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Spezialinterview Film: Giacun Caduff

Giacun Caduff (c) Giacun Caduff Giacun Caduff, Jahrgang 1979, gehört einer neuen Generation von Filmemachern an, die in den USA ihr Handwerk gelernt haben. Nach seiner Ausbildung als Filmer an der Cal State University in Long Beach sicherte er sich ein Praktikum bei John Malkovich und lernte, wie Hollywoodfilme im grossen Stil gemacht werden. Es folgte das Master Studium am UCLA Producers Program, welches er mit dem Film-Werk „Etienne!“, die Geschichte eines todkrank diagnostizierten Hamsters und seinem Besitzers, abschloss. Der preisgekrönte Hamsterfilm wurde bis heute an über 25 internationalen Film Festivals gezeigt. Mit „box[ur]shorts Film Festival“ gelang ihm bereits im Jahre 2006 ein Meisterwerk. Die Plattform zeigt Kurzfilme in Video-Jukeboxen und dient zum Abspielen von Kurzfilmen. Die Apparaturen dazu finden sich bereits in der Schweiz, aber auch in Los Angeles, New York City, Atlanta sowie in Park City. Giacun Caduff ist Mitbegründer des „Basler Gässli Film Festivals“, welches regionalen Jungregisseuren die Möglichkeit gibt, zusammen mit einem international bekannten Filmstar ihre Erstlingsfilme zu präsentieren. Im Interview mit Christian Dueblin spricht Giacun Caduff über seinen Werdegang, ermöglicht einen Einblick hinter die Kulissen des internationalen Filmgeschäfts und zeigt auf, welches die Chancen und Probleme des „Schweizer“ Films sind.

Christian Dueblin: Sehr geehrter Herr Caduff, Sie seien nicht zu bremsen und würden sehr berühmt werden, sagte mir kürzlich ein Oscar-Gewinner - er muss es wissen! - im Gespräch. Mit „Etienne!“ haben Sie ein kleines Meisterwerk produziert und bereits verschiedene Preise gewonnen, unter anderem auch eine interessante und prestigeträchtige Auszeichnung von KidsFirst (bester Independent Film für Kinder im Alter zwischen 5-12 Jahren). Fangen wir aber vorne an: Was hat Sie bewogen, im Jahr 2001 in die USA zu gehen und Film zu studieren?

Giacun Caduff: Ich hatte am Gymnasium als Abschlussarbeit einen James Bond-Film gedreht und wollte in die Welt hinaus. Ich ging an die New York Film Academy und wurde dort mit dem Filmvirus infiziert. Ich brach daraufhin mein Architekturstudium ab und zog nach Los Angeles. Meine Freundin wohnte bereits dort und wir setzten es uns zum Ziel, Hollywood zu erobern (lacht). Ich erhielt etwas später am Santa Monica College einen Studienplatz.

Zurzeit sind Sie „Indie-Filmer“. Sie produzieren sogenannte „Independent“-Filme. Es gab in der Vergangenheit einige Indie-Produktionen, die sehr bekannt wurden und viel Geld eingebracht haben. Ich denke an Little Miss Sunshine oder Napoleon Dynamite. Der Filmkritiker Emanuel Levy hat im Interview mit Xecutives.net auf die wirtschaftliche Bedeutung dieser Filme hingewiesen. Was sind Ihres Erachtens die Gemeinsamkeiten für den Erfolg solcher Filme?

Das Indie-Business, wie wir es heute kennen, gibt es seit Ende der Achtzigerjahre. Als Filmer wie Steven Soderbergh ohne grosse Budgets interessante Filme drehten und dabei sehr erfolgreich waren, horchte die Hollywoodindustrie plötzlich auf. Sie witterte ein neues Geschäftsmodell. Die Studios gründeten „Minor“-Divisionen wie beispielsweise Fox Searchlight (20th Century Fox) und Focus Features (Universal), die sich, in der Hoffnung, den nächsten Indie-Hit zu produzieren, „low-budget“-Produktionen widmen. Little Miss Sunshine beispielsweise wurde mit rund 8 Millionen Dollar gedreht und spielte an den Kinokassen auf der ganzen Welt rund 100 Millionen Dollar ein. Dieser Erfolg blieb aber bei vielen dieser Produktionen aus und Warner Independent oder New
Line Cinema, um zwei weitere wichtige Produktionsfirmen zu nennen, verschwanden in ihrer ursprünglichen Form von der Bildfläche.

