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Spezialinterview Religionskonflikte: Dr. H. Janson

Dr. Hermann Janson Dr. Hermann Janson, Jahrgang 1931, studierte ab 1953 Rechtswissenschaften (lic. iur.) und Volkswirt-schaftslehre (lic.rer. pol.) an der Universität Bern. 1955 promovierte er zum Thema Die rechtlichen und ideologischen Beziehungen des islamischen Staatenkreises zum abendländischen Völkerrecht. Dr. Hermann Janson setzte sich sein ganzes Leben lang als Rechtshistoriker und Unternehmer mit dem Islam auseinander und publizierte darüber Sachbücher und einen historischen Roman. Sein im Jahr 2007 erschienener Roman Aischa handelt im Jahr 658, mehr als 25 Jahre nach dem Tod des Propheten Mohammed. Im Gespräch mit Christian Dueblin erzählt Dr. Hermann Janson über seinen Werdegang, seine Studien über den Islam, zeigt Möglichkeiten auf, wie die derzeitigen Spannungen mit der islamischen Welt gelöst werden könnten und erklärt, warum er eine Aufnahme der Türkei in die EU ablehnt.

Sie sind vor über 50 Jahren nach Bern gegangen und haben dort Jura studiert. Nach Ihrem Studium schrieben Sie eine Dissertation über Völkerrecht und Islam. Bevor wir darauf zu sprechen kommen, würde mich interessieren, was Ihre Beweggründe waren, vor über 50 Jahren gerade in der Schweizer Hauptstadt Bern ein Studium aufzunehmen?

Ich war damals noch deutscher Staatsbürger. Nach Bern kam ich durch Empfehlung von Bekannten. Man sagte mir, dass hervorragende deutschsprachige Professoren der Rechtswissenschaften in Bern lehrten und die Seminare und Lektionen in einem sehr persönlichen Rahmen durchgeführt würden, ganz im Gegensatz zu den grossen Universitäten in Deutschland, wo schon damals ein direkter und persönlicher Kontakt zu den Professoren eher die Ausnahme war. Tatsächlich stellte ich schnell fest, dass sich die Professoren und die Studenten in Bern alle kannten. Auf ein Dutzend Studenten fiel ein Professor. Man sagte mir zudem, dass man in Bern das Studium sehr schnell absolvieren könne, was meinen beruflichen Plänen und meinem Impetus sehr entgegenkam.

Wie kam es, dass Sie eine Dissertation über Völkerrecht und den Islams schreiben wollten? Ich frage das, weil Ihre Arbeit heute wieder topaktuell ist und Probleme behandelt, für die Lösungen gefunden werden müssen.

Das Thema ist tatsächlich so aktuell wie noch nie. Deshalb habe ich dieses Jahr auch das Buch „Der Islam als Staatsutopie“ (Anmerkung der Red.: ISBN 978-3-8334-7451-4) herausgegeben, das in einem weiteren Sinne an meine Dissertation von damals anknüpft, dies nur nebenbei bemerkt.

Ich wollte in den auswärtigen Dienst in Deutschland und benötigte dafür ein abgeschlossenes Jurastudium, am besten noch eine Promotion dazu, also einen Doktortitel. Das war im Jahr 1953. Bei der Promotion war man schlecht bedient, wenn man sich das Thema von einem Professor vorgeben liess, denn der beherrschte die vorgeschlagene Materie in aller Regel viel besser als der Student. Das wollte ich auf alle Fälle verhindern (lacht). Ich suchte mir deshalb ein Thema aus, das mich einerseits interessierte und andererseits „terra incognita“ war. Diese Strategie hat sich für mich sehr bezahlt gemacht.

Es fiel mir auf, dass das klassische europäische Völkerrecht - massgeblich geprägt durch Hugo Grotius - immer behauptet hatte, dass der Islam kein Völkerrecht kenne. Diese Meinung war auf den ersten Blick bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar und logisch, da der Islam als Staat und als Religion einen Universalanspruch verfolgt. Er kennt nur Feinde und Besiegte, jedoch keine Partner. Deshalb wäre, so die Meinung vieler Völkerrechtler, im Islam auch kein Raum für zwischenstaatliches internationales Recht gegeben.

