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Spezialinterview Entrepreneurship: Dr. iur. B. Speiser

Béatrice Speiser (c) Béatrice SpeiserDr. iur. Béatrice Speiser, 1963, wuchs als Auslandsschweizerin in Brüssel auf und siedelte zwecks Studium in die Schweiz. Die promovierte HSG-Absolventin war Verwaltungsrätin der Bank Julius Bär und ist u.a. Verwaltungsrätin der Migros Basel und Komiteemitglied der UNICEF Schweiz. Im Jahr 2004 initiierte Dr. Béatrice Speiser Crescenda, ein Gründungszentrum für Migrantinnen in Basel. Crescenda hilft Migrantinnen in der Schweiz, eigene Unternehmen zu gründen, betreibt ein Bistrot an zentraler Lage in Basel und vermietet Räumlichkeiten für Anlässe, ein Vorhaben, das sich zeigen kann: In den letzten Jahren kam es durch Unterstützung von Crescenda zu rund 40 Firmengründungen durch Migrantinnen. Crescenda wurde im Jahr 2007, drei Jahre nach der Gründung, mit dem Schweizer Integrationspreis ausgezeichnet. Im Interview mit Christian Dueblin spricht Dr. Béatrice Speiser über ihren beruflichen Werdegang, ihre Sicht von Migration und Integration und zeigt auf, wie sich die Schweiz in Bezug auf Migranten verhalten könnte, um wirtschaftlich zu profitieren – eine interessante „win-win-Idee“, welche die geburtenarme Schweiz und ihre Wirtschaft in den nächsten Jahren noch beschäftigen dürfte.

Christian Dueblin: Sehr geehrte Frau Dr. Speiser, Sie sind promovierte Juristin, sind als selbständige Anwältin und Richterin tätig, waren an der Wharton Business School, waren Verwaltungsrätin der Bank Julius Bär, beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Management, Menschenrechten und Fragen der Integration und sind auf ganz besondere Art und Weise, auf die wir zu sprechen kommen, gemeinnützig tätig. Wer ist Béatrice Speiser ganz persönlich und was treibt sie im Leben an?

(Lacht) Es gibt sicherlich einen roten Faden…. Ganz grundsätzlich versuche ich das zu tun, was mich bewegt und interessiert. Mein Interessenspektrum ist recht gross - und möglicherweise bin ich auch eine Querdenkerin. Als Juristin versuche ich, Zusammenhänge zu erkennen. Mir sind Menschen und ihre Beweggründe sehr wichtig. Ich baue sehr gerne Neues auf, probiere gerne neue Wege aus und bin neuen Ideen gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen. Sehr wichtig ist mir, Menschen miteinander zu verbinden.

Ich wollte Jura studieren, weil ich beabsichtigte, Jugendanwältin zu werden. Das Thema Wirtschaft hat mich schon immer interessiert und da war es naheliegend, beides in St. Gallen an der HSG zu studieren. Das juristische Denken fasziniert mich auch heute noch sehr.

Sie haben in den letzten Jahren sehr viel Gemeinnütziges geleistet. Was treibt Sie dabei an?


Für Fragen der Integration und der Ausländer sowie der Menschenrechte interessiere ich mich, weil ich selber im Ausland aufgewachsen. Wir lebten in Brüssel, wo sehr viele Ausländer wohnten und wohnen. Ich bin auch der Meinung, dass Social Responsibility wichtig ist und setze mich dort ein, wo ich erkenne, dass man etwas Nachhaltiges tun kann. Darum habe ich auch Crescenda gegründet, das erste Migrationszentrum für Frauen in der Schweiz. Basel ist zudem eine Stadt, die immer von Gönnern, Stiftern und Mäzen beschenkt worden ist. Das „Stiften“ hat hier eine jahrhundertelange Tradition und offensichtlich hat Basel im Verlaufe der Zeit gelernt, dass sich das „Stiften“ für alle positiv auswirkt, auch für die Stifter selber. Vorhaben wie Crescenda sind nur möglich, wenn sich Menschen in Form von Arbeit oder finanziell engagieren.

Ich denke, wenn das Leben es mit einem gut meint, ist es selbstverständlich etwas zurückgeben zu wollen.

Sie gehören zu den wenigen Frauen, die in der Wirtschaft Spitzenpositionen inne hatten und haben und waren an der Wharton Business School, einer bekannten Kaderschmiede. Was hat Ihnen Wharton für Ihr Leben mitgeben können und wo hilft Ihnen Ihr Managementwissen im Umgang mit Migrantinnen?

