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Monatsinterview Mai: Buddha Scheidegger

Buddha Scheidegger ©Xecutives.netBuddha Scheidegger, 1940, gehört zu den bekanntesten Schweizer Jazzmusikern. Der studierte Jurist, ehemalige Bezirksanwalt, Staatsanwalt und Oberrichter sowie ehemalige Präsident der II. Strafkammer des Obergerichts Zürich widmete sich sein ganzes Leben lang nicht nur juristischen Themen, sondern auch dem Klavier, insbesondere dem Klavier-Jazz und gründete Anfang der Achtzigerjahren die „Buddhas Gamblers“, eine der bekanntesten Jazz-Bands der Schweiz. In seiner musikalischen Karriere begegneten ihm Legenden wie Henri Chaix, Albert Nicholas und Joe Turner, die ihn förderten, lehrten und inspirierten und mit denen er Jahrzehntelang freundschaftlich verbunden war. Im Interview mit Christian Dueblin spricht Buddha Scheidegger über sein „Doppelleben“ als Musiker und Jurist, zeigt auf, warum Jazz sein Leben massgeblich geprägt und erfreut hat und gibt Einblick in die Schweizer Jazz-Szene. Der Pianist Buddha Scheidegger erklärt zudem, warum er sich für „Keys for Kids“ begeistern liess, ein von Xecutives.net initiierter Spenden-Anlass zugunsten von rund 2500 wenig privilegierten Kindern in Afghanistan und Pakistan, den er zusammen mit anderen Künstlern mit seinen pianistischen Fähigkeiten beschwingt unterstützt hat.

Christian Dueblin: Sehr geehrter Herr Scheidegger, Sie haben eine beachtliche Karriere als Jurist gemacht, aber gleichzeitig auch als Pianist und Bandleader. Das Badener Tagblatt beschrieb Ihr Leben treffend mit dem Titel: „Das Doppelleben des Zürcher Buddha“. Wie kam es zu Ihrem Interesse für die Musik, speziell den Jazz?

Buddha Scheidegger: Wir hatten zuhause ein Klavier, das von meiner Grossmutter stammte. Meine Mutter spielte Mandoline und nahm später auch Klavierunterricht. Sie spielte mir als Kind immer vor, vor allem aus Operetten und auch hin und wieder etwas Volksmusik. Es gab ein Lied, an das ich mich gut erinnere. Es hiess „Indian Love Call“. Es handelt sich um ein amerikanisches Lied, das mit dem Titel „Über die Prärie“ auf Deutsch übersetzt wurde. Dieses Stück war zwar kein Jazz, aber amerikanische Musik, die mir damals völlig unbekannt war, mir aber sehr gefiel. Das erste Jazzlied, an das ich mich erinnern kann, und es hat mein Leben im musikalischen Sinne sicher sehr verändert, war „In the Mood“, gespielt von der Glenn Miller-Band. Die vielen ganz neuen Harmonien und der Rhythmus setzen sich in meinem Kopf fest - bis heute. Zu dieser Zeit hörten wir jungen Menschen auch AFN (American Field Network), ein amerikanischer Soldatenradiosender, auf dem immer wieder amerikanische Musik ausgestrahlt wurde, die wir hier in Europa mithörten - in der Regel für uns ganz unbekannte und einzigartige Musik. Ich kannte die vielen spannenden und gut klingenden Musiknummern anfänglich alle nicht, fand aber Gefallen daran.

Ein für Sie für Ihre musikalische Karriere sehr prägendes Erlebnis war ein Konzert des amerikanischen Stride-Pianisten Joe Turner an einer Mittelschule, einem Internat in Schiers, das sie damals als Junge miterleben durften. Das Konzert wurde mit dem Titel „An Evening With Joe Turner / Schiers Bounce“ aufgenommen (Downtown Records). Wie kam es zu diesem Auftritt einer der bedeutendsten Jazzlegenden in einer Mittelschule?

