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Spezialinterview Tourismus: Kurt H. Illi

Kurt H. Illi Kurt H. Illi (*14.11.1935, †22.11.2010), startete seine Karriere als junger Nationalökonom beim amerikanischen Computerhersteller IBM, bei dem er von der Pike auf das Marketing-Handwerk lernte. Nach einem beruflichen Abstecher in die Werbebranche wurde er im Jahr 1978 zum Tourismusdirektor der Stadt Luzern berufen. Kurt H. Illi hat Luzern während seiner über zwanzigjährigen Tätigkeit als Tourismus-Chefstratege zu einer der meistgeschätzten und bekanntesten Tourismusdestinationen der Welt gemacht. Im Gespräch mit Christian Dueblin erzählt Kurt H. Illi aus seinem Leben, über seinen Werdegang als Marketingfachmann, den Schweizer Tourismus und nimmt Stellung zu den möglichen Auswirkungen der Finanzkrise auf den Tourismus in der Schweiz.

Sehr geehrter Herr Illi, Sie sind einer breiteren Öffentlichkeit weit über die Grenzen der Schweiz hinaus als Tourismusdirektor von Luzern bekannt geworden. Die geglückte Karriere als Tourismusdirektor von Luzern sind Sie jedoch in Ihrem beruflichen Leben erst in einem zweiten Schritt angegangen. Wie kam es, dass Sie sich als Mann der Privatwirtschaft und des Marketings für den Tourismus interessierten und stark machten?

Ich habe in Zürich Nationalökonomie studiert und abgeschlossen und stieg nach meinem Studium vorerst als Trainee direkt beim amerikanischen Unternehmen IBM in Zürich ein. Bei IBM habe ich in kurzer Zeit sehr viel über Marketing gelernt. Das Unternehmen war damals weltweit führend beim Verkauf und der Vermarktung von Computern. Man muss sich vorstellen, dass Computer damals noch ganze Zimmer gefüllt hatten. PC und ähnliche technische Geräte, wie wir sie heute alle kennen, waren damals noch ein Fremdwort. Ich hatte bei IBM von Anfang an die Gelegenheit, auf der ganzen Welt interne Marketing-Schulungen mitzumachen und das Gelernte auch in die Praxis umzusetzen. Noch heute profitiere ich von den damals gelernten Grundsätzen des Marketings.

Nach meiner Zeit bei IBM stieg ich bei der damals grössten schweizer Werbeagentur Wirz Werbung in Zürich ein. Mein Marketingwissen war dort gefragt. Wirz Werbung arbeitete damals gerade mit einem sehr grossen Kunden zusammen, den ich mitbetreuen durfte. Es handelte sich um den japanischen Autohersteller Toyota, welcher in der Schweiz und in ganz Europa Fuss fassen wollte. Das war Ende der Sechzigerjahre als, zum grossen Leid vieler Firmen in Europa, die japanischen Automobilindustrien auch in unseren Kontinent vorstiessen. Toyota war in Aufbruchstimmung und wusste, wie man sich gutes Marketing zu Nutze machen konnte. Es gab beispielsweise schon damals in allen Toyota-Autos elektrische Scheibenheber und Radios. Das war auf dem Markt ein grosser Vorteil und hob die Marke Toyota von anderen Anbietern ab, denn solche und ähnliche Spezialfunktionen musste man beim Kauf europäischer Autos zusätzlich teuer erstehen. Den Gründer dieser bedeutenden Automarke, eben Herr Toyoda - er schreibt sich im Übrigen mit „d“ - habe ich während meiner Tätigkeit bei der Firma Wirz Werbung persönlich kennenlernen dürfen, eine sehr beeindruckende Persönlichkeit, verantwortlich für mehr als 450’000 Mitarbeiter!

Wie kamen Sie von der Privatindustrie zum Tourismus, dem Sie bis heute die Treue gehalten haben?