Wie würden Sie zurzeit den Stellenwert der „Indie-Filme“ im weltweiten Film Business einschätzen?

Das Independent Business ist ein kleiner Zweig der Filmbranche - viel kleiner, als man noch vor 25 Jahren dachte und hoffte. Mit dieser Entwicklung wackelt auch die Definition eines Independent-Films, weil viele Studios mittlerweile auch im grossen Stil mitmischen. Ist es der Amateur-Look wie bei dem Horrorfilm Blair Witch Project, ein Kunstfilm für ein kleines Publikum mit viel Gewalt oder Sex oder ein Film, der eben ohne Studiogelder finanziert wurde, was den „Indie-Film“ ausmacht? Das ist schwierig zu beantworten. Meines Erachtens sind wirkliche Independent-Filme Produktionen, die aus Leidenschaft zum Film von Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern mit einem Bruchteil der normalen Kosten für eine gängige Film-Produktion gemacht werden. Bei Little Miss Sunshine sind die Freunde einfach die Regisseure, Produzenten und Schauspieler Steve Carrell, Greg Kinnear, Toni Collette und Alan Arkin. Sie alle teilten eine gemeinsame Vision und haben sich für diese Produktion zusammengerauft.

Ein weiteres illustres Beispiel für eine solche Zusammenarbeit wäre Pulp Fiction.

Absolut! Pulp Fiction kostete ebenfalls rund 8 Millionen Dollar. Mit dabei waren Superstars wie Bruce Willis, John Travolta und Samuel L. Jackson, die für eine Gage weit unter ihrem Wert arbeiteten, aber an das Drehbuch von Quentin Tarantino glaubten. Bei meinem letzten Film Etienne! waren die Freunde ein paar unbekannte Filmstudenten, die für viel weniger Geld, als das üblich ist, und teilweise sogar ohne Gage, eine Produktion ermöglichten. Solche Produktionen gibt es zu Tausenden und alle käm
pfen sie um den grossen Preis. Man sieht die Dimension auch in Anbetracht der Statistik des Sundance Film Festivals, an das für das Jahr 2010 über 2000 Spielfilme eingesendet wurden und schliesslich nur 30 Wettbewerbsnominationen (Drama-Competition World & US) resultieren. Little Miss Sunshine war im Jahre 2006 eine davon und konnte danach auf der ganzen Welt für viel Geld verkauft werden. Die Aussichten auf Erfolg sind aber in der Regel rein spekulativ und definitiv langwierig. Mit Etienne! haben wir einen grossen Indie-Durchbruch geschafft. Das funktioniert nur mit innovativen Ideen, viel Kreativität und grossem Durchhaltewillen.

Etienne! ist ein von Ihnen produzierter Indie, der die Geschichte eines schwerkranken Hamsters und seinem Besitzer erzählt. Ich fand die Produktion absolut gelungen! Der Film schaffte es ans CineVegas Film--Festival 2009. Was ist die Bedeutung dieses Film-Festivals und wo würden Sie Ihren Film gerne noch präsentieren?

Giacun Caduff: Film ETIENNE!CineVegas ist ein sogenanntes „Provinzfestival“, vergleichbar mit dem Los Angeles Film-Festival, Raindance in England oder dem Filmwochenende in Würzburg. Wir hatten Glück, dass wir in Las Vegas die Weltpremiere feiern konnten, denn jedes erfolgreiche Film-Festival hat sein eigenes Publikum. Etienne! passte in Vegas genau rein. Alle unsere Vorstellungen waren ausverkauft und die Kritiken waren grandios. Auch die grossen Studios kommen an Provinzfestivals und so wurde unser Film von allen wichtigen Käufern wahrgenommen und geprüft. Das grosse Angebot bekamen wir aber leider noch nicht. Gerne wären wir mit Etienne! an eines der kommerziell wirklich bedeutenden Festivals gegangen. Bei Sundance, Venedig und Berlin waren wir zumindest auf dem Radar. Die grösste Herausforderung für Filme, die ohne prestigeträchtiges Festival und ausserhalb der „Hollywood-Marketing-Maschine“ den Durchbruch suchen, ist es, das richtige Publikum zu finden. Film-Festivals sind dafür sehr hilfreich und so wissen wir heute nach 25 Festivals, an denen Etienne! bisher gezeigt wurde, genau, wer unser Zielpublikum ist. Auch aus dem Internet bekommen wir wichtige Feedbacks, um das Potential von Etienne! abschätzen zu können. Dieses Know-how spielt bei der Veröffentlichung eines Films eine wichtige Rolle. Es gibt nichts Schlimmeres, als einen Film einem falschen Publikum zu präsentieren.

