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Monatsinterview Oktober: Prof. Dr. Richard R. Ernst


Prof. Dr. Richard R. Ernst (c) Richard R. Ernst
Prof. Dr. Richard R. Ernst
, Jahrgang 1933, erhielt 1991 als zweiter geborener Schweizer den Nobelpreis in Chemie. Die Nobelstiftung würdigte mit der Auszeichnung seine Arbeit als Chemiker und seine Resultate in der Forschung, vor allem auf dem Gebiet der Kernresonanz- und Magnet-resonanzspektroskopie, deren Entwicklung und Geschichte er in jahrzehntelanger Arbeit massgeblich geprägt hat. Prof. Dr. Richard R. Ernst spricht im Interview mit Christian Dueblin über Forschung, Bildung und fehlende Wertvorstellungen, sein Leben, den Nobelpreis, seine Zeit als Forscher in den USA und seine Passionen – die Musik und die zentralasiatische Kunst und Geschichte.

Christian Dueblin: Herr Professor Ernst, an der Bankettrede anlässlich Ihrer Laudatio in Stockholm verglichen Sie sich und die anderen Nobelpreisträger mit Wildgänsen, die über die Welt fliegen, und Sie äussern Ängste, den Ansprüchen und Erwartungen Ihrer Umwelt nicht gerecht werden zu können respektive abzustürzen. Gerne möchte ich Sie fragen, wie Sie die Welt fliegend als Wildgans wahrnehmen.

Prof. Dr. Richard R. Ernst: (überlegt lange) Für mich ist die Welt aus dieser weiten Sicht widersprüchlich und es gibt Aspekte, die nicht so leicht auf einen Nenner zu bringen sind. Auf der einen Seite sehe ich die Schönheit der Natur, die Liebenswürdigkeit vieler Menschen und die Unvergesslichkeit menschlicher Beziehungen, die unser Leben so lebenswert machen. Auf der anderen Seite entsetzten mich die Zerstörung der Natur und der Egoismus vieler Menschen. Manche Menschen leben in grossem, kaum zu überbietendem Überfluss. Daneben entdecke ich aber auch herzzerreissende Notstände und Armut. Diese schreckliche Gegensätzlichkeit löst in mir Trauer und Angst aus. Wir sind selber verantwortlich dafür, dass es auf unserer Erde nicht so paradiesisch ist, wie es sein könnte. Es handelt sich in der Tat um einen selbstverschuldeten Auszug aus dem Paradies. Natürlich stellt sich die Frage, ob wir in einem Idealzustand überhaupt leben könnten. Aber das, was ich auf meinem Höhenflug wahrnehme, ist jedenfalls meilenweit von einer „idealen“ Welt entfernt.

Als „Highflyer“ erhält man auch erhöhte Verantwortung. Entdeckt man Missstände, so muss man sich dazu kritisch äussern und - soweit dies möglich ist - versuchen, korrigierend einzugreifen. Ein Nobelpreis verleiht einem zweifelsohne eine Stimme, die gehört wird. Man wird eingeladen, Vorträge zu halten und kann über Themen reden, die man für wichtig hält. Die meisten Mitmenschen haben diese Gelegenheit nicht oder werden, falls sie sich kritisch äussern, nicht wahrgenommen.

Gibt es Veränderungen in Ihnen oder Veränderungen in Ihrer Wahrnehmung, die Sie auf den Preis zurückführen?

Eigentlich kaum. Ich habe den Preis 1991 bekommen und ging danach Prof. Dr. Richard R. Ernst als Dozent (c) Richard R. Ernst wie bis anhin meiner Arbeit als Dozent, Gruppen- und Forschungsleiter sowie als Mitglied von Kommissionen nach. Mein Leben wurde nach dem Preis allerdings hektischer, weil ich fast jede Woche irgendwo in der Welt einen Vortrag zu halten hatte. Nach meiner Pensionierung im Jahr 1998 konnte ich dann mein Leben freier gestalten. Dafür wurde meine Funktion als „Missionar“ oder als „Sales Man für meine gesellschaftskritischen Überzeugungen“ nach der Pensionierung wichtiger und meine Reisetätigkeit noch intensiver.

Der Nobelpreis ist der wohl bekannteste Preis. Er ist vergleichbar mit dem Oscar für die Filmwelt. Was ist Ihrer Ansicht nach der Grund dafür, dass dieser Preis ein enormes Ansehen geniesst und alle anderen Preise in den Schatten stellt?

