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Monatsinterview April: Georg Kreisler

Georg Kreisler © Georg Kreisler Georg Kreisler, 1922, wurde in Wien geboren und emigrierte 1938 mit seiner Familie nach USA, wo er Musik studierte und als Pianist, Komponist und Arrangeur, beispielsweise auch für Charlie Chaplin, tätig war. 1955 kam Kreisler aus den USA zurück nach Europa und machte sich bald einen Namen als Satiriker, Musiker und Interpret von komischen Liedern wie „Das Triangel“, „Bidla Buh“ und „Zwei alte Tanten tanzen Tango“. Sein tiefgründiger und oftmals auch schwarze Humor, seine Bühnenpräsenz, sein gesangliches und pianistisches Talent und die Gabe, hochstehende, kritische und lustige Texte zu schreiben, führten ihn in die meisten deutschsprachigen Theater, so auch in die Schweiz. Der Satiriker, Komponist zweier Opern, diverser klassischer Musikwerke und Autor von Romanen und einer Vielzahl von Büchern wurde unlängst für seine Gedichte mit dem Friedrich Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg (D) ausgezeichnet. Zusammen mit seiner Frau, der Schauspielerin Barbara Peters, trifft man Georg Kreisler auch heute bei Lesungen seiner Werke an, unter dem Titel: „Anfänge oder Zufällig in San Francisco, Ein Querschnitt, Szenische Lesung von Georg Kreisler und Barbara Peters“ (s. www.georgkreisler.de mit weiteren Infos). Im Interview mit Christian Dueblin spricht Georg Kreisler über sein Leben, seine Anfänge in den USA, über seine Inspiration und darüber, dass Kunst das Leben bereichere und die Kunst in jedem Menschen stecke – wenn man sie denn zulasse.

Christian Dueblin: Herr Kreisler, der Musiker, Kabarettist und Komponist Art Paul Huber hat Sie, auf Sie und Ihre kabarettistische Tätigkeit angesprochen, als Genie aber auch als Übervater des Kabaretts bezeichnet. Was geht Ihnen heute durch den Kopf, wenn Sie an Ihre Kabarettzeit zurückdenken, und heute Ihre „Kabarett-Kinder“ und „Kabarett-Enkel“ beobachten?

Georg Kreisler: Ich habe nur einen winzigen Teil dessen abgedeckt, was man Kabarett nennen könnte. Ich bin nie sehr politisch aufgetreten und habe nicht wie andere Kabarettisten Prosareden gehalten. Der „Übervater“ ehrt mich, als Vater des Kabaretts fühle ich mich jedoch nicht, weil ich mich in meinem Leben nicht nur auf das Kabarett beschränkt habe, sondern auch ernste Musik, zwei Opern, Stücke und Romane geschrieben habe, was Kabarettisten normalerweise nicht tun. Was meine Kabaretttätigkeit betrifft, war sie für mich immer wieder eine Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen, damit ich mich auch anderen Dingen widmen konnte. Sie war also eine Möglichkeit für mich zu leben.

Kabarett wird immer mehr von Comedy verdrängt. Emil Steinberger hat im Interview mit Xecutives.net dazu kritisch Stellung bezogen. Ist es das politische Element, das Kabarett zu Kabarett macht und es von Comedy abgrenzt, wie sie uns am Fernsehen zuhauf geboten wird?

Comedy ist nicht politisch, aber alles Kabarett ist politisch. Comedy sagt mir sehr wenig. Ich sehe das als eine Flucht aus dem Kabarett raus. Ein Kabarettist muss jedoch nicht unbedingt einzelne Politiker oder Gesetze erwähnen, um politisch zu sein. Er kann auch sozialpolitische Aussagen machen und Themen behandeln. Die Figuren, die beispielsweise Emil Steinberger spielt, sind alle aus dem Leben gegriffen. Deren Leben ist angreifbar und veränderbar, wenn sie sich bemühen würden. Ich halte Emil für einen sehr wichtigen Kabarettisten.

