auch StridePiano, einen alten Jazz-Klavier-Stil, den nur noch wenige Pianisten beherrschen. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu diesen doch zwei sehr verschiedenen Instrumenten beschreiben?

Ich versuche, weder das Klavier noch das Saxophon zu bevorzugen. Je nach dem, welches Projekt gerade anliegt, steht mal das eine oder das andere im Vordergrund. Beide Instrumente haben mir schon immer sehr zugesagt. Als ich 6 Jahre alt war, habe ich, wie mein Vater, Cembalo gespielt und lernte später auch Blockflöte. Mit diesen Instrumenten spielte ich zunächst hauptsächlich barocke Musik. Später wechselte ich vom Cembalo zum Klavier und von der Flöte zum Saxophon.

Echoes of Swing live (Foto: Karl Stechl)
Echoes of Swing live (Foto: Karl Stechl)

Das Klavier war für mich das erste Werkzeug, um Jazz spielen zu können, auch weil es auf eine Art ein Rhythmusinstrument ist. Ich glaube, der Rhythmus war das Element des Jazz, welches mich als erstes in den Bann zog. Das Saxophon kam dazu, weil es, wie Sie sagen, so anders ist als das Klavier, nämlich in erster Linie melodieorientiert. Ersteres ist ein sehr vollständiges Instrument. Man kann es solo spielen, die Themen mit der rechten Hand, die Bässe und Akkorde mit der linken Hand, und all das auch mehrstimmig. Diese grosse Welt der Klanggestaltung und die vielen Optionen auf dem Klavier haben mich schon immer sehr fasziniert. Gleichzeitig aber hat mich auch das Saxophon begeistert, denn es kommt der menschlichen Stimme sehr nahe. Saxophon spielen hat viel mit Singen zu tun, was ich als Kind immer gerne und viel getan habe. Man kann den Ton sehr stark variieren, ihn anschwellen lassen oder auch leise mit Vibrato spielen, was alles beim Klavier weniger gut möglich ist. Manchmal beschreibe ich die beiden Instrumente wie Bilder: Klavier ist für mich, wie wenn man grosse Flächen malt und mit vielen Farbtupfern auf der Leinwand arbeitet. Saxophon spielen hingegen ist für mich mehr das Ziehen von feinen Linien und das Zeichnen von Punkten.

Wie ging es nach Ihren Anfängen in der klassischen Musik und Ihrem ersten Interesse für den Jazz weiter?

Ich bin sehr früh von der Jazz-Musik „besessen“ gewesen. Das meine ich in einem durchaus positiven Sinne. Schon sehr früh hatte ich ein grosses Repertoire zusammen, das mir das Spielen mit anderen Musikern erleichterte. Nicht selten war man froh, wenn ich als Pianist einspringen konnte. Ich hatte früh die Gelegenheit, über viele Jahre regelmässig eine Woche am Kempten-Jazz-Festival im Allgäu zu spielen, zusammen mit Engelbert Wrobel, der ein sehr guter Freund und toller Klarinettist ist. Unsere Combo war damals allabendlich nach den Konzerten für die Jam-Sessions verantwortlich und wir trafen dabei den einen oder anderen Star, der sich unter die Musiker mischte und mitspielte, so beispielsweise auch den weltbekannten Schlagzeuger Louie Bellson, der u.a. so wunderbar auf den berühmten Aufnahmen mit "Louis & Ella" begleitet. Auch hörte ich auf diesem Festival das "Modern Jazz Quartet", George Shearing, Gerry Mulligan oder gar Benny Carter - einen meiner grössten Helden - mit dem ich am nächsten Morgen in unserem Hotel gemeinsam am Frühstückstisch sass! 1994 war ich zum ersten Mal beim „Jazz Festival atSea“ dabei, ein Jazz-Festival auf einem Kreuzfahrtschiff. Bei einer dieser musikalischen Kreuzfahrten war übrigens auch der grossartige Schweizer Pianist Henri Chaix mit von der Partie. Ich erinnere mich, dass er mir auf dieser Fahrt eine Klavierstunde gab. Ein besonderes Highlight war ein Abend, welcher der Musik von Count Basie gewidmet war. Aus irgendeinem Grund bin ich für dieses Konzert auserwählt worden, die Rolle von Count Basie zu übernehmen. Damals war ich 22 Jahr alt und ein Teil der ehemaligen Count Basie-Band sass nun vor mir, so auch Clark Terry, Harry „Sweets“ Edison und Butch Miles, der Schlagzeuger, mit dem ich eben auch auf Tour gegangen bin. Damals war das für mich schon ziemlich extrem. Alle diese Stars waren mit mir auf der Bühne, und ich sollte auf dem Klavier Count Basie gerecht werden! (Lacht) Das war schon ein enormes Glück. Es ging alles sehr gut, ich war gut vorbereitet und kam über die Runden. Harry Edison sagte dann später dem Publikum, Count Basie wäre sehr stolz auf seine Vertretung gewesen. Davon zehrt man natürlich und solche Momente geben einem auch viel Kraft.