Das Völkerrecht ist ein Institut, das sich nach dem Dreissigjährigen Krieg entwickelt hat. Diesem Völkerrecht haben sich in den folgenden rund 300 Jahren alle Staaten unterworfen. Es ist das zwischenstaatliche Recht, das Angelegenheiten zwischen Ländern regelt. Dieses Recht war anfänglich nicht kodifiziert, sondern galt nur als Gewohnheitsrecht. Langsam entwickelte sich daraus kodifiziertes Recht, vorangetrieben durch den Völkerbund nach dem Ersten Weltkrieg bis hin zur Charta der Vereinten Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese UN-Charta widerspiegelt heute das, was wir gemeinhin als Völkerrecht bezeichnen.

Ich entdeckte, dass es im Islam durchaus Spuren völkerrechtlicher Rechtssätze gab, vor allem Kriegsrecht über die Behandlung von Besiegten und Frauen. Das sind typische Inhalte, wie sie im europäischen Völkerrecht schon immer anzutreffen waren.

Sie brauchten, um eine Dissertation über Völkerrecht und Islam zu schreiben, Quellen und Wissen über den Islam. Wie kamen Sie zu diesem Wissen, damals vor über 50 Jahren?

Professor von Waldkirch von der Universität Bern las Völker- und Staatsrecht und hat auch ein Lehrbuch geschrieben. Zu ihm ging ich. Er war sehr nett und fand meinen Themenvorschlag für eine Dissertation gut. Er verlangte vorerst einmal eine Gliederung, die ich auch machte und die ihn überzeugte.

Es war schon damals über die Universitätsbibliothek Bern möglich, jedes Buch aus der ganzen Welt innerhalb von zwei Wochen zu bekommen. Eine Schlüssel-Quelle, die ich haben wollte und musste, erhielt ich aber nicht. Sie hiess „Al Akham al Sultania“ ein Werk über Islamisches Staatsrecht aus dem 10. Jahrhundert von einem Autor namens Mawardi. Es gab eine neue Auflage, aber wie gesagt, ich fand sie nicht. Ich trieb 200 Franken auf und setze mit einem türkischen Dampfer von Genua nach Ägypten über. Ich ging geradewegs zur Al Azahar Universität in Kairo und gelangte zum damaligen Rektor, als Scheich-ul-Islam geistiges Oberhaupt des Islam. Das ist heute absolut unvorstellbar! Er sah aus wie der Filmschauspieler Ferndandel, war sehr liebenswürdig und aufmerksam (lacht). Er hörte mich interessiert an, war aber erstaunt darüber, dass ein blonder, blauäugiger Schweizer Student zu ihm kam, weil er beweisen wollte, dass das europäische Völkerrecht Unrecht mit der Aussage hätte, es gebe keine Spuren von Völkerrecht im Islam. Das fand er hervorragend! Er bat zwei Professoren, sie sollten mir helfen. Die beiden uralten Herren kamen auf mich zu und sprachen zu meinem grossen Erstaunen perfekt Deutsch mit einem guten Berliner Akzent (lacht). Sie hatten vor dem Ersten Weltkrieg in Berlin an der Osmanischen Botschaft gearbeitet. Die beiden begleiteten mich in die Bibliothek.

Ich habe diese Bibliothek in guter Erinnerung. Da war in einem riesigen Saal ein grosser Berg voller Bücher, ein unerhörtes Durcheinander, und es war mir völlig schleierhaft, wie man darin ein bestimmtes Buch finden sollte. Ein Helfer fischte unter dem Haufen ein Buch hervor. Es war das Buch, das ich haben wollte. Die beiden Professoren übersetzten mir die wichtigen Stellen, die ich für meine Dissertation kennen musste.

Zurück in Bern stellte ich die Dissertation fertig. Unter den Beweisen für meine Thesen verwies ich mit einem Sternchen auf die Fussnote, wonach die mündlichen Aussagen des Scheich-ul-Islam mir gegenüber, als rechtsverbindlich zu gelten hätten. Mein Doktorvater fragte, wie er das nachprüfen solle. Da sagte ich, er müsse schon nach Kairo gehen oder mir Glauben schenken. Er würde Letzteres vorziehen, meinte Herr von Waldkirch. Ich bekam schliesslich die Auszeichnung summa cum laude, also die Bestnote, für meine Arbeit. Meine anderen Prüfungen waren nicht so glänzend (lacht).

Sie haben dann aber keine Staatskarriere verfolgt, wie ursprünglich geplant, sondern gingen in die Wirtschaft.