Das Kabarett war für mich in einem gewissen Sinne der Eintritt in ein allgemeines Showbusiness. Ich bin aus Amerika zurückgekommen im Jahr 1955. Ich hatte damals zurück in Europa keine Verbindungen und auch kein Geld. Das Kabarett war für mich somit die Möglichkeit, Lieder zu schreiben und sie in einer Bar vorzuspielen. Da mich im Theater niemand haben wollte, obwohl ich schon damals für das Theater geschrieben habe, bin ich mit diesen Liedern auf Tournee gegangen.

Als Schriftsteller und Komponist lebt man in der Gegenwart oder in der Zukunft, nicht aber in der Vergangenheit. Was man einmal geschrieben oder komponiert hat, das beschäftigt einen nicht mehr so. Manchmal will man etwas ausbessern oder man kann etwas nicht ausbessern, weil man die Gelegenheit nicht dazu hat. Ich bin zurzeit aktiv und versuche weiterzuschreiben. In Kürze kommt ein Roman von mir heraus von einem Berliner Verlag und im Herbst erscheint ein Buch von mir mit Kurzgeschichten über Wien.

Wenn Sie heute lesen, dem Publikum Ihre Texte vortragen, oder selber ins Theater gehen und sich unterhalten lassen, haben Sie dann das Gefühl, dass sich das Anspruchsverhalten des Publikums der Kunst gegenüber verändert hat?

Ich bin manchmal ziemlich entsetzt, wenn ich Menschen sehe, die Comedy machen, primitive Witze erzählen und das Publikum dazu tobt. Das Publikum will aber im Allgemeinen nur unterhalten werden und es ist ihm ziemlich egal, was da oben auf der Bühne passiert, solange es sich angesprochen fühlt. Das ist auch das gute Recht des Publikums, das Eintritt bezahlt. Es hat ein Recht darauf, unterhalten zu werden. Ob es auf hohem Niveau oder weniger hohem Niveau unterhalten wird, ist ihm egal. Es möchte einen guten Abend verbringen.

Für mich ist das Publikum eine Menge von Leuten, die Anspruch auf Unterhaltung haben. Und da kommt es auf denjenigen an, der auf der Bühne steht. Ich bin beispielsweise gegen das jetzige Regietheater, das Stücke zerreisst und anders macht, als der Autor es beabsichtigt hat, weil man dem Publikum nicht zutraut, eine Originalfassung zu verstehen. Regie besteht für mich darin, dass man ein Werk spielt, aber so, dass es dem Publikum vorkommt, als spiele ein modernes Stück. Ich kann heute Shakespeare spielen und absolut jeder im Publikum kann die Probleme der damaligen Zeit auf die heutige Zeit übertragen. Man unterschätzt das Publikum, wenn man Shakespeare verfremdet.

Gerade Fernsehanstalten können das Publikum verderben. Man kann ihm immer wieder Unterhaltungssendungen auf dem niedrigsten Intelligenzquotienten bieten und mit der Zeit ist es verdorben und für höhere Ansprüche nicht mehr ansprechbar. Ich war jetzt wieder auf Lesereise und werde auch in der kommenden Zeit in verschiedenen Städten tätig sein. Ich war in Deutschland und auch in der Schweiz unterwegs, in Bern, und das Publikum war überall hervorragend. Ich lese Gedichte und die sind einigermassen anspruchsvoll. Ich lese auch aus meinem Buch „Anfänge“. Das ist ein literarisch komisches Buch und auch nicht ohne Anspruch an Intelligenz. Das Publikum ist absolut hervorragend und die Lesungen sind ausverkauft.

Sie haben für Ihr literarisches Schaffen eben den Friedrich Hölderin-Preis der Stadt Bad Homburg entgegennehmen dürfen. Sie zitieren in Ihrer Rede zum Preis André Gide, der gesagt hat: „Jedes Kunstwerk ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Künstler und dem lieben Gott und je weniger der Künstler dazu beiträgt, umso besser.“ Diese Aussage könnte von Ihnen sein. Wo nehmen Sie diese unglaubliche Inspiration her, so dass Sie Ihr ganzes Leben Hochstehendes schaffen können?