Irgendwann kam es zum Kontakt mit Dan Barrett, einem grossartigen amerikanischen Posaunisten. Über ihn entstanden meine ersten Verbindungen in die USA und ich konnte zum ersten Mal zu einem Festival in die Vereinigten Staaten reisen. Eshiess „The March of Jazz“, ein grosses Event, von Arbors Records gesponsert, in Clearwater in Florida. Dort lernte ich sehr viele bedeutende Musiker kennen, beispielsweise Joe Bushkin, der schon in den späten Dreissigerjahren Pianist bei Tommy Dorsey war, oder auch Dick Hyman, mit dem ich Jahre später eine Duo-CD an zwei Flügeln einspielen durfte.

Wie und wann kam es zur Gründung von „Echoes of Swing“, der Jazz-Formation, die Sie zurzeit sehr beschäftigt und für die Sie bedeutende Auszeichnungen entgegennehmen durften, so den "Prix de l’Académie du Jazz" in der Kategorie 'Jazz Classique' und den "Preis der Deutschen Schallplattenkritik" für das Album "Message from Mars"?

Ich lernte Anfang der Neunzigerjahre den Pianisten Bernd Lhotzky kennen. Wir hatten voneinander gehört und waren zuerst nur Brieffreunde. Wir trafen uns später am Jazz-Festival Ascona in der Schweiz. Wir spielten nächtelang zu zweit in einem kleinen Lokal, dem AnticaPosta - Bernd auf dem Klavier und ich auf dem Saxophon. Dafür nahm ich sogar in Kauf, im Morgengrauen eine gefühlte Stunde den Berg zu meinem Hotel hinaufzusteigen (lacht). Wir erkannten, dass wir dieselben zum Teil seltenen Stücke kannten und mochten, und bald wurde klar, dass wir mehr daraus machen wollten. Diese Sessions mit Bernd waren sicher ein Schlüsselmoment. 1997 gab es dann einen legendären und magischen Quartett-Gig im Münchner Kunstpark-Ost, zu dem Bernd zusätzlich zu mir, den Engländer Colin Dawson an der Trompete und damals noch Thomas Jähn am Schlagzeug einlud, was in der Folge zur Gründung von „Echoes of Swing“ führte. Wenig später kam dann Oliver Mewes als fester Schlagzeuger dazu und in dieser unveränderten Besetzung musizieren wir nun fast 14 Jahre zusammen.

Echoes of Swing - Preisverleihung in Paris

Echoes of Swing - Preisverleihung in Paris

Sie haben sich Ihr Leben lang mit Jazz beschäftigt und irgendwie scheint diese Musik auch eine positive Lebenseinstellung zu befördern, das sieht man auch schön bei Ihren Konzerten. Wie würden Sie diese „Einstellung“ für sich und Ihre Mitmusiker beschreiben?

