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Monatsinterview Februar: Felix Erbacher

Felix Erbacher (c) Felix ErbacherFelix Erbacher, lic.rer.pol., Jahrgang 1947, arbeitete bereits vor dem Zusammenschluss der National Zeitung (NZ) und der Basler Nachrichten (BN) zur Basler Zeitung (BaZ) als Wirtschafts-Journalist für die BN. Von 1986 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2008 war er als Leiter der Wirtschaftsredaktion der BaZ tätig. Seit Felix Erbacher als Journalist tätig ist, setzt er sich mit Fragen der Wirtschaft auseinander. Zu seinen Spezialgebieten gehören Chemie/Pharma, Börse, Konjunktur sowie KMU. Felix Erbacher arbeitet seit seiner Frühpension im Jahr 2008 projektspezifisch für die BaZ und ist als Autor sowie als Moderator tätig. Im Interview mit Christian Dueblin spricht Felix Erbacher über seine Anfänge als Journalist, zieht Vergleiche zur Redaktionsarbeit von heute und nimmt Stellung zu den (jüngsten) einschneidenden, auch qualitativen, Veränderungen in der Schweizer Zeitungs- und Medienlandschaft.

Christian Dueblin: Herr Erbacher, Sie arbeiten schon seit rund 35 Jahren als Journalist. Ihre Karriere begann jedoch nicht bei der BaZ, sondern hier gleich gegenüber in den Räumlichkeiten der damaligen BN. Denken Sie manchmal mit etwas Wehmut über diese alten Zeiten nach?

Felix Erbacher: (Lacht) Die Zeiten haben sich grundlegend verändert. Ich habe 1974 gleich quer über der Strasse an der Dufourstrasse als junger Journalist bei der BN angefangen. Zuvor war ich als Trainee in Kanada, den USA, in Panama sowie kurze Zeit als Product Manager für die Privatwirtschaft tätig. Es kam bald nach meinem Berufseinstieg als Journalist bei der BN zum Zusammenschluss mit der NZ. Aus dieser Fusion ging die BaZ hervor, für die ich dann rund drei Jahrzehnte gearbeitet habe und für die ich heute noch im Teilzeitpensum tätig bin. Mein erster Chef und Chefredaktor bei der BN war der legendäre Oskar Reck. 1983 übernahm zuerst Alfred Peter, dann der eben erst verstorbene Gerd H. Padel das Amt des Chefredaktors bei der BaZ. Von all diesen Persönlichkeiten, auch später vom langjährigen Chefredaktor Hans-Peter Platz, konnte ich viel lernen, was für meinen beruflichen Werdegang sehr förderlich war. Entsprechend überkommt mich dann und wann tatsächlich eine gewisse Wehmut, wenn ich an diese vergangenen Zeiten zurückdenke.

Wie würden Sie nach so vielen Vorgesetzten den Einfluss eines Chefredaktors auf eine Zeitung bewerten? Kann ein Chefredaktor die Handschrift eines Blattes festlegen und ihm eine Leitlinie vorgeben, oder macht man sich in dieser Hinsicht über dessen Bedeutung oft auch etwas Illusionen?

Das hängt natürlich sehr von der Persönlichkeit des Chefredaktors ab. Meine Meinung ist jedoch, dass dieser ganz klar einen grossen Einfluss ausüben kann. Zumindest gilt das für die BaZ. Hans-Peter Platz beispielsweise war eine sehr prägende Persönlichkeit. Er hat gesagt, was Sache ist und gab eine klare Linie vor, der man folgen musste. Es bedurfte stets guter Argumente, ihn von gegenteiligen Ansichten zu überzeugen (lacht). Er hat jedoch nicht nur die Linie vorgegeben, sondern auch kontrolliert, ob man seinen Anweisungen auch Folge leistete. Hans-Peter Platz hatte zweifelsohne die gute Nase für die richtigen Themen. Er setzte sich immer besonders für die Wirtschaft ein und wünschte oft wirtschaftliche Tagesthemen. Auch die Kommentare des Chefredaktors spielen eine wichtige Rolle. Oskar Reck war in dieser Beziehung beispiellos. Diese Kommentare werden vom Publikum gelesen und offenbaren immer auch die politische Richtung einer Zeitung. Sie dürfen in Bezug auf den Einfluss bei der Leserschaft und auf die Politik nicht unterschätzt werden. Natürlich muss der Chefredaktor selber mit dem Verleger zusammenarbeiten und auch dessen Interessen vertreten. Ich habe es aber in all den Jahren, in denen ich für die BaZ gearbeitet habe, nur selten erlebt, dass der Verleger sich ins Tagesgeschäft einmischte.

