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Monatsinterview März: Hazy Osterwald

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Hazy Osterwald (c) Hazy OsterwaldHazy Osterwald, 1922 (mit richtigem Namen Rolf Erich Osterwalder), fing bereits mit 8 Jahren mit Klavierspielen an, einem Instrument jedoch, das ihm anfänglich nicht behagte. Den Spuren seines Vaters folgend, der ein bekannter Fussballer in Bern war, interessierte er sich mehr für den Sport als für die Musik, die ihn später weltberühmt machen sollte. Als er während seiner Gymnasialzeit in Bern eine Schüler-Band hörte, die Jazz spielte, sprang der Funken, der ihn niemals mehr verliess, auf ihn über. Bald schon war er der Leader der Band, arbeitete als Arrangeur, Pianist und später auch als Trompeter für Fred Böhler, lernte Teddy Stauffer (später auch „Mr. Acapulco“ genannt) kennen, gründete sein eigenes erstes Orchester und bildete sich selber zu einem exzellenten Vibraphonisten aus. Der Grundstein für seine späteren Erfolge war damit gelegt. Er wurde zu einem Star. In vielen Filmen und Shows trat er auf, arbeitete mit Menschen wie Peter Alexander, Joachim Kuhlenkampf, Peter Frankenfeld und lernte die grössten Musiker auf der Welt persönlich kennen. Im Interview mit Christian Dueblin spricht Hazy Osterwald über die Anfänge seiner Karriere, über seine Liebe zum Jazz und erzählt über die Entwicklungen in der Musik während und nach dem Zweiten Weltkrieg.

Christian Dueblin: Herr Osterwald, es brauchte etwas Zeit, bis Sie sich leidenschaftlich der Musik widmeten. Die ersten Jahre als Klavierschüler bereiteten Ihnen keine grosse Freude. Wie muss man das, in Anbetracht dessen, dass Sie später zu einem der berühmtesten und auch legendärsten Musiker geworden sind, erklären?

Hazy Osterwald: Meine Mutter hatte den Wunsch, dass ich ein klassisch ausgebildeter Pianist würde. Mit 8 Jahren bekam ich meinen ersten Klavierunterricht. Mein Vater war internationaler Fussballer und meine Begeisterung für diesen Sport war ebenfalls sehr gross, grösser auf alle Fälle als für das Klavierspielen. Meine Klavierstunden bei Fräulein Piel – sie hatte den Auftrag, mir die Tasten näher zu bringen - waren deshalb nicht sehr erfolgreich. Mit 11 Jahren sprach Fräulein Piel mit meiner Mutter und meinte, sie habe alles probiert, aber ich hätte keine Freude am Klavierspielen. Ein weiterer Unterricht würde somit keinen Sinn machen. Ich spielte tatsächlich nur meiner Mutter zu Liebe. So erging es übrigens auch meiner verstorbenen Schwester.

Was löste in Ihnen die Begeisterung für die Musik schliesslich aus?

Ich ging in Bern ans Gymnasium und hörte eines Tages ein kleines Orchester spielen. Ich war damals vielleicht 14 Jahre alt. Die Musik gefiel mir sehr gut. Die jungen Musiker spielten einige Jazz-Nummern. Das Orchester umfasste aber nur ein Akkordeon, ein Saxophon sowie eine Trompete, ein Schlagzeug und eine Gitarre. Ich bewarb mich als Pianist bei der Musik-Gruppe und wurde bald darauf für eine Probe eingeladen. Man sagte mir jedoch nach der Probe, dass mein Klavierspiel nicht genügen würde, gab mir aber die Gelegenheit, noch einmal vier Monaten zu üben, um mich dann erneut auf den Tasten zu präsentieren. Ich ging sofort nach Hause und übte stunden- und tagelang. Mir war klar, dass der Jazz meine Musik war. Der „Jazz-Virus“ hatte mich infiziert.

Der Trompeter in diesem Orchester, er hiess Haldemann, hatte einen älteren Bruder, der in England studierte und von dort die neusten Platten aus den USA und England in die Schweiz brachte. Es waren Jazz-Platten, die mich enorm begeisterten und inspirierten. Es handelte sich um die neusten Hits, die langsam auch in der Schweiz landeten. Ich lernte beim Hören dieser Platten die Harmonien der Lieder und fing an, diese auf Blatt zu schreiben. Ich machte in kürzesteter Zeit grosse Fortschritte. Der besagte Bruder lud mich zu sich nach Hause ein und zeigte mir Kniffs und Tricks auf dem Klavier und er half mir anfänglich auch beim Schreiben der Noten. Ich liess mich überall inspirieren und sog alles auf, was ich hörte.

