Suchen

Spezialinterview Biotechnologie: Prof. Dr. Ingo Potrykus

Prof. Dr. Ingo Potrykus (c) Ingo Potrykus Prof. Dr. Ingo Potrykus, 1933, gilt als Pionier der biotechnologischen Pflanzenforschung. Mit der Entwicklung des Goldenen Reises, auf Englisch „Golden Rice“ genannt, gelang ihm und seinem Kollegen, Prof. Dr. Peter Beyer, ein grosser Durchbruch, der von Fachspezialisten als nobelpreiswürdig erachtet wird. Der transgene Golden Rice enthält grosse Mengen an Provitamin A, eine Vitamin A-Vorstufe, die Tausenden von Menschen in Ländern, in denen Mangelernährung herrscht, das Leben retten und sie vor Erblindung schützen könnte. Das Verbreiten von transgenen Pflanzen ist jedoch sehr umstritten. Die Gegnerschaft ist enorm, doch viele Argumente scheinen emotionaler Art zu sein. Weil wir nicht von Hunger betroffen seien, sprächen sich viele Menschen nach wie vor gegen die biotechnologische Forschung an Pflanzen aus, vor allem Menschen aus der Schweiz. Prof. Ingo Potrykus erklärt, wie beispielsweise Greenpeace zu einem grossen Lobbyisten der Firma Monsanto geworden ist und beleuchtet das Thema „biotechnologische Pflanzenforschung“ von einer uns wohl eher unbekannten Seite. Resultate einer im Mai 2009 zu diesem Thema organisierten Studienwoche an der päpstlichen Akademie für Wissenschaften im Vatikan sollten zum Nachdenken Anlass geben.

Christian Dueblin: Professor Potrykus, Sie sind Deutscher und gehören zu den sehr erfolgreichen und bekannten Forschern, die aus dem Ausland in die Schweiz gekommen sind, wo Sie seit 33 Jahren leben und arbeiten. Womit assoziieren Sie die Schweiz, wenn Sie an die Forschung in unserem Land denken?

Prof. Dr. Ingo Potrykus: Die Schweiz hält in der Forschung einen Spitzenplatz. Das liegt zum Teil wohl auch daran, dass es sich die Schweiz noch leisten kann, hervorragende Forscher aus dem Ausland anzuwerben. In diesem Zusammenhang ist die ETHZ meines Erachtens eine Musteruniversität. Sie betreibt diese Art der Rekrutierung sehr erfolgreich. Auch in Deutschland hat man versucht, Eliteuniversitäten durch kurzfristige Finanzspritzen zu kreieren. Kurzfristige Investitionen sind wohl nicht der richtige Weg. Das Konzept der ETHZ hat gezeigt, dass langfristige, grosszügige Finanzierung einer unabhängigen Forschung eine Eliteuniversität hervorbringen kann.

Ich bin oft gefragt worden, ob ich meine Forschungsresultate, insbesondere diejenigen, die sich auf die Erfindung des Goldenen Reises beziehen, auch an anderen Universitäten hätte erzielen können. Meine Antwort war stets, dass die Entwicklung des Goldenen Reises nur an einer Universität wie der ETHZ oder einer Einrichtung wie der eines Max Planck-Instituts in Deutschland möglich war. Diese Art der Forschung braucht langfristige Unterstützung. Der Druck, ständig publizieren und ständig neue Anträge stellen zu müssen, wirkt sich auf Forschung mit einer langfristigen Perspektive sehr negativ aus. An der ETHZ fand ich für meine Forschungsarbeiten die optimalen Voraussetzungen.

Vor der ETHZ waren Sie am Friedrich Miescher-Institut in Basel, wo Sie ebenfalls lange Jahre sehr erfolgreich geforscht haben. Was war damals der Grund, von einer guten Stellung am Max Planck-Institut in Deutschland kommend, an dieses Institut in Basel zu wechseln?

