Suchen

Keys for Kids: Elizabeth Neuenschwander

Elizabeth Neuenschwander. Mit freundlicher Genehmigung von Elizabeth Neuenschwander.Elizabeth Neuenschwander, geboren 1929, wurde im Jahr 2008 aufgrund ihrer herausragenden Leistungen für Menschen in Not mit dem Menschenrechtspreis der Schweizerischen Gesellschaft für Menschenrechte ausgezeichnet, eine Ehre, die kurz zuvor Altbundesrat Adolf Ogi und dem Dalai Lama zuteil wurde. Im Jahr 2006 wurde Elizabeth Neuenschwander mit vier weiteren Frauen in der Schweiz für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Sie gründete nach 40 Jahren Arbeit für diverse Hilfswerke und Hilfsorganisationen in der Schweiz und im Ausland ihre eigene Hilfsorganisation. Im Verlaufe der letzten 20 Jahren bildete sie in Pakistan unter anderem über 7'000 afghanische Flüchtlingsfrauen und invalide Männer als Näher und Näherinnen aus und ermöglicht derzeit rund 2000 afghanischen Flüchtlingskindern eine schulische Ausbildung. Im Gespräch mit Christian Dueblin erzählt Elizabeth Neuenschwander aus ihrem Leben, über ihre Herkunft sowie ihre Motivation und zeigt damit auf eindrücklichste Weise auf, was ein einzelner Mensch, fern von Öffentlichkeit und Glamour, mit viel persönlichem Einsatz und mit wenigen Hilfsmitteln, bewirken kann.

Christian Dueblin: Gerne würde ich, bevor wir Ihre jahrzehntelange Tätigkeit für Menschen in Not genauer betrachten, einen Blick in Ihre Vergangenheit und Jugendzeit werfen. Sie stammen aus Schangnau, einer Gemeinde im hintersten Emmental. In was für einem Umfeld sind Sie als junges Mädchen aufgewachsen, und wie haben sich Ihre ersten Lebensjahre im Emmental auf Ihren Werdegang ausgewirkt?

Elizabeth Neuenschwander: Schangnau im Emmental ist auch heute noch sehr ländlich geprägt. Wir hatten früher zwar keinen Hunger, da wir Selbstversorger waren, aber wir mussten schon sehr früh zuhause mitarbeiten. Mein Vater war Briefträger in Schangnau und unterhielt im Winter eine Sägerei. Meine Mutter betrieb einen kleinen Lebensmittelladen. Ich wuchs in einer schönen Umgebung zusammen mit meinen 10 Geschwistern auf. Es war damals, wie das auch heute in ländlichen Gebieten immer noch der Fall ist, selbstverständlich, dass man schon als kleines Kind zuhause mitarbeiten musste. Meine Brüder machten zusammen mit meinem Vater Schindeln und halfen in der Sägerei. Wir Schwestern halfen meiner Mutter im Laden und konzentrierten uns auf die Haushaltsarbeit. Ich habe in der Grossfamilie gelernt, zuverlässig, exakt und ehrlich zu sein. Natürlich lernte ich mit so vielen Geschwistern auch sehr früh, mit anderen Menschen umzugehen, Verantwortung zu übernehmen und zu organisieren. Die Familie war sozusagen ein kleines Unternehmen, das nicht planlos funktionieren konnte und eine gewisse Disziplin und Solidarität der einzelnen beteiligten Personen einander gegenüber erforderte. Ich erinnere mich, dass mein Vater einen meiner Brüder noch einmal mit einer Postkarte auf eine Alp sandte, weil mein Bruder vergessen hatte, diese dort abzugeben. Mein Vater hat sehr genau gearbeitet und uns gelehrt, seine eigenen Aufgaben stets gut zu erfüllen. Meine Eltern haben mich sehr geprägt, und ich fühlte mich in dieser Welt sehr gut aufgehoben.

Sie wurden Damenschneiderin, eine wichtige erste berufliche Etappe in Ihrem Leben. Was waren damals Ihre Träume, und wie kam es zum Entscheid, den Beruf der Damenschneiderin zu wählen?

