Suchen

Monatsinterview Juli: Bernhard Russi

Bernhard Russsi (c) Robert BöschBernhard Russi, 1948, gehört zu den bekanntesten Spitzensportlern in der Schweiz und im weltweiten alpinen Skisport. Mit seinem Weltmeistertitel 1970 und seinem darauf folgenden Olympia-Abfahrts-Sieg in Sapporo im Jahr 1972 wurde er in kürzester Zeit weltbekannt. 30 Jahre alt zog sich Bernhard Russi 1978 aus dem Spitzensport zurück und beschritt neue Wege. Der gelernte Hochbauzeichner plant seit Mitte der Achtzigerjahre im Auftrag der FIS (Fédération Internationale de Ski) Skipisten auf der ganzen Welt, ist als Co-Kommentator am TV tätig und wurde nebst vielem mehr Werbeträger für bekannte Firmen wie Subaru, Intersport, Visilab und Bogner. Die Schweizer Uhrenmarke ALFEX kreierte mit dem Namen Bernhard Russi sogar eine spezielle „Sportedition“! Zurzeit arbeitet er als „Pisten-Architekt“ an den Skipisten für die Olympischen Winterspiele in Sotschi im russischen Kaukasus und lernte dabei auch den ehemaligen russischen Präsidenten Vladimir Putin kennen. Bernhard Russi beantwortet im Gespräch mit Christian Düblin Fragen über die Voraussetzungen für das Bestehenkönnen im Spitzensport, den Umgang mit Siegen und Niederlagen, und von seinen Erfahrungen im Umgang mit Medien und der Öffentlichkeit. Im Sport sieht er Möglichkeiten, künftige Probleme in Bezug auf die Volksgesundheit besser in den Griff zu bekommen und er begreift den Sport als einzige Sprache, die völkerübergreifend von allen richtig verstanden wird.

Christian Düblin: Sehr geehrter Herr Russi, oft haben Eltern erfolgreicher Kinder wichtige Beiträge zum Erfolg ihrer Kinder geleistet. Was hatten Ihre Eltern für einen Einfluss auf Sie und Ihre Karriere und was haben sie Ihnen auf Ihrem Lebensweg mitgegeben?

Bernhard Russi: Wir hatten zuhause traditionelle und klar strukturierte Verhältnisse, wie das damals in der Gegend, in der ich aufwuchs, üblich war. Meine Mutter kümmerte sich um den Haushalt und sie lernte uns Anstand und Ordnung. Mein Vater hat uns Kindern die Arbeitswelt und die Natur näher gebracht. Er war selber ein sehr guter Sportler und somit mein erstes grosses Vorbild. Unsere Wohnung war mit zahlreichen Auszeichnungen und Medaillen bestückt, die er in der Sparte nordische Kombination gewann. Ich würde seine Erziehung heute als sportlich und philosophisch bezeichnen. Als Siebenjähriger fuhr ich mein erstes Rennen, das mit einem Massenstart anfing und welches ich als Erstklässler gewann. Mein Vater war in seiner Funktion als Skiclubpräsident am Ziel und verfolgte dieses Rennen. Als ich zuhause ankam und immer noch im Siegesrausch taumelte, kassierte ich von meinem Vater eine deftige Rüge, die ich bis heute nicht mehr vergessen habe. Er war sehr stolz auf meine Leistung, zeigte mir aber, dass er von meinem mangelnden Respekt meinen Gegnern gegenüber nicht viel hielt. Es könne jeder einmal der Schnellste sein. Das sei kein Grund, sich als besser zu betrachten als andere, meinte er und schloss damit, dass ich zuerst noch ein paar Rennen verlieren müsste, um das zu verstehen und die nötige Demut zu erlangen.

Aus dem Familienalbum. Mit freundlicher Genehmigung von Bernhard Russi.

Aus dem Familienalbum.
Mit freundlicher Genehmigung von Bernhard Russi.