Ihre Mutter war wohl sehr überrascht von Ihrem plötzlichen Fleiss am lange vernachlässigten Klavier…

(Lacht) Ich habe meine ganze Umgebung mit meinem Üben auf dem Klavier verrückt gemacht. Das war sich in meiner Familie und im Haus niemand gewohnt. Ich war sehr motiviert, zumal es noch einen Konkurrenten gab, der ebenfalls ein zweites Mal vorspielen durfte. Nach vier Monaten spielte ich wieder vor und das Orchester entschied sich für mich. Nach einem Jahr war ich bereits der Leader des Orchesters. Am Gymnasium-Ball bekamen wir die Möglichkeit, vor den Schülern aufzutreten. Nach dem Konzert musste ich beim Rektor, er hiess Burri, antreten. Er machte mich darauf aufmerksam, dass es am Gymnasium verboten sei, gegen ein Entgelt zu spielen und mit der Musik Geschäfte zu machen, sprich Geld zu verdienen. Ich versuchte ihm zu erklären, dass wir nicht gegen Geld gespielt, sondern für eine neue Bassgeige gesammelt hätten, die wir unbedingt haben mussten. Das nützte aber alles nichts. Er sagte mir, dass, wenn ich wiederum für Geld spielen würde, ich von der Schule verwiesen würde. Das meinte er ernst und die „Message“ kam bei mir natürlich an. Ich hatte Angst, gegen Geld zu spielen. Das war wohl im Jahr 1938. Ich sagte mir selber aber, dass mir der Rektor das Schreiben von Musik, also das Schreiben von Arrangements, nicht verbieten könne und suchte Fred Böhler auf, der damals neben Teddy Stauffer der bekannteste Bandleader in der Schweiz war.

Wie kam es zu diesem ersten Kontakt mit dem schon damals legendären Fred Böhler und seinem Orchester?

Es gab in Bern damals das „Chikito“, ein bekannter Nachtclub, in dem viel musiziert wurde und in dem viele Grössen aus der Jazz- und Unterhaltungsmusik auftraten. Ich fragte Fred Böhler anlässlich eines Auftritts im Chikito, ob ich für ihn ein Arrangement schreiben dürfte. Ich schrieb in der Folge das Arrangement für den Jazz-Standard „Rosetta“ und brachte es ihm als Referenz. Die Musiker waren von meinem amateurhaften Arrangement begeistert. Fred Böhler sagte mir, ich dürfte weiterschreiben und gab mir von da an immer 5 Franken pro Arrangement, womit einige meiner finanziellen Sorgen gelöst waren. Ich begriff damals aber, dass das Klavier ein undankbares Instrument war, denn es gab noch keine qualitativ hochstehenden und beweglichen Flügel wie heute und man schaute beim Spielen auf dem Klavier immer an die Wand, mit dem Rücken zum Publikum. Ich kaufte mir deshalb eine Trompete. Sie kostete mich damals 20 Franken und ich fing an, auch autodidaktisch Trompete zu lernen.

Black Clan Orchestra im Alhambra in Bern. (c) Hazy Osterwald. Mit freundlicher Genehmigung von Hazy Osterwald.
Black Clan Orchestra im Alhambra in Bern.
Rudy Kästli, Eddie Haldemann, Paul de Wyss, Hazy Osterwald, Gerry Schoenwald.