Das Nobel-Komitee leistet ausserordentlich gute Arbeit und hat auch grosse finanzielle Mittel zur Verfügung. Das Zeremoniell wurde über Jahrzehnte hinweg perfektioniert. Es entspricht auch einem Bedürfnis der Öffentlichkeit, nur einem grossen Preis huldigen zu können. Hätten wir 50 äquivalente Preise, so könnten wir uns nicht einmal deren Namen merken. Wenn sich einmal ein Preis etabliert hat, ist es unendlich schwierig, daran etwas zu ändern. Man hat das beispielsweise mit dem Japan-Preis versucht. Die Konkurrenz ist aber chancenlos.

Sie sind der ETHZ, abgesehen von einem fünfjährigen Abstecher in die Privatwirtschaft, Ihr Leben lang treu geblieben. Was waren damals nach dem Studium der Chemie und der Promotion in physikalischer Chemie an der ETHZ die Beweggründe, in die USA zu gehen und für die Privatwirtschaft zu forschen?

Im Grunde genommen hat mich das Studium enttäuscht. Sehr viel bestand aus Auswendiglernen. Ein traditioneller Chemiker ist ein Macher. Er versucht, neue Verbindungen zu synthetisieren. Die Erfahrung und das Wissen spielen dabei eine grosse Rolle. Auch ohne Grundlagen und Zusammenhänge im Detail zu verstehen, waren Chemiker mit enormem Wissen und Inspiration sehr erfolgreich. Mir hingegen waren die Grundlagen wichtiger, und diese konnte ich mir in der physikalischen Chemie aneignen, in der ich beschloss, meine Doktorarbeit zu schreiben. Beim Abschluss des Doktorates fühlte ich mich aber in einem Elfenbeinturm und war nicht zufrieden mit der akademischen Atmosphäre und mit mir selber. Ich schwor, nie mehr an eine Hochschule zurückzukehren. Schon immer hatte ich die Absicht, nach Studienende eine Laufbahn in der chemischen Industrie in Basel zu ergreifen. Ich wollte mich für die Gesellschaft nützlich machen. Ich hatte bereits einen Stadtpan von Basel gekauft und mir Gedanken über mein Einfamilienhaus auf der Batterie gemacht (lacht). Dabei dachte ich eher an eine industrielle Forschungsarbeit als an eine Funktion als Manager oder gar CEO.

Für einen vorgängigen Auslandaufenthalt schrieb ich rund 20 Firmen in den USA an. Von 10 Firmen wurde ich zu einem Gespräch eingeladen. Schliesslich wählte ich aber eine elfte Firma aus: Varian Associates in Palo Alto, Kalifornien. Diese Firma produzierte Kernresonanzspektrometer und arbeitete somit auf demselben Gebiet, über das ich meine Doktorarbeit geschrieben hatte. Sie war spontan auf mich zugekommen und offerierte eine Anstellung ohne vorgängigen persönlichen Kontakt.

Was reizte Sie in der Privatwirtschaft?

Nach dem Abschluss des Studiums sah ich mich mehr als Ingenieur denn als Forscher. Ich wollte Messgeräte entwickeln und perfektionieren, eher als diese in der Forschung anzuwenden. Ein Grund dazu war, dass ich für meine eigenen Messungen zuerst die Messgeräte bauen musste, da diese nicht erhältlich oder nicht finanzierbar waren. Doch da meine Geräte nie perfekt funktionierten, blieb ich ein ewiger Instrumentenbauer! Das passte perfekt zu den Interessen der Instrumentenbaufirma Varian Associates. Rückblickend war mein damaliges Entwicklungsprojekt in der Kernresonanzspektroskopie erstaunlich erfolgreich. Ich führte zusammen mit meinem, Chef, Wes Anderson, die Fourier-Spektroskopie ein, welche die Kernresonanz-Methode revolutionierte. Sie wurde schlussendlich von grosser Bedeutung für die Magnetresonanztomographie, welche heute in der klinischen Medizin unentbehrlich geworden ist.