Es waren dieselben Voraussetzungen, die mich später auch an die ETHZ gezogen haben. Das Angebot des Institutes in der Rosental-Anlage in Basel, also auf dem Gelände der Ciba-Geigy, war so umwerfend, dass ich es selbst als Forschungsgruppenleiter am Max Planck-Institut nicht ablehnen konnte. Das Friedrich Miescher-Institut ist eine Stiftung zur Grundlagenforschung und arbeitet mit unabhängigen finanziellen Mitteln. Sein Name verdankt es dem Basler Forscher Friedrich Miescher, der die Nukleinsäuren entdeckt hat, also die chemische Grundlage der ganzen Vererbung. Es ist nicht Teil einer Universität, sondern funktioniert weitgehend autonom. Das Friedrich Miescher-Institut betrieb ursprünglich ausschliesslich biomedizinische Forschung. Erst Mitte der Siebzigerjahre kam die Pflanzenbiotechnologie dazu. Die Gründung des Instituts sowie des Hoffmann-LaRoche-Instituts für Immunologie Anfang der Siebzigerjahre darf als eine Sternstunde für die Basler Forschung betrachtet werden. Ich war vom Max Planck-Institut her schon einen sehr hohen Standard gewöhnt. Mit der Etablierung der Pflanzenbiotechnologie in diesem Institut fand diese neue Technologie ihren Einzug in der Schweiz. Lange Zeit waren Basel und das Institut auch das Zentrum der Entwicklung auf diesem Gebiet.

Ich gehe davon aus, dass viele Menschen noch ungefähr wissen, was der Mönch Mendel damals an Bohnen erforschte. Dieses Thema gehörte zumindest zu unserer Grundausbildung an der Schule. Seit Mendel hat sich aber einiges getan, von dem die meisten Menschen schlicht keine Ahnung haben. Könnten Sie uns kurz einen Abriss über die Geschichte der Pflanzengentechnologie vermitteln?

Mendel war so wichtig, weil er die Gesetze der Vererbung entdeckt hat. Er schaffte das mit Hilfe einfacher Beobachtung und mit Mathematik. Er stellte fest, dass Merkmale von Lebewesen sich von den Eltern auf die Kinder vererben. Es war ihm klar, dass diese Merkmale irgendeine stoffliche Grundlage haben mussten. Mendel hatte natürlich keine Chance herauszufinden, was das genau war. Er konnte aber immerhin die Vererbungsgesetzmässigkeiten mathematisch ordnen und beschreiben. Der Mensch war auch schon immer interessiert, die Nutzpflanzen zu verbessern. Die im Verlauf der Evolution entstandenen Pflanzen bieten keine ausreichende Grundlage für unsere Ernährung. Müssten wir uns von ihnen ernähren, könnten in der Schweiz nur etwa 10'000 Menschen überleben. Weltweit wären es ein paar Millionen, für welche diese Pflanzen ausreichend Nahrung spenden würden. Schon sehr früh fing man deshalb an, Pflanzen zu züchten, in der Hoffnung, ertragreichere Pflanzen hervorzubringen.

Wie muss man sich diese Kreuzungsvorgänge schon vor Hunderten von Jahren denn vorstellen? Ist das schon Gentechnologie?

Leider gibt es in dieser Frage viele Missverständnisse. Jede Art von dauerhafter Veränderung eines Merkmales einer Pflanze stellt einen Eingriff in die genetische Integrität einer Pflanze dar, ganz gleich, wann sie vorgenommen wurde. Schon die Ägypter haben gewisse Pflanzen mit einem bevorzugten Merkmal ausgewählt und diese dann mit einer anderen Pflanze, mit einem anderen herausragenden Merkmal gekreuzt. Dazu nimmt man Pollen von der einen und bestäubt die Narbe der anderen Pflanze. Das macht die Natur im Übrigen schon seit es Pflanzen gibt, sogar über die Artgrenzen hinaus. Unser Weizen beispielsweise beruht auf einer Vermischung von drei nicht verwandten Gräsern, die eigentlich gar keine Nachkommen hätten haben dürfen, weil sie nicht miteinander verwandt sind: nach heutiger Sichtweise ein unglaublich „riskantes“ genetisches Experiment. Grundsätzlich unterscheidet sich der Eingriff der alten Ägypter, wenn wir bei diesem Beispiel bleiben wollen, nicht von dem, was wir heute gentechnisch tun. Es handelt sich immer um zufallsgemässe Veränderung des „Genoms“, also der Gesamtheit der genetischen Information. Im Gegensatz zur „klassischen“ Züchtung wissen wir jedoch sehr genau, was wir verändern; wir können die Eingriffe genau beschreiben und wissen, was passiert. Hat man während Jahrtausenden Pflanzenzüchtung nach Intuition und nach Zufall betrieben, kann diese heute viel präziser und kontrolliert durchgeführt werden.

