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Spezialinterview Seelsorge: Audrey Kaelin

Audrey Kaelin Audrey Kaelin ist seit 2008 Spitalseelsorgerin in der Klinik Hirslanden Zürich und Vorstandsmitglied der Vereinigung katholischer Spitalseelsorger/innen der deutschsprachigen Schweiz. Audrey Kaelin ist in San Diego (USA) 1958 geboren und herangewachsen, besuchte später in Einsiedeln (CH) die Stiftsschule und studierte in Zürich Englisch und Geschichte (lic. phil.). Nach zehn Jahren Mittelschullehrtätigkeit erfüllte sie sich einen lang gehegten Wunsch und studierte in Luzern und Innsbruck Theologie (lic. theol.). Zunächst in einer Pfarrei tätig, zog es sie später in die Spitalseelsorge. Im Gespräch mit Christian Dueblin erzählt Audrey Kaelin aus ihrem Berufsalltag als Seelsorgerin in einem Spital und gibt Auskunft über Themen, die viele gesunde Menschen wohl tendenziell verdrängen, das Kranksein, den Tod und den Prozess des Sterbens.

Christian Düblin: Sie sind Theologin und Seelsorgerin. Was muss man sich unter dem Begriff „Seelsorge“ vorstellen?

Audrey Kaelin: Seelsorge ist Begegnung in einer grösseren Dimension. Als Seelsorgerin begegne ich Menschen mit einer bestimmten Haltung. Ich versuche, den Menschen wie mit den Augen Gottes zu sehen und ihnen unvoreingenommen zu begegnen. Wenn Sie sich fragen, wie das geht, dann kann ich nur sagen: Im tiefen Vertrauen, dass Gott vorausgeht.

Besuche am Krankenbett gehören im Spital zu meinen wichtigsten Aufgaben. Es geht darum, Menschen in Krisen- und Grenzsituationen zu begleiten. Während Ärzte und Pflegende sich in erster Linie auf den kranken Körper konzentrieren, gilt meine Aufmerksamkeit der Innenwelt des Menschen, der Seele, dem Befinden. In meiner Arbeit kommt der Sprache eine hohe Bedeutung zu, weil sie von der Aussenperspektive zur Innenwelt führt, und weil sie Ausdruck ist von zugleich Geistigem, Seelischem und Körperlichem. Wichtig sind aber auch in meiner Arbeit als Seelsorgerin liturgische Handlungen, wie Gebet, Segen, Kommunionfeier, Gottesdienst, Abschiedsfeier bei Verstorbenen.

Sie sind als katholische Seelsorgerin tätig. Welcher Sinn haben denn das Christentum und christliches Handeln in einem Spital?

Als katholische Seelsorgerin leitet mich ein Gottes- und Menschenbild, das im Gegensatz zum heutigen Zeitgeist steht: Leben und Gesundheit gibt es nie in vollkommener Weise, sondern nur bruchstückhaft, deswegen sind Leiden und Einschränkung Bestandteile des Lebens. Gott ist nicht der, der Leiden verhindert, sondern der, der durch das Leiden mitgeht.

Wie sieht bei Ihnen ein normaler Arbeitstag aus? Können Sie uns exemplarisch ein, zwei Seelsorgebesuche schildern?

In der Klinik habe ich ein Büro, das ich mit meiner reformierten Kollegin teile. Am Morgen verschaffe ich mir einen Überblick über die Patientenliste. Erfahrungsgemäss eignet sich der späte Vormittag wie auch der späte Nachmittag für Seelsorgebesuche.

Gestern habe ich zum Beispiel eine ältere Frau zum ersten Mal besucht. Beim Eintreten ins Krankenzimmer fiel mir auf, dass sie etwas eigenartig am Tisch sass und den Kopf verdrehte. Ich erkannte dann, dass sie sehbehindert und zudem schwerhörig war. Sie wirkte geschwächt, war aber präsent. Ich stellte mich vor. Sie zögerte und war anfänglich etwas unsicher. Sie teilte mir mit, dass sie nicht streng katholisch sei und ihren eigenen Glauben habe. Wir haben uns einige Zeit unterhalten und über das Spital und ihre Krankheit gesprochen. Das Gespräch wurde mit der Zeit persönlicher. Es beeindruckte mich, wie bewusst und differenziert diese Frau ihre Umwelt wahrnahm. Als ich ihr das sagte, ging ein Strahlen über ihr Gesicht. Sie fühlte sich anerkannt.

Eine andere Patientin, die ich gestern wieder mal besuchte, teilte mir voller Freude mit, dass sie endlich nach Hause gehen könne. Doch die Rückenschmerzen seien immer noch da. Es sei ihr bewusst, dass sie zuhause nicht mehr ihr altes Leben fortführen könne, und dass sie aufgrund ihrer Krankheit einiges ändern müsse. Sie wisse nicht, ob sie die Kraft dazu aufbringen könne. Daraus entstand ein längeres Gespräch. Am Schluss fragte sie mich, ob ich ein Gebet für sie sprechen könnte. Auf ihre Bitte hin sprach ich ein frei formuliertes Gebet, in dem ich auch ihre unausgesprochene Trauer und Angst hineinnahm. Aufgrund ihrer Tränen segnete ich sie.