Man erzählt sich, Ihr Vater habe Ihnen damals auch gesagt, Sie sollten wieder vom Siegespodest runterkommen, wenn Sie rauf gingen…

(Lacht) Ja, er sagte zu mir damals (WM 1970) ich müsste wieder vom Siegespodest runterkommen, wenn ich nachher mit ihm Abendessen gehen wollte. Das ist ein schönes Beispiel und Lehrstück, um zu zeigen, wie wichtig es ist, als guter Sportler schon in jungen Jahren gute und erfahrene Menschen um sich zu haben. Ich hatte das grosse Glück, nebst meinen Eltern weitere herausragende Menschen zu kennen, die mich ebenfalls sehr prägten. Meine Coaches, meine Trainer und auch Kollegen aus der Mannschaft haben mich vieles gelehrt, worüber ich heute sehr froh bin.

Sie gehören zu den prominentesten Menschen in der Schweiz, von denen man sagt, sie seien mit beiden Füssen auf dem Boden geblieben. Eine weitere solche Persönlichkeit ist sicher auch Roger Federer. Was hat Sie nebst Ihren Eltern und Ihrem Umfeld davor bewahrt, trotz Ihrer sowohl sportlichen als auch unternehmerischen Erfolge abzuheben?

Ich bin tatsächlich immer sehr bewusst auf dem Boden geblieben. Das habe ich nicht getan, weil ich das etwa als öffentlichkeitswirksam betrachtet hätte, sondern weil es meiner Natur als Mensch und meiner Einstellung dem Leben gegenüber entspricht. Ich hatte nie das Gefühl, ich sei der Beste. Wohl hatte ich aber immer wieder das Gefühl, dass ich ein Rennen gewinnen kann. 1972 beispielsweise wusste ich nach einem intensiven Training, dass ich an den Olympischen Spielen in Sapporo gewinnen könnte, wenn ich mein Bestes gebe. Ich war aber immer auch sehr realistisch eingestellt. Mir war klar, dass ein solcher Sieg auch nur eine Momentanaufnahme ist. Gewinnt jemand ein Skirennen, dann war er in den wenigen Minuten des Rennens der Beste. Wäre das Rennen später durchgeführt worden, wäre das möglicherweise schon nicht mehr der Fall. Das hat im Übrigen auch dazu geführt, dass ich schon bald angefangen habe mich nicht nur auf mich selber, sondern mich selber vor meinen eigenen Fahrten auf die Fehler meiner sportlichen Gegner zu konzentrieren und diese genau zu analysieren. Ohne die Fehler meiner sportlichen Gegner konnte ich nicht gewinnen. Diese Einstellung und Vorgehensweise hat Vor- und Nachteile: Vorteil ist, dass man dabei vor grausamen Abstürzen nach Niederlagen verschont wird. Nachteil ist, dass man diesen Siegesrausch nicht so erlebt, wie das andere tun. Dieses Gefühl des Rausches ist ein „Extremgefühl“ und es kann hilfreich sein, Seriengewinne zu erringen. Menschen, die so veranlagt sind, glauben, was ihnen ihr Umfeld einflösst. Sie riskieren aber, irgendwann den Sinn für die Realität zu verlieren. Davor habe ich mich selber geschützt.

Es braucht aber für einen Sieg trotzdem eine unerhörte Disziplin und selbst wenn man nicht Erster wird, müssen gewisse grundsätzliche Voraussetzungen wie Ehrgeiz, intensivstes Training und auch eine gewisse sportliche Prädisposition vorliegen. Wo denken Sie, haben Sie schliesslich diese Energie für Ihre Einstellung dem Leben und den Erfolgen gegenüber bekommen und genommen?