Warum hat es beim Film-Festival in Venedig nicht funktioniert?

Das war eine Achterbahn der besonderen Art! Der Vize-Direktor des Venedig Film-Festivals hat uns in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ eine Einladung in Aussicht gestellt, welche sich ein paar Tage später jedoch zerschlagen sollte, weil das Festival Vorstellungen streichen musste. Das Interessante daran war aber, dass wir nur schon mit der „Fast-Einladung“ nach Venedig sofort Angebote von renommierten Firmen für den Kauf des Films erhielten. Es gibt nichts zu bereuen. Das waren wichtige Lektionen für das Verständnis des Filmgeschäfts.

Wie verhält es sich mit der Reaktion auf Ihren Film in der Schweiz? Haben Sie schon Feedbacks bekommen?

Laut unserer Facebook-Page schafft es die Schweiz auf Platz 2, die meisten Fans davon in der Stadt Zürich. Der Film spielte erstmals in einer Vorversion am Basler Filmpreis-Event im Frühling 2009. Die Vorstellung war ausverkauft und das Publikum begeistert. Später wurde der Film auch an den Jugendfilmtagen in Zürich als Spezialvorführung gezeigt, denn Etienne! ist mein Abschlussfilm der UCLA. Interessant wird es im Herbst dieses Jahres. Das Schweizer Publikum wird eine exklusive Version Etienne! mit einem Kinderkommentar von Trudi Gerster kaufen können. Nachdem wir in den USA einen Preis für den besten Kinderfilm gewonnen haben, kam die Idee auf, fürs Ausland einen Märchenkommentar zu schreiben, um damit den Film Kindern zeigen zu können, die nicht Englisch sprechen.

„box[ur]shorts“ ist ebenfalls ein „Baby“ von Ihnen. Es geht um eine Installation, die es ermöglicht, Kurzfilme hoch zu laden, die in einer Endlosschlaufe abgespielt werden können. Diese Installationen sind auch in der Schweiz anzutreffen. Wie kamen Sie auf die Idee, in Restaurants, Bars und anderen Orten, an denen sich Menschen tummeln, solche Apparate anzubieten?

Giacun Caduff und Xavier Koller am dritten box[ur]shorts Film Festival 2009 (mit freundlicher Genehmigung von Gicaun Caduff)Ich habe selber viele Kurzfilme gedreht und bin zum Schluss gekommen, dass es keine passende Plattform für diese Kunstform gibt. Es gibt Film-Festivals und Internetseiten wie Youtube. Aber am Ende besteht das Publikum bei den meisten Kurzfilm-Festivals aus Freunden, dem Filmteam und der Familie. Auf Youtube gibt es zudem mittlerweile so viele Videos, dass die guten Projekte kaum mehr zu finden sind. Die Idee hinter box[ur]shorts™ Film-Festival ist es, die besten Kurzfilme dort zu zeigen, wo die Menschen Zeit haben, sie anzuschauen. Wir zeigen unsere Kurzfilme in “Video-Jukeboxen” in Restaurants, Bars, beim Coiffeur und auch im Waschsalon. Einmal im Jahr gibt es eine Preisverleihung. Die Kurzfilmemacher erhalten dann die Goldene-, Silberne- und Bronzene-boxer shorts!

Gewinner des letzten Awards war der Amerikaner David Green mit seinem Film Meltdown. Was waren die Kriterien bei der Bewertung der rund 10 Kurzfilme und wie haben Sie es geschafft, eine so prominent besetzt Jury zusammenzustellen?

Wir suchen im Team übers Jahr rund 50 Filme, die wir für den Wettbewerb aufnehmen. Diese Filme werden von einer professionellen Jury bewertet. Die Juroren in den vergangenen Jahren waren unter anderen der James Bond Regisseur Martin Campbell, die Schauspielerin Sophia Myles (Underworld, Tristian and Isolde) und Joel David Moore (Dodgeball, Avatar), der Japanische Starregisseur Shunji Iwai (All About Lily Chou Chou, April Story) und der Filmkritiker Erik Childress. Die Bewertungskriterien reichen vom Evaluieren der Regie über die Qualität der Cinematographie bis hin zum Schnitt. Auch der Unterhaltungswert ist ein wichtiges Kriterium. Alle ausgewählten Filme spielen wir im Übrigen in den eben erwähnten Video-Jukeboxen und sind online auf www.boxurshorts.com abrufbar.