Was erachten Sie rückblickend als die grössten Veränderungen im Tagesgeschäft des Journalismus sprich im Daily business auf einer Redaktion?

Es gibt die realwirtschaftliche Entwicklung und die technologischen Veränderungen im Beruf des Journalisten. Aus der wirtschaftlichen Perspektive kann ich einleitend sagen, dass mich die vielen Krisen während meiner Tätigkeit als Journalist und Zeitungsmacher abgeklärt haben. Die Öl-Krise in den Siebzigerjahren ist ein schönes Beispiel. Man dachte damals, die Welt würde untergehen und nie mehr so sein wie vorher. So dachte man auch bei den vielen Börsencrashs. Nach der x-ten Krise stellt man dann fest, dass trotzdem nach ein oder zwei Jahren alles wieder einigermassen oder sogar bestens funktioniert.

Und was denken Sie heute in Bezug auf die Wirtschaftskrise?

Diesmal kam auch ich ins Schwanken. Noch im Januar 2009 war ich verunsichert und ich überlegte mir, ob eine wirtschaftliche Depression, also ein massives Schrumpfen der Wirtschaft, bevorsteht? Die KMU hatten die Krise damals noch nicht richtig wahrgenommen, oder zumindest noch nicht selber gespürt. Viele Aufträge waren am Laufen. Es kam aber bereits zu ersten Stornierungen von bereits beschlossenen Geschäften. Schon lange vorher warnte uns Bill White, der damalige Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsverkehr (BIZ), in einem Hintergrundgespräch vor einer Rezession. Er machte komplexe Ausführungen und legte entsprechende Beweise vor. Wir alle von der Redaktion, wie auch alle namhaften Schweizer Volkswirte, wollten das jedoch nicht so richtig glauben, obwohl seine Aussagen aus ökonomischer Sicht klar und präzise waren. Später zeigte es sich, dass seine Einschätzung zur Gänze zutraf. Das hat mich sehr beeindruckt. Heute sieht es wieder etwas besser aus. Wir wissen aber nicht, ob sich der jüngste Aufschwung selber trägt oder nicht. Für den Moment aber scheinen wir an einer Depression „vorbeigeschrammt“ zu sein.

Was ist Ihnen als Journalist in der gegenwärtigen Krise besonders aufgefallen?

Was mich wieder sehr betroffen gemacht hat, ist die Tatsache, wie schlecht und oft geradezu peinlich schwierige Entscheide von den Verantwortlichen in der Wirtschaft kommuniziert werden. Es darf nicht sein, dass beispielsweise Arbeitnehmer etwa via SMS über ihre bevorstehende Kündigung erfahren. Ich habe das in den letzten Monaten öfters beobachtet und auch kommentiert. Ich halte nichts von solchen Vorgehensweisen, zumal es nur wenig Anstrengung und Verständnis erfordert, unangenehme Nachrichten besser, stilvoller und vor allem auch respektvoller zu kommunizieren.

Gehen Unternehmen und Investoren somit Ihrer Ansicht nach in der derzeitigen Krise schlechter mit Mitarbeitenden um als bei früheren Krisen?