Verstehe ich das richtig, wenn man es präziser machen kann, wie beispielsweise beim Goldenen Reis, auf den wir noch zu sprechen kommen und bei dem Sie erfolgreich zwei Gene eingebaut haben, bringt das verglichen mit den alten Methoden eine enorme Verminderung der Risiken mit sich?

Das ist eine der zentralen Aussagen, die rund 40 internationale Experten, darunter nicht nur bekannte Naturwissenschafter, sondern auch Theologen, Ethiker, Soziologen und Philosophen, an der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften während einer Studienwoche im Mai 2009 gemacht haben. Was wir heute mit gentechnologischen Eingriffen machen, ist weit weniger gefährlich, als das, was man vorher mit konventioneller Züchtung probiert hat.

Nun gibt es Menschen, die behaupten, dass es aufgrund von genetisch veränderten Pflanzen zu schweren Schäden in der Natur gekommen sei oder kommen könne. Was mich etwas stutzig macht, ist die Tatsache, dass ich als intensiver Zeitungsleser, aber auch während der Vorbereitungen auf dieses Gespräch, von keinem Fall gehört habe, bei dem eine Kreuzung oder eine anderweitig genetisch manipulierte Pflanze, zu Problemen geführt hätte.

Das ist ein sehr interessanter und sehr zentraler Punkt in Bezug auf die Auseinandersetzung mit der Materie. Es wird seit 25 Jahren behauptet, man dürfe die Pflanzengentechnologie nicht erlauben, weil sie viel zu gefährlich sei. Die Wahrheit ist jedoch, dass die Pflanzengentechnologie den höchsten Sicherheitsnachweis von allen Technologien überhaupt auf der Welt erbracht hat. Es gibt keine andere Technologie, die wie die Pflanzengentechnologie, nie im Verlauf von 25 Jahren, zu irgendeinem Schaden geführt hat, weder für die Umwelt noch für den Menschen. Alle gegenteiligen Behauptungen entbehren jeden wissenschaftlichen Nachweises. Diese Aussage ist ebenfalls Ergebnis der Studienwoche an der Akademie im Vatikan. Es wurde dort von Fachspezialisten aus der ganzen Welt bestätigt, dass es im Zusammenhang mit der pflanzlichen Gentechnik, trotz weltweiter Verbreitung, nie zu einem Schaden gekommen ist. Es ist völlig unverständlich, dass Gentechnik-Gegner das seit 25 Jahren weiterhin sehr erfolgreich behaupten.

Sehen Sie selber denn überhaupt ein Risiko beim Eingriff ins Genom einer Pflanze?

Das Entscheidende ist, dass es kein Risiko gibt, das höher wäre, als jedes Risiko, das wir bisher im Bereich der Pflanzenzüchtung akzeptiert und auf uns genommen haben. Es gibt kein biologisches System ohne Risiko. Das Entscheidende ist aber, dass die Gentechnologie nicht zu einem höheren, sondern zu einem geringeren Risiko führt, wenn man sie mit der eben besprochenen „traditionellen“ Technik vergleicht. Das ist sehr einfach zu begründen, wenn man sich objektiv mit der Pflanzentechnologie auseinandersetzt. Ich möchte Ihnen in diesem Zusammengang ein schönes Beispiel aufzeigen: Ich habe damals am Max Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln meine Doktorarbeit über Züchtungsforschung gemacht. Zu dieser Zeit hatten die Weizenzüchter den dringenden Wunsch, ertragreichere Weizensorten zu züchten. Man suchte vorerst nach spontanen Mutationen. Mutationen sind per definitionem unvorhersehbare und unkontrollierte Veränderungen des Genoms. Da dies nicht ausreichte, musste die Mutationsrate erhöht werden. Man kannte Chemikalien, die mutagen und deswegen auch gefährlich sind. Damit hat man in der Folge Weizen behandelt. Das passierte damals völlig unkontrolliert. Aber auch die damit erzielten Mutationen reichten nicht, und man nahm als radikalstes Mutagen eine Kobalt-Bombe zu Hilfe. Diese Bombe wurde in die Mitte eines kreisrunden Feldes gesetzt und bestrahlte die sie umgebenden Pflanzen mit extrem harten Gammastrahlen, was dazu führte, dass das Genom der Weizenpflanzen in kleinste Trümmer zerhackt wurde. Aus dem diesen Versuch überlebenden Material sammelte man in der Folge die Mutationen für die weiterführende Züchtung. Die berühmtesten italienischen Pasta-Weizen, die wir hier und heute täglich konsumieren, beruhen auf dieser Art von Züchtung! Das ganze Erbgut der Pflanzen wurde mit dieser brachialen Methode in Bruchstücke zerschlagen. Man hat diese Vorgänge nie kontrolliert oder überprüft. Wir essen diesen Weizen aber täglich. Er wird auch nicht als „genmanipuliert“ gekennzeichnet! Diese Art Mutationen herbeizuführen, hier gehe ich mit den Gegnern von Pflanzengentechnologie einig, war und ist gefährlich! Die heutige kontrollierte Gentechnik aber macht die Veränderungen des Genoms vorhersehbar und kontrollierbar.