Das ist eine gute Frage. Ich stelle mir diese Frage auch immer wieder. Die Aussage von André Gide ist für mich sehr wichtig. Auch ich weiss nicht, wo das alles herkommt. In meinem normalen Leben bin ich glaube ich ziemlich normal. Vielleicht denken manche Menschen anders darüber. Ich glaube aber nicht, dass ich besondere Ansprüche stelle. Aber wenn ich schreibe oder komponiere, bin ich in einer Art Schwebezustand und weiss nicht genau, wo die Ideen herkommen.

Sie sprechen in Ihrer sehr lesenswerten Rede anlässlich der Preisverleihung von Gott und auch vom Unterbewusstsein, möglicherweise Quelle dieser Inspiration. Sind Sie ein religiöser Mensch, Herr Kreisler?

Ich unterscheide sehr streng zwischen Gottesglauben und Religiosität. Für mich ist der Gedanke an irgendein Wesen, oder an mehrere Wesen, die diese grossartige, nichtdurchschaubare Natur zu verantworten haben, eine Selbstverständlichkeit. Es kann all das ja nicht von nichts kommen. Es ist geordnet. Ich glaube an ein Wesen, das wir der Einfachheit „Gott“ nennen können, welches das alles kreiert hat und auch verwaltet. Das hat für mich aber nichts zu tun mit Religion. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Gott grossen Wert darauf legt, ob der Mensch seinen Hut aufsetzt oder abnimmt, oder ob er kniet, oder die Hände faltet. Die Religion mag manchen Menschen helfen, an Gott zu glauben. Dagegen habe ich nichts, kann aber mit Religion selbst nichts anfangen.

Wenn man sich mit Ihnen auseinandersetzt, dann erkennt man Momente, in denen jeder verstehen müsste, dass man den Glauben an die Menschen verlieren könnte. Sie haben den Glauben an die Menschen nie verloren.

Den Glauben an die Menschen kann man nicht verlieren, wenn man den Glauben an Gott hat. Adorno hat gesagt, nach Auschwitz könne man kein Gedicht mehr schreiben. Das halte ich für falsch. Auschwitz und andere Dinge dieser Art können wir einfach nicht durchschauen. Die wenigsten Menschen machen den Versuch zu sagen: “Ich verstehe das nicht.“ Sie sagen, es könne keinen Gott geben und wenn es Gott gäbe, dann hätte es kein Auschwitz gegeben. Wir können doch aber Gott nicht durchschauen. Wir wissen sehr wenig. Ich sage in die Wiege und in den Sarg müssen wir gelegt werden. Zwischendurch fallen wir immer wieder um. Wir sind doch auch mit unserer Wissenschaft nicht weitergekommen. Wissenschaftler selber sagen, dass sie nur 10 oder 20% aller möglichen Dinge verstehen und den Rest nicht verstehen. Ich finde es ganz natürlich, dass ich nicht verstehe, was manche Menschen tun und was mir teilweise geschieht. Aber das kann mich doch nicht davon abhalten, an den Menschen zu glauben. Wir sehen im Übrigen zurzeit auch an den Geschehnissen in Nordafrika, wie glaubhaft die Menschen geworden sind.

Sie werden bald 90 Jahre alt und Sie haben als Künstler und Mensch viel erlebt. Die Welt, in der wir heute leben und von der Sie sich auch für Ihre künstlerischen Tätigkeiten haben inspirieren lassen, hat sich verändert. Ist sie aber aus Ihrer Sicht als Künstler wirklich anders, oder meinen wir nur immer wieder, sie sei anders, weil wir sehr auf uns selber fokussiert sind?

Ich denke, sie ist schon anders. Es hat ja doch auch eine wissenschaftlich technische Entwicklung gegeben, die heute um sich greift und die es früher nicht gegeben hat. Ich erinnere mich, wie meine Eltern und ich früher ein Telefon bekommen haben. Das war noch ausserordentlich. Es hat sich die Lebensweise der Menschen geändert. Die Menschen selber, naja, sie haben sich dieser Lebensweise angepasst, aber wenn man etwas tiefer blickt, dann haben sie sich selber nicht verändert. Aber man muss schon etwas tiefer blicken. Denn aufgrund dieser Lebensweise sind oberflächliche Charaktereigenschaften entstanden, die anders sind als früher. Die Menschen sind heute geldgieriger und geldbewusster, aber auch unehrlicher geworden als früher. All das spielt sich aber an der Oberfläche ab und wenn man etwas tiefer schürft, dann erkennt man, dass sich dort nichts geändert hat.

