Suchen

Roger Köppel im Gespräch mit Christian Düblin

Roger Köppel Roger Köppel, Jahrgang 1966, ist Historiker und Journalist. Im Jahr 2001 trat er, nach Stationen bei der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) und dem Tagesanzeiger (TA), die Position als Chefredakteur bei der damals kriselnden Weltwoche an. Im Jahre 2004 führte ihn die Stelle als Chefredakteur der Zeitung Die Welt nach Berlin und im Jahr 2006 übernahm Roger Köppel die Weltwoche, was hohe Wellen warf. Im Gespräch mit Christian Dueblin spricht der Chefredakteur und Unternehmer Roger Köppel über seinen Einsatz in Deutschland und seine Ansichten über einen guten Journalismus, wagt eine Prognose, wie sich die Schweizer Medienlandschaft in den nächsten Jahren verändern wird und wirft einen Blick auf das Wall Street Journal und die New York Times.

Sehr geehrter Herr Köppel, nach Stationen bei der NZZ und beim TA waren Sie zweieinhalb Jahre als Chefredakteur bei der Zeitung „Die Welt“ in Deutschland tätig. Erkennen Sie zwischen Ihrer Arbeit in Deutschland und in der Schweiz Unterschiede?

Als Schweizer war ich in Deutschland der Ausländer. Das war vor allem im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung mit politischen Fragen in und rund um Deutschland nicht ganz einfach. Es war auch nicht ganz einfach, von Anfang an ernst genommen und gehört zu werden. Man wird in solchen Situationen - vor allem wenn man noch etwas jünger ist - eher unterschätzt. Das ist normal und hat auch Vorteile. Wenn ein Deutscher nach Zürich kommen und für die NZZ arbeiten würde, dann hätten seine Kolleginnen und Kollegen umgekehrt möglicherweise auch gewisse anfängliche Zweifel. Ein Physiker oder ein Schraubenfabrikant wäre in diesem Sinne im Gegensatz zu einem Journalisten bei seiner Arbeit vielleicht weniger betroffen. Ich habe die Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen in Deutschland aber auf alle Fälle als sehr positiv empfunden.

Die Mitarbeitenden in Deutschland akzeptieren Hierarchien besser als Mitarbeitende in der Schweiz. Das gilt aber nur, wenn sich ein Vorgesetzter als erfolgreich erweist.

Sie sind sehr viel kritisiert worden. Wir kommen darauf noch zu sprechen. Zum grossen Schrecken manch eines Journalisten in der Schweiz wurden Sie im Jahre 2006 mit dem Schweizer Journalistenpreis ausgezeichnet.

Die Verleihung des Preises war sicher eine Anerkennung für die Übernahme eines Blattes, welches damals tief in den roten Zahlen stand, und die persönliche Verschuldung dafür. Natürlich hat mich die Auszeichnung geehrt. Ich fühlte mich in der Journalistenwelt schon immer etwas als Quereinsteiger und Exot. Aber man sollte solche Auszeichnungen nicht überschätzen. Kritisiert worden bin ich im Übrigen auch schon zur Zeit meiner Arbeit für das Magazin des TA, das TagiMagi. Damals hiess es von Seiten der Kritiker, Köppel habe das TagiMagi „zu Tode geköppelt“. Dabei waren wir sehr erfolgreich. Zwischenzeitlich habe ich die Weltwoche von minus neun Millionen Franken Defizit wieder in die schwarzen Zahlen gebracht. Die Anzahl der Inserate und die Verkaufszahlen sind gestiegen. Trotzdem wurde ich in den Medien kritisiert. Dieses Vorgehen gehört bei den Journalisten vielleicht etwas dazu. Zuerst wird kritisiert und dann erst wird geschaut, ob einer wirklich fähig ist.

Die Weltwoche war ursprünglich ein sehr traditionelles und weit über die Grenzen der Schweiz geschätztes Blatt. Es wurde 1933 gegründet, in einer schwierigen politischen Zeit, und galt damals als „Schutzwall“ gegen die Nazis. Verspüren Sie heute, angesichts dieser Vergangenheit und der Verdienste der Weltwoche, eine Verpflichtung diesem alten „Brand“ gegenüber?