Sie haben mit solch präzisen Methoden den Goldenen Reis entwickelt. Können Sie uns kurz aufzeigen, um was es dabei geht?

Wir hatten damals den Wunsch, im Reis Provitamin A zu erzeugen. Vitamin A-Mangel führt in Gebieten, in denen Menschen Hunger leiden und sich keine ausgeglichene Ernährung leisten können, zur Erblindung, vor allem von Kindern. Man versucht dem Vitamin A-Mangel durch Verabreichung von Vitamin A-Kapseln entgegenzuwirken. Dies erreicht viele der Bedürftigen nicht. Um die Provitamin A-Produktion im Reis ankurbeln zu können, mussten wir wissen, wie der Stoffwechselweg, also die entsprechende Biochemie im Reis aussieht. Ausserdem mussten wir herausfinden, welche Gene diese biochemischen Vorgänge steuern. Mit diesem Wissen konnten wir schliesslich ganz kontrolliert die fehlenden Gene in den Reis einführen und zwar so, dass sie nur im Reiskorn aktiv sind. Das waren sehr präzise und kontrollierte Eingriffe, also nicht zu vergleichen mit einer traditionellen Kreuzung. Hätte man damals beim Kobalt-Bomben-Experiment Reis statt Weizen genommen und hätte ein Vitamin A-Reis resultiert, so würde der sofort genutzt und würde Tausende von Menschen vor dem Hungertod und der Erblindung retten. Die Reiszüchter haben weltweit nach einem solchen Reis gesucht und nicht gefunden. Unser Vitamin A-Reis – der sogenannte Golden Rice - war ein grosser Erfolg der Pflanzenbiotechnologie und wäre ein Segen für viele Menschen, die Vitamin A brauchen. Aber er ist halt ein GMO (Anm.d.R.: Genmanipulierter Organismus) und damit etwas ganz Unerwünschtes.

Sie haben bei der Entwicklung des Reises 70 patentierte Technologien verwendet, liest man in Beiträgen zur Geschichte des Goldenen Reises. Die Privatwirtschaft unterstützte aufgrund Ihres langjährigen humanitären Engagements mit diesem Reis die Idee, dass niemand Geld daran verdienen soll und verzichtete unter dieser Voraussetzung auf die Geltendmachung von Lizenzgebühren. Können Sie uns kurz aufzeigen, was passiert ist und warum die Industrie auf satte Gewinne verzichtet, die zu realisieren möglich gewesen wären und möglich sind?

Technologie generell, nicht nur die Technologie der Gentechnologie mit Pflanzen, ist patentiert. Wenn Sie irgendwo ein Stückchen DNA rausschneiden, dann verletzten Sie mit ziemlicher Sicherheit irgendwo ein Patent, das jemandem gehört. Auch wenn Sie irgendwo ein Steuerungssignal anhängen, müssen Sie wissen, dass dieser Vorgang patentiert ist. Jeder einzelne Schritt ist patentiert. Das ist mir im Grunde genommen unsympathisch, nur kann ich das nicht ändern. Es ist aber, wenn wir unsere Welt genau betrachten und ehrlich sind, nichts Neues. Jeder wesentliche und bedeutende technische Vorgang in der Industrie ist patentiert oder war patentiert. Jede Kaffeemaschine und jedes Ventil beruht auf einem Patent und somit auf einer Erfindung, die jemand gemacht hat. Kommen wir nun zurück zum Goldenen Reis: Erfreulicherweise waren nur 12 der 70 Patente wichtig, da sich, mit Hilfe der Patentanwälte der Firma Syngenta, herausstellte, dass die übrigen Patente keine Gültigkeit für Entwicklungsländer hatten. 6 davon gehörten Syngenta selber. Die anderen sechs Lizenzen wurden und werden von anderen Firmen gehalten. Es war nicht sehr schwer für diese 12 Patente freie Lizenzen für eine humanitäre Nutzung zu bekommen. Der Golden Rice darf nicht kommerziell genutzt werden. Das ist eine Grundbedingung, die wir vertraglich festgehalten haben. Er darf nur humanitär eingesetzt werden; d.h. er wird kostenlos an die Bauern abgegeben. Darauf haben wir immer hingewirkt.