Man sagte mir immer, ich würde gut Klavier spielen. Ich spielte in Vorstadt-Bands von Bern, musste mir aber als Schüler, vor allem nach der Rüge meines Rektors, einen Schnauz ankleben, damit man mich nicht erkannte (lacht). Irgendwann fragte mich Fred Böhler, ob ich neben dem Arrangements schreiben auch als Pianist bei ihm arbeiten wolle. Er wolle ein grösseres Orchester zusammenstellen. Er hatte 9 Musiker in seiner Band, spielte selber Klavier und brauchte einen Pianisten, damit er selber als Pianist auch Pausen einlegen konnte. Die anderen Musiker wechselten sich in den Pausen immer ab. Man spielte damals mehrere Stunden pro Tag. Ich war von dieser Anfrage natürlich begeistert, sagte ihm aber, dass ich die Matura machen müsse. Mein Vater drohte mir, dass er mich in eine Fabrik stecken würde, würde ich die Prüfungen nicht bestehen. Kurz vor der Matura sandte er mich aufs Land zu einem Freund, der ein Restaurant hatte, in dem auch ein Klavier stand. Er sagte mir, ich solle mich dort auf die Prüfungen vorbereiten und erst dann Klavier spielen, wenn ich meine Hausaufgaben gemacht hätte. Ich folgte diesem Rat und bestand die Matura-Prüfungen. Der Rektor sagte bei der Übergabe des Diploms vor der versammelten Schülerschaft: „Osterwalder hat Glück gehabt!“ (Lacht).

Was haben Sie nach der Matura gemacht?

1941 bekam ich mein Zeugnis für die bestandene Matura-Prüfung. Das Diplom wurde mir morgens um 11:00 Uhr überreicht. An demselben Tag um 16:00 Uhr war ein Auftritt mit Fred Böhler und seinem Orchester in Lausanne geplant. Ich fuhr direkt nach Lausanne und spielte als Pausenpianist und als Trompeter.

Sie haben in einem wahnsinnigen Tempo ein neues Instrument gelernt und waren so gut, dass Sie im besten Orchester in der Schweiz mitspielen konnten!? Wie haben Sie das gemacht?

(Lacht) Ganz so gut war ich auf der Trompete noch nicht. Der erste Trompeter im Orchester sagte mir damals: „Osterwald, Du spielst katastrophal!“ Fred Böhler war aber von meinem Klavierspiel und meinem Einsatz für das Orchester und die Musik angetan und wollte mich auf alle Fälle behalten. Wir spielten nächtelang. Wir spielten auch am Nachmittag und die Menschen tanzten zu unserer Musik. Dann stand die Rekrutenschule an und ich musste während dem Krieg nach Dübendorf einrücken. Die Rekrutenschule war sehr hart, zumal Krieg herrschte. Die deutsche Armee war ein Vorbild für Disziplin und militärischen Gehorsam in der Schweizer Armee. Es gelang mir aber in der Folge immer wieder, als Musiker zu spielen und die Armee zu verlassen, dann musste ich wieder ins Militär zurück.

Wir hatten in der Rekrutenschule am Sonntag immer Ausgang. Oft gingen wir Teddy Stauffer nach Zürich hören. Er war mit seinem Orchester aufgrund des Krieges in der Schweiz geblieben. Nach der Rekrutenschule ging ich noch einmal zu Fred Böhler in die Band. Er konnte mich aber nicht halten, da ich immer wieder Militärdienst leisten musste.

Im Jahr 1944 wollte ich mein eigens Orchester gründen. Meine Pläne waren schon weit fortgeschritten. Ich wurde aber gleichzeitig vom Militär eingezogen und wusste, dass ich nie mehr ein Orchester machen würde, wenn ich alles bereits Geplante wieder hätte absagen müssen. Ich war am Boden zerstört. Ich spielte damals noch mit den Teddies und ging durch die Bahnhofstrasse in Zürich, als ich ein Schild eines Orthopädie-Arztes sah. Ich überlegte und ging kurz darauf in die Praxis. Ein Arzt in Militärkleidung öffnete die Türe und bat mich herein. Ich erklärte ihm, ich hätte Probleme mit meinen Plattfüssen. Er untersuchte mich und schrieb mir ein Zeugnis. Mit diesem Zeugnis ging ich vor eine militärische Untersuchungskommission und wurde dem Hilfsdienst zugesprochen. Das war meine musikalische Rettung (lacht).

Teddy Stauffer war damals weit über die Schweizer Grenzen schon sehr bekannt. Er heiratete später die Schauspielerin Hedy Lamarr und war auch mit Rita Hayworth liiert. Wie kam es zur Begegnung mit dieser Musik- und Orchester-Legende?

