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Spezialinterview Wirtschaft: Dr. Beat Kappeler

Dr. h.c. Beat Kappeler (c) Beat KappelerDr. h.c. Beat Kappeler, geboren 1946, studierte politische Wissenschaften in Genf und Ökonomie in Westberlin. Von 1977 bis 1992 war er geschäftsführender Sekretär des Gewerkschaftsbundes und von 1996 bis 2000 als a. o. Professor für Sozialpolitik am Institut de Hautes Études en Administration Publique (IDHEAP) in Lausanne tätig. Zeitungsleserinnen und –lesern sowie Medieninteressierten ist Beat Kappeler als kritischer Autor, Publizist und Kommentator gesellschaftlicher und ökonomischer Themen in der NZZ am Sonntag und dem Schweizer Fernsehen (beispielsweise als Gast in der „Arena“) bekannt. 1999 verlieh ihm die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Basel die Würde eines Doktors der Staatswissenschaften ehrenhalber (Dr. h.c.) - insbesondere für seine Beiträge zu aktuellen wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen. Im Gespräch mit Christian Dueblin nimmt Beat Kappeler Stellung zur Wirtschaftskrise, zu den jüngsten Interventionen der Schweizerischen Nationalbank und stellt in Bezug auf die Krise fest, dass Arbeitnehmerorganisationen, Firmen, Staaten und ihre Politiker die Leidensfähigkeit und den Willen, sich durchzubeissen, längst eingebüsst haben.

Sehr geehrter Herr Dr. Kappeler, Professor Fredmund Malik sagte in einem Xecutives.net-Interview gleich zu Beginn der Krise, dass diese zwar als Finanzkrise gesehen werde, es sich aber in Tat und Wahrheit um eine Krise der Funktionsfähigkeit des gesellschaftlichen Gesamtsystems handle. Wie beurteilen Sie die derzeitige wirtschaftliche Weltlage rund 2 Jahre nach Professor Maliks Aussage?

Es war auch das nicht! Sondern eine verfehlte Wohneigentumsförderung an unterbemittelte Haushalte der USA über 20 Jahre und dann der Infarkt des Papiergeldsystems mit seiner Buchgeldschöpfung waren die Ursachen. Dementsprechend scharf war der Einbruch, aber mit den „Sanierungsmassnahmen“ rutschten die Hypothekarschulden in die Bankbilanzen, deren Schulden in die Staatsbudgets der westlichen Welt, von dort durch den Kauf von Staatsschulden in die Notenbankbilanzen, teils von dort in den Weltwährungsfonds. Die Schulden sind alle noch da, das Buchgeldsystem auch.

Dr. Marc Faber, auch als „Mr. Doom“ bekannt, stellte im Gespräch mit uns fest, dass eine Krise im Wirtschaftsablauf normalerweise ein Prozess darstelle, in dem das System gereinigt werde. Diese Reinigung sei wegen der eingreifenden Regierungen nicht erfolgt. Es gehe an vielen Orten genau so weiter wie vorher – mit denselben Managern und Politikern wie vorher. Mit dieser Ansicht steht er nicht allein. Ist der Sachverstand und der Wille überhaupt da, um die Probleme lösen zu können?

Sozial, sozialer, am unsozialsten. ISBN: 978-3-03823-332-9 Weder Sachverstand noch der Wille. Denn eine Entschuldung geht lange, sie zerstört viele Bilanzen und vermeintliche Guthaben, wie dies Irving Fisher 1933 vorrechnete. Doch die westliche Welt – Arbeitnehmerorganisationen, Firmen, Staaten und ihre Politiker – haben die Leidensfähigkeit und den Willen, sich durchzubeissen, längst eingebüsst. Ein bequemes Ankurbelungs- und Interventionsdenken fand statt und führte zur totalen Überschuldung westlicher Staaten. Deren Staatsdefizite übersteigen, gemessen am Inlandprodukt, dessen nominale Wachstumsrate massiv – eine Schere geht also auf, die in den Bankrott führt. Ausser man spart dramatisch, lässt Nachfrage und Guthaben sausen.

Wie würden Sie den derzeitigen Zustand der Schweiz beschreiben und ist die Schweizer Politik fit genug, um mit dem, was in der Zukunft noch kommt, klarzukommen?

Dies scheint eher möglich als anderswo. Zum einen, weil die Politik noch etwas weniger Hebel hat und weniger schaden kann, zum andern, weil die „countervailing powers“ durch Referenden und Abstimmungen auch von bottom-up kommen. Überhaupt sind die Unternehmen die Teilnehmer am Weltmarkt, nicht die Politik und nicht die Staaten. Hingegen würde der Schweiz ein Regierungsprogramm doch wohl anstehen, auszuhandeln nach den Wahlen, zu unterschreiben von den willigen Regierungsparteien, worauf der Bundesrat aus diesen Parteien erst gewählt würde.

Vielleicht könnte man von der Nagelprobe des Euros sprechen oder davon, dass er erst jetzt entsteht. Was würde Ihres Erachtens mittel- und längerfristig passieren, wenn beispielsweise Griechenland nicht mehr unterstützt würde? Wie würden Länder wie Portugal, Irland oder Spanien reagieren?

Entscheidend würde sein, wie die Bondmärkte reagieren. Griechenland müsste aus dem Euro austreten, was gut machbar ist und von der Slovakei bei der Trennung aus dem tschechoslovakischen Währungsverbund der 90er-Jahre gemeistert wurde. Dann würde Griechenland Bankrott machen, um seine Euro-Schulden abzuschütteln, dann würden vermutlich weitere Länder des Eurosüdens austreten. Der Resteuro wäre die Währung starker Länder, glaubwürdig, stabil, die Alternative zum Dollar!