Ich ging, da mein Vater, als ich 13 alt war, an Kinderlähmung starb, nach Schiers in die evangelische Mittelschule, in der Lehrer ausgebildet wurden und die auch ein Internat betrieb, in dem ich lebte und bis zur meiner Matura 1961 zur Schule ging. Ich hätte nach Wunsch meiner Mutter die Drogerie meines Vaters übernehmen sollen. Das war aber das einzige, was ich sicher nicht tun wollte. Bald war klar, dass ich weder handwerklich noch technisch versiert war und der Entscheid, nach Schiers ans Gymnasium zu gehen, entpuppte sich später als der richtige Schritt. Die Schule ist heute fast 175 Jahre alt und ich habe gute Erinnerungen an sie. Es waren dort viele junge Menschen mit ganz verschiedenen sozialen Hintergründen, auch Schüler, die an anderen Gymnasien scheiterten oder schwierig waren. Der Tagesablauf war sehr geregelt. Ich lernte in Schiers einen Mitschüler, Thomas Philippi, kennen. Sein Onkel war der bekannte Jazz-Liebhaber und Jazz-Förderer Hans Philippi aus Basel, der damals wesentlich dazu beitrug, dass dem Jazz in der Schweiz Gehör verschafft wurde. Wir hörten im Internat zusammen im Verbotenen Radio und die ersten Jazzplatten. Im Internat hatte es glücklicherweise, weil dort auch Lehrer ausgebildet wurden, Klaviere. Thomas Philippi zeigte mir Platten von Thomas „Fats“ Waller, die er von seinem Onkel bekam, und meinte, dass ich eine gute linke Hand für Stride-Piano hätte, einen alten Jazz-Klavier-Stil, den heute nur noch wenige Menschen beherrschen. Diese spezielle Art von Klavier-Jazz zog mich völlig in ihren Bann und ich versuchte, das eine oder andere Lied und Riff auf dem Klavier nachzuspielen. Als er mir dann einige Zeit später mitteilte, dass Joe Turner nach Schiers an die Evangelische Mittelschule kommen würde, um ein Klavierkonzert zu geben, fiel ich tatsächlich fast vom Hocker. Thomas Philippi kannte Joe Turner über seinen Onkel und irgendwie schafften es die beiden, diese Jazzlegende zu überzeugen, nach Schiers zu uns ins Internat zu kommen. Auch schaffte er es, die Schulleitung von dieser Idee zu überzeugen, was nicht ganz selbstverständlich war. Glücklicherweise war der Rektor ebenfalls ein Jazzliebhaber und dem Konzert stand somit nichts mehr im Wege (lacht).

„An Evening With Joe Turner / „Schiers Bounce“ kann heute auf CD gehört werden, auf einer wunderbare Aufnahme dieses Konzertes auf Downtown Records. Das Konzert ist legendär und ein Muss für jeden Klavierjazzfan mit einem Faible für Stride Piano.

Das Konzert ist tatsächlich legendär und wer dabei war, wird es wohl nie mehr vergessen. Der amerikanische Stride-Pianist Joe Turner, der in den Vierzigerjahren nach Europa kam und anfänglich hier in Europa die Sängerin Adelaide Hall auf dem Klavier begleitete und auch für Louis Armstrong als Pianist tätig war, spielte vor rund 350 Schülerinnen und Schülern, die alle überhaupt keine Ahnung hatten, was sie erwartete. Joe Turner brauchte nur wenige Sekunden, um sie alle in den Bann zu ziehen. Schon vorher, aber vor allem während dieses Konzertes, war mir klar, dass das meine Musik ist, die ich ebenfalls spielen wollte. Das Konzert war ein überwältigender Erfolg, was die Aufnahmen heute sehr schön zeigen. Joe Turner machte viele Scherze am Klavier und spielte seine eigene Version von „Nach em Räge schint d‘Sunne“ von Artur Beul, den Sie ja kurz vor seinem Tod ebenfalls interviewen konnten. Ohne mich zu informieren, erzählte Thomas Philippi Joe Turner, es sei ein junger Schüler im Publikum, der in seiner Freizeit ebenfalls „Striden“ würde. Zu meinem Entsetzen rief mich Joe Turner am Ende seines Konzertes mit meinem Namen auf die Bühne. Mir gefror das Blut in den Adern und ich spielte irgendwie „I’m Crazy About My Baby“ (lacht). Joe Turner war sehr wohlwollend und das Publikum fand offensichtlich Freude an meiner Interpretation dieses Liedes. Ich selber stand jedoch unter Schock. Später traf ich Joe Turner immer wieder in Zürich, wenn er hier in den Bars und Clubs spielte, und konnte viel von ihm lernen.