Ganz problemlos ging die Abreise in die USA jedoch nicht vonstatten. Ich war damals noch ledig und wohnte zuhause bei meiner Mutter. Da brauchte ich noch eine „geeignete“ Schweizer Begleiterin für das Leben in der Fremde. Glücklicherweise wurde ich fündig; und zwei Tage vor der Abreise heiratete ich meine zukünftige Frau. Sie wollte zwar anfänglich nicht ins „Plastik-Land“ USA. Doch schliesslich konnte ich sie trotzdem überreden, mitzukommen. Sie weigerte sich aber, mit dem Flugzeug zu reisen, damit ihre Seele auch mitkomme. Und so wählten wir denn eine Schiffsreise von Rotterdam nach New York. Während unserer „Honeymoon-Reise“ gerieten wir in einen riesigen Sturm. Es war mir während Tagen kotzübel und ich schwor, kein zweites Mal zu heiraten (lacht).

In den USA erfuhren wir die Mitmenschen als sehr fair und kollegial, trotz der kompetitiven Atmosphäre. Mein damaliger Chef unterstützte mich sehr, und ich konnte in den USA die wissenschaftlichen Grundlagen legen für meine weitere Karriere und damit auch für den Nobelpreis. Der Aufenthalt war damit ein Glücksfall und wir erlebten vielleicht die fünf glücklichsten Jahre unseres Lebens. Unsere ersten beiden Kinder kamen in Palo Alto auf die Welt und sind somit Amerikaner. Doch dann kam die Rückkehr in die Schweiz, und die war recht schwierig.

Warum?

Ich bekam 1968 ein Stellenangebot (nur) als Assistent in der Physikalischen Chemie der ETH in Zürich, an der Schule, an die ich schwor, nie zurückzukehren und ich trat sie trotzdem aus Heimatliebe an. Die Schweiz kam mir sehr eng vor. Ich bekam keine adäquate Arbeitsmöglichkeit und es fehlten mir die Geräte, die ich für meine Forschung gebraucht hätte. Zudem war das Klima von Eifersucht geprägt. Das führte bei mir zu einem baldigen Nervenzusammenbruch und ich dachte, dass dies wohl das Ende meiner Karriere bedeute. Ich sah mich bereits in einem Post-Büro Briefe stempeln. Aber glücklicherweise ging es dann wieder bergauf dank grossem zähen Einsatz und mit dem Überwinden von unvermeidlichen familiären Folge-Problemen.

Prof. Dr. Gottfried Schatz sagt im Interview mit Xecutives.net, dass es oft fähige Einzelpersonen seien, die Erfindungen machen und Innovationen hervorbringen würden. Die Seilschaften an Universitäten und Hochschulen würden die Suche nach der oder dem Besten ver- oder zumindest behindern. Jeder, der einmal an einer Hochschule war, weiss, dass es diese Seilschaften in sehr ausgeprägten und weniger ausgeprägten Formen gibt. Wie kann man Ihres Erachtens innovative Ideen fördern sowie die Beste oder den Besten finden?

Es ist sicher so, dass die Kreativität von den Einzelpersonen kommt. Den Mitarbeitenden muss deshalb genügend Freiraum gegeben werden, damit sie sich entfalten und entwickeln können. Das ist extrem wichtig. Es gibt neuerdings in der Schweiz und im Ausland programmgesteuerte Forschung, bei der man versucht, innerhalb von Universitäten oder mit anderen Universitäten zusammen, zum Teil auch über Landesgrenzen hinweg, kooperierende Forschergruppen zu bilden. Zusammenarbeitsprojekte, so wird argumentiert, führen zu mehr Kreativität und gegenseitiger Stimulierung. Ich habe in verschiedenen solcher Projektgruppen mitgearbeitet, notgedrungen, weil es oft die einzige Möglichkeit war, an die nötigen Finanzen heranzukommen. Meine besten Ideen sind aber nie im Rahmen eines solchen Projektes entstanden. Sie haben sich eher als Hindernis entpuppt. Selbstverständlich ist Zusammenarbeit wichtig. Aber sie muss auf eigener Initiative, auf freundschaftlichen Kontakten und auf gegenseitigem Interesse beruhen und nicht auf einem äusseren Finanzzwang. Der Wille zur Zusammenarbeit muss sich dann aber von selbst entwickeln und kann nicht erzwungen werden. Ich habe diese Art der Projektforschung, besonders dann, wenn sie top down organisiert war, stets als Kreativitäts-Killer empfunden. Im europäischen Rahmen gibt es heute neben den ungeliebten top-down Frame work-Programmen auch sogenannte COST-Projekte. Bei dieser Art von Kooperationsprojekten werden nur die Koordinationskosten übernommen. Für die Kosten der einzelnen Projekte müssen die Teilnehmer selber aufkommen. Das führt zu mehr Forschungsfreiheit. Da kein „verordnetes“ Programm vorgegeben ist und sich die Gruppen bottom-up selber bilden können. Solche Programme finde ich positiv.