Es ist sicher Andermatt, ein Ort in den Bergen, der mich sehr geprägt hat. Das Aufwachsen in dieser Bergregion, umgeben von wilder Natur, und die Einstellung den Bergen und Tälern gegenüber führt alleine schon zu einer gewissen Härte und Disziplin, die man zweifelsohne aufweisen muss, um Spitzenresultate zu erzielen. Ich habe schon sehr fr
üh verstanden, dass man nicht nach ganz oben kommt, wenn man nicht mehr macht als die anderen. Ohne einen grösseren Einsatz, als ihn die Mehrheit leistet, kann man den „Olymp“ nicht erreichen. Ich habe oft Bergtouren unternommen und dabei auf den letzten Metern erfahren, wie es ist, nach langen Strapazen noch einmal sein Letztes und Bestes zu geben. Dafür muss man sich selber überwinden. Das sind Erfahrungen, die für mich sehr hilfreich waren. Das formt auch den eigenen Charakter. Schliesslich wusste ich, dass ich diese Bergregion und die Täler und Berge nur überwinden kann, wenn ich Bestresultate erzielen konnte.

Sie sprechen vom Überwinden der Bergregion, das ein grosser Ansporn war. Sie sind Andermatt ihr Leben lang sehr treu geblieben. War es aber das Gefühl, die Möglichkeit zu haben, dieser Region zu entfliehen, indem Sie erfolgreich sind?

Diese Sicht ist, soweit ich das heute überhaupt objektiv beurteilen kann, erst später entstanden. Wenn ich mich heute zurückerinnere, dann war es nicht mein primäres Ziel, die Bergregion zu verlassen. Das hatte für mich keine Priorität, denn ich fühlte mich glücklich in Andermatt und konnte mich ausleben. Jetzt im Nachhinein habe ich oft das Gefühl, als würde noch mehr dahinterstecken. Oft versteht man gewisse Mechanismen und Verhaltensweise erst im Nachhinein. Ich denke, dass es sich um einen natürlichen Instinkt des Menschen handelt, gewisse Grenzen, auch geographische, überschreiten zu können. Der Mensch will seine Talente möglichst gut nutzen und seine Grenzen erfahren. Er will irgendwo der Beste sein und sucht Anerkennung. Bei einigen ist dieser Wunsch stärker und bei anderen schwächer ausgebildet. Ich hatte oft das Verlangen, der Beste sein zu wollen. Heute weiss ich, dass das mit Anerkennung zu tun hat. Auch ich habe danach gelechzt, Anerkennung zu bekommen. Das hat mich sehr angespornt und mir den Weg auch nach draussen geebnet.

Sie haben sehr viel Anerkennung bekommen und gehören heute zu den bekanntesten Schweizern. Ihr Sieg 1972 ermöglichte Ihnen ein Sitz auf dem Sportolymp. Wie haben Sie diese Zeit heute in Erinnerung?

Siegfahrt an der Olympiade in Sapporo 1972: der Zielschuss. Mit  freundlicher Genehmigung von Bernhard Russi.

Siegfahrt an der Olympiade in Sapporo 1972: der Zielschuss.
Mit freundlicher Genehmigung von Bernhard Russi.