Nein, ich beobachte das beschriebene Verhalten in jeder Krise. Gerade in Krisensituationen machen sich unternehmerische Schwächen und Schwächen in der Führung von Unternehmen halt besonders bemerkbar. Manche Familienunternehmen mögen Krisen und schwierige Situationen vielleicht etwas besser handhaben als börsenkotierte Unternehmen. Ich begreife diesen schlechten Stil aber nicht. Sich um die eigenen Mitarbeiter zu sorgen und stilvoll zu kommunizieren, ist keine Hexerei. Es ist ausserdem auch eine Frage des Respekts den betroffenen Menschen gegenüber. Diese selbst verstehen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten sehr gut, dass etwas verändert werden muss. Wichtig ist aber, dass man offen mit ihnen spricht, gute Sozialpläne erarbeitet und ihre Ängste und Bedürfnisse erkennt und auch ernst nimmt.

Die Zeitungslandschaft ist in einem Veränderungsprozess, der sich zurzeit besonders bemerkbar macht. Was hat sich aus Ihrer Sicht im Laufe Ihrer Karriere bei Ihrer Arbeit auf einer Redaktion und für eine Zeitung am meisten verändert?

Früher telefonierte der diensthabende Redaktor am Montagmorgen unter anderem nach Bonn, Frankfurt, Rom, Brüssel, London und Washington und koordinierte mit den dortigen Korrespondenten die Wochenthemen. Diese Arbeit mit eigenen oder exklusiven Korrespondenten im Ausland fällt heute weitgehend weg. Wir teilen, wie viele andere Zeitungen, unsere Auslandmitarbeitenden mit anderen Medien. Es gibt nur noch wenige ganz grosse Blätter, die sich eigene Redaktoren und Berichterstatter im Ausland überhaupt noch leisten können.

Was hat das Ihres Erachtens für Auswirkungen auf die Qualität einer Zeitung?

Es gibt verschiedenste Ebenen von „Qualitäts-Entwicklungen“. Wenn Sie sich den Wirtschaftsteil der BN vor 30 Jahren anschauen, finden sie beispielsweise Analysen über den Deutschen Geld- und Kapitalmarkt. Diese Berichte waren so exotisch wie kompliziert und tiefgründig, dass wir junge Redaktoren sie immer mehrere Male lesen mussten, um sie verstehen zu können. Das war Berichterstattung auf höchstem Niveau! Wir selbst schrieben lange Artikel über Unternehmen, Branchen oder auch Volkswirtschaften. Dabei hatten wir genügend Zeit, uns vertieft mit dem Thema zu beschäftigen. Den starken Zeitdruck beim Verfassen von Berichten, wie er heute zu spüren ist, gab es damals noch nicht. Die Berichterstattung ist zudem komplexer und meines Erachtens auch vielfältiger geworden. Genügte früher ein guter Bericht über ein wichtiges Ereignis, so produzieren wir heute mindestens einen Frontaufhänger, einen Tageskommentar, eine ganze Anzahl von Interviews und Hintergrundberichte sowie Stimmungsberichte. Dazu kommen ein grosszügiger Bildauftritt und eine ansprechende und leserfreundliche Grafik. All das ist heute auf einer Redaktion einer Zeitung unabdingbar.

Daraus könnte man schliessen, dass die Qualität der Berichterstattung breiter und möglicherweise auch besser geworden ist.

Die Berichterstattung ist für die Leserschaft viel attraktiver geworden. Das fängt beim Layout an, das heute viel leserfreundlicher gestaltet ist als vor 30 Jahren. Die wirtschaftlichen Zusammenhänge sind in Zeitungen von heute besser beschrieben als damals. Die journalistische Qualität der Zeitungsinhalte dürfte heute jedoch ihren Höhepunkt erreicht haben. Die Zeitungen müssen schon seit einigen Jahren Spezialgebiete aus wirtschaftlichen Gründen aus ihrem „Repertoire“ kippen. Das betrifft beispielsweise auch eine Neue Zürcher Zeitung (NZZ). Die Budgets für festangestellte und freischaffende Journalisten schrumpfen ständig. Die Internet-Konkurrenz und die vielen Sonntags- und Gratiszeitungen setzen den Tageszeitungen auch ordentlich zu. Nicht zuletzt hat die Zeitungen auch die momentane Krise voll getroffen. Das sind alles Faktoren, die auch Einfluss auf die Qualität haben. Die Zeitungen werden aber nicht nur dünner, weil der redaktionelle Teil kleiner wird, sondern vor allem weil die Inserate schwinden.