Ich bin gleich nach meiner Promotion nach Bonn gefahren, weil ich in den auswärtigen Dienst gehen wollte. Man war in Deutschland gerade daran, die Beziehungen mit den arabischen Staaten wieder aufzunehmen und sagte mir, ich wäre für diese Aufgabe prädestiniert. Ich hätte sofort anfangen können, aber nur 250 DM Gehalt bekommen, worauf ich dem auswärtigen Dienst den Rücken kehrte und in die Privatindustrie ging. Ich hatte schon als Student in den ersten Semestern bei einem Hamburger Baumwollimporteur gearbeitet. Dort brauchte man mich, und ich bekam gleich 1000 DM im Monat.

Sie haben in der Folge nicht nur als Unternehmer über viele Jahre hinweg in islamischen Ländern Geschäfte gemacht, sondern sich eingehend intellektuell mit dem Thema Islam beschäftigt? Wie kam es zu diesem Interesse für die islamischen Länder und die islamische Kultur?

Ich habe mich mit dem Islam und dem arabischen Raum seit meiner Kindheit beschäftigt. Wenn ich ihnen nun sage, dass mich der Schriftsteller Karl May dazu angeregt hatte, dann müssen Sie mir das einfach glauben (lacht). Ich habe alle seine Bücher gelesen und selber fünf Jahre in der sudanesischen Hauptstadt Khartoum gelebt. Dort stellte ich fest, dass so vieles stimmte, was Karl May schon vor langer Zeit in seinen Romanen geschrieben und ich als Kind gelesen hatte. Es ist unglaublich, wie dieser Mann als einfacher Schullehrer, ohne je in der Gegend gewesen zu sein, so gut über dieses ferne Land und seine Menschen Bescheid wissen konnte!

Karl May schrieb drei Bände „Im Lande des Mahdi“. Ich selber bin El Mahdi begegnet. Er war der postume Sohn jenes Imam Mohammed Achmed El Mahdi, dem der britische Gouverneur Gordon bei der Eroberung von Khartum zum Opfer fiel. Der Sohn wurde in London von den Engländern ganz geschickt „britisch“ Dr. Hermann Janson vor dem Mahdi-Palast (Omdurman), 1956erzogen, damit er später die Interessen der Engländer vertreten konnte. Er kam dann als Sir Abderrahman El Mahdi Pascha nach Khartoum zurück, wo ihm umfangreiche Ländereien und wirtschaftliche Projekte überlassen wurden.

Ich war damals Ende zwanzig. Dieser El Mahdi lud mich in seinen Palast ein, weil er gehört hatte, dass ich mit der Thematik Islam und Völkerrecht vertraut war und Interesse für die islamische Kultur zeigte. Ich erinnere mich gut, wie er mich mit dem einzigen Aufzug im Lande unter die Kuppel des Palastes führte. Er nahm dort einen Speer von der Wand und sagte, ich dürfe ihn anfassen, was mich etwas irritierte und erstaunte. Der Speer war an der Spitze wie verrostet, und ich berührte ihn mit einer gewissen Ehrfurcht. Er meinte, dass es sich nicht etwa um Rost, sondern um Blut handeln würde, nämlich um das von Gordon (lacht). Das war schon ein spezieller und historischer Moment!

Wenn man mit Menschen spricht, die über den nahen Osten etwas Bescheid wissen, dann ist es oft so, dass sie über die iberische Halbinsel Zugang zur islamischen Kultur fanden, also über die 800 Jahre Besetzungszeit Iberiens durch die Mauren, die 1492 durch die Rückeroberung der Könige von Kastilien und Aragon endgültig ihren Abschluss fand. Haben Sie sich mit dieser Geschichte auch auseinandergesetzt?

Die muslimische Kultur in Spanien geht auf Anfang des achten Jahrhunderts zurück. Die ersten muslimischen Truppen landeten in Südspanien im Jahr 711 unter den Omayaden-Kalifen. Sehr bald kamen nordafrikanische Berber nach. Die Symbiose mit der westlichen Welt war dort wohl am Besten gelungen, auf eine sehr friedliche Art und Weise. Spanien war aber in der Geschichte des Islams ein Nebenkriegsschauplatz. Das meine ich nicht im militärischen Sinne. Die Ursprünge des Islam, mit denen ich mich befasse und über die ich Bücher schreibe, sind ganz eindeutig im nahen Osten zu suchen.