Eine prominente Jury zu besetzen, war am Anfang eine Herausforderung. Mittlerweile habe ich aber ein gutes Netzwerk und sogar schon Anfragen von Schauspielern aus Hollywood, die mitmachen und Filme bewerten wollen.

Sie haben aus dieser Idee auch ein Filmfestival gemacht. Wo wird das nächste Festival stattfinden und wie muss man sich dieses Festival vorstellen?

Die nächste Preisverleihung findet am 8. Januar 2011 im historischen New Beverly Cinema in Los Angeles statt. Quentin Tarantino ist der Besitzer des Kinos. Er ermöglicht, dass das kleine „Venue“ überlebt und Vorstellungen wie das box[ur]shorts™ Film Festival überhaupt eine Chance haben. Wir zeigen am Event die zehn besten Filme. Sie werden als Countdown präsentiert. Das Festival ist auch unter dem Partyaspekt bekannt. Es spielt eine Live-Band, wir offerieren einen Gratis-Apéro und es kommen viele illustre Gäste.

Kommen wir zurück zum Hauptbusiness, das Sie beschäftigt. Sie haben beim Film The Prestige mit Superstars wie Hugh Jackman, Christian Bale, Michael Caine und Scarlett Johansson die visuellen Effekte koordiniert. Wie kam es zu dieser Arbeit für einen hochkarätig besetzten Film und was waren die Herausforderungen bei der Arbeit?

Film "The Prestige"Mit meinem Studentenvisum konnte ich in den USA lediglich Praktika machen. Das erste absolvierte ich bei John Malkovich’s Firma Mr. Mudd. Dort lernte ich Vanessa Fourgeaud kennen. Sie hat mir nach meinem Bachelor-Studium eine Stellung als Assistent und Office Manager bei BUF Inc. verschafft. Die französische Firma von Pierre Buffin hat ein kleines Office in Los Angeles. Aus diesem Office stammen die ersten bahnbrechenden visuellen Effekte in Hollywood-Produktionen. Ich spreche von Filmen wie Fight Club, Panic Room, Simone und Human Nature. Das Office erhielt auch den Job für die Effekte im Film The Prestige. Mit etwas Glück, meinen Erfahrungen auf dem Set und aufgrund meiner Computerkenntnisse bekam ich die Stelle eines Koordinators. Mein Boss war Olivier Dumont, ein genialer VFX-Supervisor, von dem ich sehr viel gelernt habe.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit Christopher Nolan, dem Regisseur von Batman Begins und Memento, in Erinnerung?

(Lacht) Chris Nolan ist ein Genie! Er arbeitet immer mit dem gleichen Kernteam (Wally Pfister, Charlie Schlissel, Nathan Crowley, Christian Bale, Michael Caine) und die Dynamik und Effizienz am Set ist einmalig. Ich hatte Glück, dass ich dank meiner Position als Visual-Effect-Coordinator immer an vorderster Front mit dabei sein durfte und so Nolans Arbeit genau verfolgen konnte. Im Vergleich zu kleineren Sets ist natürlich alles voll professionell und top organisiert. Das Budget betrug rund 40 Millionen Dollar und ich kann mich noch gut erinnern, als Nolan meinte, The Prestige sei ein kleines Zwischenprojekt bevor er sich Batman widme (lacht). An dieser Aussage sieht man schön, dass die finanziellen Dimensionen und Denkweisen in Hollywood eben etwas grösser sind.

In den letzten Jahren ist auch in Europa und in der Schweiz der Film wieder in Bewegung gekommen. Zahlreiche Produktionen aus Europa können es mit Hollywood-Filmen und Block Bustern jederzeit aufnehmen. Ich denke spontan an Le Pact des Loups, Bienvenue chez les Ch'tis, beides französische Produktionen, die Filme des Spaniers Pedro Almodovar, aber beispielsweise auch an die Stig Larsson-Verfilmung Verblendung aus Schweden. Was hat der Europäische Film Ihrer Erfahrung nach in den USA für eine Bedeutung?