Die BaZ musste, wie alle anderen Zeitungen, aus wirtschaftlichen Gründen zahlreiche Redaktorinnen und Redaktoren entlassen. Gerade hat Ringier verlauten lassen, dass weitere rund 30 Stellen abgebaut würden. Wie wirken sich diese fast schon wöchentlichen Meldungen auf die Stimmung aus?

Die meisten Menschen, die für eine Zeitung arbeiteten, wussten, dass etwas passieren würde und tiefgreifende Änderungen bevorstehen. Sie ahnten, dass es nicht wie bisher weitergehen kann. Die schlimmste Zeit ist diejenige zwischen der Ahnung, dass etwas passiert, und dem Eintreffen des Veränderungsentscheides. Es kommt aber darauf an, und damit wären wir wieder beim Thema von vorher, wie etwas kommuniziert wird und wie die Sozialpläne aussehen. In Bezug auf die BaZ waren die Sozialpläne ordentlich. Natürlich ist die Stimmung in den Schweizer Medien zurzeit nicht euphorisch. Ich kann aber bestätigen, dass die jungen Journalisten, mit denen ich in der BaZ zusammenarbeite, ein tolles Team abgeben. Ich bewundere, was die Kolleginnen und Kollegen jeden Tag an Leistung bringen. Weniger Journalisten müssen mit weniger zur Verfügung stehenden Ressourcen gleich viel oder sogar mehr leisten. Es ist wichtig, diese Tatsache den Leserinnen und Lesern immer wieder zu vergegenwärtigen. Vergleicht man unsere Regionalzeitungen im Übrigen mit Zeitungen in anderen Ländern und Städten, stellt man klar fest, dass unsere Qualität trotz dieser Entwicklung weit überdurchschnittlich ist.

Wie verhält es sich Ihrer Meinung nach mit den Ansprüchen der Leserschaft? Sind diese Ansprüche gestiegen, oder sind es die gleichen Ansprüche wie vor 30 Jahren?

(Überlegt lange) Das ist schwierig zu sagen. Das Tempo der Berichterstattung spielt eine Rolle. Dieses wird heute von den elektronischen Medien vorgegeben. Wenn vor 30 Jahren eine Pressekonferenz, sagen wir mal von Ciba-Geigy, auf einen Dienstag anberaumt wurde, durften wir mit unseren Texten aufgrund einer vereinbarten Sperrfrist nicht vor Donnerstag raus. Das war für uns Journalisten natürlich angenehm, denn wir hatten nach der Pressekonferenz auch noch genügend Zeit, gut Essen zu gehen und mit den Verantwortlichen in Ruhe über das eine oder andere zu diskutieren. Das ist heute nicht mehr vorstellbar. Kurzinterviews werden im Minutentakt gewährt. Das Gesamtpaket, Berichterstattung, Zahlengrafik, Interviews und Kommentare beinhaltend, muss innert weniger Stunden geschnürt werden. Minuten nach einer Pressekonferenz können Sie im Internet bereits erste Berichte lesen. Wir von der Zeitungsredaktion kommen erst am nächsten Tag mit unseren Meldungen. Das Tempo hat sich aber nicht nur für die Redaktionen, sondern im gleichen Masse auch für die Leser beschleunigt. Klar, der Leser will stets „à jour“ sein. Er nutzt die einschlägigen Online-Portale. Wenn Roger Federer in Australien spielt, dann sitzt ein Journalist vor dem Fernseher und hält alle entscheidenden Schläge im 7-Minuten-Takt auf dem Portal fest.

Was können die Zeitungen Ihres Erachtens in diesem Wettlauf tun, um nicht unterzugehen?