Wie bereits erwähnt, hatte ich in Zürich studiert und auch mehrere Jahre dort gearbeitet. Mit voller Absicht habe ich aber den Kontakt zu meiner Heimatstadt immer aufrecht erhalten. Ich pflegte stets den Umgang mit meinen Freunden aus der Mittelschule und der Pfadi Musegg. So wusste man in Luzern, dass ein Luzerner Marketing Guru in Zürich sitzt. Irgendwann wurde ich für das Amt als Tourismusdirektor angefragt. Einigen weitsichtigen Personen war klar, dass der Luzerner Tourismus aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklungen neue Wege einschlagen musste, um weiterhin überleben und gedeihen zu können. Ich hatte mir in der Folge die ganze Sache näher angeschaut. Die Idee, meine Fachkenntnisse in Marketing für den Tourismus und meine Stadt Luzern einbringen zu können, war mir von Anfang an sehr sympathisch. Ich stellte fest, dass in den Sechzigerjahren die wirtschaftliche Konjunktur sehr gut war. Jede halbwegs mittelmässig geführte Firma - um das etwas überspitzt zu sagen - konnte unter diesen positiven wirtschaftlichen Vorzeichen gute Gewinne schreiben und wachsen. Ich stellte jedoch ebenfalls fest, dass trotz dieser hervorragenden wirtschaftlichen Voraussetzungen der Tourismus in Luzern in einem eher schlechten Zustand war. Vergleiche mit anderen Städten wie Basel, Bern oder Zürich verdüsterten dieses Bild zusätzlich, denn die Übernachtungszahlen gingen nur in Luzern zurück. Es gab damals in Luzern, wie in vielen anderen Städten und Regionen mit Tourismus, kein Konzept und keine Marschrichtung, von einem Logo oder einem Brand mal ganz zu schweigen. Eigentlich wusste niemand, wie es um den Tourismus in dieser Stadt wirklich stand. Ich betrachtete diese Ausgangssituation als grosse Herausforderung, der ich mich stellen wollte. So akzeptierte ich den Job als Tourismusdirektor.

Sie haben in jahrzehntelanger Arbeit darauf hingewirkt, dass Luzern zu einem Tourismus-Brand wurde, der international sehr anerkannt und erfolgreich ist. Das ist eine erstaunliche Leistung für eine mittelgrosse Stadt in der Schweiz. Und das mit einem Mini-Werbebudget von bloss 150 000.- Franken pro Jahr. Luzern erscheint bei Auswertungen bezüglich Bekanntheit immer wieder unter den zehn ersten Städten der Welt. Wie würden Sie selber diesen Brand „Luzern“ umschreiben?

IBM war ein Brand. Das Unternehmen stand für gute Produkte, Innovation und eine optimale Dienstleistung für die Kunden. Ich wollte dieselben wirtschaftlichen Instrumente, die ein international sehr erfolgreiches und führendes Unternehmen für den Vertrieb seiner Produkte anwendet, analog im Tourismus einsetzen. Es ging also darum, die Stadt Luzern und ihre Vorteile und Schönheiten mit Symbolen und Sehenswürdigkeiten so zu verknüpfen, dass man Luzern mit positiven Gefühlen für die Stadt und mit Qualität assoziiert.

Es sind drei herausragende Gegebenheiten, die Luzern auszeichnen und den Brand, von dem Sie sprechen, ausmachen: Aufgrund meiner vielen Auslandaufenthalte in Übersee wusste ich, dass viele Menschen, die in der Schweiz waren, die Holzbrücke mit dem Turm in Luzern kannten und diese in sehr guter Erinnerung hatten. Mir war klar, dass man aus dieser Brücke in einem gewissen Sinne Kapital schlagen konnte. Mein Ziel war es, wie das bei der Golden Gate Bridge in San Francisco oder bei der Freiheitsstatue in New York bereits der Fall war, ein Symbol und eine „Ikone“ zu schaffen, die man sofort mit der Stadt Luzern und ihrer Umgebung in Verbindung setzt. Die Brücke erfüllte alle Voraussetzungen, ein künftiges Wahrzeichen für Luzern zu werden. Sie befindet sich mitten in der Stadt, führt über einen wunderschönen Fluss, ist sehr alt und aus Holz
Kurt H. Illi als Luzerns Tourismusdirektor (mit freundlicher Genehmigung von Kurt H. Illi) und bietet einen wunderbaren Blick auf den nahegelegenen See. Ich instruierte in der Folge alle Partner, Hoteliers und Geschäftsleute, die neu geschaffene Ikone auf ihren Prospekten und auf den Werbematerialien zu verwenden. Das war natürlich ein langer Prozess. Der zweite Aufhänger war der See. Es gibt sehr viele Hotels, die direkt am Wasser liegen oder zumindest Blick auf den See bieten. Vom See führen auch bekannte Bahnen auf naheliegende Berge. Denken Sie an die steilste Zahnradbahn der Welt, die auf den Pilatus führt. Auch der See war somit prädestiniert, ein Wahrzeichen für Luzern zu werden. Schliesslich ist der See von wunderbaren Bergen umgeben, die Luzern und seine Umgebung ebenfalls sehr auszeichnen und von anderen Orten abheben. Die Holzbrücke, der See und die Berge waren somit zentrale Aufhänger für das Tourismusgeschäft in Luzern und sind mit den Jahren zu den Grundfesten der Marke „Luzern“ geworden.