Mich hat der Jazz schon als kleines Kind wahnsinnig fasziniert, denn es handelt sich um eine sehr lebensbejahende Musik. Natürlich gibt es auch traurige Stücke. Die Musik ist aber auch dann positiv und kann wie auch immer eine Kraft entfalten, die einen mitreisst oder bewegt. Die Musik spiegelt sämtliche Gefühle wieder, die man haben kann. Die Musik „swingt“, spricht mit ihrer Komplexität und Virtuosität den Kopf des Menschen an, erreicht aber auch sein Herz. Das Schöne und reizvolle daran ist, dass der Zuhörer all die musikalisch-intellektuellen Zusammenhänge - über die wir Musiker uns Gedanken machen - gar nicht unbedingt verstehen muss, um die Musik geniessen zu können. Sie erklärt sich in einem gewissen Masse von selber. Jazz ist eine sehr beseelte Musik, die mitunter aus dem Bauch heraus kommt und dabei oftmals einen rhythmischen Drive entwickelt, dem man sich auch körperlich nicht entziehen kann. Damit vereint der Jazz für mich viele Dinge, welche die meisten anderen Musikarten nur teilweise aufweisen. Es ist schwierig, diesen Zauber des Jazz zu beschreiben, oder ihn gar wissenschaftlich zu erklären. Viele Menschen haben das versucht, aber es ist noch niemandem wirklich gelungen, alles auf einen Punkt zu bringen.

Die Bassistin und Sängerin Nicki Parrott meinte im Interview mit Xecutives.net, dass man Jazz auch vor grösserem Publikum spielen könne, räumte aber auch ein, dass Jazz vor allem im kleineren Kreis seine Wirkung entfalten könne, nicht zuletzt auch wegen dem persönlichen Kontakt zwischen Musikern und Zuhörern, der für sie sehr wichtig ist (und für ihren verstorbenen Mentor Les Paul fundamental war) und den Jazz von anderen Musikarten unterscheidet.

Meines Erachtens kann man jede Musik in jedem Rahmen spielen. Je kleiner die Zuhörerschaft ist, desto intimer ist die Situation. Das hat seinen Reiz und Abende im kleineren Rahmen werden tatsächlich oft persönlicher. Auf eine andere Weise kann aber auch ein Konzert vor vielen Menschen ein sehr beeindruckendes Erlebnis sein. Mit Nicki Parrott habe ich auf einer kürzlich erfolgten Tour im vergangenen März in meiner Heimatstadt Bochum beispielsweise vor 1500 Menschen gespielt. Das sind für ein Jazzkonzert schon relativ viele Zuhörer, aber auch dieses Konzert war wunderbar.

Es gibt wunderbare Jazz-Stücke, trotzdem erreicht der Jazz die grosse Masse von Menschen nicht, oder nicht mehr. Viele Interviewpartner von Xecutives.net haben sich dazu geäussert. Auf was ist das Ihres Erachtens zurückzuführen. Wie erklären Sie sich diese Tatsache?