Ich war damals schon Weltmeister im Abfahrtskisport. Dieser erste Weltmeistertitel 1970 in Gröden kam auch für mich überraschend. Ich war damals noch nicht reif genug, was mich damals als Hochbauzeichner veranlasste zu sagen, dass ich nun doch einmal zuerst das Dach gebaut hätte und erst jetzt anfangen würde, das Fundament und den Rest zu bauen. Trotzdem war ich beim Antritt in Sapporo Weltranglistenerster und man hatte Erwartungen an mich. Der Sieg in Sapporo war für mich ein Arbeitssieg. Im Gegensatz zu meinem Weltmeistertitel in Gröden war alles durchgeplant und durchdacht. Der Skirennfahrer Edy Bruggmann sagte mir im Vorfeld von Sapporo, ich hätte das Zeug, um zu gewinnen, werde aber feststellen, dass ich am Morgen vor dem Rennen meine Zähne nicht mehr putzen könne. Es würde mir schlecht werden und ich würde nichts Aussergewöhnliches oder Unvorhergesehenes ertragen können, da die Anspannung vor so einem Spiel unglaublich gross sei. Ich habe mir deshalb seinen Hinweis zu Herzen genommen und Strategien entwickelt, um in einen Routineprozess zu kommen. Im Dezember vor den Spielen kaufte ich mir ein Buch und rechnete mir aus, wie viele Seiten ich jeden Tag lesen musste, so dass das Buch bis zum Vorabend des Rennens ausreichte. Ich wollte damit in einen Routineprozess kommen, der mich abends einschlafen liess. Ich konnte tatsächlich am Morgen des Rennens meine Zähne nicht putzen (lacht). Das war ein ganz aussergewöhnliches Gefühl, wie man es sonst im Leben nicht hat. Im Vorsommer bin ich immer nach Beendigung des Trainings noch einen Olympialauf gefahren. Nach dem Konditionstraining ging ich noch einmal trainieren. Technisch und physisch gesehen, war das nutzlos. Ich tat das aber trotzdem, weil ich mir vor dem Rennen in Sapporo selber eine Antwort auf die Frage geben wollte, warum ausgerechnet ich, Bernhard Russi aus Andermatt, diese Abfahrt gewinnen sollte. Ich wusste meine Antwort auf diese Frage: Ich hatte immer etwas mehr trainiert und investiert als die anderen. Das half mir, mich nicht so unter Druck zu setzen.

Olympiasieger Bernhard Russi mit Heini Messner und Roland  Collombin. Mit freundlicher Genehmigung von Bernhard Russi.

Olympiasieger Bernhard Russi mit Heini Messner und Roland Collombin.
Mit freundlicher Genehmigung von Bernhard Russi.


Sie hatten damals schon mit Adolf Ogi, dem späteren Bundesrat und UNO-Sonderberater für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden zusammengearbeitet. Was war sein Einfluss auf Sie und Ihre Karriere?

Adolf Ogi hat meine ganze Karriere begleitet und war immer ein Coach von mir. Zuerst war er mein Coach im C-Kader. Dort brachte er uns bei, dass alle 100% Leistung erbringen. Das würden alle tun. Wolle man der Beste sein, müsse man deshalb mehr als 100% leisten. Wir müssten Dinge tun, die wir uns selber anfänglich nicht erklären könnten, meinte er damals. Daraus entwickelte sich mein Wille, immer einen Lauf mehr zu machen und nach dem Training eben noch einmal zu trainieren. Er hat aber nie gesagt, dass man das tun müsse. Er wollte vielmehr, dass jeder selber herausfand, dass diese Einstellung Grundvoraussetzung für den Erfolg im Spitzensport sei. Er war es übrigens auch, der meinen Vater darin unterstütze, dass ich vor und während meiner Spitzensportkarriere unbedingt meine Lehre als Hochbauzeichner fertigmachen sollte. Bei den Vorbereitungen für die olympischen Spiele in Sapporo hat Adolf Ogi dann auch seine absolute Professionalität an den Tag gelegt.

Sie haben offenbar Lust und Freude, Risiken und Neues in Angriff zu nehmen. Sie kreieren Uhren, schaffen Golfplätze, moderieren am Fernsehen, schreiben Kolumnen, planen Skipisten und sind Werbeträger für diverse bekannte Firmen. Zudem spielen Sie Golf, Klavier, klettern auf Berge und sind als Unternehmer tätig. Was hält all das im Innersten zusammen?

Es gibt wohl nicht nur eine Antwort auf diese Frage (lacht). Es gibt den Treiber, mich in Projekte einzubringen und Ideen umsetzen zu wollen. Das ist heute mein Beruf als Planer von Skipisten auf der ganzen Welt, aber auch mein Job als Verwaltungsrat für eine Bekleidungs- und Modefirma. Das sind Tätigkeiten, die mich sehr erfüllen und bei denen ich sehr kreativ sein kann. Sport ist ebenfalls ein grosser Antrieb für mich. Ich spiele tatsächlich leidenschaftlich Golf und gehe oft auf Klettertouren. Dort reizt es mich, gewisse Grenzen zu erfahren. Schliesslich bin ich auch ein Werbeträger, der sich in der Öffentlichkeit bewegt. Ich setze mich sehr gerne mit Menschen auseinander und geniesse den Austausch mit anderen Menschen.