Was aber ist der beste Weg, um den Besten oder die Beste zu finden?

Zu beurteilen, wer die zukunftsträchtigsten Forscher sind, vor allem dann, wenn sie noch am Anfang ihrer Karriere stehen und noch nicht viel Resultate vorweisen können, ist extrem schwierig. Dies kann nur in einem kleinen, überschaubaren Rahmen passieren. Schon eine Schulleitung an einer Universität ist oft überfordert, geschweige denn eine externe Forschungsförderungsinstitution. Besser ist es, damit die einzelnen universitären Departemente zu betrauen. Doch wenn das Entscheidungsgremium den Kreditempfängern allzu nahe steht, kommt es oft aus Gründen von Kollegialität zu einer Gleichverteilung der Mittel, sodass wiederum nicht die Besten gefördert werden. Um dies zu verhindern, braucht es starke Führungspersönlichkeiten an den Hochschulen auf allen Stufen. Dabei braucht es den Mut, auch Fehler machen zu können.

Sie setzen sich seit Jahrzehnten intensiv mit anderen Kulturen auseinander und es verbindet Sie als Cello-Spieler eine grosse Liebe mit der Musik. Inwiefern haben Ihnen diese Passionen für Ihre Forschung geholfen?

Ich werde oft gefragt, was gute Voraussetzungen für Kreativität sind. Wichtig ist ein kritisches Interesse gegenüber allen Aspekten der menschlichen Gesellschaft. Durch kritische Beobachtung findet man neue Wege, die zielführend sein können. Ebenfalls wichtig sind alternative Tätigkeiten in einem ganz andersartigen Gebiet. Beschränkt man seinen Horizont allzu stark, dann wird man zum Fachsimpel und die Kreativität versiegt. Viele neue Ideen entstehen durch Analogieschlüsse aus Erfahrungen in anderen Gebieten. Fast jedes andersartige Gebiet kann stimulierend wirken: Sport, bildende Kunst, oder auch Musik. Diese Anregungen haben nichts Plagiatives an sich. Denn selten oder nie wächst eine neue Idee im Vakuum, sondern basiert fast immer auf äusseren Anregungen.

Gerne brauche ich für einen Fachsimpel die Metapher eines einbeinigen Wissenschafters. Er hinkt auf einem Bein in Richtung seines Ziels, das er jedoch kaum je erreicht. Erst mit einem zweiten Bein kann er effizient gehen. Seine Passionen bilden das zweite Bein. Die Interaktion der zwei Beine kann enorm befruchtend und beflügelnd wirken. Deshalb ist es so wichtig, dass man zusätzliche Interessen entwickelt. Natürlich kann man nicht jederzeit allen seinen Interessen mit gleicher Intensität nachgehen. Als Forscher muss man sich oft 24 Sunden und mehr pro Tag auf die eigene Forschung konzentrieren können. Doch auch die Passionen müssen dabei auf kleinster Flamme im Gehirn weiterbrodeln. Die Sehnsucht, sich einer vernachlässigten Passion widmen zu können, darf nie absterben. Das gibt den nötigen Schwung weiterzuarbeiten. Diese Funktion hatte in meiner frühen Zeit die Musik. Ich wusste anfänglich nicht, ob ich Musik oder Chemie als Beruf wählen sollte. In der Jugend spielte ich Cello und komponierte auch recht viel klassische Musik. Glücklicherweise erkannte ich meine musikalischen Grenzen und so entschied ich mich schliesslich für die Chemie als Beruf und wählte die Musik als Passion. Das war zweifellos der richtige Entscheid.

Wie kam es zu Ihrer Passion für die asiatische Kultur?