Sie gingen sehr jung aus Europa nach USA. Wie war das damals für Sie, als Sie als sehr junger Mensch in diesem neuen Land angekommen sind?


Ich war glücklicherweise erst 16 Jahre alt, wie ich nach Amerika kam. Da passt man sich natürlich leicht an und nimmt alles leichter auf. Amerika war damals nicht, was es heute ist. Man kennt Amerika heute aus verschiedenen Gründen, vor allem aus dem Fernsehen.
Georg Kreisler: Leise flehen meine Tauben. ISBN 978-3596169467Damals war das ein total fremder Kontinent und es war, als wäre ich in einem Paradies gelandet. Es war für mich und meine Familie natürlich nicht nur ein Paradies, da wir sehr arm waren. Es war total fremd. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen! Nicht nur die Sprache, sondern die ganzen Gebräuche. Dass ich in eine Schulklasse kam, in der Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichte wurden und wo man von Klasse zu Klasse ging, anstatt in derselben Klasse zu bleiben, die Lehrer in Hemdsärmeln waren, uns nur mit Vornamen ansprachen und die Mädchen sich schminkten, all das war für mich völlig fremd, so dass man es gar nicht beschreiben kann, wenn man es selber nicht erlebt hat. Es war für mich auch fremd, einfach anzufangen zu arbeiten. Ich habe Klavierstunden gegeben, habe einen Gesangslehrer auf dem Klavier begleitet, vieles mehr gemacht und habe auch in die Welt des Films reingerochen. Ich weiss nicht, ob man das heute noch so erleben kann wie damals. Im Grunde genommen und im Rückblick war das sehr schön. Es war aber, im Moment als ich es erlebte, nicht schön, da meine Eltern ziemlich verzweifelt waren und mein Vater - von Haus aus Rechtsanwalt - betteln und wenig erfolgreich verkaufen ging, und meine Mutter für andere Leute gekocht hat. Das waren alles auch unschöne Sachen.

In den Dreissigerjahren sind kulturell sehr viele Dinge in Amerika passiert. Das war die grosse Zeit von Menschen wie Otto Stransky, Marcel Prawy, Friedrich Holländer und Robert Stolz, um nur einige zu nennen, die damals in den USA auch als Musiker erfolgreich waren. Wie muss man sich diese Welt der Kunst und der vielen Künstler-Emigranten in Amerika vorstellen?

Natürlich sind die Menschen, die sie erwähnt haben, sehr erfolgreich geworden. Holländer und Stolz waren sehr erfolgreiche Komponisten. Sie hatten aber schon auch ihre Mühe als Emigranten. Sie hatten auch immer wieder Erfolg und konnten für den Film arbeiten. Das war aber eine ganz andere Arbeit als in Europa. Sie haben sehr viele Untermalungsmusik für den Film geschrieben. Das war für sie total neu. Und da sie eben geniale Menschen waren, haben sie das sehr gut bewältigt. Robert Stolz habe ich nicht gekannt, aber natürlich Holländer. Er und alle anderen haben aber auch immer gezittert. Die Verträge mit den Filmstudios wurden in der Regel nur für einige Monate abgeschlossen und manch einer wusste nicht, was nachher passiert. So einfach war das also für niemanden. Man sagt heute, sie hätten Erfolg und den Krieg nicht gehabt. Sie hatten aber den Krieg und anders als in Europa hatten sie grosse Sorgen. Das darf man nicht unterschätzen.

Wie kam es zum Kontakt mit Charlie Chaplin, für den Sie gearbeitet hatten?