Warum kamen hochtalentierte Menschen wie Joe Turner damals in die Schweiz und kehrten den USA oft lebenslang den Rücken?

Joe Turner wurde wie beispielsweise auch Albert Nicholas in den USA als Schwarze diskriminiert. Hier in Europa und in der Schweiz hat man Menschen wie ihn mit seinem Talent sehr geschätzt und so kam es, dass viele schwarze Musiker nach Tourneen hier blieben. Viele dieser Musiker gingen nach Paris. Auch Sydney Bechet zog es dorthin. Sie bereicherten das kulturelle Leben in unseren Städten erheblich. Joe Turner lebte lange Zeit in der Schweiz und verbrachte seine letzten Jahre in Paris, wo er auch starb.

Joe Turner spielte gleich neben den Champs Élysées in einer Bar, meist bis früh morgens. Als ich ihn einmal besuchte, sagte er mir und meinen Begleitern, ich solle in 10 Minuten draussen vor dem Lokal auf ihn warten. Gesagt getan und plötzlich fuhr Joe Turner mit einem wunderschönen blauen Cadillac vor und bat uns einzusteigen. Er erzählte, er habe dieses Auto mit einer Gage für einen Film bezahlt. Es handelte sich um einen Film, in dem Brigitte Bardot mitspielte. Er meinte, er würde immer mal wieder die Champs Élysées hinauf- und hinunterfahren und müsste lachen, wenn Menschen auf der Strasse feststellten, dass ein Schwarzer am Steuer sass. Noch heute muss ich schmunzeln, wenn ich an das Lachen von Joe denke, das er beim Schildern dieser Anekdote von sich gab (lacht).

Wie haben Sie die Jazzszene von damals in Erinnerung und wie fanden Sie Eingang ins Jazzleben von Zürich, in der Stadt, in der Sie später auch studierten?

Sehr präsent ist bei mir eines meiner ersten Konzerte, das ich noch als Mittelschüler besuchen konnte. 1959 spielte Louis Armstrong mit seinen All Stars in Zürich im Hallenstadion. Natürlich waren ich und Thomas Philippi auch dabei. Dieses anfänglich phantastische Konzert artete am Schluss jedoch völlig aus. Junge und halbstarke Menschen fingen an zu randalieren und die Musiker mussten von der Bühne flüchten. Es entstand grosser Sachschaden und das Konzert geriet damit ins Blickfeld der Medien, die über die Ausschreitungen berichteten.

1961 kam ich nach meiner Maturitätsprüfung nach Zürich, mietete mir ein Zimmer und fing an, Jura zu studieren. Es gab in Zürich eine starke Amateur-Jazz-Szene und viele bekannte und legendäre Clubs, wo sich die Fans und die Musiker trafen und spielten. Darunter finden sich Namen wie das „Africana“ und die „Metro Bar“, aber auch die „Casa Bar“. Man traf in diesen Clubs auch viele internationale Stars aus dem Jazz-Geschäft, aber auch sehr viele Amateurmusiker aus der Schweiz, Deutschland und England. Ich wurde irgendwann auf einen Zürcher Pianisten aufmerksam. Er spielte in einer Jazzband, die sich „Nameless“ nannte. Ihr Pianist hiess Walter Günthardt. Der Detailhändler COOP - damals hiess COOP noch LVZ - unterhielt in Zürich eine Jazzschule und besagter Walter Günthardt war dort als Klavierlehrer tätig. Er beeindruckte mich mit seinem Können und ich meldete mich bei ihm für Stunden an. Nach einigem Hin und Her akzeptierte er mich als Schüler. Er war gerade am Abschluss seines Nationalökonomiestudiums und hatte eine Stelle als NZZ-Wirtschaftsredaktor in Aussicht, was sein Zeitpensum als Lehrer und für die Musik negativ beeinträchtigte. Er wollte eigentlich gar keine neuen Schüler mehr aufnehmen. Ich durfte ihm jedoch auf dem Klavier vorspielen und er machte eine Ausnahme. Er meinte nach meinem Vorspielen, dass ich Swingen würde wie ein Teufel, aber ich hätte von Harmonielehre keine Ahnung (lacht). Walter Günthardt hat mir dann Grundlegendes in der Harmonielehre vermittelt. Ich spielte bald in der Band eines Freundes meines Klavierlehrers. Die Formation hiess „Gamblers“. So spielte ich auch im Africana und meine erste Gage belief sich auf 5 Franken pro Abend. Das war nicht viel, aber immerhin etwas.