Ich wuchs in einer Welt auf, wo man noch nicht solche Träume hatte, wie das heute bei Kindern und Jugendlichen der Fall ist. Die Möglichkeiten, was man im Leben einmal machen wollte, waren noch nicht so vielfältig. Ich erinnere mich, dass ich sehr gerne in die Schule ging und mich vor allem Geschichte und Geographie interessierten. Mein Vater war sehr belesen und hörte immer die Nachrichten am Radio. Wir diskutierten zuhause während der Arbeit oft über die wichtigen und aktuellen Themen auf dieser Welt. Ich hatte damals als junges Mädchen eine Nachbarin, die mich in die Welt des Kunststickens einführte. Schon in der zweiten Klasse hatte ich Pullover für meine Brüder gestrickt. Diese Handarbeiten machten mir damals grosse Freude. Meine späteren Aktivitäten im Ausland haben sich aufgrund von vielen Begegnungen mit Menschen und aufgrund meiner beruflichen Tätigkeiten ergeben. Es war nicht so, dass ich aufgrund von Büchern oder Erzählungen schon sehr früh gewusst hätte, dass ich später jahrelang im Ausland leben und arbeiten würde. Ich träumte schon davon, einmal in die Welt hinauszugehen und meinen Horizont zu erweitern. Ich entschied mich mit 15 Jahren, eine Lehre als Damenschneiderin zu machen. Mit achtzehn Jahren schloss ich meine Lehre ab. Ich hatte während meiner Lehrzeit ein kleines Zimmer im Dachgeschoss und am Wochenende fuhr ich mit dem Fahrrad von meinem Lehrbetrieb in Trubschachen zurück zu meiner Familie nach Schangnau. Schon während meiner Lehrzeit kam der Pfarrer von Schangnau auf mich und meine Familie zu. Er beschäftigte damals kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Au Pair-Mädchen aus Dänemark, die in der Schweiz Deutsch lernen und etwas Geld verdienen wollten. Er fragte mich eines Tages, ob ich ein gleichaltriges dänisches Mädchen kennenlernen wolle, das den Anschluss zu anderen Menschen suchte. Sie verbrachte in der Folge viel Zeit mit mir und meiner Familie. Später lernte ich zwei weitere Mädchen aus Dänemark kennen. Aufgrund dieser Begegnungen beschloss ich, nach der Lehre mit einem der Mädchen nach Dänemark zu gehen. Obwohl eben ein grässlicher Krieg sein Ende fand und viele Menschen in der Schweiz gegenüber dem Ausland eher skeptisch eingestellt waren, unterstützte mich mein Vater in diesem Wunsch. Er wusste aufgrund der Erzählungen der Au Pair-Mädchen über ihr Land und ihre Familien, dass ich in Dänemark in guten Händen war. Ich reiste nach Dänemark, arbeitete dort zeitweise als Damenschneiderin, besuchte die dortige Volkshochschule und lernte Dänisch, um mich mit den Menschen verständigen zu können. Es war damals sehr ungewohnt, dass ein Mädchen aus einem Dorf im Emmental so eine Reise alleine antreten durfte. Ich erinnere mich an die vielen Diskussionen, die wir jungen Menschen in Dänemark an der Schule führten. Ich war damals die einzige Frau, die kein Stimmrecht im eigenen Land hatte. Das gab immer wieder Anlass zu grossen Diskussionen und natürlich auch zu Gelächter und Neckereien (lacht).

Ihr beruflicher Werdegang war damit aber noch bei Weitem nicht abgeschlossen. Sie absolvierten eine Hotelfachschule und wurden Heimleiterin.