Sie gehören zu den wenigen Menschen, denen nach einer Sportkarriere auch weitere Karrieren gelungen sind. Sie sind in der Öffentlichkeit sehr bekannt und fast jeder Schweizer kennt Ihr Gesicht. Wie erklären Sie sich diesen Umstand?

Mir ist heute klar, dass die Schweiz zum Zeitpunkt, als ich meine ersten Siege verzeichnen konnte, ein skisportmässig gebeuteltes Land war. Die Österreicher und Franzosen waren uns damals überlegen und in der Schweiz wartete man auf Siegerinnen und Sieger aus der Schweiz. Das war auch die Zeit, als die Fernsehübertragungen von Skirennen fulminant zunahmen. Sie erinnern sich, dass damals, wenn kein Skirennen ausgestrahlt wurde, das Testbild auf dem Fernseher erschien. Das waren noch ganz andere Zeiten. Ich rutschte als junger Sportler genau in diese Phase der Faszination für Direktübertragungen rein und mein Bekanntheitsgrad wurde deshalb auch sehr gross. Darum kennen mich aus dieser Zeit auch noch alle Menschen. Dazu kam, dass man ein Idol haben wollte, das sportlich sehr gut, aber auch zurückhaltend und anständig war. Das waren sehr schweizerische Ansprüche, die ich erfüllen konnte, ohne mich selber verstellen zu müssen. Später hatte ich immer wieder in der Öffentlichkeit Auftritte bis hin zu Fernsehshows, die ich aber alle nicht geplant hatte. Ich rutschte in einem gewissen Sinne einfach in diese Welt hinein und machte das Beste daraus.

Nicht selten passiert es, dass junge Talente von den Medien missbraucht werden und die Höhen und Tiefen der Medienwelt zu spüren bekommen. Sie haben in Sachen Öffentlichkeitsarbeit sehr viel mitbekommen und viel gelernt. Was raten Sie heute jungen Nachwuchssportlern im Umgang mit den Medien?

Diese Menschen müssen ein professionelles Verständnis der Medienwelt haben. Das ist eine Grundvoraussetzung, um gut mit ihnen arbeiten zu können. Dazu gehört zu verstehen, dass man sich gegenseitig braucht. Die jungen Sportler und die Medien sind aufeinander angewiesen. Sie beleben sich. Man soll sich aber nicht verschenken und gerade in der Schweiz tut man gut daran, etwas zurückhaltend zu sein. Die Schweiz ist sehr klein und wenn man Aussagen nicht dosiert, dann sind sie schon zuviel. Jede Aussage ist eigentlich schon zuviel. Deshalb rate ich jungen Sportlern, sich über die Mechanismen der Medien und ihre eigenen Rollen, die sie in den Medien spielen wollen, frühzeitig Gedanken zu machen.

Alle Menschen, die auf die „Bühne“ gehen wollen und Spitzenresultate anstreben, wollen im Fokus der Zuschauer stehen. Sie suchen alle nach Anerkennung. Ich bin dem Sportler oder Star, der das nicht möchte, noch nicht begegnet. Wenn sich eine solche Person dann beklagt, er habe kein Privatleben mehr, dann ist das nicht ganz aufrichtig, denn diese Person hat mit ihren Erfolgen diesen Fokus der Zuschauer und damit auch der Medien gewollt und auf sich gezogen. Es fragt sich dann einfach, wie man damit umgehen soll. Die vielen Fans, die in der Zielgeraden oder auch in einem Fussballstadion sitzen, lieben ihre Idole. Sie lieben die sportliche Leistung, aber oft auch die Ausstrahlung dieser Menschen. Darum haben sie auch ein gewisses Anrecht, etwas über diese Person zu erfahren.