Zum Alltag einer Spitalseelsorgerin gehören selbstverständlich auch andere Aufgaben, wie beispielsweise das Beantworten von E-Mails, das Begleiten der Mitarbeiter/innen des freiwilligen Besuchsdienstes, der Kontakt mit Angestellten, das Reflektieren der Begegnungen in der Supervision und der Austausch mit Fachkolleg/innen. Zusätzlich engagiere ich mich auch für unseren Berufsverband.

Ihre Besuche am Krankenbett erfordern ein hohes Mass an Präsenz und Aufmerksamkeit. Bedarf es dazu einer inneren seelischen Vorbereitung?

Ja. Mir selbst hilft die Verankerung im christlichen Glauben, anderen in ihren Glaubensfragen beistehen zu können. Dabei ist das Gebet für mich wichtig. Denn bevor ich das Krankenzimmer betrete, stelle ich mich auf die Begegnung mit dem Menschen ein, den ich besuche. Um mich zu sammeln, hilft mir u.a., bewusst ein- und auszuatmen. So werde ich innerlich ruhig und konzentriert. Wenn ich spüre, dass ich diese innere Ruhe nicht finde, dann sehe ich in aller Regel von einem Seelsorgebesuch ab und vereinbare stattdessen einen weiteren Besuchstermin. Kranke Menschen haben nämlich ein untrügliches Gespür, ob jemand wirklich da ist.

Welches sind die grundsätzlichen Fähigkeiten und Kenntnisse, über die ein Seelsorger oder eine Seelsorgerin verfügen muss, um den Patientinnen und Patienten gerecht zu werden und diesen Beruf ausüben zu können?

Es braucht fundierte theologische Kenntnisse. Ferner muss die seelsorgende Person über psychologisches Wissen verfügen. Sie muss mit psychologischen Methoden in der seelsorglichen Praxis umgehen können. Das beginnt beim aufmerksamen Zuhören im Gespräch. Die kranke Person steht im Mittelpunkt. Ich selber muss mich zurücknehmen können und auch meine Grenzen und meine Schattenseiten kennen. Natürlich braucht es nebst Einfühlungsvermögen auch Verschwiegenheit und Diskretion.

Wie kommt der Seelsorgebesuch in der Regel zustande? Fragen die Patientinnen und Patienten von sich aus nach Seelsorge?

Es gibt grundsätzlich zwei Formen der Spitalseelsorge: Das unaufgeforderte Besuchen ist eine Möglichkeit. Oft, und das ist die zweite Möglichkeit, werde ich aber angefragt und gerufen, sei es von dem Patienten oder der Patientin selbst oder von den Pflegefachpersonen oder den Ärzten. Dieses Vorgehen halte ich für sinnvoll. Pflegende und auch Ärzte sehen in vielen Fällen, dass Patienten nicht allein das Medizinische und Pflegerische brauchen, sondern auch das Seelsorgerische. Deshalb ist es wichtig, dass ich einen guten Kontakt zum Pflegefachpersonal im Spital habe.

Können Sie uns einen solchen Fall, wo Sie gerufen wurden, schildern?

Da kommt mir ein Patient in den Sinn, der mich sehen wollte. Wir kannten uns von früheren Begegnungen. Meistens war ich nur kurz bei ihm. Er sagte jeweils: „Andere brauchen Sie mehr als ich.“ Diesmal war es anders. Er wollte mit mir reden. Etwas Schweres bedrücke ihn. Was er mir dann erzählte, war massiv. Ich fragte ihn, ob es ihm recht sei, wenn ich das, was er erzählt habe, vor Gott bringe und ihn um sein Erbarmen bitte. „Ja, bitte tun Sie das“, bat er mich inständig. Nach dem Gebet war er müde und erschöpft. Zwei Tage später starb er.

Es scheint, als ob dieser Mann etwas Belastendes loswerden musste, damit er in Frieden sterben konnte. Ist das bei sterbenden Menschen häufig der Fall?

Ja, viele Menschen können nicht sterben, bevor sie Wichtiges erledigt haben – bei vorigem Patienten, bis er „gebeichtet“ hat. Andere wollen innerlich aufräumen, etwas integrieren. Wenn sich jemand damit schwer tut, kann es sein, dass seelsorgliche Begleitung, ähnlich der Hebammenkunst bei der Geburt, hilfreich sein kann. Im Gespräch können sich innere Konflikte entschärfen oder sogar lösen. Andere wiederum brauchen Würdigung ihrer Lebensart, ihrer Persönlichkeit und ihrer Entscheide.

Das Gebet scheint für den Sterbenden, von dem Sie uns erzählt haben, wichtig gewesen zu sein. Können Sie uns das erklären?