Es scheint hier rund um den Golden Rice einige Missverständnisse zu geben, die geklärt werden müssen. Unlängst meinte beispielsweise Frau Renate Künast, die ehemalige Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft in Deutschland, dieser Reis sei teurer, weil man das passende Herbizid dazu brauche und weil die Menschen kein Nachbaurecht haben. Sie musste diese Aussagen aufgrund von Protesten im Bundestag revidieren. Was hat es mit diesen Aussagen einer doch in Bezug auf Pflanzentechnologie wichtigen Persönlichkeit auf sich?

Diese Aussagen von Frau Renate Künast haben für Aufsehen gesorgt, weil alle 3 Grundaussagen falsch waren und weil die Ministerin damit falsche Signale ausgesendet hat, die sich verheerend auswirken. Richtig ist, dass der Golden Rice nur unter einem „humanitären Vertrag“ genutzt werden darf. Eine der Grundbedingungen des Vertrags besagt, dass der Reis nicht teuerer verkauft werden darf als normaler Reis, der heute auch gekauft wird. Der Reis braucht zudem keine speziellen Herbizide. Er wird angebaut wie jeder andere konventionelle Reis. Das nicht erlaubte Nachbaurecht, das Frau Künast nannte, stört mich im besonderen Masse, da jeder Bauer das Recht hat, einen Teil der Ernte für die nächste Saat wieder auszusäen. Sind solche Aussagen aber einmal gemacht, braucht es jahrelange Aufklärungsarbeit, um die Meinung in den Köpfen der Menschen zu ändern, wenn sie sich überhaupt noch ändern lässt.

Prof. Dr. Ingo Potrykus auf der Titelseite des Time-Magazins im Juli 2000. (c) Time-Magazin Die Entwicklung des Golden Rice gilt unter Fachspezialisten als nobelpreiswürdig. Sie waren auch auf der Titelseite des Time-Magazines. Es ist weitgehend unbestritten, dass sich der Reis positiv auf viele Menschen, die an Vitamin A Mangel leiden, auswirken würde. Die Stimmung gegenüber der Pflanzentechnologie, wir kommen noch darauf zu sprechen, ist jedoch auch heute noch sehr schlecht und enorm emotional aufgeheizt. Wie lässt sich das Ihrer Meinung nach erklären?

Ein Preis für eine so unpopuläre Technologie hat natürlich keine Chance. Die Regierungen in den Ländern, die von Hunger und Vitamin A-Mangel betroffen sind, sind jedoch begeistert von dem Reis und unterstützen das Unterfangen. Das Hauptproblem besteht nun darin, dass der Reis, weil er ein GMO ist, alle Prüfverfahren durchlaufen muss, die für den Umgang mit transgenen Pflanzen existieren. Und das dauert 10 Jahre! Wir haben zwischenzeitlich in Entwicklungsländern, in Zusammenarbeit mit den Regierungen und mit Züchtungsinstitutionen, lokale Sorten entwickelt, die für die jeweiligen Gebiete gut geeignet sind. Wir haben auch Reissorten, die bereits so viel Provitamin A zur Verfügung stellen, dass der Bedarf an diesem Vitamin schon mit einer Schale Reis gedeckt ist. Diese Sorten werden kostenlos zur Verfügung gestellt und wir werden in diesen Ländern sehr unterstützt. Die Verantwortlichen erkennen, dass dies eine Möglichkeit ist, ein ernstzunehmendes Gesundheitsproblem in ihrem Land in den Griff zu bekommen.

Regulatorien sind in vielen Branchen der Wirtschaft sehr willkommen und sie werden nicht selten durch „Lobbying“ provoziert. Sie bringen für manche Industrie Vorteile, weil andere diese Regulatorien nicht erfüllen können. Wie steht es diesbezüglich im Agrarsektor und bei transgenen Pflanzen?