(Lacht) Wir können uns in Bezug auf Zuhörer im Grossen und Ganzen zurzeit nicht beklagen. Unsere Konzerte werden gut besucht. Aber es ist natürlich schon so, wie Sie sagen. Im Vergleich zu Rock- und Pop-Konzerten spielt sich der Jazz vor kleinem Publikum ab. Der Jazz kommt im Vergleich etwa zum Rock und Pop in den normalen Medien fast nicht vor und das oftmals aus Unkenntnis und Unwissenheit der entsprechenden Journalisten und Entscheider heraus. Viele sind einfach nie mit gutem Jazz in Kontakt geraten und wissen nicht, was sie verpassen. Ich bin überzeugt, dass Jazz das Zeug hätte, ein grösseres Publikum zu erreichen, nur läuft das Musikgeschäft ohne die Medien nicht. Ich stelle aber fest, dass das Publikum und das Interesse für Jazz an vielen Orten dennoch wachsen. Menschen kommen oft auch durch Zufall an unsere Konzerte und sind danach begeistert, weil sie sich etwas ganz anderes unter „Jazz“ vorgestellt hatten. Wenn es einmal gelingt, Menschen mit gutem Jazz jeglicher Stilart zu konfrontieren und zu erfreuen, kommen sie immer wieder auf Konzerte, und es spricht sich herum. Viele potentielle Zuhörer haben vielleicht keine klare Vorstellung von dem, was Jazz ist, weil sie nicht wissen, dass es so viele Varianten und Zugänge gibt. Jazz ist für mich auf jeden Fall eine ganz besondere Art der Musik, die es ermöglicht, ganz sich selbst zu sein, zu improvisieren und in einer eigenen Sprache zu kommunizieren.

Sie sprechen von Wahrhaftigkeit im künstlerischen Ausdruck…

Absolut! Das ist für mich fundamental. Es muss die eigene Persönlichkeit durch die Musik sprechen. Der Künstler muss die Sprache finden, mit der er etwas sagen und ausdrücken möchte. Die Möglichkeiten dazu sind gerade im Jazz beinah unbegrenzt. Ich denke nicht, dass der Jazz jemals ein Massenphänomen wie Rock oder Pop wird. Sicher ist aber ein ganz wichtiger Punkt, und das sagt Nicki Parrott in Ihrem Interview ebenfalls, dass viele Menschen unter dem Begriff Jazz auch ganz viel Verschiedenes verstehen. Manche denken dabei an Scott Joplin und Ragtime, andere denken an zeitgenössischen Jazz mit gesampelten Beats. Wieder andere denken an den klassischen Swing, den wir - wenn auch auf eine eigene, zeitgemäss aufbereitete Art - mit „Echoes of Swing“ spielen. Mit dieser Verschiedenartigkeit des Jazz sind viele Menschen auch verwirrt. Wir sollten über diese Begrifflichkeiten vermehrt diskutieren und den Terminus Jazz nicht einfach beliebig für alles brauchen. Man hat nicht selten das Gefühl, dass häufig Musik als Jazz bezeichnet wird, weil man kein anderes Gefäss findet, um die Musik terminologisch erfassen zu können.

Hazy Osterwald schaffte es vor vielen Jahren, Jazz einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Sie haben auch mit ihm gespielt und gerne würde ich Sie fragen, welche Bedeutung Sie ihm und seinem Schaffen als junger Jazzmusiker und aus heutiger Sicht zumessen.

Ich habe viel mit Hazy Osterwald gespielt - zusammen mit Engelbert Wrobel und Oliver Mewes. Ich lernte Hazy auf einer dieser musikalischen Kreuzfahrten kennen, von denen wir vorher gesprochen hatten. Einer dieser Abende auf dem Schiff war Hazy Osterwald gewidmet. Wir waren von seinem Können fasziniert, spielten zusammen, tauschten uns aus, und es kam in der Folge zu einer fast zehnjährigen Zusammenarbeit mit Hazy Osterwald. Er ist ein sagenhafter Musiker, ein unglaublicher Virtuose und Kenner der Musik. Wenn man bedenkt, was seine Band in den Fünfziger- und Sechzigerjahren hervorgebracht hat! Das war eine der besten Jazz-Bands überhaupt. Sie musste sich nicht vor Bands aus den USA verstecken. Hazy Osterwald hat es natürlich auch mit seinem Showtalent geschafft, Unterhaltung einzubringen. Man kann das und den Zeitgeist von damals nicht mehr wiederholen und zurückholen. Man sollte das auch nicht tun. Hazy Osterwald hatte das Glück, in einer Zeit gross zu werden, in der auch das Fernsehen aufkam und immer mehr Menschen zuhause fern schauten. Das alles birgt natürlich auch Gefahren. Wenn der Show-Faktor allzu gross wird, kann die Musik irgendwann zu kurz kommen; Entertainment hat seinen Reiz, wenn, wie bei Hazy, musikalische Qualität dahintersteckt. Setzt man sich mit seinen Tonträgern auseinander, auf denen er Jazz spielt, wird schnell klar, dass er und seine Bandkollegen zu den besten Jazzmusikern gehörten.