Im Gebet verdichtet sich die Begegnung. Indem ich versuche, das mir Anvertraute authentisch und aufrichtig zu benennen, kann das, was im Innern dieses Menschen ist, nach aussen treten und Gott anheim gegeben werden. Das befreit, erlöst.

In der Gesellschaft wird der Tod oft ausgeklammert. In Ihrem Berufsalltag dagegen haben Sie es naturgemäss mit Menschen zu tun, die mit dem Tod ringen. Wie gehen Sie mit diesen Gegensätzen um?

Tod und Sterben werden zwiespältig erlebt. Der Tod ist durch die Medien präsent, etwa bei Kriegen oder Katastrophen. Aber es ist der Tod der anderen. Der eigene Tod hingegen, das Sterben als solches wird eher verdrängt. Der Kontakt mit Sterbenden und Verstorbenen ist nicht mehr wie früher. Menschen sterben weniger zuhause. Auch werden die Verstorbenen nicht mehr zuhause aufgebahrt, wie das früher noch der Fall war. Der Umgang mit Sterbenden wird heute in den meisten Fällen an Institutionen delegiert. Das Thema Leiden ist noch etwas, was die Gesellschaft mehr und mehr von sich weist. Wir leben in einer Erlebnisgesellschaft, in der das Leiden nur wenig Platz hat. Das Leiden ist aber eine Dimension, die uns lehrt, mit dem Leben umzugehen.

Sterben ist eine sehr intime Angelegenheit. Trotzdem möchte ich Sie fragen, ob Sie uns schildern können, was Sterben eigentlich bedeutet und wie sich Menschen im Sterben verhalten.

Wir hören oft vom Unfalltod oder vom plötzlichen Herzinfarkt, bei dem jemand innert Sekunden stirbt. Der Sekundentod ist jedoch eher Ausnahme. Viele Sterbende durchlaufen einen Prozess, der längere Zeit dauert. Das Sterben ist, wie Sie sagen, eine sehr intime und individuelle Angelegenheit. Es gibt viele Menschen, die wollen beim Sterben nicht alleine sein. Andere möchten gerade alleine sein. Viele Menschen wollen beim Sterben nicht leiden. Andere wollen bewusst auf ihren Tod zugehen und nehmen dabei Schmerzen in Kauf.

Von Monika Renz, Psychologin und Theologin, habe ich Wesentliches über den Sterbeprozess erfahren. Was sie als Musik- und Psychotherapeutin in der therapeutisch-spirituellen Begleitung von Sterbenden erlebt hat, beschreibt sie in ihrem Buch „Zeugnisse Sterbender“ (Anmerkung der Redaktion: Junfermann Verlag, Paderborn 2008, 4. Auflage, ISBN 978-3-873887-712-2). Ihre Erfahrungsberichte sind zugleich individuelle Begebenheiten, die aber systematisch dargestellt werden, was einem hilft, die Erfahrungen der andern zu verstehen. Sterben bedeutet nach Renz Wandlung und Übergang. Die Wahrnehmung der Sterbenden ist anders als die von uns Lebenden. Darum fällt es uns oft schwer, Sterbende bzw. ihre symbolische Sprache und Gesten zu verstehen. Was für Sie und mich normalerweise „oben“ und „unten“, „hier“ und „jetzt“ ist und uns Orientierung gibt, löst sich beim Sterbenden nach und nach auf. Der Fokus des Sterbenden verschiebt sich von aussen nach innen. Der Sterbende muss immer mehr loslassen von dem, was sein Ich, seine Identität ausmacht.

Viele Menschen werden deshalb – meist für sie unerwartet – von grosser Angst eingeholt. Diese Todesangst ist jedoch weniger eine Angst vor dem Tod als solchem als vor dem Sterben, der Ohnmacht, dem Leiden. Der Mensch stirbt – so die vielen Erfahrungsberichte von Monika Renz – aber nicht in Angst oder in einem geistigen Endkampf, sondern erst, wenn der Übergang durchgestanden ist. Danach ist Friede. Dieses Wissen hilft mir an den Sterbebetten sowie im Gespräch mit den Angehörigen.

Werden Sie auch gefragt, was nach dem Tode sein werde?

Ja, aber das beschäftigt weniger den Sterbenden, als vielmehr den kranken Menschen. Das ist eine Frage des Glaubens. Menschen, die sich mit Religion auseinandergesetzt haben, sind eher der Ansicht, dass sie in ein anderes Leben eintreten. Ich selber glaube daran, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Dass es ein Leben danach gibt, ist uns zugesagt. In der seelsorglichen Begleitung mache ich immer wieder die Erfahrung, dass manche Menschen jemanden an ihrer Seite brauchen, der stellvertretend für sie glaubt.

Sehr geehrte Frau Kaelin, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen und Ihren Patientinnen und Patienten alles Gute.

 

(C) 2009 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.


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Links
- Privatklinikgruppe Hirslanden
- Vereinigung der deutschschw. Spitalseelsorgerinnen und Spitalseelsorger

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