Zumindest in Spanien ist rechtlich gesehen vom Islam nichts übrig geblieben. Es gibt keine Reste oder Hinweise in der Rechtsordnung in Spanien, die auf 800 Jahre Islam hindeuten würden. Wie muss man sich das erklären?

Das ist richtig. Sprachlich, architektonisch und auch kulturell ist teilweise sehr viel übrig geblieben. Die Pracht von Granada, Cordoba, Sevilla muss man gesehen haben. Ibn Chaldun, der berühmteste islamische Philosoph und Staatsrechtler, stammte aus Spanien. Rechtlich ist aber nichts übrig geblieben, denn die christlichen Staaten waren auch in Spanien völlig von den muslimischen getrennt.

Das islamische Recht ist ganz anders als unseres. Es gibt gemeinsame Wurzeln im Hellenismus und römischen Recht.

Darf ich Sie bitten, diese Schnittstellen etwas zu erläutern?

Der Hellenismus hat den Orient und den Okzident miteinander verbunden. Von Alexander dem Grossen bis zum Ende der Römerzeit vergingen rund 800 Jahre. Es hat in dieser Zeit Rechtsbegriffe und Rechtsgrundsätze gegeben, wie das pacta sunt servanda (Verträge sind einzuhalten), einen der wichtigsten römischen Rechtssätze, der auch im islamischen Recht verankert ist. Wir können davon ausgehen, dass Mohammed nicht unwissend war. Seine Existenz kann man übrigens nicht bezweifeln. Vom 7. Jahrhundert wurde viel mehr nachweislich überliefert, als vom frühen Christentum. Bei Jesus Christus bin ich mir da nicht so sicher.

Das römische Recht wurde erst spät vom Christentum beeinflusst. Mohammed dagegen begegnet Rom in seiner byzantinischen Spätform. So manches an römisch-hellenistischer Kultur hatte auf seine Ideen und seine Predigten Einfluss. Er begann als einfacher Kameltreiber in der Firma seiner späteren Frau Khadidschah, die Karawanen durch die Wüsten in die zivilisierte Welt am Mittelmeer organisierte. Auf seinen zahlreichen Reisen sprach er mit Juden, Christen und Menschen aus ganz anderen Teilen der Welt. Später heiratete ihn seine verwitwete Chefin. Ab diesem Zeitpunkt musste er nicht mehr arbeiten und hatte Zeit für den Müssiggang. Er hielt die Augen offen und ärgerte sich in Mekka über die Lebensgewohnheiten seiner zu Reichtum gelangten Mitbürger, deren Jeunesse d’Orée ihm ein Dorn im Auge war. Sie tranken viel Wein, waren degeneriert und arrogant, wie das eben so ist, wenn es drei Generationen zu gut geht.

Er wurde zum Moralprediger und hat den Menschen in seiner Stadt sprichwörtlich die Leviten gelesen. Das hat deren Anführern nicht gefallen, und sie wollten ihn loswerden. Bevor es aber zu Tätlichkeiten kam, wurde Mohammed von streitenden Parteien im zweihundert Kilometer nördlich gelegenen Yatrib - später Medina, Stadt des Propheten genannt - zum Schiedsrichter gebeten, einer sehr fruchtbaren Oase. Die reichliche natürliche Bewässerung wurde schon früh von eingewanderten Juden erkannt und genutzt. Zur Bewirtschaftung ihrer Palmenhaine rekrutierten sie Beduinen aus den umliegenden Wüsten. Die kamen auch sehr gerne, um Geld zu verdienen.

Aber irgendwann gab es Streit um mehr Geld und Mitsprache. Mohammed sollte diesen Streit zwischen jüdischen „Arbeitgebern“ und arabischen „Arbeitnehmern“ schlichten. So ging er nach Medina, was ihm gerade recht kam, da er in Mekka aufgrund seiner Einstellung und seiner Predigten bereits grosse Probleme hatte und um sein Leben fürchten musste. Die Araber wurden seine Anhänger, die Juden zogen den Kürzeren. Als es zum Krieg mit Mekka kam und die Juden sich weigerten, für Mohammed zu kämpfen, verwies er sie des Landes. Wer nicht gehen wollte, wurde getötet. Das wird jedoch von muslimischen Gelehrten und Geistlichen heutzutage nicht gern erwähnt.