Ich könnte mir vorstellen, dass nicht alle Menschen, die mit Tourismus in Luzern zu tun hatten, damals Verständnis für ein solches Vorgehen aufbrachten. Die Idee eines gemeinsamen Marketingkonzeptes, weil sehr neu und modern, hat möglicherweise nicht jedermann verstanden. Wie gingen Sie mit dieser wohl eher negativen Voraussetzung für Ihre Arbeit um?

Das Verständnis für ein gemeinsames Konzept wuchs tatsächlich erst mit den Jahren und erforderte viel Geduld und Ausdauer. Die vielen Tourismusanbieter wie Hotels und Transportanstalten gingen bis dahin alle ihre eigenen Wege. Wir fingen deshalb an, gute Bilder von den Bergen, dem See und der Brücke zu machen sowie Prospekte herzustellen, mit denen wir Journalisten und Zeitungen auf der ganzen Welt bedienen konnten. Gute professionelle Fotos existierten damals nicht, von einer Datenbank, von der man Bilder und Informationen über Luzern hätte herunterladen können, mal ganz zu schweigen. Ich erinnere mich beispielsweise, dass man damals Journalisten im In- und Ausland wenig professionelle Fotos sandte, mit der Bitte, diese innert drei Tagen wieder zu retournieren (lacht). Natürlich sind diese Fotos nie veröffentlicht worden. Jede Sekretärin, um ein weiteres Beispiel eines fehlenden gemeinsamen Konzeptes zu demonstrieren, hatte ihr eigenes Briefpapier mit ihrem eigenen Logo, das sie selber machte und ihr selber sehr gut gefiel. Das waren alles sehr gutgemeinte Aktionen, die jedoch im stets grösser werdenden Kampf um die Touristen bei Weitem nicht ausreichten.

Sie haben im Grunde genommen für eine ganze Stadt ein Tourismus-Leitbild kreiert. Nun ist es so, dass es nicht einfach ist, zumindest nicht in der Privatindustrie, Leitbilder glaubhaft rüberbringen zu können. Was waren die Schwierigkeiten beim Erarbeiten und Implementieren dieses Leitbildes?

Das ist richtig. Das Erschaffen des Leitbildes war deshalb mit sehr viel Aufklärungsarbeit verbunden. Diese Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit war sehr wichtig. Wir sprechen von einer Zeit, die nahezu 50 Jahre zurückliegt. Vieles auf der Welt, von dem man damals nie angenommen hätte, dass es sich dermassen verändern würde, hat sich seither noch stärker verändert. Das gilt vor allem für den Verkauf und die Art und Weise, wie man Kunden für Produkte gewinnen kann. Heute gehört Marketing zur Grundausbildung eines jeden Hoteliers. Ein guter Tourismus ohne Marketing ist heute nicht mehr möglich, dafür ist die Konkurrenz viel zu gross. Damals jedoch wusste manch ein Wirt oder Hotelier in der Schweiz nicht, wie man das Wort Marketing überhaupt schreibt.

Mit der Zeit wurde den vielen Beteiligten klar, dass es sinnvoll ist, gemeinsam aufzutreten. Ich fing an, überall Werbung für die Stadt Luzern zu betreiben, besuchte andere Städte, war an Konferenzen auf der ganzen Welt, habe für Service Clubs und Fachmedien referiert, Artikel geschrieben und Delegationen aus dem Ausland nach Luzern eingeladen, um auf die Schönheiten der Stadt aufmerksam zu machen. Dabei standen immer die Holzbrücke, der See und die Berge im Vordergrund.