Dass später das Interesse für Asien und die zentralasiatische Kunst zur Musik hinzukam, war reiner Zufall. Für die Rückreise aus den USA in die Schweiz im Jahr 1968 wählten meine Frau und ich den Umweg über Asien, nachdem wir die zwei Kinder mit Luftpost in die Schweiz zurückgeschickt hatten. Wir besuchten unter Prof. Dr. Richard R. Ernst übergibt sein Buch Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama. (c) Manuel Baueranderem Japan, Kambodscha, Thailand, Indien und Nepal. In Nepal entdeckten wir zum ersten Mal tibetische Rollbilder, „Thangkas“. Diese buddhistischen Kostbarkeiten wurden von tibetischen Flüchtlingen über den Himalaya gebracht. Und zum Überleben mussten sie diese verkaufen. Wir waren überwältigt von der Farben- und Formenpracht und erstanden eines der schönsten Bilder. In der Zwischenzeit haben wir uns eine grosse Sammlung davon angelegt. Am Anfang war es nur das Visuelle, das mich anzog. Es erinnerte mich stark an frühmittelalterliche Malerei in Europa. Die philosophischen Hintergründe dieser Kunstwerke hatte ich dagegen damals noch nicht im Geringsten verstanden. In der Folge kam es mir so vor, als ob ich an einem roten Faden zog und dabei die gesamte tibetische und zentralasiatische Kultur durch ein Nadelöhr herausziehen konnte. Mein Interesse für die buddhistische Philosophie, die zentralasiatische Geschichte und tibetische bildende Kunst hat sich auf diese Weise ganz natürlich entwickelt. Ich habe dann auch angefangen, mich mit der Analyse und Restaurierung von Thangkas aktiv zu beschäftigen. Zurzeit mache ich mit Raman-Spektroskopie Pigmentanalysen, um die Geheimnisse der Maler zu ergründen. Hier finden glücklicherweise tibetische Kunst und westliche Wissenschaft wieder zusammen.

Später kam es dann auch zu Kontakten mit dem Tibet-Institut in Rikon. Gegenwärtig bin ich in seinem Stiftungsrat tätig. Ein Projekt, das mir besonders am Herzen liegt, ist Science-meets-Dharma. Es dient der Ausbildung von tibetischen Mönchen in Südindien in moderner europäischer Wissenschaft. Dazu senden wir regelmässig Lehrer und Wissenschaftler nach Indien. Diesbezügliches Wissen fehlt den Mönchen fast vollständig. Doch der Dalai Lama ist sehr an westlicher Wissenschaft interessiert und hat dieses Ausbildungsprogramm angeregt.

Gerne möchte ich Sie als Naturwissenschafter und Forscher über die Zukunft der Wissenschaft befragen. Seit Alfred Werner als erster in der Schweiz 1913 den Nobelpreis für Chemie erhalten hat, wurden in den Naturwissenschaften unerhörte Fortschritte erzielt, die damals niemand vorausgesehen hat. Glauben Sie, dass wir in 20 bis 30 Jahren ähnlich erstaunt darüber sein werden, was noch alles möglich war und erreicht werden konnte? Werden wir noch unglaubliche Durchbrüche erleben?

Es wird sicher weitere Entdeckungen geben, wertvolle und weniger wertvolle. Die Forschung wird immer spezifischer und detaillierter werden. Die grundlegenden naturwissenschaftlichen Prinzipien der „beherrschbaren Natur“ haben wir wohl fast alle zusammengetragen. In Zukunft geht es vor allem darum, Wissen zu kombinieren und somit neue Erkenntnisse zu gewinnen und neue Anwendungen zu finden. Eine Ausnahme bilden hingegen Elementarteilchenphysik und Kosmologie, wo wir noch immer ganz am Anfang stehen. Hier sind noch echt neue Prinzipien zu entdecken. Solche Entdeckungen werden zwar unser fundamentales Verständnis vertiefen, aber kaum zu „kommerziellen“ Anwendungen führen.

Das Bestreben, zu entdecken und zu verstehen, ist dem Menschen angeboren. Mit den gewonnenen Erkenntnissen wurden aber nicht nur Probleme gelöst. Die Neugier hat auch neue Probleme geschaffen, mit denen wir uns heute beschäftigen müssen. Wir erkennen auch zunehmend, dass unsere grössten globalen Probleme sich nicht mit rein wissenschaftlichen Methoden lösen lassen.

Sehen Sie Wege, die zu einer „ Lösung“ führen könnten?