Ich machte die Ausbildung als Hotelfachangestellte in den 50iger Jahren via Fernkurs. Der Grund dafür war, dass ich beabsichtigte, als Hausbeamtin in einem Heim oder in einem Spital zu arbeiten. Allein mit meiner Ausbildung als Damenschneiderin wäre das schwierig gewesen. Ich habe immer gerne Projekte geleitet und organisiert. Als ich von Dänemark zurückkam, arbeitete ich in der Schweiz in einem Heim als Leiterin der Nähstube. Es kamen in diesem Heim immer mehr neue Aufgaben auf mich zu, mit denen man mich betraute. Plötzlich war ich für dies und jenes verantwortlich. Ich wechselte in ein Heim nach Regensberg bei Zürich. Dort trat ich eine Stelle als Hausbeamtin an und machte eine heilpädagogische Ausbildung. Mein damaliger Chef meinte, dass ich das auch ohne Ausbildung könne. Ich war damals 24 Jahr alt. Er vertrat die Ansicht, ich solle selber nicht so viel arbeiten, sondern richtig delegieren (lacht). Vieles konnte man aber nicht abgeben, da sonst grosse Fehler hätten passieren können. Ich lernte in Bezug auf das Organisieren einiges dazu und wusste bald, wer was kann und wofür er einsetzbar ist. Später zog es mich nach Genf, wo ich in der Rue St. Pierre 4 in einem Heim eine Heimleitervertretung annahm. Ich arbeitete in Genf auch in einem Kinderheim und organisierte während meinen Ferien immer wieder Zivildienst-Lager. Anlässlich eines solchen Zivildienst-Lagers ging ich nach Griechenland. Der Gründer dieser Zivildienst-Organisation war übrigens ein Herr Ceresol, ein Schweizer, der mit Freiwilligen, welche keinen Militärdienst leisten wollten, auf der ganzen Welt gemeinnützige Projekte durchführte. Er war damals schon gestorben. Ich lernte aber seine Frau noch kennen. Dieses Zivildienst-Lager weckte in mir plötzlich den Traum, nach Indien zu gehen.

Was waren Ihre Beweggründe, gerade nach Indien gehen zu wollen?

Es gab damals in Lausanne und in Genf Zivildienst-Tagungen und Seminare, an denen Menschen aus der ganzen Welt teilnahmen. Dort lernte ich die Zivildienstverantwortliche aus Indien kennen. Der Weg nach Indien verlief aber über diverse Umwege. Leider gehörte ich damals nicht zu den drei auserwählten Personen aus Europa, die eine Zivildienst-Lager-Reise nach Indien in Angriff nehmen durften. Je eine Person aus England, aus Frankreich und der Schweiz durften hingehen. Ich wollte trotzdem nach Indien und ging vorerst, knapp 30 Jahre alt, in ein ökumenisches Lager nach Amman in Jordanien. In dieser Zeit ereignete sich ein Attentat auf König Hussein von Jordanien. Es kam zu politischen Unruhen, und ich wurde angefragt, ob ich nach Zerka in ein Flüchtlingslager gehen wolle, da dort Hilfe benötigt wurde. Das war die Zeit, als Jerusalem noch zu Jordanien gehörte. Ich ging von dort nach Israel und arbeitete in einem Kybuz, was mir aber nicht so sehr zusagte. Einige Zeit später ging ich nach Nazareth. Man sagte mir, dort arbeite ein Arzt aus der Schweiz. Sein Name war Hans Bernhard. Er stammte aus Thayngen und war leitender Arzt und Chirurg in einem Spital für arabische Patienten. Das Spital hiess „Edinburgh Medical Mission Hospital“. Dr. Bernhards Lebenslauf hatte mich sehr beeindruckt. Er war zuerst Zimmermann, studierte dann Medizin und ging nach Nazareth, um Hilfe zu leisten. Er stellte mich als Hausbeamtin ein. Mir war klar, dass ich in dieser Position mindestens ein Jahr bleiben musste. Meine Pläne nach Indien zu gehen, verzögerten sich wiederum.
Ich erinnere mich, dass man mir einen arabischen Koch zur Verfügung stellte, der für mich vom Arabischen ins Englische übersetzen sollte. Bald stellte ich fest, dass die Übersetzungsarbeit zwar gut gemeint war, aber qualitativ nicht dem entsprach, was ich brauchte. Ich fing darum an, Arabisch zu lernen. Nach einem Jahr ging ich über Teheran nach Karachi. In Teheran wurde zur selben Zeit der Sohn des Schahs ein Jahr alt. Daran erinnere ich mich noch sehr gut, denn die Zeitungen waren voll von dieser Nachricht, und die Menschen feierten auf der Strasse. In Karachi lief dann mein indisches Visum aus, das ich mir zuvor in der Schweiz besorgt hatte. Ich musste auf die indische Botschaft gehen und bestätigen, dass ich keine missionarischen Absichten verfolgte. Das hätte sich ansonsten auf mein Visum negativ ausgewirkt. In Karachi arbeitete ich für die CVJM kurze Zeit in einem Flüchtlingslager. Mit einigen Umwegen gelang ich schliesslich nach Indien, wo ich vorerst drei Monate blieb und in einem Flüchtlingslager und in einer Lepra-Station arbeitete.
Damals strömten die ersten Flüchtlinge aus dem Tibet in das Land. Das waren meine ersten Kontakte mit den Tibetern. Ich erinnere mich, dass wir an einem schönen Tag zusammen in den Zoo gingen. Irgendwann bemerkten ich und ein indischer Kollege, dass ein Tibeter aus unserer Gruppe im Begriffe war, verloren zu gehen. Er fing an, ganz fürchterlich zu toben. Ich sagte ihm, er solle nun vernünftig sein und sich nicht so anstellen. Es sei ja nichts Schlimmes passiert. Das machte ihn noch wütender, und er sagte mir, ich nähme ihm mit meinem Verhalten ihm gegenüber seine Autorität weg. Ich erzähle Ihnen diese Geschichte, weil das erste Lebensschulungen waren für meine späteren Tätigkeiten in Nepal, Afghanistan und in Pakistan. Ich lernte, dass ich meine Interessen angepasst vertreten musste. Das sollte später eine grosse Rolle spielen, gerade auch im Umgang mit Menschen in Pakistan und Afghanistan, wo die politischen
Verhältnisse sehr schwierig sind. Es gibt Spielregeln, die man beachten muss, um seine Ziele zu erreichen. Auf alle Fälle waren die Tibeter sehr erstaunt über mein Verhalten dem herrischen indischen Kollegen gegenüber. Sie waren voller Bewunderung mir gegenüber. Nach diesen drei Monaten besuchte ich eine Amerikanerin. Kaum war ich bei ihr, klingelte das Telefon. Es war der Schweizer Toni Hagen, der sich in der Entwicklungsarbeit in Nepal für das IKRK und die UNO schon damals sehr verdient gemacht hatte. Die Amerikanerin wollte, dass ich sie zum Fluhhafen begleite, um ihn kennenzulernen. Sie stellte mich ihm vor und meinte, dass er mich doch in Nepal einsetzen solle, wo es sehr viel zu tun gab. Ich liess wenig später Indien hinter mir und flog nach Nepal, wo ich zwei Jahre meines Lebens verbrachte.