Die Geschichte der Weltwoche und die daraus resultierende Verpflichtung dem Blatt gegenüber ist für mich ganz zentral. Ich habe mich mit der Vergangenheit der Weltwoche intensiv auseinandergesetzt. Von 1933 bis 1935 war das Blatt sehr bürgerlich geprägt und bezog gegen den Kommunismus Position. Die Weltwoche hat sich immer für den Standpunkt der Schweiz stark gemacht. Sie war auch sehr visionär. Es wurde mit einem sehr hohen feuilletonistischen Gespür ein bürgerlicher Nonkonformismus gepflegt. Karl von Schuhmacher hat sich damals auf die aussenpolitischen Belange konzentriert. Manuel Gasser hatte eine ideale feuilletonistische Affinität und Zuppinger nahm sich den Life Style-Themen an. Das war mehr ein „boulevardesker“ Approach. Die drei Macher waren damals die prägenden Säulen des Blattes. Es verhielt sich sehr lesernahe und sah sich als Gegenkraft zum Akademismus, einem typischen NZZ-Syndrom. Das alles widerspiegelt die DNA der Weltwoche. Daran versuche ich mich heute zu orientieren. Ich sehe das als eine Verpflichtung an. Es freut mich sehr, dass ich eine solche Tradition weiterführen darf. Allerdings sehe ich mich nicht in der Ahnenreihe der genannten grossen Zeitungsgründer und Zeitungsmacher. Das liegt mir fern.

Sie sind in den letzten Jahren, wie bereits erwähnt, oft kritisiert worden. Wie gehen Sie mit der Kritik an Ihrer Person um?

Kritik hat mich meine ganze journalistische Karriere hinweg begleitet. Die Menschen sind jemandem gegenüber, der jünger ist und etwas bewirken will, generell misstrauisch eingestellt. Das ist normal. Aber die Kritik an mir als Journalisten und Chefredakteur ist auch massgeblich auf meine Abneigung gegenüber dem generellen Konsensgedanken im Journalismus zurückzuführen, den ich schon immer in Frage gestellt habe. Die Aufgabe der Journalisten besteht nicht darin, zu bestätigen oder zu wiederholen, was alle anderen schon gesagt haben. Es ist wichtig, dass man versucht, die Dinge von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Wir haben in der Weltwoche einen nonkonformistischen Ansatz. Auch wenn 99% der Menschen der Meinung sind, dass George W. Bush alles falsch mache, schreibt die Weltwoche beispielsweise einen Artikel darüber, was er in den Augen der Menschen, die ihn gewählt haben, vielleicht richtig macht und warum die Bürger in den USA ihn gewählt haben. Als Unternehmer ist es mir gelungen, die Weltwoche wieder in die schwarzen Zahlen zu bringen. Es ist daher logisch, dass ich auch in dieser Hinsicht von der Konkurrenz keinen Applaus bekomme. Die Weltwoche nimmt ihr Anzeigen, Aufmerksamkeit und Leser weg. Wenn Sie sich für einen Weg entschieden haben, dann müssen Sie Ihre Ideen durchziehen. Wer nicht geistig unabhängig ist und das unternehmerische und journalistische Feuer nicht spürt, kann sich nicht durchsetzen, die Kritik nicht ertragen und hat demzufolge auch keine Chance, bestehen zu können.

Als Chefredakteur und Unternehmer haben Sie möglicherweise zwei Seelen in der Brust, denen Sie gerecht werden müssen oder wollen. Wer auch immer das Geld zum Kauf der Weltwoche zur Verfügung gestellt hat, vertraute darauf, dass Sie fähig sind, dieses Blatt wieder in die schwarzen Zahlen zu bringen. Dazu brauchte es nebst journalistischem Geschick Managementqualitäten, Durchhaltewille, Durchsetzungskraft und Visionen. Wie konnten Sie die Geldgeber davon überzeugen, dass Sie auch unternehmerisch der richtige Mann für die Weltwoche sind?

Ob ich über alle diese Qualitäten verfüge, wird sich darin zeigen, ob ich langfristig Erfolg haben werde. Ich habe mir früher überlegt, Lehrer zu werden. Die didaktische Vermittlung von Wissen hat mich schon damals fasziniert und tut es auch heute noch im Journalismus. Als Unternehmer muss ich zusätzlich dafür sorgen, dass mehr Geld reinkommt als wir ausgeben. Das ist sicher eine neue Dimension. Das Unternehmerische und Journalistische ist aber meines Erachtens nicht in zwei Seelen aufgeteilt. Ich habe eine „kernfusionierte Seele“, die beide Eigenschaften und Funktionen beinhaltet.

Man wirft Ihnen vor, Sie seien nicht unabhängig. Was sagen Sie dazu?