Während meiner Zeit am Gymnasium kam Teddy Stauffer für einen Auftritt nach Bern. Ich war davon begeistert. In Deutschland waren die meisten und besten Kappellmeister Juden und wurden damals verfolgt und später umgebracht. Es waren vom Regime Arier gefragt. Teddy Stauffer war ein grosser blonder Mann, der Inbegriff eines Nichtjuden. Er wurde deshalb nach Berlin gerufen, wo er eine Big Band gründete und mehrere Jahre spielte. Er war aber kein Nazi-Freund. Er kam 1939 aufgrund der Landesausstellung nach Zürich und ich setzte mich von meinen Mitschülern ab und suchte ihn beim „Thé Dansant-Spielen“ auf. Jede Gymnasialklasse durfte die Landesausstellung besuchen. Ich stellte mich bei Teddy Stauffer als Musiker und Berner vor. Wir sprachen lange miteinander und er brachte mich zu seinen Musikern - alles Profis mit viel Erfahrung. Auch während der Rekrutenschule konnte ich ihn immer wieder hören gehen. Er war es, der mich inspirierte, auch Trompete zu lernen. Das sei ein begehrtes Instrument und auf diesem Instrument gäbe es immer Arbeit. Als ich damals aber bei den „Teddies“ einstieg, war Teddy Stauffer schon in den USA. Er hatte Freude an meinem Talent und meiner Begeisterung und war für mich eine Art Mentor. Als ich viele Jahre später in die USA ging, besuchte ich ihn in Mexiko. Er liess sich in Acapulco nieder. Ich besuchte ihn insgesamt sechs Mal.

Teddy Stauffer und Hazy Osterwald (c) Hazy Osterwald. Mit freundlicher Genehmigung von Hazy Osterwald.
Teddy Stauffer und Hazy Osterwald

Später gründete ich ein eigenes Orchester. Colonel Eugen Tripet, ein hoher Militär, war der Eigentümer des Chikito in Bern. Ich suchte ihn auf und fragte ihn, ob er mir eine Chance im Chikito geben würde. Ich erklärte ihm, dass ich selber ein Orchester gründen wollte, aber ein Engagement brauchen würde, um den Plan in die Tat umzusetzen. Er schaute mich etwas komisch an und war skeptisch. Sein Schwager und seine Frau aber fanden meine Idee gut und ich bekam ein Engagement im Chikito mit meinem eigenen im Jahr 1944 gegründeten Orchester. Das Orchester war 9 Mann stark. Die Bühne war am ersten Abend voller Blumen. Sie waren für mich und unsere Sängerin. Das war eine wunderbare Zeit, an die ich gerne zurückdenke. Der Jazz war sehr populär und Eugen Tripet war sehr zufrieden, denn der Nachtclub war immer voll.

Die Sängerin war Kitty Ramon, eine damals bekannte Künstlerin in der Schweizer Musik-Szene. Sie kam aus den Niederlanden.

Sie arbeitete im Krieg für Fred Böhler im Orchester. Ich fragte sie, ob sie bei mir singen wolle. Sie kannte damals noch nicht so viele Leute und fing bei mir an. Später durfte sie im Chikito nicht mehr auftreten. Tripet warnte sie, sie dürfe nicht immer mit den amerikanischen Soldaten zusammen sein,
die auf Urlaub in die Bar des Chikito kamen.

Hazy Osterwald und Kitty Ramon im Chikito in Bern, 1944. (c) Hazy Osterwald. Mit freundlicher Genehmigung von Hazy Osterwald.
Hazy Osterwald und Kitty Ramon im Chikito in Bern, 1944.
Kitty Ramon war ein etwas schwieriger Charakter. Sie sang immer nur kurz und setzte sich dann an den Tisch der Amerikaner, was Tripet erzürnte. Sie hörte nicht auf ihn und Colonel Tripet warf sie raus. Ich musste das akzeptieren und wollte bleiben. Eine andere Stellung als Musiker hatte ich nicht. Ich arbeitete später mit einer griechischen Sängerin zusammen. Sie hiess Kay Linn. Sie wohnte während des Krieges in der Schweiz. In dieser Zeit wurde ich schnell bekannt. Meine Band hiess „Hazy Osterwald Orchestra“.


Das war aber auch eine schwierige Zeit. Viele Musiker aus den bekannten Orchestern mussten im Krieg die Schweiz verlassen oder wollten zurück zu ihren Familien. Viele Bands fielen auseinander.

Das ist richtig. Viele Musiker wollten nach Hause; andere mussten das Land verlassen und wieder andere durften in der Schweiz bleiben. Es kam aufgrund dieser Umstände zu einem grossen Vakuum von Musikern in der Schweiz. Die Schweizer Musiker profitierten von dieser Tatsache, denn plötzlich taten sich überall Einsatzmöglichkeiten für Schweizer Musiker auf.