Wir müssen uns bewusst werden, dass Forschung und Wissenschaft nur Teilaspekte menschlicher Tätigkeit und des menschlichen Wesens erfassen können. Bildung von jungen Leuten muss mit einer viel breiteren Sicht konzipiert werden. Ethische und humanistische Bezüge gehören ebenso dazu wie naturwissenschaftliche. Grundsätzlich sollten vor allem auch „Werte“ vermittelt werden. Zu diesen Werten gehören Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und anderen, Mitgefühl und ganz besonders Verantwortung.

Forschung behält dabei seine Bedeutung vor allem als ein ideales Prof. Dr. Richard R. Ernst am Spektrometer, 1991. (c) Richard R. ErnstMittel zur Bildung. „Learning by doing“ kann nirgends besser verwirklicht werden als in der Forschung. Hier wird ein kritischer Blick geschult. Oft ist der Lerneffekt der Forschungstätigkeit wichtiger als die eigentlichen Forschungs-resultate. Gerne wird die direkte Stimulierung der lokalen Industrie durch die ansässige Forschung überschätzt. Viel wichtiger sind die kreativen Hochschulabgänger, welche der Industrie einen echten Mehrwert bieten können. Nur in seltenen Fällen hat ein Forschungsresultat direkten stimulierenden Einfluss auf die lokale Industrie. Meist wird das erworbene Wissen dem internationalen Wissenstopf zugeführt, aus welchem die Industrie ihre Bedürfnisse befriedigt, unabhängig vom geographischen Ursprung des Wissens.

Immer wieder hört man gerade auch von Hochschulen, es brauche mehr Spezialisten. Dementsprechend stand an den Universitäten, die ich besucht habe, das Vermitteln von Spezialwissen durch Spezialisten im Vordergrund. Ich hatte nicht den Eindruck, dass Kreativität sehr gefragt war.

Die Engspurigkeit der Ausbildung in allen Bereichen ist mitverantwortlich für unsere heutigen gravierenden Probleme. Die Kurzsichtigkeit und Engstirnigkeit, wo jeder nur sich selber und seine eigenen Interessen wahrnimmt, hat zur momentanen Krise geführt. So darf es nicht weitergehen. Die heutigen Probleme lassen sich nicht durch Fachidioten lösen, sondern erfordern reife, erfahrene Menschen mit Weitblick, welche grossräumig und fachübergreifend die zentralen Probleme erkennen können.

Ein junger Mensch steht zum Zeitpunkt seiner Matura bildungsmässig bereits auf dem Höhepunkt. Danach geht es in der Regel mit ihm nur noch abwärts. Man sollte diese jugendliche Bildungsbreite weiterführen und vertiefen können. Betrachten Sie beispielsweise die Programme von Institutskolloquien. Deren Themen sind sehr eng und hochspezialisiert und können grösstenteils nur von wenigen Spezialisten verstanden werden. Jeder Forscher hat heute nur noch seine eigenen Interessen im Kopf und jeder versucht damit bekannt zu werden. Bekanntlich muss man seinen Kreis nur genügend eng wählen, will man darin der beste sein! Doch junge Menschen werden an den Hochschulen nicht nur zu Spezialisten, sondern auch zu Materialisten erzogen. Ethische Grundsätze kommen heute in einem Studium kaum mehr zur Sprache. Besonders in den Wirtschaftswissenschaften werden Prinzipien gelehrt, die mitverantwortlich sind für die letztjährige Finanzkatastrophe. Hier wären dringend Korrekturen notwendig.

Sie sehen in der zukünftigen Hochschulbildung eine mögliche Gegenbewegung.

Ich hoffe sehr, dass die Erkenntnis reift, dass Hochschulbildung sich nicht nur auf die Vermittlung von Wissen beschränken kann. Dies hat ja viel mit dem Unterschied zwischen „Ausbildung“ und „Bildung“ zu tun. Dabei wäre eine breite Charakterbildung im Sinne von Alexander von Humboldt erstrebenswert. Doch heute beschränkt sich leider die Hochschulbildung fast ausschliesslich auf „Ausbildung“ und auf das Erlernen von berufsbefähigenden Spezialkenntnissen. Diese Art der Fachausbildung genügt nicht einmal den Anforderungen an eine Fachhochschule, höchstens denjenigen einer mittelmässigen Berufsschule!