Es hat mich ein Musiker aus den Universal Studios bei ihm empfohlen, weil Chaplin jemanden gesucht hat, der für ihn Klavier spielt und er das Klavier spielen nur vortäuschen konnte. Er suchte auch jemanden, der Noten für ihn aufschrieb. Er selber konnte keine Noten schreiben. Er hat mir die Untermalungsmusik für den Film „Monsieur Verdoux“ vorgepfiffen und ich habe diese Musik aufgeschrieben und vorgesungen. Wenn er zufrieden war, habe ich die Musik zu Hans Eisler gebracht und er hat sie dann instrumentiert. Komischerweise wird Hans Eisler im Filmabspann nicht erwähnt und ich habe dann später erfahren, dass er sich mit Chaplin gestritten hat und seinen Namen zurückzog.

Wie haben Sie Charlie Chaplin als Person in Erinnerung?

Er war sehr nett, ein sehr geduldiger und angenehmer Mensch. Er hat mit seinen Schauspielern viel Geduld gehabt aber auch mit mir. Ich war damals sehr jung und noch nicht so erfahren. Er war ungeheuer angenehm.

… auch eine Art Mentor?


Ja, das auch. Ich erinnere mich, dass bei der Produktion ein Scheinwerfer runterfiel. Es traf von den rund hundert Personen, die unten standen, Chaplin. Seine Schulter wurde verletzt und die Produktion musste vier Wochen ausgesetzt werden. Er hat während dieser 4 Wochen alle weiterbezahlt. Es gab keine Gewerkschaft, die ihn dazu hätte zwingen können. Ich bin jede Woche gegangen und habe meinen Check abgeholt. Chaplin war ein sehr sozial denkender und handelnder Mensch. Er war auch ein wahnsinnig präziser Arbeiter für seine Filme. Er hat Geduld gehabt, bis es ganz genau so war, wie er sich das vorgestellt hat.

Herr Kreisler, Sie haben vor einiger Zeit in einem Interview mit Der Zeit gesagt, Sie seien ein „Weggeher“. Tatsächlich sind Sie viel auf der Welt rumgekommen und auch Hollywood und USA kehrten Sie den Rücken, schliesslich auch Basel, wo Sie 15 Jahre gewohnt haben. Was meinen Sie mit diesem „Weggeher“?

Ja, ich hab in Hollywood damals das Gefühl gehabt, dass ich da auf keinen grünen Zweig komme. Der Film hat mich nicht besonders gereizt und eine Karriere beim Film ohne etwas anderes hat es damals nicht gegeben. Heute ist das anders. Es gab auch kein Fernsehen und Radio, oder nur begrenzt. Deswegen bin ich nach New York gegangen und habe versucht, dort ein Musical anzubringen. Das ist mir nicht gelungen. Ich bin dann nach einiger Müh und Not in eine Bar gekommen, wo ich Klavier spielte und Lieder sang. Dort hätte ich später auch 20 Jahre bleiben können. Das war für mich aber auch nicht erstrebenswert und ich ging zurück nach Europa. Ich ging nach Wien. In dieser Wiener Gesellschaft hatte ich irgendwann das Gefühl, dass ich dort nicht reingehöre, und ich ging auch dort weg, nach München. In München war es dasselbe und ich ging zurück nach Wien. Ich bin also immer dann weggegangen, wenn ich etwas nicht wollte und das Gefühl hatte, nicht dazuzugehören.

Sie kamen 1995 in die Schweiz nach Basel, fast ein bisschen in die Provinz, verglichen mit den Stationen vorher. Was war der Anlass, nach Basel zu kommen und hier lange Zeit zu leben?

Ich war zuvor in Hof bei Salzburg, wo ich 4 Jahre wohnte. Weil mir das Dorfleben auf die Dauer nicht angenehm war, obwohl es dort sehr schön war, habe ich gedacht, ich müsse woanders hin und meine Frau wollte auch weg. Wir haben darüber nachgedacht, wo wir hin wollten. Ich kannte die Schweiz schon einigermassen und war dort auch schon auf Tournee. Auch hatte ich Freunde in Basel. Es schien mir eine gute Sache und es wurde uns in jeder Beziehung ein roter Teppich hingelegt. Wir haben dort sehr schön 15 Jahre gewohnt.

Basel war sehr stolz Sie zu haben. Was denken Sie selber über die Schweiz und die Schweizer?