Ein wichtiger Musiker, der damals in der Schweiz bleiben konnte, war Ernst Höllerhagen. Er galt schon damals als überaus talentiert. Man erzählt sich, er habe sich in Deutschland bei einem Gestapo-Offizier, der die Jazz-Musik untersagen wollte, mit „Heil Benny Goodman“ verabschiedet.

Ernst Höllerhagen. (c) Hazy Osterwald. Mit freundlicher Genehmigung von Hazy OsterwaldDas war nicht ganz so. Höllerhagen war tatsächlich einer der besten Musiker, die es damals gab. Durch die Nazis wurde der Jazz verpönt und als entartet erklärt. Höllerhagen war im Orchester von Teddy Stauffer, den „Original Teddies“, und kam mit ihm aus Deutschland in die Schweiz. Er blieb hier in der Schweiz, im Gegensatz zu vielen Musikern aus dem Orchester, die im Krieg nach Hause gingen. Er hatte eine Freundin in England, die er immer besuchte. Nun zu Ihrer Anekdote: Die Musiker, die in Deutschland zu dieser Zeit spielten, machten sich über die Nazis gerne lustig. Ich weiss nur, dass sie immer wieder mit erhobener Hand „Drei Liter“ riefen anstatt „Heil Hitler“ (lacht). Die Anekdote mit dem „Heil Benny Goodman“ hat er mir nie erzählt. Er wurde aber aufgrund eines ähnlichen Scherzes für einige Tage in Haft gesetzt. Er war lange Musiker in meinem Orchester und wir waren sehr gut befreundet. Er hatte eine Lähmung am Kopf und konnte zeitweise nicht mehr Klarinette spielen. Er spielte in dieser Zeit sehr viel Geige. Nur wenige Menschen wussten von dieser weiteren Leidenschaft von Höllerhagen. Ich hatte ihn als Musiker bewundert und wir waren zusammen in ganz Europa unterwegs. Als wir in Kopenhagen spielten, kam Benny Goodman plötzlich mit seiner Band in unser Lokal, wo wir gerade spielten. Ihr Interview-Partner Dick Hyman war auch mit dabei; ich begegnete diesem hervorragenden Pianisten dort das erste Mal. Höllerhagen war mit uns auf der Bühne und musizierte wie immer grossartig. Benny Goodman drehte seinen eigenen Leuten und seinem Tisch die ganze Zeit den Rücken zu und hörte aufmerksam unser Konzert, das ihm offenbar sehr gefiel. Er kam zu uns und sagte zu Höllerhagen, dass er in Europa noch nie einen solch talentierten Klarinettisten gehört habe und gratulierte ihm. Das war ein ungeheures Kompliment, nicht nur für Höllerhagen, sondern auch für mich und das ganze Orchester.

Die Lähmungserscheinung wurde irgendwann besser, sie kam aber einige Zeit später wieder und Höllerhagen nahm sich 1956 in der Schweiz in Interlaken im Hotelzimmer das Leben. Der Suizid hatte direkt mit seiner Krankheit zu tun. Man munkelte, er habe sich aufgrund eines Mädchens umgebracht. Daran glaube ich aber nicht. Ich wüsste nicht, wer das gewesen sein soll.

Wer hatte Sie damals inspiriert? Hatten Sie Idole, die Sie verehrten und schätzten?

Ich war so jung und kannte noch nicht viel. Stride Piano, wie Sie es spielen, war damals für uns schon sehr altmodisch. Ich bewunderte Benny Goodman und Lionel Hampton. Sein Vibraphon-Spiel fand ich grossartig. Fred Böhler hatte einen erstklassigen Klarinettisten und Saxophonisten. Er hiess Glyn Paque. Er war ein Schwarzer, der 1939 in die Schweiz kam. Er hat mich immer wieder gefragt, ob ich nicht Vibraphon spielen wolle, was ich dann schliesslich auch tat. Es kam die Zeit als ich mein Orchester auf 12 Mann vergrösserte. Ich konnte aber aufgrund des Krieges nicht ins Ausland. Nach dem Krieg gab es kein Land, das ein Jazz-Orchester hätte engagieren und bezahlen können. So war ich gezwungen, zwischen Genf, Zürich, Bern und Basel zu reisen und dort zu spielen.