Wir Tageszeitungen hinken hinterher. Unser Ziel muss es sein, das Geschehene richtig einzubetten, es also in einen grösseren Kontext zu bringen. Das kann mit einem Interview oder einem (kritischen) Kommentar geschehen. Das Geschehene wird von uns in einen grösseren Zusammenhang gebracht. Das erfordert viel Hintergrundarbeit und Aufarbeitung von Themen. Dafür sind wir Zeitungsmacher verantwortlich und das ist unsere Stärke. Ich erzähle Ihnen hierzu ein schönes Beispiel: Als Ernst Schneider, der legendäre Basler Zigarren-Fabrikant, kürzlich starb, habe ich einen Nachruf geschrieben. Ich kannte ihn aufgrund von vielen journalistischen Begegnungen in den letzten Jahrzehnten persönlich gut, weshalb ich mir diese Aufgabe zutraute. Ich glaube behaupten zu dürfen, dass dieser Nachruf auf besonders grosses Interesse bei der Leserschaft stiess. Das Echo war dementsprechend gross. Das ist nur ein Beispiel einer Nische und einer journalistischen Aufgabe, die eigentlich nur eine Regionalzeitung erfüllen kann. Online-Portalen, Gratisblättern oder überregionale Zeitungen fehlt es an der Nähe und an den persönlichen Kontakten für solche Beiträge.

Die Lage für die BaZ, eine typische Regionalzeitung, für die Sie nach wie vor projektspezifisch tätig sind, ist nicht ganz einfach. Ein Konzentrationsprozess ist im Gang. Etliche Regionalzeitungen mussten in den letzten Jahren ihre Eigenständigkeit aufgeben. So hat die NZZ die Neue Luzerner Zeitung und das St. Galler Tagblatt, Tamedia die Thurgauer Zeitung und die Berner Zeitung übernommen. Die BaZ ist in einer Phase der Konsolidierung, die nun durch die Krise stark beschleunigt wird, eines der letzten Bollwerke in diesem Übernahmekampf. Was sind Ihrer Meinung nach die möglichen Szenarien für das Schicksal der BaZ?

Kommerziell ist die logische Folge, dass eine Regionalzeitung mit anderen Zeitungen und Verlagen zusammenarbeiten muss, will sie einen guten Journalismus betreiben, d.h. auf hohem Niveau informieren und wirtschaftlich profitabel sein. Auch Zeitungen wie die NZZ oder die Frankfurter Allgemeine Zeitung mussten sich wirtschaftlichen Überlegungen beugen und Joint Ventures eingehen. Das betrifft auch eine BaZ. Die BaZ macht bereits beim „Das Magazin“ der Tamedia mit. Auch haben wir uns an der Online-Plattform „NewsNetz“ beteiligt. Diese Kooperationen sind unausweichlich. Die Zusammenarbeit ist also der Minimalschritt. Aber auch Fusionen sind nicht auszuschliessen. Sie haben von den Übernahmegerüchten der BaZ durch die NZZ-Gruppe auch in der BaZ lesen können.

Wie würde Ihres Erachtens die Wirtschaft in der Nordwestschweiz, im Speziellen aber im Raum Basel, reagieren, würde es zu einer Übernahme durch ein anderes Unternehmen, etwa durch die NZZ oder durch den Tamedia-Konzern, kommen? Wäre auf Seiten der Wirtschaft mit Widerstand zu rechnen?

Auf Seiten der Wirtschaft glaube ich nicht, dass dem so wäre. Die grossen Konzerne wie Roche, Novartis oder Actelion sind in einer sehr globalen Welt zuhause. Sie denken und handeln schon seit vielen Jahren global. Diese Firmen interessieren sich für die wirtschaftlichen Standortfaktoren und den guten Kontakt zur Politik. Natürlich führen wir gemeinsame Gespräche und das Management dieser Firmen interessiert sich für uns und unsere Arbeit. Vor Kurzem war Severin Schwan, CEO von Roche, bei uns zu Gast und hat für die Anliegen und Herausforderungen der Zeitungslandschaft grosses Interesse gezeigt.

Die Region Basel grenzt an Deutschland und Frankreich. Ist dieser Umstand für die BaZ als Regionalzeitung ein Vorteil, den andere Regionalzeitungen nicht haben?