Es ist in Nepal etwas passiert, das bis heute Ihr Leben und Ihre eigene Hilfsorganisation bestimmt. Sie haben angefangen, mit Flüchtlingen und Menschen aus dem Tibet, Handarbeitsbetriebe, sogenannte „Handycrafts“, zur Herstellung von Teppichen, aufzubauen. Mit dieser Idee und mit diesem Business-Modell haben Sie es tausenden von Menschen in Not ermöglicht, sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Dieses Modell darf als absolut nachhaltig bezeichnet werden. Wie kamen Sie auf diese Idee und wie haben Sie diese umg
esetzt?

Das IKRK, für das ich in Nepal tätig war, vertraute auf mich und liess mir bei meiner Arbeit weitgehend freie Hand. Ich analysierte die Situation der Menschen vor Ort, und es wurde mir klar, dass verschiedene handwerkliche Fertigkeiten der Tibeter selbst geeignet waren, den Flüchtlingen in Nepal ganz generell das Überleben sichern zu können. Ich besuchte tibetische Flüchtlingsfamilien und fand Teppichknüfper und andere Handwerker und Handwerkerinnen, denen durch die Flucht die Grundlagen zur Ausübung des Handwerks genommen wurde. Sie konnten überzeugt werden, weitere Landsleute in ihr Handwerk einzuweihen und verzichteten damit auf die traditionelle Geheimhaltung ihrer Kunst. Ich sorgte für die Rahmenbedingungen sowie die Ausbildung dieser Menschen und zahlte ihnen für die Arbeiten Lohn. Quittiert wurde mit einem Fingerabdruck, wie das auch heute noch in Afghanistan normal ist. Die Arbeiten waren nicht einfach, da Krieg herrschte, viele Menschen grosse Angst hatten und Analphabeten waren. Die Chinesen hatten Tibet gewaltsam okkupiert. Später brach auch noch ein Krieg zwischen Indien und China aus, der für die Tibeter ebenfalls nachteilig war. Viele Tibeter verliessen Nepal und flüchteten nach Indien, wo sich der Dalai Lama aufhielt. Sie suchten dort Schutz und Zuversicht. Diese Ereignisse stellten mich in Nepal immer wieder vor neue Herausforderungen, da ich oft von vorne anfangen musste.