Die Wharton Business School war für mich auch eine Vorbereitung für mein Amt als Verwaltungsrätin der Bank Julius Bär. Die Zeit an der Business School war sehr spannend und sehr intensiv. Ich zehre heute noch von vielen Erfahrungen, die ich damals gemacht habe. Ich denke dabei insbesondere an den kulturellen Austausch mit anderen Menschen aus der ganzen Welt. Die Professoren waren grossartig und der Mix aus Soft- und Hard-Factors hat mich sehr beeindruckt. Mein Aufenthalt in Wharton war sicher etwas speziell, da nur wenige Monate vorher der 9/11-Terroranschlag in New York geschah.

Ich bedaure, dass nur wenige Frauen ganz an die Spitze von Unternehmen kommen und Führungspositionen nachgehen. Ich denke, man sollte Frauen mehr fördern und motivieren, in Geschäftsleitungen und Verwaltungsratsgremien zu kommen. Es tut jedem Gremium gut, wenn eine gute Mischung zwischen Frauen und Männern vorhanden ist. Frauen schauen Probleme und Herausforderungen oft anders an, als das Männer tun. Sie kommunizieren auch anders und gehen anders mit Menschen um.

Sie haben im Jahr 2004 Crescenda gegründet und helfen mit der Institution in Basel Migrantinnen, sich selbständig zu machen und Unternehmen zu gründen. Wie kam es zu dieser Idee und zur Umsetzung des Projektes?

Bistro Crescenda (c) Béatrice Speiser

Bistrot Crescenda in Basel (c) Béatrice Speiser


Die Idee kam nicht einfach so. Sie hat sich im Verlaufe der Zeit in meinem Kopf entwickelt und irgendwann kam der Zeitpunkt, wo ich sie umsetzen wollte. Ich war im Auftrag von gemeinnützigen Organisationen einige Male in Indien und San Domingo und habe dort Entwicklungshilfeprojekte besucht. Mich hat speziell die Rolle der Frauen in Indien interessiert und ich setzte mich intensiv mit dem Thema Mikrokredite auseinander, mit denen man versucht, Frauen eine Selbständigkeit zu ermöglichen. In einem Gespräch mit einer Freundin über Ausländerinnen in der Schweiz stellten wir fest, dass diese Art der Hilfe bei uns in der Schweiz kaum praktiziert wird und vor allem Migrantinnen oft beruflich auf der Strecke bleiben. So entstand die Idee, Migrantinnen hier in der Schweiz mit Know-how sowie Coaching zu unterstützen und ihnen zu helfen, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Seit 2 Jahren betreiben wir auch ein Bistrot, das von Kursabsolventinnen geführt wird. Sie lernen dort die Spielregeln kennen, um in der hiesigen Gastronomie Erfolg zu haben. Ausserdem vermieten wir Räumlichkeiten in einer wunderschönen Jugendstilvilla an der Bundesstrasse 5 für Seminare, Geschäftsanlässe, aber auch Hochzeiten und Geburtstage. Diese Einnahmen sollen helfen, unsere Kurse zu finanzieren.

Buffet im Bistrot Crescenda (c) Béatrice Speiser

Buffet im Bistrot Crescenda (c) Béatrice Speiser


In den letzten Jahren wurden mit Hilfe von Crescenda rund 40 Unternehmen gegründet. Sie gehen mit diesem Projekt das Thema Migration ganz anderes an, als das die Politik tut. Migranten sind für Sie nicht eine Gefahr und ein Problem, sondern für die Schweiz von grossem Nutzen - wenn man sie denn richtig behandelt und unterstützt.

Die „politische“ Schweiz sieht das Ausländerproblem im grossen und ganzen tatsächlich weitgehend als Problem an und es ist sehr negativ besetzt, wie übrigens in anderen Ländern auch. Wir bekommen diese negativen Ansichten täglich über die Medien vermittelt. Natürlich führt die Migration auch bei uns in der Schweiz zu Problemen, die wir lösen müssen und die oft nicht einfach sind. Es scheint sich aber für Politiker in Bezug auf die Wählerstimmen nach wie vor zu lohnen, vorwiegend negativ über Ausländer und auch Migration zu sprechen. Der politische Wind ist dementsprechend für Ausländerinnen und Ausländer in den letzten Jahren rauer geworden. Ich selber bin überzeugt davon, dass Migration für die Schweiz vor allem eine Bereicherung darstellt. Die Schweiz war vor nicht allzu langer Zeit ein Auswanderungsland, aus dem Menschen wegzogen, weil Sie sich in anderen Ländern eine neue und bessere Existenz erhofften. Die Schweiz war aber auch immer ein Land, das anderen Menschen Zugang gewährte. Auch mein Urgrossvater, Julius Bär, kam Ende des 19. Jahrhunderts in die Schweiz und konnte sich wirtschaftlich entfalten. Es gibt viele weitere Beispiele. Denken Sie nur an Nicolas Hayek, der mit Swatch ein Milliardenunternehmen aufbaute, von dem die Schweiz heute sehr profitiert und auf das viele Menschen stolz sein dürfen. Wir sind wirtschaftlich zweifelsohne auf Migration angewiesen und sollten alles dafür tun, nicht wieder ein Auswanderungsland zu werden.