Die Region rund um Basel war in der BaZ bis vor einigen Jahren ein grosses Thema. Man hat viel Geld in diverse Zeitungs-Projekte investiert. Die Zusammenarbeit über die Grenzen hinaus hat sich aber als schwierig erwiesen. Wir stellten bald einmal fest, dass aus anderen Regionen nur wenige Inserate bei der BaZ in Auftrag gegeben wurden. Auch mussten wir einsehen, dass die Zeitungs- und Lesekulturen in den verschiedenen Regionen völlig unterschiedlich waren. Die BaZ war für viele gebildete und interessierte Menschen, die oft auch noch in der Schweiz arbeiteten, von grossem Interesse. Jedoch gab es eine ebenso grosse Leserschaft, für die wir wahrscheinlich zu intellektuell daherkamen. Es gab auch gemeinsame Beilagen in Zusammenarbeit mit der Badischen Zeitung. Aber auch dieses Projekt war nicht wirklich erfolgreich.

Was denken Sie als langjähriger Wirtschafts-Journalist in dieser Region sind weitere Gründe, dass die wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit nicht verstärkt länderübergreifend stattfindet?

Allen in der „Metropolitan-Region“ geht es im Grossen und Ganzen ja gut. Im Vergleich zu Deutschland sind die kulturellen Unterschiede mit der Schweiz nicht so gross. Es gibt eine beachtliche Anzahl deutscher Nachbarn, die bei uns ins Theater kommen und kulturelle Angebote konsumieren. Mit ein „Hindernis“ für eine bessere Kooperation zwischen den einzelnen Regionen kann schon der sehr hohe Lebensstandard sein. Es gibt in keinem zweiten Land auf der Welt so gut bezahlte Chemie- und Pharmamitarbeiter wie hier in Basel. Das dürfte auch für das Pflegepersonal oder andere Berufsgruppen gelten. Franzosen und Deutsche haben zudem in ihren Ländern tiefere Lebenserhaltskosten. Eine noch intensivere Zusammenarbeit, heute würde man von einer „Cluster-Bildung“ sprechen, würde meines Erachtens nur dann zustande kommen, wenn wir gemeinsam in Not gerieten. Dann würde man enger zusammenarbeiten, vielleicht auch im Zeitungssektor. Aber schauen Sie die Zusammenarbeit zwischen Basel-Stadt und Basel-Landschaft an. Hier gäbe es ebenfalls noch Verbesserungspotenzial, das ausgeschöpft werden könnte.

Herr Erbacher, was wünschen Sie sich für sich selber, aber auch für die Mitarbeitenden der Zeitungen in der Schweiz?

Ich arbeite reduziert und kann mich in Ruhe der BaZ und anderen Tätigkeiten widmen. Ich mache auch Moderationen, schreibe Bücher über KMU und Verbände und habe endlich genügend Zeit für meine Hobbies. Zurzeit arbeite ich an einem Buch-Projekt der NZZ. Ich beschreibe beispielsweise, wie die Pasta durch die Gotthardröhre von Italien in die Schweiz gekommen ist und wie sich Nestlé von einem ganz kleinen Betrieb zu einem multinationalen Konzern entwickelt hat. Solche Arbeiten bereiten mir viel Freude. Ich geniesse es, dass ich nicht mehr drei Sachen gleichzeitig machen muss. Deshalb wünsche ich mir persönlich „nur“ weiterhin gute Gesundheit.

Meinen Kolleginnen und Kollegen in den Zeitungen wünsche ich, dass sie einen sicheren Job haben. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um überhaupt gut und erfolgreich arbeiten zu können. Ich wünsche ihnen eine angenehme und motivierende Arbeits-Atmosphäre und genügend Zeit, um schwieriger und attraktiver Recherchearbeit nachgehen zu können.

Ich wünsche mir schliesslich, dass die Wirtschaft Verständnis für uns Zeitungsmacher aufbringt. Die Zeitungen müssen kritisch sein und sie müssen versuchen, die Realität darzustellen. Darum wünsche ich mir eine Wirtschaft, die Transparenz an den Tag legt.

Sehr geehrter Herr Erbacher, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin alles Gute und viel Erfolg bei Ihren Projekten!


(C) 2010 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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