Wir organisierten T
eppichknüpf-Zentren. Irgendwann waren es gegen 200 Tibeter und Tibeterinnen, die wir mit Handarbeiten betrauen konnten. Das Geschäft hatte Auswirkungen auf viele Menschen. Es gab beispielsweise tibetische Spinnerinnen, die uns die Wolle, also die Rohstoffe, für die Teppiche lieferten. Dann gab es tibetische Färber, die uns die tibetische Wolle in den von uns gewünschten Farben zur Verfügung stellten.
Meine Aufgabe bestand darin, diese Zenter zu organisieren und, wie man heute im Fach-Jargon sagen würde, Business-Pläne zu machen und umzusetzen. Auch musste ich den Wissenstransfer ermöglichen. Ich musste zuerst die richtigen Menschen mit Fachwissen finden, dieses Fachwissen richtig einsetzen und dafür Sorge tragen, dass es weitergegeben werden konnte. Des Weiteren musste ich immer schauen, was auf dem Markt gefragt war. Es machte keinen Sinn, Teppichmuster zu produzieren, die sich nicht verkaufen liessen. Ein Exemplar eines solchen Teppichs befindet sich heute im Völkerkundemuseum in Zürich. Ich lernte in Nepal auch Tibetisch und arbeitete mit Vertretern des Dalai Lamas, was sehr hilfreich war und den Arbeitsfrieden sicherte. Diese Personen musste man einbeziehen, um glaubwürdig zu sein. Die Handycrafts wurden bald einmal zu gross für das IKRK, das vor allem medizinische Hilfe bot. Sie wurden bei meiner Rückreise in die Schweiz dem DEZA anvertraut, dessen Vertreter ich vor meiner Rückreise in die Schweiz in die Arbeit einführen konnte.

1993 gründeten Sie eine eigene Hilfsorganisation mit Schwerpunkt in der Unterstützung von afghanischen Flüchtlingen in Pakistan. Nebst diversen Schulen mit rund 2000 Schülerinnen und Schülern bauen Sie heute in Pakistan erneut ein „Woman Training Center“ auf, in dem junge afghanische Flüchtlingsfrauen in die Textilhandarbeit eingeführt werden. Wie kam es zu diesem weiteren persönlichen Engagement?

1978 habe ich im Auftrag der ILO in Punjab (Pakistan) mehrere Pilotprojekte geführt, mit dem Ziel, dass Frauen in län
dlichen Gebieten durch Handarbeit zu eigenem Verdienst und zu besserer Selbsthilfe gelangen konnten. Im Norden von Pakistan habe ich ähnliche Projekte im Auftrag der UNICEF durchgeführt.

Während dieser Arbeit habe ich acht Jahre lang die Kultur und den Alltag dieser Menschen kennen und schätzen gelernt. So war ich für die nächste Aufgabe bereits vorbereitet. AbBrücke in N. A. Pakistan. (c) by Elizabeth  Neuenschwander. 1986 beauftragte mich das UNHCR, zusammen mit der CRS (Catholic Reliefe Services), mit der Leitung der Pilotprojekte zur Ausbildung von afghanischen Flüchtlingsfrauen in den Wüstencamps. Auch dort sah ich es als meine Hauptaufgabe an, Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Wir gründeten Nähzenter, in denen wir die Frauen schulten. Am Ende der Schulung sorgten wir dafür, dass die Frauen eine handbetriebene Nähmaschine mit nach Hause nehmen konnten, um als Näherinnen zu arbeiten. Es ist mir mit den beteiligten Organisationen und den Mitarbeitenden gelungen, über 7’000 Frauen auszubilden und sie mit Nähmaschinen auszustatten. Das ist eine schöne Bilanz und hat eine riesige Kettenreaktion ausgelöst. Diese Frauen finden mit ihrem Können den Weg in die Selbständigkeit, können gleichzeitig ihre Familien ernähren und oft noch andere Menschen unterstützen. Das gibt ihnen auch ein bestimmtes Gewicht in der Gesellschaft. Die Frauen haben ihre Kenntnisse oft auch ihren Kindern weitergegeben. Auch haben wir invalide Männer unterstützt. Wir stellten ihnen ein Kohleeisen zur Verfügung und lernten sie bügeln. Auch so konnten sich viele Menschen in Not etwas verdienen und überleben. Viele dieser Menschen gingen zwischenzeitlich wieder zurück nach Afghanistan.