Viele Filmer in der Hollywood-Industrie lieben das internationale Kino. Als ich an der Cal State University in Long Beach meinen Bachelor machte, unterrichtete an einem Workshop der Kameramann John Bailey. Er zeigte uns Filme, die ihn offensichtlich für seine Arbeit inspiriert hatten. Unter diesen Filmen war kein einziger Hollywood-Film zu finden, sondern französische New Wave-Produktionen und andere stilistische Klassiker. Sein eigenes Film-Portfolio sieht aber ganz anders aus. Bailey’s Filme sind kommerziell und weit weg von jeglichem Experimentieren, wie wir es in seinen für den Workshop zusammengestellten Filmen zu sehen bekommen haben. Ich denke, das erklärt eine gewisse Filterfunktion von Hollywood. Hollywood schaut genau, wie das internationale Filmbusiness arbeitet. Nicht selten kopiert es, dort wo es sich einen kommerziellen Erfolg verspricht und kauft beispielsweise die Urheberrechte. Pedro Almodovar und andere bekannte internationale Regisseure sind willkommene Gäste in Hollywood, weil sie gute Filme machen und mittlerweile auch ein interessiertes Publikum mitbringen.

Wo sehen Sie die Schweiz im internationalen Film-Wettbewerb? Ist die Schweiz überhaupt fähig, im weltweiten Filmgeschäft mitzuhalten und sich über die Grenzen hinweg mit guten Produktionen bemerkbar zu machen?

Vor ein paar Jahren gab es einige Schweizer Filme, die im Kino gut besucht waren und Traumzahlen einspielten. Diese Hochblüte des neuen Schweizer Films war aber von kurzer Dauer und hat auch keine grossen Wellen über die Landesgrenze hinaus geworfen. Die Schweiz stellt im internationalen Vergleich einen winzig kleinen Markt dar. Sie hat es noch nicht geschafft, eine eigene Marke zu entwickeln, die man auch „verkaufen“ kann. Demgegenüber gibt es den französischen Film, den englischen Film, das italienische und das spanische Kino und seit einigen Jahren auch viele gute skandinavische Produktionen. Wir haben in der Schweiz ein gewisses Potential und Renommee bei den Dokumentarfilmen. Ansonsten aber fehlen meines Erachtens die bedeutenden Impulse und der Mut, die nötig wären, auch über die Grenzen hinaus erfolgreich zu sein. In den letzten Jahren hat sich zudem bei vielen Filmemacherinnen und Filmemachern etwas Unmut breit gemacht. Die Film-Förderpolitik der Schweiz hat sich entschieden, für weniger Filme grössere Summen Geld zu sprechen. Das macht auf den ersten Blick und im internationalen Vergleich zwar einen gewissen Sinn. Der Produktionswert von einzelnen Filmen kann damit gesteigert werden. Es ist aber nicht nur das liebe Geld, das einen guten Film ausmacht. Zuerst braucht es eine gute, universelle Geschichte und für diese braucht es nicht Millionen von Schweizer Franken. Die Schweiz würde meines Erachtens besser fahren, wenn sie weniger Geld für mehr Produktionen locker machen und so innovativen Filmemachern die Möglichkeit geben würde, den neuen Schweizerfilm zu erfinden. Mit ganz grossen Produktionen, wie sie im Ausland stattfinden, können wir sowieso nicht mithalten. Um den Dialog des Schweizer Filmschaffens zu animieren, habe ich übrigens mit Freunden in Basel das „Gässli Film-Festival“ gegründet. Hier haben Jungfilmer mit regionalem Bezug eine Plattform, ihre ersten Werke einem Publikum zu präsentieren. Ein international bekannter Filmemacher kommt als Gast, zeigt den Jugendlichen seinen Début-Film und erzählt von den Erfahrungen seiner Karriere.

Auch im Film-Business geht es um Geld. Gibt es in den USA für Schweizer Filmer und Filmerinnen Mentoren, die unterstützend helfen und mitwirken? Wie kommt ein junger Student an die nötigen Finanzen, um überhaupt einen Film drehen zu können?

Mentoren sind das A und O im Filmgeschäft! Dass sie jetzt aber Geld verteilen, ist nicht die Regel. Nach meiner Erfahrung öffnen Mentoren aber Türen oder beantworten Fragen, geben Tipps etc., was für die Karriere eines Filmemachers äusserst wichtig sein kann. Mentoring kann somit dann in Geld resultieren, wenn ein Mentor hilft, einen Schauspieler in einem Projekt einzubinden und der Film dann von einer Firma produziert wird. Dass Schweizer hier spezielle Chancen haben, glaube ich kaum. Das Klischee ist ja, dass in der Schweiz viel Geld vorhanden ist. Warum soll also einer einem Schweizer Geld geben? Am Ende investieren die Leute aber in das Potential des Filmemachers. Wenn man sich also gut verkauft, dann kann jeder das Vertrauen eines Mentors gewinnen.

