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Spezialinterview Musik: Artur Beul

Artur Beul. (c) Artur BeulArtur Beul (*9.12.1915, 9.1.2010) begann seine Musikkarriere als Mittelschullehrer, der für seine Schülerinnen und Schüler hin und wieder Lieder zum Singen komponierte und sie auf dem Klavier begleitete. Mit 21 Jahren beschloss er, sich dem Gesangstrio Geschwister Schmid als Pianist und Komponist anzuschliessen. Für das Trio schrieb Beul in den folgenden Jahren eine ganze Anzahl von Erfolgsstücken, die weit über die Schweizer Grenzen hinaus gehört wurden. Artur Beul ist der bekannteste Schweizer Volksmusiker. Seine Popularität stieg ins schier Unermessliche, als er 1949 Lale Andersen heiratete, die das Lied „Lili Marleen“ sang und für die er rund 20 Hits schrieb. Mit dem Stück „Nach em Räge schint d’Sunne“, das von den Andrew Sisters in den USA interpretiert und bekannt gemacht wurde, schrieb er Weltmusikgeschichte. Rund 50 Mio. Tonträger mit Musik von Artur Beul wurden weltweit verkauft. Im Gespräch mit Christian Düblin spricht Artur Beul von seinem Leben, seiner Musik und zeigt, dass man auch im hohen Alter das Leben mit Humor angehen kann. Lesen Sie ein spannendes Interview mit einer Schweizer Musiklegende.

Christian Düblin: Das Lied „Nach em Räge schint d’Sunne“ beherrschte in seiner englischen Version der Andrew Sisters („When A Swiss Boy Is Calling On A Swiss Girl In June“) über sechs Monate die Hitparadenspitze in den USA, ein Erfolg, der seither keinem deutschsprachigen Komponisten mehr gelingen sollte. Das Lied erinnert mich immer an „Tea For Two“ von Youmans, das ebenfalls ganz unerwartet zu einem Welterfolg wurde und das jeder kennt. Wie erklären Sie sich persönlich den Erfolg von „Nach em Räge schint d’Sunne“?

Artur Beul: Ich kann mir das selber auch nicht ganz erklären. Das Lied ist von so vielen Interpreten auf der ganzen Welt gespielt worden! Die Andrew Sisters haben es in den USA gespielt und hatten jahrelangen Erfolg damit. Ich erinnere mich, dass ich als junger Lehrer Die jungen Geschwister Schmid: Werni, Claerli und Willy. (c) Artur Beulund Pianist in Einsiedeln die Geschwister Schmid kennenlernte, die dort ihre Ferien verbrachten. Ich wollte eine Unterschrift von ihnen haben und kam mit ihnen ins Gespräch. Ich spielte ihnen auf dem Klavier vor und sie fanden sofort Gefallen an den Melodien und den Texten. Das Lied „Nach em Räge schint d’Sunne“ haben die Geschwister Schmid zwar gesungen und auch aufgenommen. Sie hatten ihm aber nie einen höheren Stellenwert eingeräumt. Es war sogar so, dass sie das Lied anfänglich gar nicht in ihr Repertoire aufnehmen wollten, weil sie es als zu banal empfanden. Der Erfolg des Liedes hat später alle überrascht, auch mich. Ich glaube, der weltweite Erfolg hat mit der Einfachheit des Liedes zu tun. Ich musste meinem Verleger immer wieder meine Stücke übers Telefon spielen. Dort entschied er, ob er sie für gut empfand oder nicht. Er meinte immer, ich solle nicht mit so vielen Kreuzen komponieren, also einfache Tonarten wählen (lacht). Er meinte, ich müsse Stücke schreiben, die den Menschen in die Ohren gehen. So oder so war es für mich immer wichtig, die Einfachheit zu bewahren. Das ist meine Erklärung für meinen Erfolg.

Haben Sie die Andrew Sisters persönlich kennengelernt?

Nein, das hat sich leider nie ergeben. Ich habe sie nie kennengelernt und war selber auch nie in den USA.

Die Geschwister Schmid gingen nach grossen Erfolgen in der Schweiz und in Europa im Jahr 1954 für 5 Jahre in die USA. Hatten Sie keine Lust, das Trio in den USA zu begleiten?

Nein, das wollte ich nicht. Ich wollte nicht 5 Jahre von der Schweiz weg bleiben. Ich bin viel gereist, auch mit meiner Frau Lale Andersen, die viel auf Tournee war. Wir gingen auch oft ins Ausland in die Ferien. Ich kam immer gerne zurück in die Schweiz.

Was sind Ihre frühsten Musikerinnerungen, wenn Sie zurückdenken an die Zeit in Einsiedeln, wo sie aufgewachsen sind?