Das waren die Zeiten des Moulin Rouge in Genf, des Odeon in Basel und des Chikito in Bern, um nur einige Beispiele von Trend-Orten zu nennen. Sie gingen später nach der schwierigen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland und wurden dort mit den Jahren zu gefeierten Stars. Was waren die Gründe, damals nach Deutschland zu gehen?

Hazy Osterwald mit seiner Big Band im Moulin Rouge in Genf, 1948. (c) Hazy Osterwald. Mit freundlicher Genehmigung von Hazy Osterwald.
Hazy Osterwald mit seiner Big Band im Moulin Rouge in Genf, 1948.

Die Schweiz ist klein und ich kannte sie. Ich wollte immer ins Ausland gehen. Bevor ich nach Deutschland ging und dort berühmt wurde, war ich in Holland, Belgien Schweden und England, aber auch in Österreich. Nach USA bekam ich keine Arbeitsbewilligung. Deutschland sah damals ein, dass das Land mit den Nazis Fehler begangen hat. Wir waren nicht nachtragend und gingen auch zum Deutschen Fernsehen. Der deutsche Regisseur Michael Pfleghar fragte uns in Arosa im Kulm-Hotel an, ob wir Fernseh-Auftritte in Stuttgart machen wollten. Ich bekam weitere Anfragen aus Deutschland. Die Gagenangebote waren sehr gut. Die Schweiz im Gegensatz dazu hat mir nur wenig geboten. Man sagte immer, das Schweizer Fernsehen und Radio sei auf mich eifersüchtig gewesen. Sie haben mich tatsächlich nie gespielt. Ich war schon auf der ganzen Welt bekannt, bekam in der Schweiz aber von dieser Seite nie Aufträge. Ich habe das nie ganz verstanden. Heute kann ich darüber lachen. Damals war das für mich aber sehr schwierig.

Warum denken Sie, hat man Sie bei unseren Sendeanstalten in der Schweiz nicht oder nur wenig beachtet?

Das ist schwierig zu sagen. Ich glaube, dass es eine charakterliche Eigenheit der Schweizer ist, immer etwas eifersüchtig und missgünstig zu sein. Ich glaube, dem ist auch heute noch so. Man ist Menschen gegenüber, die Stars sind oder es werden könnten, eher skeptisch eingestellt und man scheint fast schon ein bisschen darauf zu warten, bis sie Misserfolge einstecken müssen. Das war und ist in anderen Ländern, in denen ich gearbeitet habe, ganz anders. In Deutschland beispielsweise hatte man grosse Freude, einen neuen Star zu haben, der die Menschen mit guter Musik unterhalten konnte. Ich werde übrigens in der Schweiz auch heute nur selten gespielt. Als ich Max Ernst, den damaligen Chef des Schweizer Fernsehens, darauf ansprach, sagte er mir ins Gesicht: „Du spielst ja in Deutschland und wir brauchen Dich nicht in der Schweiz.“

War diese schweizerische Zurückhaltung möglicherweise einer der Gründe, warum Teddy Stauffer schon bald nach Deutschland und später gar nach USA und schliesslich für immer nach Mexiko ging?

Teddy Stauffer wurde zu einer Zeit bekannt, als es noch kein Fernsehen gab. Bei mir war das anders. Ich wurde genau zu der Zeit bekannt, als das Fernsehen richtiggehend aufblühte und immer wichtiger wurde. Teddy ging sehr gerne ins Ausland. Zudem hätte er in den Militärdienst eingezogen werden sollen, was er nicht wollte. Er hat mir viel von seinen Geschäften und Tätigkeiten in Acapulco erzählt. Ich glaube, seine Liebe für andere Länder war es, die ihn schon sehr früh in andere Länder führte. Teddy war in den USA vorerst als Skilehrer tätig. Als sein Visum ablief, ging er nach Mexiko und wollte dort das Visum verlängern. Das wurde ihm aber nicht gewährt. Man warf ihm auf amerikanischer Seite vor, er wäre zu lange in Berlin gewesen, als die Nazis an der Macht waren. Er liess sich dann in Mexiko nieder.

Sie beschäftigten die besten Musiker und Ihre Musik ist astrein und technisch perfekt. Das gilt aber auch für die Musik von Teddy Stauffer und Fred Böhler. Waren die beiden in Bezug auf die Qualität der Musik Vorbilder für Sie?