Diese jungen Menschen müssen sich oft auch, und wollen sich oft auch, vermarkten. Was haben Sie in Ihrem Leben in Bezug auf das „Sichvermarkten“ festgestellt und wo sehen Sie selber Grenzen bei der Vermarktung von sich selbst?

Für mich war es immer wichtig, dass ich authentisch bleiben konnte und ich mich für etwas einsetzte und hingab, was auch logisch war. Was soll Bernhard Russi mit einem Waschmittel? Das wäre möglich gewesen, hätte mir aber keine Freude bereitet, da es mit mir selber weder sportlich noch technisch gesehen zu tun hat. Für mich war die Anfrage für ein Unternehmen der Zigarettenindustrie ein Thema, das mich bis heute beschäftigt. Für diesen mir angebotenen Werbeauftrag hätte ich ein X-faches von dem verdient, was ich heute für andere Werbeaufträge und andere Tätigkeiten bekomme. Man sah mich in der Rolle des Sportlers, der sich zwar für einen Nichtraucher ausgab, dabei aber betonte, dass, wenn man schon rauchen würde, doch diese eine Marke bevorzugen sollte. Mir war klar, dass diese Aufgabe nicht funktioniert hätte, denn man muss für das, wofür man wirbt, auch wirklich einstehen und authentisch bleiben können. Dieses Werbe-Projekt hätte sich für mich, aber auch für das Zigarettenunternehmen, negativ ausgewirkt. Ich sagte das Angebot deshalb auch ab und bin heute sehr froh über diesen Entscheid. Für mich war es immer wichtig, dass solche Werbetätigkeiten nachhaltig und langfristig angelegt sind. Werbeaufträge müssen, damit sie auch tragen und ihre Wirkung erzielen, mehrere Jahre laufen. Auch darüber muss man sich Gedanken machen, wenn es um die Auswahl von Werbeauftritten geht. Man tut im Übrigen gut daran, die Gier nach Geld runterzuschrauben.

Wenn ich richtig rechne, dann machen Sie seit rund 32 Jahren für Subaru Werbung.

Das ist richtig und diese Aufgabe zeigt, dass sich ein nachhaltiges und langfristiges Denken ausbezahlt - sowohl für mich als auch für das Unternehmen Subaru.

Es fällt auf, dass Sie als bekannte Persönlichkeit keine politischen Aussagen machen. Mir ist nicht bekannt, dass Sie sich zu irgendeinem Zeitpunkt über politische Geschehnisse geäussert hätten. Sind Sie kein politischer Mensch oder haben Sie schlicht kein Bedürfnis, Ihre Meinung kundzutun?

Das ist ein sehr interessanter Aspekt des Lebens in der Öffentlichkeit, den Sie hier anschneiden. Ich stehe in der Öffentlichkeit und frage mich natürlich auch immer wieder, was der Grund dafür ist. Es ist in erster Linie der Sport, der mir eine Fläche in der Öffentlichkeit bietet. Die Menschen, die mir zuhören, interessiert, was ich zu sportlichen Ereignissen zu sagen habe oder warum ich eine Skipiste so und nicht anders konzipiert habe. Wenn ich aus dieser Funktion heraus plötzlich anfange, politische Aussagen zu machen, die ich natürlich als politisch denkender Mensch machen könnte, mische ich plötzlich in Angelegenheiten mit, die von mir als Sportler, Moderator oder Architekt von Skipisten nicht erwartet und nicht gewünscht werden. Ich würde mich plötzlich auf einem Terrain bewegen müssen, auf dem ich kein Spezialist mehr bin. Das wäre meinen Fans und meinen Zuhörern gegenüber nicht fair. Ich würde mich aber als Stammtischpolitiker bezeichnen und spreche in meinem Kollegen- und Freundeskreis sehr oft über Politik. Ich habe mich im Übrigen einmal für ein politisches Statement hinreissen lassen. Es ging um eine Initiative über Jugendliche und Drogen. Egal, ob das eine gute Initiative oder Sache war oder nicht, ich habe erlebt, wie ich plötzlich als Aushängeschild zu einem Thema in der Öffentlichkeit Aussagen hätte machen müssen, für das mir auch das Spezialwissen gefehlt hat. Daraus habe ich meine Lehren gezogen.