Was hat sich in den letzten Jahrzehnten nebst dem Marketing, das heute wohl überall betrieben wird, Ihres Erachtens im Tourismus grundsätzlich verändert?

Es gibt meines Erachtens zwei Gruppen von bedeutenden Tourismusdestinationen in der Schweiz, die man grundsätzlich unterscheiden muss. Auf der einen Seite haben wir die Bergregionen, wie Davos, St. Moritz, Zermatt, Gstaad oder Andermatt, die schon immer gut besucht waren. Das ist in erster Linie auf die Engländer zurückzuführen, die schon vor 200 Jahren anfingen, unsere Berge zu besteigen und nicht selten mit Ski unterwegs waren. Es gab auch viele Kurgäste aus der ganzen Welt, die aufgrund der guten Schweizer Höhenluft Bergdestinationen besuchten. Thomas Cook, ein englisches Reiseunternehmen, das es noch heute gibt, hat dabei massgebliche Pionierarbeit geleistet. Es ist übrigens erst etwa sechs oder sieben Jahre her, seit das letzte von Engländern gehaltene Hotel am Vierwaldstädtersee verkauft worden ist. Auf der anderen Seite gab es den Städte-Tourismus, der sich jedoch erst viel später entfaltete.

Mit dem Aufkommen der ersten Charterflüge bekam die Schweiz Konkurrenz. Der Vorteil der Schweiz der zentralen Lage in Europa wurde weniger bedeutend. Viele Menschen bevorzugten es plötzlich, nach Spanien oder gar nach Übersee in die Ferien zu verreisen. Mallorca beispielsweise war anfangs der Achtzigerjahre sehr schnell und sehr professionell touristisch erschlossen worden und erfreute sich grosser Nachfrage. In Luzern stellte man gleichzeitig fest, dass es nicht mehr vorwärtsging. Mehr jedoch als das Feststellen, dass sich die Touristen auch anders orientieren, geschah vorerst nicht. Ich muss an dieser Stelle anfügen, und das geht oft vergessen, dass der Tourismus in der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg grosse Vorteile genoss. Viele Hotels und Feriendestinationen in anderen umliegenden Ländern waren vom Krieg zerstört oder zumindest empfindlich beeinträchtigt worden. Die Schweiz war schon damals etwas teurer als andere umliegende Länder. Trotzdem kamen sehr viele Menschen in die Schweiz. Das lag an der nach wie vor gut funktionierenden Infrastruktur nach dem Krieg und an ihrer zentralen Lage in Europa. Es war damals noch möglich - ich sage das jetzt etwas überspitzt - Gäste in einer Alphütte mit minimalem Aufwand, etwa mit einer Cervelat und einem Stück Brot, zu verpflegen und glücklich zu machen und dabei noch Geld zu verdienen. Die Ansprüche der Touristen sind seither enorm gestiegen und man muss sich Vergleiche weit über die Grenzen gefallen lassen. Die Zeiten übrigens, in denen noch bequem behauptet wurde, man könne in Deutschland und in Spanien nicht gut essen, haben sich ebenfalls geändert und setzten die Schweiz unter Zugzwang. Langer Rede kurzer Sinn: Die Schweiz hat damals den Anschluss verpasst, wusste aber nicht, wie mit der Situation umzugehen ist. Es herrschte eine grosse Stagnation, die man überwinden musste, wollte man weiterhin vom Tourismus profitieren.

Könnte man Vergleiche mit der Schweizer Uhrenindustrie ziehen? Auch dort stagnierte die Schweiz und wurde daraufhin von einer grossen Konkurrenz aus dem Ausland technisch rasant überholt, was vielen Uhrenherstellern schlecht bekam.

Den Vergleich darf man ohne Weiteres anstellen! Herr Nicolas Hayek, ein Pionier, musste als Industrieller grosses Engagement an den Tag legen, um die Schweizer Uhrenindustrie wieder an die Spitze zu führen. Er musste manche widrige Hürde meistern und sich stets durchsetzen. Menschen wie er sind nötig, um immer wieder Inputs zu geben, Spitzenleistungen zu erbringen und gute Konzepte umzusetzen. Ansonsten riskiert man eben, zu stagnieren und von anderen überholt zu werden.