Was könnte die Schweiz und die Politik Ihres Erachtens denn tun, um wirtschaftlich auch von Migranten zu profitieren?

Die Schweiz sollte lernen, die Themen Ausländer und Migration auch positiv zu besetzen. Das fällt vielen Menschen aufgrund der politischen Debatten und der Berichterstattung in den Medien verständlicherweise schwer. Wenn ich aber denke, was für volkwirtschaftliche Ressourcen nur schon die Migrantinnen darstellen, mit denen wir uns mit Crescenda auseinandersetzen, so entsteht ein ganz anderes Bild von Ausländern. Wir versuchen, Migrantinnen zu helfen, ihr Können, das alle aus ihren Ländern mitbringen, zur Entfaltung zu bringen. Wir haben in den letzten Jahren rund 40 Firmengründungen begleiten können und konnten es vielen Frauen ermöglichen, überhaupt eine Arbeit zu finden.

Was denken Sie nach rund 6 Jahren Crescenda, könnte die offizielle Schweiz aber auch andere Länder von Ihrem Crescenda-Ansatz lernen?

Es ist sehr wichtig, auf das Potential der Menschen zu schauen und den Migranten und Migrantinnen nicht einfach von Anfang an negativ gegenüber eingestellt zu sein. In jedem Menschen steckt eine Begabung oder etwas, das er tun kann. Wir haben es uns von Crescenda zum Ziel gesetzt, ihnen zu helfen, ihre Potentiale erkennen und entfalten zu können und stellen den Migrantinnen einen ganzen Stab von Fachexperten zur Verfügung. Die Arbeit mit Migrantinnen ist nicht immer einfach - oft sehr intensiv -,ist aber, wie unsere Organisation zeigt, durchaus möglich – auch im grösseren Rahmen.

Was muss man diesen Menschen geben, oder was muss man sie fragen, um ihnen weiterhelfen zu können?

Schon mal überhaupt eine Frage zu stellen, ist nützlich (lacht). In der Regel werden diese Menschen, wenn sie in die Schweiz kommen, nicht nach ihren Bedürfnissen befragt. Und wenn, dann geht es darum, was sie tun können, um bei uns integriert zu sein. Besser wäre, sie zu fragen, was sie brauchen, damit sie sich bei uns entfalten können und auf ihr Potential und nicht auf ihre Defizite zu schauen. Dann können sie für unsere Gesellschaft auch nützlich sein. Dass sie hierbei unsere Spielregeln zu beachten haben, halte ich für selbstverständlich.

Wo sehen Sie ganz grundsätzlich die Probleme, die Migrantinnen haben, wenn sie in der Schweiz arbeiten wollen?

Wir haben Frauen mit den verschiedensten Bildungshintergründen, aus verschiedensten Gesellschaftsschichten und mit verschiedensten kulturellen Hintergründen bei uns. Viele Frauen aus dem Ausland sind gut ausgebildet. Sie haben auch Diplome aus der Heimat. Schwierig wird es für diese Frauen dann, wenn diese Diplome in der Schweiz nicht anerkannt werden und sie Tätigkeiten nachgehen müssen, die ihren Qualifikationen und ihrem Können nicht entsprechen, was leider die Regel ist. Das ist für viele Frauen enorm frustrierend und nicht selten werden sie dann krank.

Ganz generell kann gesagt werden, dass diese Frauen Vertrauen benötigen. Vertrauen erzeugt eine grosse Wechselwirkung auf die eigene Familie und die Gesellschaft. Wichtig ist es, den Frauen zu zeigen, dass sie wertvoll sind, ihre Fähigkeiten gefragt sind und sie mit unseren Sitten und Gebräuchen bekannt zu machen. Viele Migrantinnen landen immer wieder in demselben Fettnäpfchen, weil sie nicht „zwischen den Zeilen“ lesen können, sprich mit unseren Sitten und Gebräuchen nicht vertraut sind. Wenn man mit ihnen nicht über diese Fettnäpfchen spricht, gibt man ihnen auch keine Chance, sich verbessern und verändern zu können. Schliesslich gibt es natürlich auch sprachliche Barrieren, die ein berufliches Fortkommen verhindern und in aller Regel sind es die Frauen, die sich um die Erziehung der Kinder kümmern. Unter allen diesen Umständen ist es nicht einfach, beruflich Fuss fassen oder sich selbständig machen zu können. Crescenda versucht, Frauen, die etwas bewegen und die sich beruflich entfalten wollen, professionell zu unterstützen.