(Lacht) Das ist ein reizender Einstieg in das Thema! Wissen Sie, warum wir vermutlich diese strengen Regeln haben? Es war der Wunsch von Monsanto bereits anfangs der Achtzigerjahre und Monsanto hat entsprechende Lobbyarbeit verrichtet. Das Resultat waren schliesslich und tatsächlich weltweit sehr hohe Hürden für die Freisetzung von transgenen Pflanzen. Die Folge davon war, dass Hunderte von kleinen Konkurrenzfirmen bankrott gingen und/oder von Monsanto aufgekauft werden konnten. Diese kleineren Firmen konnten das Einhalten dieser sehr teuren und zeitaufwändigen Regeln und Gesetze nicht mehr finanzieren. Möglicherweise war das auch das Ziel von Monsanto und dieser Vorgehensweise. Das Groteske daran ist aber, dass insbesondere Greenpeace und die Gentechnikgegner diese Politik nach Kräften unterstützten.

Das wäre eine interessante „Unheilige Allianz“! Könnten Sie diese kurz beschreiben?

Greenpeace hat sich schon sehr früh gegen die Pflanzengentechnologie stark gemacht. Viele NOG’s machten und machen das auch und verfügen über ungeheure finanzielle Mittel. Das Verhalten dieser NGO’s kam Monsanto natürlich sehr entgegen. Mit der „Unterstützung“ dieser Organisationen kam es sehr schnell zu stringenten Regelungen, ganz im Interesse von Monsanto, die heute befolgt werden müssen. Man könnte also sagen, dass diese NGO’s die besten Lobbyisten für Monsanto waren und mit schuld daran sind, dass heute ein de facto-Monopol für kapitalstarke Firmen für die Nutzung der Technologie besteht. Gerne möchte ich noch anfügen, dass der Gründer von Greenpeace ein Befürworter des Golden Rice ist und sich öffentlich für unser Projekt ausgesprochen hat. Greenpeace und andere Organisationen können ihre Meinung jedoch kaum ändern, denn es stehen grosse finanzielle Interessen auf dem Spiel. Viele Menschen und Regierungen spenden Geld, weil Sie wollen, dass man die Pflanzengentechnologie bekämpft. Greenpeace, um bei diesem Beispiel zu bleiben, würde also bei einer Änderung der Gentechnikpolitik wichtige Spendengelder verlieren. Im Buch von John Entine mit dem Titel „Let Them Eat Precaution“ (Anm. d. R.: Let Them Eat Precaution – How Politics Is Undermining The Genetic Revolution In Agricultre, The AEI Press, Washington, D.C., 2006) meint Jay Byrne, der die finanziellen Mittel der Gegnerschaft der Biotechnologie berechnet, dass jährlich rund 1 Milliarde Franken zur Bekämpfung der Biotechnologie aufgewendet würde.

Im Frühling dieses Jahres haben Sie für die Päpstliche Akademie der Wissenschaften eine Studienwoche zur Pflanzentechnologie organisiert, an der Schwergewichte aus der Forschung aus der ganzen Welt dabei waren, unter anderem auch der Schweizer Nobelpreisträger Prof. Dr. Werner Arber, um nur eine bekannte Persönlichkeit zu nennen. Diese Studienwoche fand im Vatikan statt. Hat die Kirche heute weniger Probleme mit der Gentechnologie als die Gesellschaft als Ganzes? Immerhin meint der Papst einleitend zu einem mir von Ihnen vorgelegten Text, dass der Mensch technische Entwicklungen machen solle, die zum Wohle der Menschheit beitragen.

Nein, ganz so ist das leider nicht. Die evangelische Kirche ist, meiner Erfahrung nach, eine der intensivsten Gegnerinnen der Pflanzengentechnologie. Auch aus der katholischen Kirche gibt es Widerstand. Der Papst hat, wie Sie sagen, eine sehr offene Haltung gegenüber den Technologien eingenommen. Er sagt, dass Gott den Menschen die Fähigkeit gegeben habe, technische Entwicklungen voranzutreiben, und dass er diese Fähigkeit deshalb auch nutzen solle. Er meint aber nicht nur zum Nutzen der Reichen, sondern vor allem zum Nutzen der Armen und Minderprivilegierten auf der Welt. Seine Forderung ist es, dass die Vorteile von Technologie und Forschung sozial gerecht verteilt werden müssen.