Anfang der 90iger Jahre fragte mich eine afghanische Mitarbeiterin, nachdem ich das „Women Trainings Center“ aufgebaut hatte, ob ich ihr in Pakistan, in Quetta, an der Grenze zu Afghanistan, helfen könnte, eine Schule für afghanische Flüchtlingskinder aufzubauen. Pakistan hatte nicht genügend Schulen, um
Schulklasse in Pakistan. (c) by E. Neuenschwander. alle afghanischen Kinder aufzunehmen. Für dieses Projekt musste ich das Geld selber organisieren. Damals wussten wir nicht, dass die Schule innerhalb von 10 Jahren auf 1'000 Schülerinnen und Schüler anwachsen sollte und noch zwei weitere Schulen in Afghanistan entstehen sollten. Glücklicherweise nahmen auch die Spenden von Privaten und gemeinnützigen Organisationen in der Schweiz zu. Das Projekt wurde im Verlaufe der Jahre somit grösser und grösser. Heute sind es drei Schulen mit fast 2'000 Schülerinnen und Schüler. Für die Schulen drucke ich seit rund 20 Jahren Kalender, die wir verkaufen. Mit dem Erlös der Kalender und der Handwerksprodukte und dank Spenden aus der Schweiz können wir diese Schulen heute finanzieren. Wir benötigen dafür rund 7’000 Franken im Monat.

Es handelt sich, verglichen mit anderen Projekten, von denen man in den Medien hört und liest, um einen sehr bescheidenen Betrag, der zu denken geben muss. Wie können Sie mit nur 7’000 Franken so viel bewirken?

Ich bin für die ganze Administration selber verantwortlich. Die Menschen, die mich in der Schweiz unterstützen, werden nicht entlöhnt. Sie helfen mir alle auf freiwilliger Basis. Ich überwache die Projekte sehr genau und sorge dafür, dass die gesprochenen Gelder richtig eingesetzt werden. Ohne Menschen vor Ort, auf die ich absolut vertrauen kann, wäre das jedoch nicht möglich.

Ich stelle mir vor, dass es auch abgesehen von den finanziellen Herausforderungen nicht einfach ist, in Pakistan und Afghanistan etwas aufzubauen. Es gibt viel Elend, viel Politik und viel Korruption. Wie gehen Sie damit um?

Das Arbeiten in diesen Ländern ist tatsächlich nicht einfach, da viel politisch und religiös geprägt ist und die Länder Pakistan und Afghanistan durch die vielen Kriege und Gewalttätigkeiten weitgehend zerstört worden sind. Wir lesen hier in der Schweiz in den Medien immer wieder von den Taliban und ihren extremen Ansichten. Wir mussten diverse Anschläge auf unsere Schulen erdulden. Meine damalige Assistentin ist vor einigen Jahren umgebracht worden. Sie starb, so sagte man, bei einem Autounfall. Daran habe ich nie geglaubt. Mit solchen Einschüchterungsversuchen will man engagierte und kritische Menschen mundtot und gefügig machen.

Können Sie uns etwas über die Schulen erzählen, die Sie unterhalten?

Herausgeberin Elizabeth Neuenschwander: Dari PhrasebookWir haben in Quetta in Belutschistan Schulen, an denen bis in die 12. Klasse unterrichtet wird. Wir unterrichten rund 1600 Schülerinnen und Schüler, alles Flüchtlingskinder aus Afghanistan. Rund ein Drittel der Kinder sind Mädchen. Wir haben ein Abkommen mit dem Ministery of Education in Afghanistan. Unsere Schülerinnen und Schüler können, wenn sie nach Afghanistan zurückkehren, direkt in die offiziellen afghanischen Schulen übertreten. Es ist auch möglich, von unseren Schulen direkt an die Universität in Afghanistan zu gehen. In Afghanistan ist die Situation in den letzten Jahren sehr schwierig geworden. Es gibt regelmässig Provokationen, mit denen wir leben müssen. Kürzlich hat ein junger Mann, weil er nicht wollte, dass Mädchen zur Schule gehen, die Fensterscheiben demoliert, was, wie Sie sich vorstellen können, viele Schülerinnen und Schüler sehr verängstigt hat. Trotz diesen widrigen Umständen unterrichten wir in Afghanistan selber etwa 450 Kinder. Die Schweden sind im Übrigen in Afghanistan sehr aktiv beim Bau von Schulen. Ich pflege mit einer engagierten Schwedin sehr guten Kontakt und oft helfen wir uns gegenseitig.