Mir fällt auf, dass Sie beim Rennen fahren aber auch in Ihrem Leben als Architekt von Pisten nicht nur rein sportliche Ziele verfolgen. Es geht auch um Ästhetik. Beim Planen von Skipisten haben Sie selber schon gesagt, sei es nicht nur wichtig, dass man sehr schnell fahren könne. Das könne jeder. Es müsse auch darum gehen, wie man fahre und es bedürfe Vielseitigkeit in einer Abfahrt. Woher kommt dieses ästhetische Element, das Ihnen offensichtlich bis zur Kreation von Uhren und Sportmode sehr wichtig ist? Hat Sie diesbezüglich Ihre Mutter, die als Schneiderin tätig war, inspiriert?

Mich fasziniert das immer wieder an Interviews. Ich habe oft den Eindruck, nach einem Gespräch wieder gelernt zu haben. Darum stelle ich mich auch immer wieder interessanten Fragen (lacht). Ich glaube, ich habe mich das so noch gar nie gefragt. Aber Sie haben Recht. Bei der Kreation und Planung von Skipisten ist es mir ein grosses Anliegen, diese in die Natur und die Berge einzubauen. Ich sehe beispielsweise die Berge Eiger, Mönch und Jungfrau und dann die Lauberhornschulter, die engen Passagen und die schnellen Abfahrten. Auch das Spiel mit Schatten und Sonne fasziniert mich. Oft habe ich das Gefühl, als würde ich an einem Bühnenbild arbeiten. Dazu kommt noch die Bewegung der Sportlerinnen und Sportler. Ich stelle mir vor, wie sich deren Bewegungen in diese Natur und Bergwelt einfügen. Dort liegt für mich mein ästhetischer Schwerpunkt.

Noch immer schnell unterwegs... Mit freundlicher Genehmigung von Bernhard Russi.

Noch immer schnell unterwegs...
Mit freundlicher Genehmigung von Bernhard Russi.


Springt ein Skisportler, ist das der Moment, in dem man „Stile“ erkennen kann. Diese Sprünge schaue ich mir immer ganz genau an. Der Skifahrer hat dann keinen Bodenkontakt, es rüttelt nichts und er schwebt frei über dem Schnee. Das fasziniert mich unglaublich. Man hat mir immer nachgesagt, ich hätte bei meinen Sprüngen immer eine perfekte und „gestilte“ Position. Das ist richtig und das kommt daher, dass ich mir bei jedem meiner Sprünge auch immer über die Ästhetik Gedanken gemacht habe. Ein Mentor sagte mir einmal, ich solle immer so springen, als würde ein Fotograf neben mir stehen. Dieser Gedanke hat sich in meinem Kopf fest verankert und veranlasste mich, die Sprünge immer ganz bewusst schön zu springen.

Sie arbeiten zurzeit auch in Sotschi an einer Piste. Können Sie uns sagen, was dort zurzeit läuft und was uns im Jahr 2014 erwarten wird?

Es wird bis kurz vor den Spielen zu grosser Nervosität und Anspannung kommen. Das ist bei all diesen Grossanlässen üblich. In Russland wird diese Nervosität etwas grösser sein. Es werden viele Dinge nicht so gemacht wie bei uns. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen. Hat man den richtigen Anfang aber einmal gefunden und hat man sich das Vertrauen verdient, dann erbringen die beteiligten Menschen allergrösste Leistungen. Ich glaube, dass diese Spiele 2014 „militärisch“ perfekt durchgeführt werden. Es wird im einen oder anderen Projekt nötig sein, Vollprofis aus dem Ausland zu rekrutieren. Der Zuschauer wird das aber nicht merken. Im alpinen Bereich, mit dem ich beschäftigt bin, bin ich sehr zuversichtlich. Die Pisten sind bereits fertig und fahrbereit. Wir haben sie letzten März bereits einmal ausgeflaggt. Es handelt sich um ein wunderschönes Gebiet. Diese Ausläufer des Westkaukasus sind ein richtiges Naturwunder. In den nächsten drei Jahren braucht es aber noch viel Manpower und einiges an Know-how.