Für eine Universität hingegen ist sie in jeder Beziehung ungenügend. Wie kann man sich vorstellen, dass damit zukünftige Leader unserer Gesellschaft in der Form von Politikern und Wirtschaftsführern gebildet werden können! Die grosse zukünftige Verantwortung von solchen Absolventen verlangt eine viel umfassendere Schulung, in welcher ethische Prinzipien und gesellschaftliche Verantwortung einen breiten Raum einnehmen sollten. Die Studierenden müssen für die Probleme unserer Zeit und der Zukunft sensibilisiert werden. Sie werden die zukünftigen Wissenschafter, Politiker und Unternehmer sein, welche die Zukunft gestalten müssen. Ich hoffe, dass sie unsere so gravierenden Fehler nicht wiederholen, sondern daraus lernen werden.

Wichtig scheint mir dabei auch die Sinnhaftigkeit im Leben.

Sinnhaftigkeit hat viel mit Grundwerten zu tun. Diese sollten an Hochschulen artikuliert und diskutiert werden. In der heutigen Gesellschaft, besonders in der Geschäftswelt, erscheinen Werte in einer erschreckend simplizistischen Art reduziert auf rein materielle, monetäre Werte. Es scheint wohl nie in der ganzen Menschheitsgeschichte eine oberflächlichere materialistischere Gesellschaft gegeben zu haben. Diese Art der „Bewertung“ hat zum letztjährigen finanziellen Desaster geführt. Und da wir scheinbar nicht in der Lage sind, daraus zu lernen, werden sich ähnliche Katastrophen in Zukunft vermehrt wiederholen. Die disproportionale Bedeutung, die wir den Boni und dem Bankgeheimnis zumessen, zeigt, dass uns verlässliche Wertmassstäbe verloren gegangen sind, in welchen auch ethische und langfristig orientierte Gedanken eine wichtige Rolle spielen. Die Geschehnisse des letzen Jahres (und leider sind sie noch nicht vorbei) waren ein Wink mit dem Zaunpfahl, aber wir scheinen die „Message“ noch immer nicht verstanden zu haben!

Erfolg hat auch mit Qualität und Leidenschaft zu tun. Wer mit grosser Leidenschaft etwas tut, kann grosse Qualität hervorbringen. In Ihrem Fall hat diese Mischung sogar bis zum Nobelpreis geführt.

Nun, das einzige an meinem Nobelpreis, das für mich heute noch relevant scheint, ist die Stimme, die mir der Nobelpreis verliehen hat. Heute kann ich offen sagen, was ich denke, ohne sofort die Zuhörerschaft zu verlieren. Diese Möglichkeit zur uneingeschränkten Meinungsäusserung ist allgemein ein akademisches Privileg, das uns gegenüber Politikern und Geschäftsleuten auszeichnet. Für Nobelpreisträger gilt es ganz besonders. Natürlich verpflichtet das auch und bürdet grosse Verantwortung auf. Dieser Verantwortung versuche ich gerecht zu werden, ohne dass mir dies immer gelingt.

Prof. Dr. Richard R. Ernst (c) Ernst SchadeSehr geehrter Herr Professor Ernst, was wünschen Sie der Forschung und den Nachwuchskräften, die an den Hochschulen und Instituten in einer krisengeschüttelten Zeit ausgebildet werden?

Ihnen, unseren angehenden Verantwortungsträgern in Politik, Wirtschaft und Akademia, wünsche ich einen kritischen, klaren und langfristigen Blick für die wesentlichen Aspekte der zukünftigen globalen Entwicklung. Ich hoffe, dass sie den Ernst der heutigen Situation erkennen und begreifen, dass unser gegenwärtiger courant normal in den Abgrund führen muss. Ich hoffe, dass sie sich auf bleibende Werte, wie Wahrhaftigkeit, Offenheit, Mitgefühl, Verantwortung und echte Weisheit konzentrieren und die überbetonten, heutigen monetären egoistischen „Werte“ hintanstellen. Nur in dieser Gewissheit und in diesem Vertrauen in sie kann ich hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.

Sehr geehrter Herr Professor Ernst, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin alles Gute!

(C) 2009 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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Links
- Autobiography of Prof. Dr. Richard R. Ernst (Nobleprize.org)
- Prof. Dr. Richard R. Ernst und Seine Heiligkeit, der Dalai Lama,
am ETH-Symposium "Fear and Anxiety"
- Der Stiftungsrat des «Tibet-Institut Rikon»

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