Artur Beul 1944. (c) Artur BeulMein erstes Lied war „Am Himmel stoht es Sternli z’Nacht“. Ich habe es mit 18 Jahren komponiert. Ich hätte natürlich nie gedacht, dass dieses Lied einmal ein grosser Erfolg werden könnte. Ein weiteres Lied, das ich selber komponierte und mir sehr gut gefiel, war „Soldate müend doch Schätzli ha“. Ich erinnere mich gut an diese Zeit. „Dort in Hawaii hab ich mein Herz verloren“ (Anmerkung der Redaktion: 1935, Willy Rosen) oder „Eine Nacht in Monte Carlo“ waren Stücke, die mir sehr gut gefielen und die ich damals in meiner Jugend gerne hörte.

Haben Sie diese Lieder am Radio gehört und nachgespielt, wie das viele Musiker zu dieser Zeit in Europa gemacht hatten?

(Lacht) Nein, einen Radio gab es bei uns zuhause nicht. Das wäre eine Anschaffung gewesen, die wir uns gar nicht hätten leisten können.

Sie haben mit vielen bekannten Musikern und Musikerinnen zusammengearbeitet. Wie kam es zu diesen Zusammenarbeiten? Sind diese Künstler auf Sie zugekommen oder sind Sie diese Menschen aktiv angegangen und haben gefragt, ob Sie etwas für sie komponieren dürften?

Ich habe mit Musikern wie Vicco Torriani, Vreneli Pfyl und Marthely Mumenthaler oder mit Lys Lale Andersen und Artur Beul, 1949 in Zürich. (c) Artur BeulAssia gearbeitet, natürlich auch mit meiner ersten Frau Lale Andersen. Es war immer so, dass diese Personen auf mich zukamen und mich fragten, ob ich etwas komponieren könnte. Ich habe immer „massgeschneiderte“ Lieder für bestimmte Künstler geschrieben. Wichtig waren mir dabei die Stimme und das Auftreten der Personen, für die ich komponierte. Das war mein Erfolgsrezept. Diese Künstler mussten sich bei meinem musikalischen Direktor und Manager vorstellen. Er hatte meine Musik vertrieben und verkauft. Viele Musiker hatten dann Änderungen in den Liedern und Texten gewünscht oder selber angebracht. Die Menschen, darunter viele Künstler, die nach dem zweiten Weltkrieg in die Schweiz kamen, mochten die Schweizer Volksmusik. Vor allem die Amerikaner fanden grossen Gefallen daran. Darum gingen die Geschwister Schmid in die USA.

Störte Sie das nicht, wenn ein Künstler Ihre Arbeiten korrigierte oder veränderte?

Nein, das hat mich nie gestört. Ich habe alle Texte zur Musik geschrieben. Mir war klar, dass sich die Musiker wohl fühlen mussten. Daher hat mich das nicht gestört, wenn Musiker in meine Texte und Kompositionen eingriffen.

Hermann Beul, ihr Vater, war ein bekannter Kirchenmaler. Was haben Sie für Erinnerungen an Ihren Vater und an Ihre frühste Kindheit?

Er war ein guter Maler. Mein Grossvater ebenfalls. Ich kann mich aber nicht mehr an meinen Vater erinnern. Er starb, als ich zwei Jahre alt war. Er hatte ein Nierenproblem, das ihm zu schaffen machte. Das war auf die kalten Kirchen zurückzuführen, wo er immer malte. Das hat ihn krank gemacht. Als er starb, war er 28 Jahre alt. Ich war der einzige Sohn und meine Mutter zog mich nach dem Tod meines Vaters alleine auf. Sie hat mich unterhalten, kochte für mich und machte alles für mich. Ich selber habe der Malerei auch viel Zeit gewidmet. An der Cote d’Azur, wo ich nach dem Tod meiner ersten Frau Lale Andersen einige Zeit lebte, habe ich viele Schiffe und Häfen gemalt.

Wie kamen Sie als Jugendlicher in Kontakt mit der Musik?

Als die Geschwister Schmid in Einsiedeln waren, hatte ich ihnen einige Kinderlieder vorgespielt. Erst dort wurde mir klar, dass ich etwas machte, das andere Menschen anzog und speziell war. Das war mir zuvor nicht klar. Ich hatte einfach für meine Schüler Lieder komponiert, um sie zusammen mit ihnen zu singen und mir weiter keine Gedanken gemacht.

Welches sind Ihre Lieblingslieder?