Sie hatten auch mit dem ehemaligen Präsidenten von Russland, Vladimir Putin, zu tun. Wie haben Sie diese Treffen empfunden?

Wir haben uns im Vorfeld der Vorbereitungen zwei Mal getroffen. Sein Ziel ist es, über die Spiele hinaus ein Skigebiet zu schaffen, das international Beachtung findet. Es geht also um ein sehr nachhaltiges Unterfangen. Man will reichen und sportlichen russischen Menschen in Bezug auf den Wintersport auch im eigenen Land etwas bieten können. Die Begegnung mit Vladimir Putin war sehr erfreulich. Er spricht perfekt Deutsch und ist ein ausgwiesener Sportfan. Er war sehr offen und ich habe diese Gespräche in bester Erinnerung. Wir hatten die Möglichkeit, auch sehr kritische Fragen zu stellen und diese hatte er alle auch mit einer grossen Offenheit beantwortet.

Was wünschen Sie sich für sich selber, für Ihre Familie und den Schweizer Sport für die Zukunft?

Für mich und meine Familie wünsche ich mir gute Gesundheit.

Für die Schweiz als Land im Zusammengang mit Sport würde ich mir wünschen, dass der Sport eine viel grössere Bedeutung bekommen wird. Ich spreche nicht nur vom Spitzensport, sondern vom Sport ganz allgemein. Das Thema Gesundheit wird in den nächsten Jahren noch viel grössere Dimensionen annehmen als heute. Denken Sie an die stets steigenden Kosten im Gesundheitssektor und an die vielen Menschen, die älter werden und mobil sein möchten. Wollen wir zufrieden und glücklich sein, dann müssen wir uns in einer Zeit, in der beispielsweise Kinder mit dem Bus und mit dem Auto zur Schule gefahren werden und sich viel weniger bewegen, gewisse Massnahmen überlegen. Gesundheit und Bewegung müssen künstlich in den Tagesablauf der Menschen eingebettet werden. Konkret heisst das für mich, dass in einer Schule jeden Tag Sport betrieben werden muss und Sport ein Hauptfach wird. Schliesslich ist Sport wohl nebst der Musik die einzige Möglichkeit der Menschen, nachhaltig und völkerverbindend tätig zu sein. Sport ist eine Sprache, die alle verstehen und die nicht zu Missverständnissen führt. In Bezug auf die Politik, die dazu nötig wäre, bin ich aber eher skeptisch. Ich erkenne zurzeit nur wenige Politiker, die sich für den Sport vehement einsetzen, was ich persönlich sehr bedaure. Nur ein Tropfen auf den heissen Stein, wie das heute der Fall ist, reicht in dieser Sache leider nicht aus.

Sehr geehrter Herr Russi, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen und Ihrer Familie weiterhin alles Gute und viel Freude bei Ihren diversen Projekten und Tätigkeiten!


 

(C) 2010 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

______________________________
Links
- Homepage von Bernhard Russi

- Bernhard Russi auf Wikipedia


Wollen Sie das nächste Interview nicht verpassen? Newsletter abonnieren

Eddie Murphy...

Richard Clayderman...

Richard Clayderman...

Charlie Chaplin...

Jon Lord...

Procure.ch

btools.ch

MAW Interim Management

Czwalina Consulting

Dennis Hopper...

Chi Coltrane...

Erich von Däniken...

Echoes of Swing

Dennis Hopper...