Später gingen wir ans Amateur-Jazz-Festival in Zürich, ein wichtiger Anlass für Jazzmusiker aus der ganzen Schweiz. Die ersten Gewinner des Festivals sind heute bekannte Namen wie Henri Chaix und George Gruntz, der heute weltbekannt ist und zu den besten seines Fachs gehört. Er war einer der ersten Gewinner des Festivals auf dem Piano. Die Jury bestand aus Jazzliebhabern und Journalisten. 1963 nahmen auch die „Gamblers“ am Festival teil und spielten modernen Dixieland. Zuvor mussten wir eine Vorausscheidung durchlaufen, die wir bestanden. Gewinner des Festivals 1963, 1964 und 1966 war übrigens das „Orchestre Henri Chaix“, auf den wir sicher noch zu sprechen kommen. 1966, 1968 und 1969 gewann ich das Festival als Pianist in der Sparte Klavier-Jazz im alten Stil.

Sie haben auch in Deutschland gespielt und lernten viele bekannte Musiker kennen, so auch die Band von Hazy Osterwald. Wie kam es zu diesen Auftritten in unserem Nachbarland und wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?

Es gab in Deutschland bekannte Jazzer wie Paul Kuhn und Max Greger, die schon sehr bekannt und begnadete Musiker waren. Auch Ihr Interviewpartner Hazy Osterwald war damals in Deutschland unerhört bekannt. Hazy Osterwald war ein sehr guter Musiker und ein sehr guter Manager. Er hatte die besten Musiker in seiner Band. Denken Sie nur an den Klarinettisten Ernst Höllerhagen, aber auch an Kurt Prina, den Pianisten von Hazy Osterwald, seinen Schlagzeuger John Ward und an Denise Armitage, seinen langjährigen Saxophonisten und späteren Pianisten. Der „Jazz-Markt“ in Deutschland war nach dem zweiten Weltkrieg sehr ausgetrocknet, da die Musik im Zweiten Weltkrieg als nicht arisch und entartet abgetan wurde. Viele Musiker wendeten Deutschland den Rücken zu. Jazz war aber bei den Menschen sehr begehrt und nach dem Krieg auch in Deutschland nicht mehr aufzuhalten. In Zürich gab es die „Casa Bar“, in der damals die bekannten „Tremble Kids“ spielten. Die Band konnte in Deutschland unerhörte Erfolge feiern. Sie wurde von Werner Keller geleitet. Keller war ursprünglich gelernter Fahrradmechaniker, ein sehr guter Manager und guter Musiker mit vielen Ideen und besten Kontakten in die Welt der Musik. Er hatte die besten Musiker in seiner Band, beispielsweise einen Charly Antolini am Schlagzeug und einen Henri Chaix am Klavier. Ich bin irgendwann als Student angefragt worden, ob ich für die „Tremble Kids“ einige Tage Henri Chaix auf dem Piano ersetzen möchte, da dieser anderweitigen Verpflichtungen als klassischer Pianist nachgehen musste. Das war eine grosse Ehre und der erste Abend fühlte sich gut an, auch der zweite. Am dritten Abend jedoch stand Henri Chaix, damals die unbestrittene Ikone auf dem Klavier, plötzlich vor mir und hörte mir zu. Wieder fiel mir das Herz in die Hose (lacht). Henri Chaix sagte auf seine typische und zuvorkommende Art und Weise: „Bon soir, bien fait!“ Das war 1965. Ich habe dann allen Mut zusammengenommen und ihn gefragt, ob er mir Stunden geben würde, was er auch sofort bejahte. Henri Chaix war danach jahrelang mein Klavierlehrer und von ihm habe ich mein Handwerk gelernt. Ich wohnte damals bei einer Familie auf dem Zürichberg und im Haus stand ein wunderbarer Bechstein-Flügel. Henri Chaix gab mir dort immer wieder Stunden. Er spielte mir eines Tages seine Version des „Wild Cat Blues“ vor, mit der er sehr bekannt geworden ist. Das hat mich enorm beeindruckt und war sicher ein weiterer Schlüsselmoment in meinem Leben als Musiker.