Beide Bands waren tatsächlich technisch auf sehr hohem Niveau. Fred Böhler war ein guter Pianist, aber im Grunde genommen kein Jazzer und er war nie im Ausland. Teddy Stauffer wurde im Ausland sehr bekannt. Er war musikalisch weniger gut als Böhler, hatte den Jazz aber im Blut. Beide waren Konkurrenten, behandelten einander aber durchaus fair. Beide hätten auch äusserlich nicht verschiedener sein können. Stauffer war sehr gut aussehend und wusste, diese Karte auszuspielen. Er war blond, gross gewachsen und immer der Liebling der Frauen. Später war er mit Hedy Lamarr verheiratet und verkehrte mit allen Hollywood-Grössen von damals, beispielsweise auch mit der Film-Diva Rita Hayworth. Böhler war eher klein und gedrungen. Ich habe von beiden sehr viel gelernt und immer versucht, in ihrem Sinne das Beste zu geben.

Es ist nach so vielen Jahren interessant, zurückzublicken und zu beobachten, welche Musik nachhaltig war und ist und welche nicht. Der Beat und Rock wird die Zeiten meines Erachtens nicht überstehen. Der Jazz ganz allgemein, das Stride Piano, von dem wir gesprochen haben, und der Ragtime, werden immer gehört werden, vielleicht nur von wenigen Menschen, aber diese Art der Musik ist unvergänglich. Der Jazz wird deshalb nicht wie andere Stilrichtungen untergehen. Viel Musik ist billig und nicht wertvoll. Auch Dixieland ist ein Stil, der bestehen bleibt und der Zeit trotzen wird. Es ist ein bisschen wie beim Fussball: Fussball ist ein Sport, der anspruchsvoll sein kann und der in eine Richtung geht, die nachhaltig ist. Man wird ihn auch in 100 Jahren noch spielen.

Wie würden Sie Ihren Anspruch an die Musik definieren?

Anspruchsvolle Musik bedeutet für mich persönlich, dass die Melodie, die Harmonie und der Rhythmus stimmen müssen. Das sind die drei Grundpfeiler der Musik. Nur Harmonie und Melodie, wie das in der klassischen Musik die Regel ist, reichen meines Erachtens nicht aus. Das ist aber meine persönliche Meinung und schliesslich auch eine Geschmacksfrage. Es hören heute noch immer viel mehr Menschen klassische Musik als Jazz. Die Volksmusik, die in den letzten 10 bis 15 Jahren wieder populär geworden ist, ist meines Erachtens billige Musik. Sie wird keinen Bestand haben, weil sie in der Regel eben nicht anspruchsvoll ist und eine der drei für mich zwingend notwendigen Komponenten fehlt, oder zumindest mangelhaft ist.

Hatten Sie damals auch mit dem eben verstorbenen Musiker Artur Beul Kontakt? Auch er wurde in den Fünfziger- und Sechzigerjahren mit seiner Volksmusik sehr bekannt.

Wir waren freundschaftlich miteinander verbunden. Er war kein Jazzer, aber wir spielten beispielsweise sein „Nach em Räge schint d’Sunne“. Er war ein sehr guter volkstümlicher Komponist. Das war seine musikalische Heimat. Er hat mehr gute volkstümliche Kompositionen gemacht, als man sich irgendwann hätte vorstellen können und bediente mit seiner Musik grosse Stars. Er war sein ganzes Leben lang sehr anspruchsvoll. Für mich war es aber immer der Jazz, der mich begeisterte.

1958 kam es an einem Konzert mit Bill Haley in Berlin zu grossen Tumulten und Chaos. Das Konzert musste vorzeitig abgebrochen werden. Die neue Musik schien Menschen verrückt zu machen, so wie das später bei Konzerten der Beatles passierte. Wie haben Sie den Einzug des Rock’n Roll in Europa in Erinnerung und was hatte er damals für Konsequenzen für Sie, Ihre Arbeit und den Jazz?