In einem sehr interessanten Interview mit „Der Bund“ haben Sie vor kurzem gesagt, dass gegen den starken Franken kein Kraut gewachsen sei. Der Mindestkurs für einen Euro ist von der Nationalbank eben auf CHF 1,20 festgelegt worden. Sie halten die Interventionen der Schweizerischen Nationalbank für sinnlos. Was wäre Ihres Erachtens der „Supergau“ in Bezug auf dieses Unterfangen?

Die SNB hat einmal mehr allein gehandelt und Überraschungen als Schreckmoment gegen die Devisenoperateure vernachlässigt, weil sie eine Zahl nennt. Die SNB hat sich an den zerfallenden Euro im dümmsten Moment angehängt und offeriert allen zitternden Händen dafür Franken. Sie wird enorme Geldmengen schöpfen müssen, die sie dereinst nur mit Zinssteigerungen einfangen kann – also als Gefangene des Marktzinses, anstatt als dessen Urheberin. Ausserdem riskiert sie den völligen Verlust des Eigenkapitals.

Kann es sich die Schweiz überhaupt noch leisten, zurzeit auf der Welt gesund zu sein?

Das ginge schon, wenn man ein bisschen leidensfähig bleiben will. Ausserdem helfen die Tugenden – tiefe Inflation, Zinsen, Steuern – über die Jahre und im Vergleich zum Ausland dann kumuliert dem Land wieder auf. Doch könnten auch die Notenbanken Europas und der USA eines Tages vor dem Käuferstreik kapitulieren müssen und die Zinsen anheben. Dann steigen deren Währungen, und wir sind auf diese Weise salviert.

Was kann die Schweiz und vor allem ihre Exportwirtschaft tun? Tatsache ist, dass viele Unternehmen heute vor dem Ruin stehen und vielen weiteren Unternehmen, vor allem solchen mit hohen Lohnanteilen, das Wasser bis zum Hals steht. Es geht um viele tausend Arbeitsplätze, die verloren gehen könnten.

Es geht vermutlich um viele zehntausend Arbeitsplätze. Doch in den letzten 8 Jahren haben die Arbeitsplätze jedes Jahr um 60'000 zugenommen. Das sind durchaus, leider, reversible Trends, und man muss mit solchen Rückschlägen rechnen. Die Zuwanderung wird sich eventuell umkehren.

Erwarten Sie weitere gesellschaftliche Veränderungen und Spannungen, die sich im schlechtesten Fall, wie eben erst in England geschehen, mit viel Zerstörungswut entladen und gegebenenfalls wie werden sich solche Ihres Erachtens auswirken, auch in der Schweiz?

Der Quartieraufstand in England soll nicht auf „Gesellschaftliches“ hinaufstilisiert werden. Es war einfach Mob. Auch in Bern wurde vor einigen Jahren nach einem der Chaotenzüge in der Innenstadt sofort geplündert. Der Firnis der Zivilisation ist dünn. Man muss dann gemäss dem „broken window“ sofort mit Polizeigewalt reagieren.

Die Krise hat 2008 ihren Anfang genommen. Ranghöchste Politiker sowie gestandene Unternehmer und Manager in der Schweiz waren damals der Meinung, dass das Problem in wenigen Monaten vorüber sei. Viele Menschen haben das Vertrauen in die Politik verloren und auch Sie haben sich sehr kritisch über politische Entscheide und Vorhaben geäussert. Wie gehen Sie selber als Privatperson mit diesem fehlenden Vertrauen um?

Die Schweiz hat die Finanzkrise über den UBS-Fall meisterhaft, schnell und profitabel gelöst. Unser Finanzplatz ist gar nicht „too-big-to-fail“. Eher ist es nun die Nationalbank. Ich habe vorher gesagt, dass die Schweizer Politik noch halbwegs im Strumpf ist. Warum sich also über die dümmlichen Europa-Politiker, die gegen Marktkräfte anrennen, aufregen, oder über die sturen US-Parteien? Im Übrigen sehe ich neben der Schweiz auch Schweden, Norwegen, Kanada, Australien, Brasilien, China, Südkorea, welche Stabilität und verschiedene Lösungen schufen.

Wie werden Menschen Ihres Erachtens mit der Welt umgehen, die sie immer weniger verstehen können, auch wenn sie sich bemühen?

Beat Kappeler: Wirtschaft für Mutige. ISBN 978-3933180742Ich denke, wir verstehen die Welt recht gut. Dass nicht alles beherrschbar ist, dass „unintended consequences“ auftreten, ist normal, und die Gesellschaft lernt nur durch Krisen, nicht durch Appelle oder Philosophenkönige. Am besten lässt man immer einen Wettbewerb der Lösungen zu, anstatt alles zu harmonisieren und zu konzentrieren.


Sehr geehrter Herr Dr. Kappeler, was wünschen Sie sich für die Zukunft für sich selber und für die Schweiz?

Dass die Schweiz ein glaubwürdiges Spielfeld im Wettbewerb der Lösungen bleibt. Und für mich, dass es auch für mich dabei reicht. Ich setze mich für beides ein...!

Sehr geehrter Herr Dr. Kappeler, ich bedanke mich herzlich für dieses Interview und wünsche Ihnen weiterhin alles Gute.

(C) 2011 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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Links
- Homepage von Beat Kappeler
- Beat Kappeler auf Wikipedia


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