Henri Chaix war ein sehr zurückhaltender und unglaublich versierter Pianist, der mit den grossen Piano-Legenden auf der Welt in Kontakt stand und auch Musiker wie Albert Nicholas begleitete. Zudem war er ein ausgezeichneter Klavierlehrer. Wie würden Sie Henri Chaix und seine Bedeutung für den Jazz beschreiben?

Henri Chaix war tatsächlich sehr bescheiden und zurückhaltend. Er hat sich nie in den Vordergrund gestellt und nie schlecht über andere Musiker gesprochen, konnte es aber mit allen Pianisten aufnehmen und hat sich viel Anerkennung verdient. Wenn man ihn fragte, wie er sich als Musiker denn in der internationalen Liga einstufen würde, dann meinte er meist mit einem Augenzwinkern, er könne diese Frage nicht wirklich beantworten, er sei aber wohl der beste Stride Pianist in der Rue de la Source in Genf, wo er wohnte (lacht). Er kannte Willi „The Lion“ Smith persönlich, einer der unbestrittenen Grössen des Piano-Jazz. Leider sind viele dieser Menschen heute in Vergessenheit geraten. Albert Nicholas, mit dem er viel spielte, war eine New Orleans-Legende. Er war einer der berühmten New Orleans Klarinettisten und kannte mit Jahrgang 1900, übrigens das Geburtsjahr von Louis Armstrong, Menschen wie Sydney Bechet. In den Dreissigerjahren, während der grossen Wirtschaftskrise, war er U-Bahn-Kontrolleur. Damit verdiente er sich sein Geld. So erging es vielen bekannten Musikern, als der Swing Aufwind hatte und der New Orleans Jazz ausser Mode geriet.

Sie haben Albert Nicholas ebenfalls gut gekannt und mit ihm gespielt. Wie lernten Sie ihn kennen?

Ich lernte Albert Nicholas Ende der Sechzigerjahre über Henri Chaix kennen, der ihn in der Schweiz immer als Pianist begleitete. Wir spielten auch zusammen und mit der Zeit entwickelte sich eine schöne Freundschaft zwischen uns. Von 1970 bis 1973 habe ich viel mit ihm gespielt und auch menschlich viel von ihm gelernt. Er war ein ganz feiner Mensch – wie Henri Chaix. Mir sind zwei Sachen in Erinnerung geblieben: Er wollte mit mir nach New Orleans gehen und mir diese Stadt und den Jazz dort näher bringen. Leider kam es nicht zu dieser Reise. Aber etwas anderes passierte. Er wollte für mich und meine Frau kochen. Dazu kam es auch. Er wohnte damals in Basel und rief mich an einem Samstagmorgen spontan an. Er sagte: „Hi, here is Nick. I was on the market and everything is organized.“ Er kam mit vollen Einkaufstaschen zu mir nach Hause und kochte einen ganzen Tag New Orleans Chicken, das umwerfend gut war, so dass ich mich noch heute gut daran erinnern kann. Im Frühjahr 1973 spielte ich mit ihm in Weinfelden und er meinte im Anschluss ans Konzert, ich sei für ihn wie sein Sohn und ich solle ihm versprechen, dass ich die Musik, die ich spiele, nie vergessen würde. Meine Antwort war: „Father, I promise!“ Das alles hat mich sehr geprägt und ich denke immer wieder an Albert, aber natürlich auch an Henri Chaix, Menschen, die nicht nur aufgrund ihres musikalischen Könnens tolle Persönlichkeiten waren. Albert wollte nach einer Unterleibsoperation zu uns nach Hause zur Rehabilitation kommen. Er starb aber leider kurz nach dieser Operation.

Nebst Ihren Aktivitäten als Pianist und Bandleader haben Sie es geschafft, ein Jurastudium durchzuziehen und Sie haben eine beachtliche Karriere als Jurist gemacht. Können Sie uns etwas über diese nichtmusikalische Karriere erzählen?