Haben die Befürworter der Pflanzengentechnologie zu wenig Aufklärungsarbeit geleistet? Immerhin, vergleicht man die Pflanzengentechnologie mit der medizinischen Gentechnologie, sind wir in Bezug auf letztere so weit, dass wir öffentlich über genetische Eingriffe bei kranken Menschen diskutieren, ohne dass man persönlich angegriffen wird.

Golden Rice and other biofortified food crops for developing countries - challenges and potential, Publikation der Royal Swedish Academy of Agricultural Sciences, Nummer 7, 2008, Jahrgang 147 (ISBN 978-91-85205-82-0) Das Argument eines Mangels an der Aufklärungsarbeit ist eine Denkmöglichkeit, die meiner Ansicht nach aber nicht den Tatsachen entspricht. Schweizer Forscher haben sich sehr engagiert und haben viel aufgeklärt. Im Zusammenhang mit der Gentechnik-Initiative sind sogar Studenten und Professoren auf die Strasse gegangen. Ich habe aberhundert Stunden aufgewendet, um Aufklärung zu leisten, sogar zusammen mit meinen Studentinnen und Studenten. Tatsächlich sind wir auf der medizinischen Seite der Genforschung viel weiter als bei der Pflanzentechnologie. Der Grund hierfür ist jedoch, wie schon erwähnt, dass jeder Schweizer sich sagt, dass er diese Forschung einmal selber benötigen könnte. Der Schweizer weiss aber, dass er an Hunger nicht sterben wird. Das macht den grossen Unterschied in der Einstellung gegenüber diesen technologisch so verwandten Gebieten aus. Leider hat diese Einstellung auch dramatische Folgen für Entwicklungsländer, die nicht in einer vergleichbar komfortablen Position in Bezug auf Ernährung sind. Es entsteht hier eine Form von „Neokolonialismus“. Wir entscheiden in der westlichen Welt über Dinge, die weit weg sind und uns persönlich nur am Rande tangieren.

Es verhält sich übrigens bei der Malaria-Forschung ganz ähnlich. Die Unterstützung der Forschung auf diesem Gebiet ist zwar in den letzten Jahren gewachsen, besonders auch wegen der sozialen Initiative von Novartis. Im Vergleich zur Forschung in Bezug auf andere Krankheiten, die uns in der westlichen Welt heimsuchen, fristet die Malaria-Forschung aber ein Mauerblümchendasein.

Monsanto, um diese Firma noch einmal zu erwähnen, würde ihre Produkte gerne so vermarkten, wie das beispielsweise Microsoft tut. Es geht darum, mit einem Produkt Abhängigkeiten zu schaffen, so dass man beispielsweise mit einem bestimmten Saatgut auch speziellen Dünger oder spezielle Herbizide kaufen muss. Viele Menschen stört dieser Gedanke. Was sagen Sie zu diesen Methoden?

Das ist natürlich ein sehr geschickter Schachzug von Monsanto. Es gibt wohl kaum eine andere Firma in Europa, die so wenige Sympathien geniesst. Nun muss man aber klar erkennen, egal ob einem Monsanto sympathisch ist oder nicht, dass diese Firma nichts anderes tut, als alle anderen Firmen auf der Welt auch. Das ist eine ähnliche Situation wie bei der Frage der Patente. Sie haben als Beispiel Microsoft genannt. Auch diese Firma will ihre Produkte verkaufen und Geld verdienen. Dann muss ich mich aber fragen, wo der Protest gegen Microsoft und viele andere Unternehmen bleibt. Das Unternehmen Microsoft gedeiht prächtig und Hunderte von Millionen Menschen kaufen seine Produkte, ohne diese Handlung mit Emotionen zu verbinden. Ich möchte aber anders antworten: An der Studienwoche im Vatikan war kein Vertreter einer Privatwirtschaft anwesend. Es gab keine finanziellen Verbindung oder Interessen, die verkoppelt wären mit der Privatwirtschaft. Diese Befürchtungen werden von den Anwesenden der Woche im Vatikan nicht geteilt und neutralisiert.

Das wird aber von gewissen Stellen bestritten. Ich nenne Ihnen die Site „www.spinwatch.org“. Gemäss Angaben dieser Site war ein Herr Eric Sachs, Angestellter von Monsanto, an der „Study Week“ dabei. Seine Anwesenheit wird Ihnen von dieser Seite vorgeworfen, weil er ein Angestellter von Monsanto sei.

Eric Sachs war kein Teilnehmer dieser Studienwoche.