Ein Konzept zu haben, das realistisch und durchdacht ist, ist die wichtigste Voraussetzung für einen gut funktionierenden Tourismus. Luzern war nicht die einzige Stadt, die keines hatte. Sie war aber die erste Stadt in der Schweiz, die ein solches Konzept professionell in die Wege leitete und Massstäbe setzte, an denen sich später auch andere Städte und Regionen orientierten. Mein anfängliches Marketing-Konzept bestand in einem vierzigseitigen Dossier, in dem ich positive und negative Punkte sowie Vorschläge zur Förderung des Tourismus auflistete. Somit war auch dieses Vorgehen etwas Pionierarbeit.

Heute ist allen Städten und Regionen in der Schweiz klar, dass sie überzeugende und gemeinsame Konzepte brauchen, um erfolgreich zu sein. Regionen und Städte, die es schaffen, zu einer unverwechselbaren Marke zu werden, geniessen grosse Vorteile. Das ist aber nicht einfach hinzubekommen. Ich werde oft eingeladen, um interessierten Menschen aus Wirtschaft und Politik aufzuzeigen, wie man solche Herausforderungen meistern kann.

Möglicherweise unterschätzt man in der Regel das Engagement von Einzelpersonen für den Tourismus und die Kultur. Wie schätzen Sie persönlich das Engagement dieser „Pioniere“ in Bezug auf den Tourismus ein?

Diese Pioniere gibt es auch im Tourismus und tatsächlich vergisst man ihren Einfluss auf das Gedeihen dieses Wirtschaftszweiges oft. Denken Sie etwa, um nur wenige Jahre zurückzugehen, an Dr. Oetker, den Mann, der in Viznau am Vierwaldstädtersee der Familie Bally, die damals einen Erbstreit ausfocht, ein Hotel abkaufte und es zu einem Fünfsternehotel mit Weltruhm machte. Es gäbe Dutzende Menschen mehr, die man hier aufzählen könnte, alles Menschen, die sich sehr verdient gemacht haben. Sie kennen Frau Angela Rosengart und ihre Sammlung. Auch sie hat massgebliche Pionierarbeit für die Stadt Luzern geleistet. Mit ihrer Sammlung hat sie Hunderttausende von Menschen nach Luzern geholt. Die Initiative von privater Seite darf deshalb auf keinen Fall unterschätzt werden. Gehen wir in der Geschichte noch etwas zurück: Die Pilatus- und die Bürgenstockbahn waren das Werk der Nidwaldner Familie Durrer. Ein Herr Durrer hat im 19. Jahrhundert Genua die Trambahn gebaut, wurde dabei sehr reich und baute später das Bürgenstock-Hotel gleich neben Luzern. Ohne diese Personen und Familien mit ihren Pionierarbeiten wären wir im Tourismus nicht dort, wo wir heute stehen.
Trotzdem reichen diese Initiativen einzelner Personen nicht aus, um ein ganzes Land oder eine Region in die erste Liga des Tourismus zu bringen. Auch die Politik und die Bevölkerung müssen mitmachen. Schauen Sie, was alles rund um das KKL in Luzern passiert ist. Es brauchte in Luzern vier Volksabstimmungen bis das Budget für den Bau des KKL gesprochen wurde! Das Stimmenverhältnis bei der letzten Abstimmung betrug 49% zu 51%. Heute würde niemand mehr behaupten, dass das KKL für Luzern und die ganze Region eine schlechte Investition war. Das KKL gehört mittlerweile zu den führenden Musikhäusern auf der Welt und geniesst Weltruhm. Ihnen muss ich nicht erklären, was meine Meinung in Bezug auf die Absage der Stimmbürger für den Umbau des Casinos in Basel ist (lacht). Furtwängler und Karajan waren immer wieder in Luzern und haben auch während des Krieges hier gelebt. Das haben sie nie vergessen. Letzterer hatte einmal gesagt, dass Luzern die einzige Stadt gewesen sei, die ihn während des Krieges nie habe fallen lassen. Er trat aus diesem Grunde in der Schweiz nur in Luzern auf. Leider hat er das KKL nicht mehr erlebt. Ich bin sicher, er hätte daran grosse Freude gehabt.
Nun ist es aber nicht so, dass alle Städte und Regionen in der Schweiz so erfolgreich wie Luzern Tourismus betreiben können. Oft fehlt es schon an den natürlichen Voraussetzungen. Ich denke an Voralpenregionen, die aufgrund von fehlendem Schnee ihre Skilifte nicht mehr betreiben können oder an Regionen, deren Infrastruktur für den Tourismus nicht ausgebildet ist. Was raten Sie den in diesen Orten im Tourismus tätigen und verantwortlichen Personen?