1966 musste ich an der Uni meine erste Prüfung ablegen und ich musste meine musikalischen Aktivitäten etwas drosseln. 1967 hatte ich mein Lizenziat in den Händen und ich fing an, als Gerichtsschreiber resp. Auditor zu arbeiten. Ich wurde schon nach wenigen Wochen zum Gerichtssekretär befördert. Später arbeitete ich als Bezirksanwalt (Staatsanwalt), später auch als Oberstaatsanwalt. Dann kam eine berufliche Wende, mit der ich selber nie gerechnet hatte. Ich wurde Richter und Oberrichter und in den letzten Jahren meiner beruflichen Tätigkeit als Jurist leitete ich die II. Strafkammer des Zürcher Obergerichtes.

Ihre Karriere als Jurist haben Sie hinter sich. Die Musik jedoch beschäftigt Sie auch heute noch und Sie sind mit den von Ihnen gegründeten „Buddhas Gamblers“, aber auch solo auf dem Klavier, immer noch sehr viel unterwegs. Wie kam es zur Gründung der „Buddhas Gamblers“?

1971 wurden die „Gamblers“, mit denen ich lange Jahre zusammengespielt hatte, aufgelöst und ich stand musikalisch gesehen auf der Strasse. Ich spielte später bei den „Glarona Jazz Tigers“ und in Biel bei den „Swiss Dixie Stompers“. Während einer Jam-Session in Deutschland rief ein Musikkollege gut gemeint, und in der Meinung, sein Witz würde gut beim Deutschen Publikum landen, ins Mikrofon: „Deutsches Volk, wollt ihr den totalen Jazz!“ Das war meine schlimmste Stunde, die ich in meinem Leben als Musiker erlebt habe. Im Saal wurde es plötzlich still und das Publikum fing an zu raunen. Viele Menschen verliessen sogar den Saal. Ich kann das nicht so leicht erklären, aber in diesem Moment wurde mir klar, dass ich noch einmal etwas Neues in Angriff nehmen wollte. 1980 gründete ich dann die Band „Buddhas Gamblers (damals mit Fredy Rhyner, Werner „Wieni“ Keller, Hans Meier, Peter Schmidli, Hans Schläpfer und Carlo Capello; heute mit Heinz Bühler, Werner "Wieni" Keller, Hans Meier, Roberto Bossard, K.T. Geier und Fredy Schmid), mit der ich auch heute noch viel unterwegs bin. Immer stiess auch Isla Eckinger, der bekannte Posaunist, Vibraphonist und Bassist zu uns, eine grosse musikalischer Bereicherung. Mir ist kein anderer Musiker begegnet, der auf diesen drei Instrumenten dermassen versiert ist und weit über die Schweizer Grenzen Erfolge feiern kann.

Buddha Scheidegger am Keys for Kids Konzert 2011 (c) Xecutives.net

Buddha Scheidegger am Keys for Kids Konzert 2011 (c) Xecutives.net


Sehr geehrter Herr Scheidegger, Sie haben zugesagt, Keys for Kids, einen Spendenanlass für die Entwicklungshelferin Elisabeth Neuenschwander und ihre Schulen mit rund 2‘500 Kindern in Afghanistan und Pakistan, auf dem Piano zu unterstützen. Was hat Sie persönlich bewogen, mitzumachen und zusammen mit anderen Künstlern Zeit für dieses Projekt zu investieren?

Mir gefällt die Idee, mit Musik Gutes zu bewirken, sehr. Zudem fand ich die Idee, zusammen mit Ihnen und dem Pianisten Dave Ruosch auf zwei Pianos zu spielen sehr reizvoll. Es ist heute nicht einfach, Musiker zu finden, die diesen alten Stride Piano-Stil, den wir drei spielen, noch können. Dass mit den Spenden nun wohl 2500 Kinder während zwei Monaten geschult werden können, ist imposant und was Frau Elisabeth Neuenschwander seit Jahrzehnten für wenig privilegierte Menschen tut, finde ich hervorragend.

Sehr geehrter Herr Scheidegger, ich wünsche Ihnen bei Ihren musikalischen Projekten weiterhin alles Gute und ich freue mich auf ein nächstes Konzert mit Ihnen!


(C) 2011 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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- Buddhas Gamblers

- Buddha Scheidegger auf Wikipedia


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