Was war Mohammed für ein Mensch? War er eine Art florentinischer Savonarola in Medina, der es verstand als Demagoge grosse Bevölkerungsschichten zu beeinflussen und sich in die Staatsgeschäfte einmischte?

Er war wohl sehr speziell. Aus dem Moralprediger in Mekka wurde der Staatsmann in Medina. Plötzlich waren seine Offenbarungen nicht mehr nur moralischer sondern auch staatsrechtlicher Natur. Insoweit ist der Vergleich mit Savonarola nicht falsch. Hätte man Religion und Staat auseinander gehalten, so hätte die Geschichte im nahen Osten möglicherweise einen ganz anderen Verlauf genommen.

Erst fünfundzwanzig Jahre nach Mohammeds Tod wurden seine mündlichen Offenbarungen aufgeschrieben. Sein dritter Nachfolger, der Kalif Osman, sammelte sie in einem Buch, dem Koran. Diese einzelnen Suren wurden nicht chronologisch oder systematisch geordnet und gegliedert, sondern ganz pragmatisch nach ihrer Länge eingeteilt. Die längsten Suren kamen am Anfang und die kürzesten am Schluss. Der Koran wurde und blieb die wichtigste Gesetzesgrundlage des Islam.

Wie müssen wir den Koran verstehen? Ist er mehr die kodifizierte Form der islamischen Religion oder der islamischen Staatslehre?

Es ist mehr Gesetz (also Zivil- und Staatsrecht) denn Religionsbuch. Den Koran jedoch als kodifiziertes Gesetz zu bezeichnen, halte ich für bedenklich. Der Auslegungsspielraum ist zu gross. Übrigens darf der Koran nach islamischem Dogma nicht aus dem Arabischen übersetzt werden.

Die Religion ist der moralische Hintergrund der Gesetze. Der Islam ist staatsrechtlich eine Monarchie. Der Monarch ist Allah, also Gott. Mohammed selbst war der Gesandte Gottes, also sein Stellvertreter auf Erden. Bei seinem Tod hatte er nichts hinsichtlich seiner Nachfolge hinterlassen. Seine Mitstreiter wählten „den Besten“ unter ihnen als Kalif (Nachfolger). Nach den ersten vier Kalifen wurde das Kalifat zur Dynastie, ab 1715 der Osmanen, Sultanat in Personalunion mit dem Kalifat.

Der Koran reichte bald als Rechtsquelle nicht mehr aus, da sich Mohammed nicht zu allen Lebensfragen geäussert hatte und demzufolge nicht für jede Lebenslage eine Sure zu finden war. Man fragte sich also, wie sich Mohammed in dieser und jener Situation verhalten hätte, um Antworten auf schwierige Fragen zu erhalten. Es gab damals noch Menschen, die wussten etwas von einem Onkel, von einer Tante oder von jemandem, der Mohammed sonst wie kannte oder wiederum etwas von ihm wusste. Diese Lebensgewohnheiten oder gewöhnlichen Stellungnahmen des Propheten zu dieser oder jener Frage, deren Übermittlung vom einen zum anderen genau nachzuweisen war, nennt man die Hadith. Sie bilden zusammen mit dem Koran das für den Islam bis heute gültige Recht.

Die Interpretation wurde besonders kritisch als der militärische Niedergang des islamischen Staates, also des Osmanenreiches, Ende des 17. Jahrhunderts einsetzte. Nach der türkischen Belagerung von Wien gerieten die Osmanen in die Defensive - bis zum Ersten Weltkrieg. Sie behaupteten sich zwar in ihrem eigenen Land, der Einfluss des Westens wurde aber immer stärker. 1856 bat der Sultan-Kalif um Aufnahme in das „Konzert der Völker“. Nach Niederlagen gegen Russen und Österreicher sanktionierte die Ulema, das Gremium der den Koran auslegenden Schriftgelehrten, das Aufnahmegesuch. Es wurde so formuliert, dass es in den Koran passte. Das war aber sehr schwierig, denn das koranische Dogma geht von der Universalität des Islam-Staates aus, der keine anderen Staaten kennt, sondern nur zu Unterwerfende und Besiegte.

Da waren sie nun - die Moslems, meistens unter der Hoheit christlicher Staaten in deren Kolonien oder Mandatsgebieten. Der letzte Kalif wurde von Atatürk abgesetzt, als dieser nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg daran ging, die Türkei nach europäischem Vorbild zu säkularisieren.