Wenn sich die äusseren Rahmenbedingungen verändern, müssen die Menschen in diesen Regionen gemeinsam das Konzept ändern! Diese Randregionen müssen sich, wie das teilweise auch schon der Fall ist, zusammentun und zusammenarbeiten. Es braucht nicht jedes Dorf und jeder Weiler ein eigenes Tourismusbüro und ein KKL, aber es braucht für eine Stadt oder eine Region eine gemeinsame Idee, die man überzeugend rüberbringt. Solche Regionen müssen sich auf ihre Stärken besinnen. Die Entwicklungen der Zusammenarbeit und des gemeinsamen Tätigwerdens sind übrigens auch rund um den Vierwaldstädtersee, in einer für den Tourismus sehr prädestinierten Gegend, noch nicht abgeschlossen und in ständiger Bewegung. Weggis, Vitznau und Gersau etwa haben die Absicht geäussert, mit der Stadt Luzern noch näher zusammenzuarbeiten, und es könnte sein, dass deren ganze Tourismus-Administration aus Kostengründen in die von der Stadt Luzern eingegliedert wird. Es sind sechs Kantone um den See im Tourismus involviert, was die ganze Angelegenheit sicher nicht einfacher macht.

Wir stehen möglicherweise erst am Anfang einer grossen und weltweiten Finanzkrise, die auch den Tourismus treffen wird. Sie selber haben in Ihrer langjährigen Tätigkeit einige Krisen mitgemacht, verfolgt und gemeistert. Ich denke an die Ölkrise in den Siebzigerjahren. Welches sind heute die Risiken und Herausforderungen für den Tourismus in der Schweiz, und was hat die Finanzkrise Ihres Erachtens für Auswirkungen auf den Tourismus in der Schweiz?

Ich glaube, dass der Tiefpunkt in der Finanzkrise noch lange nicht erreicht ist. Ich war eben in Asien und habe in Bangkok mit Professoren und Vertretern des Tourismus gesprochen. Deren Einschätzung der Lage ist sehr düster. Auch diese fernöstlichen Länder leiden erheblich unter der Krise. Wir sind in der Schweiz möglicherweise zurzeit etwas blauäugig. Wir werden in den nächsten Jahren keine Übernachtungszuwachse mehr schreiben können, denn die meisten Menschen werden weniger Geld haben und somit auch weniger reisen. Ich gehe davon aus, dass wir Gefahr laufen, 10 bis 20% weniger Übernachtungen zu haben. Wenn man bedenkt, dass eine Übernachtung rund 400 bis 500 Franken generiert, so kann man sich leicht ausrechnen, was das für den Tourismus und die Wirtschaft einer Stadt oder einer Region bedeutet. Die Kongresse und Seminare, die in unseren Städten abgehalten werden und ebenfalls einen wichtigen Teil des Tourismus ausmachen, werden weiterhin stattfinden, aber wir müssen auch dort mit weniger Menschen und mit weniger Luxusnachfrage rechnen. Der Gürtel wird enger geschnallt. Vielleicht wird das eine oder andere grossartige Dinner nicht mehr stattfinden. Es wird den Hoteliers und den Geschäftsleuten deshalb nichts anderes übrigbleiben, als sich der Zeit anzupassen und ihre Angebote zu überdenken. Wir müssen darauf achten, den generellen Standard in den Städten und in den Bergregionen aufrechtzuerhalten, den wir uns in den letzten Jahrzehnten erschaffen haben und auf den wir sehr stolz sein dürfen. Wir dürfen die ausländische Konkurrenz auch in den Zeiten der Krise nicht unterschätzen. Viele Länder um die Schweiz haben sehr viel zu bieten und holen stetig und mit viel Elan auf. Denken Sie nur an all die Schlösser und geschichtlichen Baudenkmale in Deutschland, Frankreich oder auch in Österreich. Das sind grosse kulturelle Vorteile, die wir in der Schweiz nicht in diesem Ausmass haben und die wir stetig wettmachen müssen. Die genannten Länder haben ebenfalls schöne Seen und Berge. Darum braucht es weiterhin viel Innovation und grosses Engagement in der Kultur. Festivals und ähnliche Events in der Schweiz müssen erhalten bleiben, und wir müssen weiterhin versuchen, mit guten Ideen Publikum anzuziehen. Das ist wichtig. Wir müssen noch innovativer werden. Werden beispielsweise schon zig Marathons in Städten in Europa durchgeführt, so macht es keinen Sinn, nun auch noch einen zu organisieren. Es gibt andere Sportanlässe und Möglichkeiten, die noch nicht ausgeschöpft und besser geeignet sind, Menschen anzuziehen und zu begeistern.