Menschen, die in ein anderes Land gehen, sind oft wie Kinder, welche die Welt und ihre Zusammenhänge zuerst erforschen und die Spielregeln entdecken müssen. Wir helfen mit Crescenda, dass Migrantinnen, diese Spielregeln erkennen und mit ihnen umgehen lernen. Das ist ein grosses Ziel von Crescenda und das braucht viel Fachwissen, Zeit und ein gesundes Mass an Empathie.

Sie haben Crescenda initiiert und mitaufgebaut. Was können Sie selber als Managerin und Juristin den Migrantinnen weitergeben und beibringen?


Um ein Unternehmen zu gründen, bedarf es vieler Voraussetzungen: Es braucht eine gewisse Beharrlichkeit und man muss von dem, was man tut, begeistert und überzeugt sein. Die Menschen, die Firmen gründen wollen, dürfen nicht gleich aufgeben, wenn einmal etwas nicht klappt. Die Frauen bei uns lernen, vernetzt zu denken und auch strategische Entscheide zu fällen. Dabei helfen mir meine eigenen Erfahrungen aus der Wirtschaft sehr. Ich denke auch an eine gesunde Mischung zwischen Bauch und Kopf, die wichtig ist, um die „richtigen“ Entscheide zu treffen. Auch hier hilft mir meine berufliche Erfahrung. Natürlich helfen mir auch meine Erfahrungen als Juristin und Richterin. Ich setze mich seit vielen Jahren täglich mit Menschen auseinander, die Probleme haben.

Wir stellen heute fest, dass viele Menschen aus dem Ausland in Sachen Firmengründung und Innovation schneller und fitter unterwegs sind als Schweizerinnen und Schweizer. Das zeigen auch die Erfolge von Crescenda: Migrantinnen, die Unternehmen gründen und kurze Zeit später bereits mehrere Angestellte beschäftigen – das beeindruckt. Sind Migrantinnen gar bessere Unternehmerinnen als Schweizerinnen?

Menschen, die aus anderen Ländern in die Schweiz kommen, sind oft wirtschaftlich und sozial in einer schwierigen Situation. Sie müssen für ihr Leben kämpfen und sie werden stark dabei. Nur schon die Tatsache, dass sie in ein anderes Land gehen, zeigt, dass sie anders an Probleme rangehen und vielleicht auch mehr querdenken, als andere Menschen, die bleiben und sich fügen. Querdenker sind oftmals bessere, weil innovativere Unternehmer als Menschen, die angepasst sind. Somit sind die meisten Migrantinnen schon in einem gewissen Sinne Unternehmerinnen, wenn sie in der Schweiz ankommen. Diesen Menschen liegt es irgendwie im Blut, ein Risiko einzugehen. Deshalb sind wohl viele Migranten und Migrantinnen auf der ganzen Welt geschäftlich so erfolgreich. Nicht von ungefähr hat sich in den letzten Jahren das Thema „Migrant Entrepreneurship“ zu einem Forschungsthema entwickelt.

Frau Dr. Speiser, was wünschen Sie Crescenda und den Migrantinnen für die Zukunft?


Natürlich sind auch wir auf Geld angewiesen und es wäre schön, wenn Crescenda auch weiterhin mit Spenderinnen und Spendern rechnen darf, so dass das Projekt für die nächsten Jahre hinaus gesichert ist. Auch hoffe ich, dass sich noch mehr Menschen und Unternehmen für die Crescenda-Räumlichkeiten in Basel begeistern und damit beitragen, unsere Kurse finanziell zu unterstützen.

Ich wünsche mir des Weiteren, dass Crescenda sich weiterhin so erfreulich entwickeln wird wie bis anhin und wir weiterhin vielen Migrantinnen helfen können, den Schritt in die Selbstständigkeit zu machen und beruflich Fuss zu fassen.

Den Migrantinnen wünsche ich Mut, Durchhaltewillen und Freude bei ihren Tätigkeiten.

Sehr geehrte Frau Dr. Speiser, ich bedanke mich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen und Crescenda weiterhin viel Erfolg!


(C) 2011 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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Links
- Crescenda - Gründungszentrum für Migrantinnen



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