Chris Hopkins (Foto: Sascha Kletzsch)

Chris Hopkins (Foto: Sascha Kletzsch)

Sie haben mit vielen anderen Legenden wie beispielsweise Ralph Sutton, Dick Hyman, Kenny Davern oder mit auch jüngeren Grössen wie Dan Barrett gespielt und diese auch abseits vom Musikgeschäft persönlich kennengelernt. Was ist es, was Sie von diesen Musikerinnen und Musikern an Erfahrung mitnehmen können?

Es ist bei jedem ganz anders. Sie nennen den Pianisten Ralph Sutton, der ein ganz herzlicher Mensch war. Er hat nicht viel gesprochen, und trotzdem hat man von ihm viel mitgenommen. Seine Musik war sehr beseelt und er konnte diesen unglaublichen Beat aus dem Klavier rausholen. Der Lernfaktor ist oft einfach das Dabeisein und das Zuhören. Es ist sehr interessant, einfach nur Zeit mit solchen Menschen verbringen zu können. Dann gibt es Musiker, von denen man sehr konkret lernen kann, wie beispielsweise von Dan Barrett, der als Arrangeur ein erstaunliches Harmonieverständnis hat und der mich in jungen Jahren darauf aufmerksam gemacht hat, dass man - bevor man drauf los improvisiert - gut daran tut, die korrekten Melodien von Songs zu kennen und zu respektieren, am besten über die originale Sheet Music. Mit Dick Hyman, u.a. Woody Allens Filmmusik-Komponist und bereits in den 50er-Jahren Pianist von Benny Goodman, habe ich in den letzten Jahren viel Zeit verbracht. Er ist ein Genie, ein ganz unerhörter Pianist, den ich immens bewundere. Es ist nur schwer vorstellbar, was er weiss und kann. Er ist ein sehr reflektierter und organisierter Mensch. Von ihm kann man neben all den pianistischen Inhalten lernen, wie man als Musiker strukturiert leben kann. Viele Menschen machen sich gar keine Vorstellung, was es heisst, Musiker zu sein, von einem zum anderen Ort zu reisen und immer präsent zu sein. Das Spielen vor Publikum ist nur ein kleiner Teil des Lebens eines Musikers. Dick Hyman hat es auch im besonderen Masse geschafft, trotz seiner musikalischen Arbeiten für viele Stars, eine gute Bodenständigkeit zu bewahren, was ich sehr schätze. Das gilt übrigens auch für Hazy Osterwald. Er war auch ein Weltstar, und trotzdem hat er den Bodenkontakt nie verloren.

Sehr geehrter Herr Hopkins, was wünschen Sie sich für „Echoes of Swing“ und für sich persönlich für die Zukunft?

Ich würde mich sehr freuen, wenn wir es gerade nach der neuen CD, mit der wir viel erreicht haben, musikalisch noch weiterbringen und die Musik weiterhin lebendig und frisch halten. Neues Repertoire steht schon in den Startlöchern!

Für mich persönlich wünsche ich zunächst, dass ich mir in der nächsten Zeit etwas mehr Freiraum für Erholung, Üben und Privates schaffe, denn die letzten Monate war ich fast pausenlos auf Tournee.

Sehr geehrter Herr Hopkins, ich wünsche Ihnen und „Echoes of Swing“ weiterhin alles Gute und freue mich auf das nächste Konzert! 

(C) 2011 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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