Wir müssen stets über die Grenzen schauen. Vergleichen Sie ein Frühstücksbuffet in einem Mittelklassehotel in einem asiatischen Land mit einem Frühstücksbuffet in einem Mittelklassehotel in der Schweiz. Sie stellen schnell fest, dass es grosse Unterschiede gibt. Mit einem Stück Butter, einem kleinen Marmeladetöpfchen und zwei Arten von Brot kann man die Kunden nicht mehr begeistern. Das ist nicht nur eine finanzielle Frage, sondern eben auch eine Frage der Innovation. Etwas wehmütig denke ich an die Mövenpick-Restaurants zurück, die zu Zeiten von Ueli Prager, dem damaligen Eigentümer der Kette, einen wunderbaren Ruf genossen. Kindern wurde im Restaurant immer ein Gratis-Sirup offeriert. Das sind kleine Zeichen, die eine Familie wertschätzt und zur Kenntnis nimmt. Heute wird das nur noch selten angeboten. Es würde sich aber finanziell wohl nicht sehr negativ auswirken, einem Kind einen Gratis-Sirup auszuschenken. Damit will ich nur sagen, dass nicht alles teuer sein muss, das den Kunden begeistern kann.

Was raten Sie der Tourismusbranche für die kommenden Monate?

Ich möchte vorausschicken, dass die Schweiz mit den Problemen rund um die UBS einen grossen Image-Schaden eingefahren hat. Auf meinen kürzlich erfolgten Reisen kam das in vielen Gesprächen zum Ausdruck. Diesen Schaden müssen wir wieder korrigieren. Das kann die UBS nicht alleine tun. Sie braucht die Unterstützung des ganzen Landes. Ich meine das nicht im finanziellen Sinne. Die Bank mir ihren vielen sehr guten Mitarbeitenden muss aber von der Bevölkerung ermutigt werden, damit sie wieder Tritt fassen und gut funktionieren kann. Der Tourismus muss sich zweifelsohne der Zeit anpassen. Künftige Weihnachtsgeschäftsessen und Weihnachtsgeschenke werden sicher kleiner ausfallen. Darüber müssen sich die Geschäftsleute und Hoteliers im Klaren sein und Alternativen bereithalten. Es wird in der Tourismusbranche zu Konsolidierungen kommen, ob wir das woll
Kurt H. Illi mit Luzern-Regenschirm in der Wüste (mit freundlicher Genehmigung von Kurt H. Illi) en oder nicht. Der Staat kann nicht die ganze kriselnde Wirtschaft auffangen, auch nicht den Tourismus in der Schweiz. Ich halte nicht viel von solchen Unterstützungsprogrammen. Vielleicht muss der Staat jedoch punktuell am einen oder anderen Ort, wo zu viel für den Tourismus auf dem Spiel steht, Einfluss nehmen und diesen unter die Arme greifen. Ich bin jedoch der Meinung, dass die Vertreter des Tourismus diese Krise im Grossen und Ganzen aus eigener Kraft bewältigen müssen. Man darf nun aber nicht überreagieren. Erfahrungsgemäss geht es nach ein bis zwei oder auch drei Jahren wieder bergauf. Es muss diese Zeit sinnvoll genutzt werden. Krisen kann man mit Innovation meistern. Ich fordere den Tourismus deshalb auf, noch innovativer zu werden.

Sehr geehrter Herr Illi, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg bei Ihren Tätigkeiten!



(C) 2009 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.
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Links:
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- Luzern Tourismus

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