Die moslemischen Potentaten einigten sich darauf, gar keinen Staatsmann als Vertreter von Allah, sondern den jeweiligen Rektor der Al Azahar Universität in Kairo als geistiges Oberhaupt des Islam und Sprecher der Ulema, also der Schriftgelehrten, anzuerkennen. Er erlässt rechtsverbindliche „Fatwa“, so wie der Papst Enzykliken.

Der Scheich-ul-Islam hat sich auch zu 9/11 geäussert und erklärt, der Terroranschlag sei unrecht, wenn auch von der westlichen Welt provoziert worden. Er vertritt auch die Tötung von Israelis. Nach unseren Begriffen ist er aber moderat. Deshalb steht er unter Beschuss der Fundamentalisten. Als Gross-Imam und primus inter pares der Ulema zeigte er sich bisher aber gegen diese Angriffe auf seine Person als immun.

Dr. Hermann Janson: Der Islam als Staatsutopie. ISBN 978-3833474514Sehr geehrter Herr Janson, wenn wir nun von Terroranschlägen und den Problemen zwischen dem Christentum und dem Islam sprechen, dann treffen wir auf den Begriff Djihad. Sie beschreiben in Ihrem Buch „Der Islam als Staatsutopie“ sehr schön, was der Djihad eigentlich bedeutet. Können Sie uns den Begriff kurz erläutern?

Der Djihad ist nicht nur „heiliger Krieg“, wie man das oft liest und hört. Er kann es sein - muss aber nicht. Djihad ist jener Teil der moslemischen Rechtsordnung, der das Verhältnis zur ausserislamischen Welt regelt. Frieden mit ihr ist nach islamischer Sicht nur ein Waffenstillstand, der maximal zehn Jahre dauern darf. Der Fall, dass der Gegner siegt oder Partnerschaften eingegangen werden, ist gar nicht vorgesehen. In Friedenszeiten regelt Djihad den Umgang mit Unterworfenen.


Da wären wir bei einem Grundproblem angelangt, das nur schwer zu lösen ist und auf das Sie in Ihrem Buch aufmerksam machen!

Das ist eine Herausforderung, die wir angehen müssen. Wenn Moslems dem Koran folgen, müssen sie Andersgläubige bekämpfen und besiegen. Die Christen hatten im Mittelalter ähnliche Probleme, man denke an die Kreuzzüge. Das Christentum hatte da auch eine politische Phase gehabt, die aber längst überwunden ist. Christus sagte, „mein Reich ist nicht von dieser Welt“, was die Schnittstelle zwischen Staat und Religion erheblich vereinfacht.

Wo sehen Sie denn Lösungsansätze für diese Spannungen zwischen den Kulturen? Was müssen wir tun, um in Zukunft ein friedliches Miteinander bewerkstelligen zu können?

Der Spaltpilz ist zweifelsohne der Nahostkonflikt! Ohne eine Lösung dieser seit vielen Jahrzehnten schwelenden Wunde wird es keinen Frieden und keine Ruhe geben, denn Israel ist jedem Moslem ein Dorn im Auge.

Ich bin kein Politiker, sondern Rechtshistoriker. Die englische Regierung hat Palästina 1916 drei Mal vergeben. Einmal als „Heimstätte der Juden“ an die Zionisten, damit sie - vor allem reiche amerikanische Juden - britische Kriegsanleihen zeichneten. Ein zweites Mal an die Araber, über Lawrence von Arabien, damit sie das Osmainsche Reich von Süden her angriffen. Schliesslich haben sie es - zugleich mit dem ganzen Nahen Osten - mit den Franzosen in Interessensphären aufgeteilt, im Sykes-Picot-Abkommen, welches sie bei Verteilung der Mandatsgebiete des Völkerbundes einhielten. An die anderen Versprechen erinnerten sie sich nicht mehr gern.

Die Juden haben mit Recht auf Erfüllung der Balfour Declaration gepocht. Mit der Judenverfolgung durch die Nazis bekam diese wieder eine ganz andere, eine moralische, Dimension. Völkerrechtlich ist die Gründung des Staates Israel ein Unrechtstatbestand, der aber durch reale Selbstbehauptung - „mit dem Schwert gewonnen, mit dem Schwert gehalten“ - legalisiert wurde. Damit hat sich die Rechtssituation irgendwann zugunsten Israels gewandelt.