Ich kannte Basel und Zürich schon etwas und beide haben mich in gar keiner Weise enttäuscht. Wir kauften uns dann nach sechs Jahren ein Haus in Basel und wollten uns dort für immer niederlassen. Mit der Zeit ist uns sehr bewusst geworden, und das mag nicht nur die Schweiz betreffen, dass die Schweizer eigentlich sehr dazu tendieren, sich in ihren eigenen „Teig“ zurückzuziehen und Ausländer Ausländer sein lassen. Die Schweizer sind nicht ausländerfreundlich. Ich kann mich selber über nichts beklagen. Die Zeit in Basel war wunderbar. Die Schweizer empfinden Hochdeutsch einerseits als eine Fremdsprache, was ich ihnen nicht verarge, obwohl ich es nicht ganz verstehe. Andererseits wollen sie nicht, dass ein Ausländer Dialekt spricht, weil man als Ausländer natürlich einen Akzent hat. Sie haben einen ganz eigenen Zugang zu Ausländern. Das hat uns eigentlich bewogen zu sagen: 15 Jahre sind schön, aber auch genug.

Ich erzähle Ihnen eine typische Anekdote: Ein Schweizer spricht zu mir auf Basel- oder Zürichdeutsch, also Dialekt, und nach einer Weile unterbricht er sich und sagt: „Verstehen Sie eigentlich, was ich sage?“ Ich sage: „Jawohl“ und er spricht von dem Moment an Hochdeutsch mit mir. Es störte ihn nicht, dass ich gesagt habe: „Ja ich verstehe, was sie sagen!“ (lacht)

Sie sprechen am Schluss Ihrer Rede anlässlich des Friedrich Hölderin-Preises von der Einsamkeit des Menschen und des Künstlers. Wer ist dieser einsame Georg Kreisler, oder wie würden Sie die Einsamkeit, von der Sie in der Rede sprechen, beschreiben?

Einsam sind alle Leute, die Kunst produzieren. Ich bin nicht der einzige, der das sagt. Bei Weitem nicht! Wenn man schreibt, komponiert oder malt, ist man einsam. Weil man einsam sein will oder allein sein muss. So erlebt man, wenn man in der Gesellschaft ist, dass die Gedanken so hinwegstreifen, eine Melodie oder eine Musik im Kopf rumschwirrt. Das ist eine gewisse Einsamkeit.

Sie sind sehr kritisch und direkt und nehmen, auch wenn es um bekannte Menschen geht, kein Blatt vor den Mund…

Ja, vor allem bei bekannten Menschen! (lacht)

Herr Marcel Reich-Ranicky – auch er Träger des Friedrich Hölderlin-Preises - muss auch herhalten. Das ist auch etwas Provokation.

Ich habe betont in der Rede, dass ich nicht Reich-Ranicky angreife, sondern Hölderlin verteidige. Er hatte anlässlich der Verleihung des Hölderlin-Preises in seiner Laudatio Hölderlin heftigst kritisiert und das ohne zu begründen warum. Viele Kritiker sagen, ob etwas gut oder schlecht oder irgendetwas ist, ohne näher darauf einzugehen. Ich habe meine Kritik in meiner Rede begründet.

Besteht nicht ständig die Gefahr, dass ein Künstler diese Einsamkeit, von der wir gesprochen haben, überbrücken will, indem er Dinge tut, die dem Publikum gefallen könnten, was es will und dabei wenig kritisch wird? Sie haben ganz konstant das vertreten, was Sie denken.

Ich sehe das ein bisschen anders. Wenn man ein Künstler ist, ist man kompromisslos. Wenn einem das sehr auf die Nerven geht oder einem nichts bringt, dann wird man publikumsfreudig. Man versucht, dem Publikum zu gefallen und versucht, sich zu verkaufen. Sich zu verkaufen und gleichzeitig Künstler zu bleiben, das sind Gegensätze. Da fängt es eigentlich an. Ich habe diesen Fehler in meinen frühen Jahren auch gemacht, ich habe mich auch verkauft. Vielleicht ist es ein verständlicher Fehler, weil ich damals sonst verhungert wäre. Aber trotzdem, ich habe den Fehler gemacht, ein bisschen Lieder zu bringen, die auf Pointen hingearbeitet waren, damit ich Geld verdienen konnte, anstatt auszuharren, bis ich ein Buch geschrieben oder eine Komposition gemacht habe. Das konnte ich aber aufgrund der finanziellen Umstände nicht und ich habe diesen leichten Weg gesucht, um zu Geld zu kommen. Das tut mir heute auch ein bisschen leid, vielleicht wäre es ja anders auch gegangen.