Das kann ich so nicht sagen. Es gibt keinen Titel, den ich als Lieblingslied betrachten würde. Es ist aber schon so, dass ich die Lieder, die ich für Lale Andersen komponiert hatte, nach wie vor sehr gerne habe. Viele Lieder, die ich gerne habe, wurden nie bekannt. Viele sind nie veröffentlicht worden.

Empfanden Sie sich als Volksmusiker oder mehr als Unterhaltungsmusiker?

Es war etwas dazwischen. Ich würde es heute als rhythmische Volksmusik betrachten, die ich komponiert und gespielt habe.

Hatten Sie auch Kontakt zur Klassik und zum Jazz?

Vor allem meine zweite Frau Pat hatte Jazz sehr gerne und kannte viele Jazzmusiker. Ich war nie ein Jazz-Fan und ich habe nur selten Jazz-Musiker kennengelernt. Ich habe aber hin und wieder grosse Jazz-Musiker an Konzerten gehört. Selber habe ich aber nie Jazz gespielt. Ich habe mein Leben lang klassische Musik gehört und es gab einige Texter und Komponisten, die ich sehr bewunderte.

Hatten Sie musikalische Vorbilder, als sie jung waren, die Sie inspirierten?
Artur Beul, 1957. (c) Artur Beul
Ich bin der Meinung, dass man keine Vorbilder braucht. Man sollte die Lieder, die man gerne hat, hören und sie geniessen. Ich hatte aber niemanden, von dem ich sagen könnte, dass er mich musikalisch geprägt hätte. Ich hatte alle Platten von Gustav Mahler. Ihn mochte ich sehr. Vor allem die romantischen Musiker mochte ich. Die Mahler-Musik im Visconti-Film „Tod in Venedig“ fand ich faszinierend. Thomas Mann war damals schon tot. Aber mit seiner Frau Katja habe ich mich oft getroffen. Sie erzählte mir beim Tee immer viele Geschichten.

Wann kam der Zeitpunkt, als Sie von der Musik leben konnten und Geld damit verdienten?

Ich hatte anfänglich als Lehrer 200 Franken monatlich verdient. Das war das Geld, das ich zur Verfügung hatte. Für viel reichte es nicht. Die Geschwister Schmid meinten, ich könnte das bei ihnen auch verdienen, was dann auch der Fall war (lacht). Bald schon verdiente ich das Doppelte.

Sie sind aber ein Risiko eingegangen und haben eine feste Stelle gegen ein ungewisses Projekt eingetauscht.

(Lacht) Das ist schon richtig. Aber wenn man jung ist, dann denkt man nicht so viel über solche Dinge nach. Das Angebot der Geschwister Schmid gefiel mir sehr gut und ich nahm es an. Ich war damals erst einundzwanzig Jahre alt.

Wo und wie hatten Sie Lale Andersen kennengelernt, Ihre erste Ehefrau, die damals schon sehr bekannt war?

Nach dem Krieg kamen sehr viele Künstlerinnen und Künstler in die Schweiz, vor allem nach Zürich. Ich wurde eines Tages gefragt, ob ich eine Dame in meinem Haus aufnehmen wollte. Ich hatte zwei Zimmer im oberen Stock meines Hauses frei und überliess diese Lale. Sie bewohnte sie immer, wenn sie in Zürich war. Sie kam oft zu mir ins Haus und genoss den Garten. So habe ich sie kennengelernt.

Haben Sie Marlene Dietrich auch kennengelernt?

Ich bin ihr persönlich leider nie begegnet. Sie war eine gute Freundin von Lale. Aber Hans Albers war viel bei uns zu Hause in Zürich. Er kam oft zum Kaffee und wir sprachen miteinander. Er war ein toller Mensch. „Hoppla, jetzt komme ich“, sagte er immer mit viel Humor (lacht). Er war der Sohn eines Metzgers, ein einfacher Mann aus bescheidenen Verhältnissen.

Sie schauen zurück auf ein interessantes und erfülltes Leben. Sie haben viele Millionen Menschen auf der Welt mit Ihren Liedern glücklich gemacht. Was wünschen Sie sich im letzten Lebensabschnitt noch, Herr Beul?

Ich habe keine Eltern mehr und keine Kinder. Schon seit einigen Jahren kann ich nicArtur Beul und Christian Düblin im Gespräch. (c) Christian Düblinht mehr gehen und meine Finger sind nicht mehr fähig, Klavier zu spielen. Ich wünsche mir nicht mehr viel im Leben und hoffe, dass der liebe Herrgott, der mich bald empfangen wird, genauso viel Freude an meiner Musik hat, wie die vielen Menschen, von denen Sie sprechen.

Sehr geehrter Herr Beul, ich bedanke mich ganz herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin gute Gesundheit.

 

(C) 2009 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.


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