Sie haben viele Stars in Hollywood angetroffen. Wer hat Sie besonders beeindruckt? Haben Sie ein Vorbild, das Sie bei Ihrer Arbeit motiviert?

Als ich jung war, hat mich der Komiker Otto Waalkes inspiriert. Ihn fand ich einfach klasse! Aber ich hatte nie ein klassisches Vorbild, das ich nachahmte oder von dem ich behaupten könnte, es habe mich bei meiner Arbeit stets inspiriert. Ich liebe es, Leute zu unterhalten und je länger desto mehr hat mich der Film als Medium „eingenommen“. In den USA habe ich einige „Stars“ getroffen, und wenn man die Geschichten der einzelnen Karrieren dieser Menschen hört, dann ist das schon sehr beeindruckend. Die Medien zeigen die Stars als unantastbar und während einige der Klischees durchaus zutreffen, war es für mich eine Überraschung zu erleben, wie komplett normal diese Menschen sind. Einmal musste ich einen bekannten Schauspieler dahingehend beraten, ob er für seinen Sohn ein elektronisches Schlagzeug kaufen oder doch besser den Bandraum isolieren sollte, so dass die Nachbarn nicht gestört würden. Und es gab auch Situationen, in denen ich gefragt wurde, ob ich einen Drogendealer in Los Angeles kenne, der Stoff an eine Party liefern könnte (lacht). Good times... Was mir aber speziell Eindruck gemacht hat, ist, dass Erfolg und Misserfolg oft ganz nahe zusammen liegen und da ist es motivierend, von Produzenten wie Lianne Halfon, Russ Smith oder auch Albert Berger zu lernen, wie man mit gefährlichen Haien in Hollywood mitschwimmt, ohne dabei gefressen zu werden (Anmerkung d. R.: Filmreferenz „Swimming with Sharks“). Selbst für diese etablierten Produzenten ist es immer ein Kampf, grünes Licht für ihre Filme zu bekommen. Vor allem in Zusammenarbeit mit diesen Menschen wurde mir bewusst, dass Filmemachen eine Verpflichtung fürs Leben und die Arbeit mit den Superstars der Welt ein grosses Privileg darstellen. Man muss am Ball bleiben und jeden Moment kreativ nutzen. Solange ich noch jeden Morgen mit tausend neuen Ideen aufwache, weiss ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin (lacht).

Sehr geehrter Herr Caduff, was sind Ihre weiteren Pläne und was wünschen Sie sich für die Zukunft als Filmemacher?

Ich habe eine geniale Story, die ich im 2011 in Basel verfilmen kann. Es handelt sich dabei um eine Komödie über einen besorgten, alleinerziehenden Vater, der seiner Tochter 20 Regeln verhängt, bevor sie den heimischen Bauerndorf verlassen darf und studieren geht. Um sicher zu gehen, dass sie allen Bestimmungen Folge leistet, folgt er ihr im Geheimen nach Basel, wo er sich mit Studenten befreundet und bald alle seine selber kreierten 20 Regeln selber bricht. Die Filmförderung ist (noch) kein Fan von dieser Geschichte, aber jeder, der den „Pitch“ hört, schmunzelt (lacht). Es besteht also Hoffnung und ich bin grundsätzlich ein Fan vom „kreativem“ Produzieren. Somit kann ich mir also gut vorstellen, eine weitere Low-Budget-Produktion zu machen, welche wir selber direkt, oder über neue Vertriebskanäle wie VOD, zum Publikum bringen. Des Weiteren entwickle ich zwei neue Projekte mit dem Hamsterfilm-Regisseur. Jeff Mizushima ist sehr talentiert und ich kann es kaum erwarten, bis wir beide wieder auf dem gleichen Filmset stehen!

Sehr geehrter Herr Caduff, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin viel Freude und Erfolg bei allen Ihren Projekten.


 

(C) 2010 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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Links
- Giacun Caduff an den Schweizer Jugendfilmtagen
- Homepage des Films ETIENNE! Trailer
- box[ur]shorts Film Festival
- Gässli Film Festival 20.-22.August 2010


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