Wenn ich heute eine Operette oder Lieder schreibe, die auf Pointen aus sind und die auf Lacher warten, dann mach ich einen Kompromiss, dann geht die Kunst verloren. Sie sagen, was das Publikum will. Das Publikum will gar nichts. Das Publikum will unterhalten werden. Wie man das macht, das ist die Sache des Künstlers. Wenn er der Meinung ist, dass er dem Publikum nach dem Mund reden will, dann geht er einen falschen Weg bzw. dann geht die Kunst verloren. Und das ist leider häufig der Fall.

Denken Sie, dass es für Künstler heute schwieriger ist als früher?

Ich weiss nicht, ob es schwieriger ist. Die meisten Leute, die etwas ähnliches machen wie ich, haben einen Manager, eine Sekretärin und einen Publicity Agenten. Allein können sie das gar nicht bewältigen. Das haben ich und andere nicht. Nächste Woche bekommt ein österreichischer Komponist, Friedrich Cerha, den Musikpreis Salzburg. Er hat beispielsweise die Oper „Lulu“ von Alban Berg zu Ende geschrieben. Er ist ein Komponist und ist ein einsamer Komponist und kann davon irgendwie leben. Man kennt ihn nicht, weil er nicht im Musikbetrieb drin ist. Ich bin auch nicht im Musikbetrieb. Es kommen in Kürze einige Klavierstücke von mir raus. Aber um meine zwei Opern hat sich niemand gekümmert. Die Opern von anderen werden gespielt. Verstehen Sie, ich kann keinen Verleger finden für meine Opern. Ich gehöre nicht zu den Opernkomponisten und bin nicht in diesem Opernbetrieb drin. Ich müsste arbeiten mit Publicity Agenten und Managern, um in diesen Betrieb zu kommen. Dazu habe ich aber keine Zeit. Ich muss mich entschliessen, entweder etwas zu schreiben oder in den Betrieb zu gehen.

Was wünschen Sie sich für sich selber, Ihre Frau und die Künstlerinnen und Künstler von heute?


Was mich betrifft nichts. Ich bin in einem Alter, in dem man sich nichts mehr wünscht (lacht). Ich wünsche uns lediglich Gesundheit.

Georg Kreisler: Die Biografie. ISBN 978-3596168934Ich wünsche den Künstlerinnen und Künstlern, dass sie sich nicht bestechen lassen - wenn sie denn überhaupt Künstler sind - und das ist ja die grosse Frage. Sie sollten sich nicht allzu leichtfertig Künstler nennen. Nur weil jemand singen oder etwas anderes kann, ist er noch kein Künstler. Sie sollen weiter an sich arbeiten, wenn sie denn Künstler werden wollen. Ich wünsche mir mehr Menschen, die sich mit uns Künstlern befassen und Kunst geniessen, weil damit das Leben ungeheuer bereichert wird. Ein Mensch ohne Kunst greift letztendlich zu Gewalt. Wir haben heute viel Gewalt unter Jugendlichen, weil sie nicht die Gelegenheit haben, sich mit Kunst zu befassen. Ich kenne niemanden, der mit Kunst befasst ist und der Gewalt ausübt. Ich habe noch nie von jemanden gehört, und es ist sicher sehr selten, dass ein Künstler, oder einer der regelmässig Kunst geniesst, ins Theater geht oder viel liest, gewalttätig ist.

Die Kunst steckt im Menschen drin, und er muss nur Gelegenheit haben, sie rauszulassen.

Sehr geehrter Herr Kreisler, ich bedanke mich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen und Ihrer Frau viel Gesundheit und Freude bei Ihren künstlerischen Projekten!


(C) 2011 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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Links
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- Liedtexte von Georg Kreisler

- Georg Kreisler auf Wikipedia



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