Man wirft mir vor, ich sei ein SVP-Mann und würde von Christoph Blocher ferngesteuert. Der Grund dafür liegt darin, dass ich im Jahr 2003 geschrieben habe, dass man es sich zu leicht mache, wenn man den Erfolg der SVP auf einen Demagogie-Erfolg, auf eine Volksverblendung sowie auf eine dumme Wählerschaft zurückführen würde. Blocher und die Partei haben Werte und Traditionen vertreten, die auch der Freisinn in den 80iger-Jahren vertreten hatte. Auch deshalb hat die SVP Zulauf bekommen. Ich war sicher der erste Journalist, der das so schrieb, weil es eben stimmt.

Die Emotionen gingen tatsächlich immer wieder sehr hoch. Worauf führen Sie als Beobachter der Schweizer Politik dieses emotionale Verhalten und das Abweichen von der Sachpolitik zurück?

Die Schweiz steckte von den 80iger-Jahren bis hinein in die 90iger-Jahre, und teilweise sogar bis heute, in einer tiefen Diskussion über ihre Identität und ihre Grundwerte. Betroffen waren unter anderem auch verfassungsrechtliche Belange. Ferner wurde die Frage eines EU-Beitritts debattiert. Es ging also um Themen, die das Volk beschäftigten. Dabei gab es Leute, die alles in Frage stellten und an ihrer Spitze stand erst noch eine Person, die sich mit allen angelegt hatte, sowohl mit dem bürgerlichen als auch mit dem linken Establishment. Das führte zu sehr grossen Spannungen und zu einer Polarisierung. Heute haben wir eine viel gesündere öffentliche Kultur als noch vor einiger Zeit.

Sie haben die Mannschaft der Weltwoche grösstenteils ersetzt und das Blatt wesentlich verändert. Damit haben Sie die Auflagen in den letzten Monaten und Jahren steigern können. Was tun Sie als Unternehmer, um die Qualität des Blattes dauerhaft hoch zu halten?

Gute Leute einstellen. Man stellt eine Person ein und weiss, worüber sie in etwa schreiben wird, was ihre Stärken sind und was sie interessiert. Sie können Journalisten nicht vorschreiben, worüber sie zu schreiben haben. Sie werden sonst gleich wieder gehen, denn Journalisten sind alles Individualisten und Diven. Seit ich in der Weltwoche bin, habe ich noch nie einem angestellten Redaktor einen Artikel umgeschrieben. Natürlich kann es vorkommen, dass ich von der Qualität nicht überzeugt bin. Wenn sie nicht besser wird, muss man sich trennen.

Wo sehen Sie nebst der Qualität weitere Erfolgsfaktoren für eine Zeitung?

Zeitungen sollten interessant sein, und der Inhalt muss stimmen. Des Weiteren muss man wissen, in welchen Gebieten man tätig sein will. Dort kann man dann seine Stärken und seine USP (Unique Selling Points) entwickeln. Die Weltwoche konzentrierte sich anfangs auf die grenzüberschreitende Weitsicht. Sie wurde zu einem Zeitpunkt gegründet, als die Aussenpolitik massgeblich die Innenpolitik bestimmt hatte. Es war deshalb sehr wichtig, was in anderen Ländern vor sich ging. Heute dreht sich in der Innenpolitik Vieles um einzelne Personen. Man sagt deshalb in der Journalistensprache, dass man „auf den Mann spielt“. Dabei muss man ganz genau beobachten, wer was sagt und wer was macht. Dann muss man sich fragen, wie man diese Aussagen und Handlungen misst.

Wo denken Sie, bewegt sich die Medienlandschaft in der Schweiz hin? Was sind die Herausforderungen, die auf unsere Zeitungen zukommen werden?

Die NZZ hatte in den 80iger-Jahren noch übersichtliche 60 Redaktoren. Ebenso wie der TA ist sie aber inzwischen ein riesiger Apparat geworden. Die Medienlandschaft hat sich in den letzten Jahren sehr verändert, und die Tageszeitungen sind heute in einer schwierigen Situation. Die Konkurrenz insbesondere auch durch Fernsehen, Internet und Gratiszeitungen ist grösser geworden, und die Tageszeitungen haben das Problem, dass der Nutzen ihrer täglichen Informationen abnimmt. Die Menschen werden heute auch über andere und oft günstigere Kanäle informiert. Die Bereitschaft, Geld für Informationen zu bezahlen, nimmt stetig ab. Es nimmt aber auch die Bereitschaft ab, viel Zeit aufzuwenden, um sich zu informieren. Vielleicht hatte man früher auch nicht so viel Zeit. Aber wenn man sich informieren wollte, blieb einem nichts anderes übrig, als die herkömmlichen Tageszeitungen zu lesen. Heute verhält sich das anderes. Die Gratiszeitschrift 20Minuten beispielsweise ist eine Zeitung, die ohne Fett und schwabbelige Sachen auf den Punkt kommt. Ich glaube, dass die Tageszeitungen in Zukunft schlanker werden. Aus Sechsbundzeitungen werden Vierbundzeitungen oder möglicherweise sogar Zweibundzeitungen. Die Tageszeitungen werden somit dichter. Sie werden sich überlegen müssen, wo ihre Stärken liegen und wo ihre Schwächen und dann ihren Inhalt entsprechend ausrichten.