Das ist erstaunlich! Wie sieht es aus mit Robert Paarlberg? Er sei ein Advisor des Monsanto CEOs liest man auf der Site.

(Lacht) Robert Paarlberg ist Universitätsprofessor. Wenn er möglicherweise Advisor für den CEO von Monsanto ist, dann müsste man alle Wissenschafter, die Firmenchefs beraten, genauso behandeln. Ist ein Wissenschafter nur deshalb unglaubwürdig, weil er einen Firmenchef berät? Das wäre grotesk! Einer der Unterzeichner des Manifests der Studienwoche ist Kardinal Cottier. Ein anderer war ein Bischof aus Kamerun. Werner Arber, der Schweizer Nobelpreisträger, war ebenfalls an dieser Studienwoche dabei. Nach meiner Kenntnis hatte keiner der Teilnehmer irgendeine finanzielle Abhängigkeit von irgendeiner Biotechnologieindustrie – mit einer Ausnahme: Professor Richard Flavell, ein Mitarbeiter einer Biotech-Firma. Das ganze ist für mich widerliche üble Nachrede, oder besser, Verleumdung!

Kürzlich meinte Nationalrätin Dr. Kathrin Amacker-Amann im Interview mit Xectuives.net, dass die Pflanzentechnologie-Forschung in der Schweiz gefährdet sei, u.a. auch darum, weil ihres Wissens keine Schweizerinnen und Schweizer mehr bereit seien, auf diesem Gebiet zu forschen. Ihr seien keine Schweizerinnen und Schweizer bekannt, die auf diesem Gebiet eine Dissertation schreiben würden. Können Sie dazu etwas sagen?

Noch vor 10 Jahren war die Schweiz auf dem Gebiet der Pflanzengentechnologie in einer Spitzenposition. Heute hat sie keine grosse Bedeutung mehr, was ich sehr bedaure. Es gibt einfach kein Geld mehr für diese Art der Forschung. Als Professor an der ETHZ hatte ich einen Studiengang in Agrarbiotechnologie aufgebaut, mit rund 25 bis 35 Studentinnen und Studenten pro Jahr. Dieser Studiengang existiert heute nicht mehr, weil sich schlicht keine Studenten mehr dafür interessieren. Auch ich bin der Meinung, dass heute auf diesem Gebiet keine Dissertationen von Schweizern verfasst werden. Das ist auch verständlich. Welcher Student möchte schon in einem Gebiet arbeiten, das so von der Öffentlichkeit abgelehnt wird und für das es keine Berufsaussichten im Land gibt.

Die Schweiz hat sich in den letzten Jahren viel verbaut. Ich hatte bereits zu meiner Zeit als aktiver Professor an der ETHZ viele Studenten aus dem Ausland. Die Studenten aus der Schweiz waren abgeschreckt. Die Doktoranden kamen vor allem aus China und Indien. Im Gegensatz zur Schweiz erachtet die chinesische Regierung diese Technologie als sehr wichtig und sogar als strategisch entscheidend für die Zukunft. Sie hat soeben 3,5 Milliarden Dollar für die nächsten 5 Jahre für die Pflanzengentechnologie-Forschung gesprochen.

In 10 Jahren werden wir wohl unseren Fehler erkennen müssen, und dann werden die Schweizer Universitäten, um überhaupt nur den Anschluss an die Forschung wieder zu finden, Professoren aus China und Indien anwerben müssen. Ich bedaure diese Entwicklung ganz ausserordentlich, denn die Schweiz hätte in Bezug auf die Pflanzengentechnologie einiges beitragen und bewegen können und die Zeit, die wir verloren haben, kann man nicht mehr zurückholen.

Sehr geehrter Herr Professor Potrykus, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch, wünsche Ihnen weiterhin alles Gute und dem Goldenen Reis-Projekt den gewünschten Erfolg!


 

(C) 2009 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

______________________________
Links
- Prof. Dr. Ingo Potrykus auf Wikipeda
- Homepage Golden Rice
- News in the field of agricultural biotechnology, GMObelus


Wollen Sie das nächste Interview nicht verpassen?
Newsletter abonnieren

 

 

Eddie Murphy...

Richard Clayderman...

Richard Clayderman...

Charlie Chaplin...

Jon Lord...

Procure.ch

btools.ch

MAW Interim Management

Czwalina Consulting

Dennis Hopper...

Chi Coltrane...

Erich von Däniken...

Echoes of Swing

Dennis Hopper...