Sie haben rund 50 Jahre im Ausland gelebt, waren, wenn man so sagen darf, immer an der Armutsfront, und haben auch grosse Teile Ihres eigenen Geldes und Ihres Lohnes für die vielen Projekte und Menschen eingesetzt. Sie werden bald 80 Jahr alt. Was wünschen Sie sich von der Schweiz? Wie kann die Schweiz Ihnen helfen, diese Projekte weiter aufrechtzuerhalten?

Ich bin mit meinen Ideen von Schweizerinnen und Schweizern unterstützt worden. Schangnau im Emmental ist schon seit vielen Jahren eine grosse Hilfe. Ich bekomme von der Kirchgemeinde jährlich einen Betrag für den Aufbau der Nähzentren und den Unterhalt der Schulen in Pakistan und Afghanistan. Ohne solche Spenden wäre das nicht möglich. Ich bin Schangnau deshalb zu grossem Dank verpflichtet.

Bei den politischen Auseinandersetzungen auf höchster Ebene scheint oft vergessen zu gehen, dass die Menschen in Pakistan und Afghanistan ein normales Leben führen möchten. Der Grossteil der Menschen wünscht sich eine bessere Zukunft für ihre Kinder. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es nebst der richtigen Politik ganz pragmatische Vorgehensweisen. Es ist beispielsweise unbedingt nötig, dass man künftig nicht nur Näherinnen, sondern auch Maurer, Mechaniker und andere technische Berufe fördert. Pakistan und Afghanistan haben aufgrund der ständigen Kriege das Fachwissen für diese Berufe verloren. Das führt zu grossem Elend. Diese technische und berufliche Aufbauarbeit liesse sich mit wenig finanziellen Mitteln organisieren. Ich bin dort, wo ich gearbeitet habe und grosses Elend herrschte, nur ganz wenigen Vertretern von Politik und Behörden begegnet. Das dürfte mithin ein Grund sein, warum wir von viel Elend auf der Welt keine Ahnung haben.

Vergessen gehen darf dabei nicht, dass bei der Arbeit vor Ort die Sicherheit gewährleistet sein sollte. Als ich früher die Flüchtlingscamps besuchte, war alles noch mehr oder weniger sicher. Das hat sich in den letzten Jahren sehr zum Schlechten geändert. Es ist heute sehr schwierig, sich in Pakistan und Afghanistan zu engagieren und zu bewegen, ohne dabei erhebliche Sicherheitsrisiken einzugehen. Viele Menschen, die aktiv waren und etwas machen wollten, mussten fliehen oder sind tot. Es ist für Schweizerinnen und Schweizer, welche diese Länder nicht kennen und nie dort gelebt haben, sehr schwierig, sich in Afghanistan oder Pakistan zurechtzufinden und etwas aufbauen zu können. Deshalb muss man Menschen finden, die aus diesen Ländern kommen und auf die man zählen kann. Ich hatte das Glück, solche Menschen für meine Projekte gewinnen zu können. In unseren Schulen wächst zudem eine neue Generation heran, die für solche Projekte sehr offen und geeignet sein könnte.

Sehr geehrte Frau Neuenschwander, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen und Ihrer Organisation weiterhin viel Erfolg.

(C) 2009 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

______________________________
Links
- Homepage von Elizabeth Neuenschwander
- Portrait of Elizabeth Neuenschwander
- Weitere Bücher von Elizabeth Neuenschwander - Belutschistan

Wollen Sie das nächste Interview nicht verpassen?
Newsletter abonnieren

 

 

Eddie Murphy...

Richard Clayderman...

Richard Clayderman...

Charlie Chaplin...

Jon Lord...

Czwalina Consulting

MAW Interim Management

Dennis Hopper...

Chi Coltrane...

Erich von Däniken...

Echoes of Swing

Praxishandbuch ...

Dennis Hopper...

Procure.ch

btools.ch