Die Gratiszeitungen werden weiter florieren. Auch das Internet wird eine wichtige Rolle spielen, wird aber die Printmedien nicht ersetzen. Das Internet sehe ich mehr als Komplementärmedium, welches die Zeitungen ergänzen kann. Das Exklusivitätsmonopol und damit die Beherrschung der Öffentlichkeit haben die Zeitungen jedoch verloren. Sie sind somit gezwungen, sich auf ihre neue Rolle einzustellen.

Wie verhält es sich Ihres Erachtens mit den Wochenzeitungen?

Die Wochenzeitungen sind nicht in einer schlechten Position. Einmal in der Woche will man etwas lesen, das mit Hintergründen bestückt ist. Ich sage immer, wir sind die „Souffleure des intelligenten Tischgespräches“. Der Inhalt unserer Artikel muss so gut sein, dass der Leser bei einem Abendessen etwas Interessantes zu einem bestimmten Thema beitragen kann. Das ist die Dienstleistung, die ich erbringen will. Ich glaube, dass ich das mit der Weltwoche zurzeit nicht schlecht mache. Aber auch für uns ist das Business härter geworden.

In New York, so berichtete die NZZ, herrsche eine grosse mediale Endzeitstimmung. Ein mexikanischer Milliardär, Carlos Slim, ist offensichtlich mit Millionen von Dollars bei der New York Times eingestiegen. Auf der anderen Seite gibt es Ruppert Murdoch mit seinem Wallstreet Journal, zweifelsohne die grosse Konkurrenz der New York Times. Was passiert Ihres Erachtens zurzeit auf dem amerikanischen Zeitungsmarkt und warum steigt ein Milliardär bei einem alten traditionellen Blatt ein?

In Amerika ist der Zusammenbruch der Medien dramatischer als in Europa. Die Erlösquellen sind weitgehend versiegt und die Auflagen sinken stetig. Ich habe das nie im Detail studiert, sehe aber, dass eine New York Times an Qualität verloren hat.

Rupert Murdoch ist natürlich eine geniale Figur, die von den Journalisten völlig zu unrecht immer wieder verteufelt wird. Er ist ein bedeutender Unternehmer und einer der grössten Verleger überhaupt. Er hat sehr viel Geld in unseren Berufsstand investiert. Das Wall Street Journal ist für mich eine der best gemachten Zeitungen.

Auf der anderen Seite haben Sie die Erbenfamilie Sulzberger, die es einfach nicht hinbekommt, die New York Times wieder auf den Vordermann zu bringen. Es ist interessant zu beobachten, dass diese Zeitung und die Familie, die mit dem goldenen Löffel im Mund geboren worden ist, glorifiziert wird und Rupert Murdoch, ein selfemade man, der sich alles selber erarbeiten musste, regelmässig Kritik einstecken muss. Wenn Rupert Murdoch einmal gestorben ist, wird man ihm nachsagen, er sei ein brillanter Mensch gewesen. Aber seine Kinder werden möglicherweise auch einmal dekadent und dann wird ein neuer Murdoch kommen und zeigen, wie man es richtig macht.

Die Gründe für den Einstieg von Carlos Slim bei der New York Times können vielfältiger Natur sein. Möglicherweise geht es auch um den Glamour-Faktor. Immerhin darf man als bedeutender Investor an den Board Meetings teilnehmen. Der Einstieg in die Zeitung ist zugleich der Zugang zum und ins amerikanische Establishment. Höchstwahrscheinlich spielen auch Renditeüberlegungen eine Rolle und vielleicht steckt daneben sogar noch ein kulturelles Engagement dahinter.

Sehr geehrter Herr Köppel, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen und der Weltwoche weiterhin viel Erfolg.


(C) 2008 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

Eddie Murphy...

Richard Clayderman...

Richard Clayderman...

Charlie Chaplin...

Jon Lord...

Czwalina Consulting

MAW Interim Management

Dennis Hopper...

Chi Coltrane...

Erich von Däniken...

Echoes of Swing

Praxishandbuch ...

Dennis Hopper...

Procure.ch

btools.ch