Meiner Ansicht nach kann man das Problem nur lösen, indem man die Palästinenser mit massiven wirtschaftlichen Hilfeleistungen, ähnlich dem Marschall-Plan nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland, unter die Arme greift. Es muss kräftig in die Bildung und Infrastruktur investiert werden. Israel muss sich auf die Grenzen von 1976 zurückziehen, denn mit Nichtbeachtung der Resolution 242 des UN-Sicherheitsrates hört die Legalität auf.

Einen solchen „Marschall-Plan“ können die Steuerzahler der westlichen Welt nicht bezahlen. Es gibt das jüdische Establishment in den USA, das immer wieder Geld – grosse Summen für Kriegsmaterial - nach Israel pumpt. Bei eskalierender Gewaltanwendung werden es die Israelis, und die Juden ganz generell, sein, die am meisten gefährdet sind. Sollte der Iran eine Atombombe zünden, dann passiert das über Tel Aviv und nicht Paris, London oder Zürich. Al Kaida übrigens gibt es ja auch wegen des Nahostkonflikts, das dürfen wir nicht vergessen und das müssen sich alle klar vor Augen halten, wenn man über einen „Marschall-Plan“ für Palästina spricht. Ein Viertel der Menschheit ist moslemisch, die Mehrzahl nicht fundamentalistisch, aber in Sachen Nahostkonflikt einheitlich gegen Israel und seine Freunde sensibilisiert. Das ist meines Erachtens der wichtigste Punkt.

An zweiter Stelle geht es um jene Millionen von Moslems, die als Immigranten in Europa leben. Sie sitzen rechtlich zwischen zwei Stühlen in einer prekären Situation. Einerseits sind sie als Moslems verpflichtet, die islamischen Gesetze einzuhalten, nicht nur in religiöser, sondern eben auch in staatsrechtlicher Hinsicht. Andererseits verstossen diese häufig gegen die Verfassungen und Gesetze der nicht-moslemischen Gastländer. Als deren Bürger haben sie diese aber zu beachten und einzuhalten. Die Integration dieser Moslems würde erleichtert durch ein Fatwa des Scheich-ul-Islam und Gross-Imam, das sie von der Einhaltung koranischen Rechts, welches den Rechtsordnungen zuwider läuft, entbindet.

Ich halte dieses Vorgehen für möglich. Die historische Rechtspraxis hat gezeigt, dass es solche Wege gibt. Die entsprechenden Schritte müssen aber auf höchster Ebene - Staatsführung, EU - verhandelt und angegangen werden. Ich denke mir, dass auch der Papst eine wichtige Rolle spielen könnte. Solange aber der Nahostkonflikt nicht gelöst ist, sind auch dem Scheich-ul-Islam weitgehend die Hände gebunden. Er steht unter starkem Druck von Extremisten und Fundamentalisten, für welche die Freunde Israels - USA, Deutschland, die EU - Feinde sind.

Seit vielen Jahren schon wird in Europa heftig diskutiert, ob die Türkei ein Mitglied der EU werden soll. Was ist Ihre Meinung dazu?

Man sollte das meiner Meinung nach nicht machen. Die Türkei ist zu 95% geografisch asiatisch und bevölkerungsmässig moslemisch, mit einem kleinen Brückenkopf in Europa und einer verschwindenden Minderheit von Nicht-Moslems. Das Land gehört schon deshalb sicher nicht in die EU. Die Haltung der Deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel finde ich sehr gut. Sie strebt eine privilegierte Partnerschaft zwischen der EU und der Türkei an.

Denn auch noch andere Probleme würden bei einer Aufnahme der Türkei in die EU schon vor der Türe stehen. Liegen die Ukraine und Weissrussland nicht in Europa? Müssten die dann nicht erst recht in die EU aufgenommen werden?

Hätte die Türkei das Erbe von Atatürk weiter fortgesetzt, wäre das heute vielleicht anders zu beurteilen. Die Türkei von heute ist aber nicht mehr jene, die ich dort 1953 kennen lernte. Meines Erachtens braucht es vorerst auf alle Fälle Lösungen für Palästina und die Integration der Muslime auf der ganzen Welt. Sind diese Probleme einmal gelöst, oder auf den Weg gebracht, könnte man wieder über eine Aufnahme der Türkei in die EU nachdenken – vorher sicher nicht!

Sehr geehrter Herr Dr. Janson, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin alles Gute und viel Erfolg mit Ihren Publikationen und Studien!


(C) 2008 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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