Ich war zu dieser Zeit in Stockholm. Ein Freund von mir kam aus den USA zurück und wir trafen uns in Schweden. Er hatte Platten von Bill Haley bei sich. Als ich die Musik das erste Mal hörte, war mir klar, dass Rock’n Roll die Zukunft war. Ich hatte aber selber etwas Angst, diese Musik zu spielen. Ich dachte, dass diese Musik sehr gross werden und dann aber wieder in sich zusammenbrechen würde. Meine Befürchtung hat sich nicht ganz erfüllt, aber sie stimmte im Grossen und Ganzen schon. Auch der Rock’n Roll wurde später abgelöst und ging unter. Er blieb aber viel länger, als ich damals dachte. Ich entschied mich, dem Jazz die Treue zu halten und nicht auf den neuen Stil einzugehen. Als ich heiratete und Kinder hatte, nahm ich viele Engagements an, darunter nicht nur Jazz-Engagements.

Hazy Osterwald mit Miss Regency Beach vor dem Hyatt Regency Beach Palace. (c) Hazy Osterwald. Mit freundlicher Genehmigung von Hazy Osterwald
Hazy Osterwald mit Teddy Stauffer und Miss Regency Beach
vor dem Hyatt Regency Beach Palace.

Ich musste für mich, meine Familie und das Orchester Geld verdienen. Es war aber immer der Jazz, der mir das Liebste war. Es gab auch noch keine „Sponsoren“ für Musiker, wie das heute häufig der Fall ist. Die Musiker mussten sich als Unternehmer ihr Geld selber verdienen. Die Jazz-Musiker und Jazz-Orchester hatten einen grossen Vorteil im Kampf um Aufträge. Sie waren fähig, rhythmisch perfekt zu spielen. Das war eine Eigenschaft, die am Radio, Fernsehen und im Film gefordert wurde und Musiker, beispielsweise aus der Klassik, nicht, oder nur ungenügend, aufwiesen.

Sie haben offensichtlich das gekonnt und geboten, was das Radio, Fernsehen und der Film haben wollten und sie wurden in Deutschland ein gefeierter Star. Wie erklären Sie sich diesen unglaublichen Erfolg in unserem Nachbarland, aber auch weltweit?

Ich habe Tausende von Konzerten gegeben und in rund 15 deutschsprachigen Filmen mitgespielt. Ich denke mit Freude an diese Zeiten mit Joachim Kuhlenkampf, Peter Frankenfeld, Peter Alexander und die vielen anderen zurück. Das waren grossartige Menschen und es war eine grossartige Zeit. Sie haben speziell Deutschland erwähnt. Es ist ein sehr musikalisches Land, musikalischer als die Schweiz. Es war für mich deshalb leicht, in Deutschland reinzukommen und die Menschen zu begeistern. Wir hatten politisch unsere Vorbehalte aufgrund des zweiten Weltkriegs. Am Anfang sagten wir noch viele Engagements ab. Später kamen Anfragen für Filme, die wir dann annahmen. Ich pflegte viele freundschaftliche Kontakte und traf alles, was Rang und Namen hatte oder noch haben sollte. Udo Jürgens beispielsweise zeigte ich damals, als er noch sehr jung und unerfahren war, wie man auf einer Bühne stehen muss. Es war mir schon damals klar, dass er ein Star werden würde. Diese Karrieren zu verfolgen und teilweise auch zu begleiten und zu unterstützen, bereitete mir grosse Freude.

Sie haben aufgehört zu spielen und sind gesundheitlich beeinträchtigt. Sie leiden an Parkinson. Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich kann nicht viel wünschen. Ich werde 88 und es geht wohl dem Ende entgegen. Ich denke aber nicht daran. Ich bin fröhlich erlebend und freue mich auf alles Schöne, was noch passiert und bin glücklich, eine tolle Frau an meiner Seite zu haben. Ich bin aber auch etwas traurig, wenn ich sehe, dass offensichtlich auf der Welt nichts besser geworden ist. Wir haben die Raffgier vieler Menschen schon damals im „Konjunktur Cha Cha“ humoristisch beschrieben. Wir haben von dem vielen Guten, was aus den USA kommt, auch das Schlechte übernommen, und nur wenige Menschen sehen die Probleme, die sich dabei ergeben. In Amerika ist das Geld viel wichtiger als bei uns. Das war schon zu meiner Zeit so. Wir haben angefangen, das Geld auch hier als das Zentralste und Wichtigste in unserem Leben zu erachten, anders ist unsere Krise nicht zu erklären. Ich wünschte mir, dass die Menschen mehr Musik hörten und spielten. Das ist weit mehr wert als simples Geld.

Sehr geehrter Herr Osterwald, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen und Ihrer Frau weiterhin alles Erfreuliche und gute Gesundheit!


 

(C) 2010 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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