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Monatsinterview Juli: Kurt Felix

 

Kurt Felix, Foto mit freundlicher Genehmigung von Kurt Felix Kurt Felix, geboren 1941 in Wil (SG), war der berühmteste Schweizer TV-Macher. Mit Sendungen wie „Grüezi Mitenand“, „Stöck Wys Stich“ und „Teleboy“ schrieb er Schweizer Fernsehgeschichte. Der ehemalige Journalist und Radiomacher startete seine Karriere als Lehrer und Berichterstatter regionaler Ereignisse. Nach Stationen beim Radio holte man ihn zum Schweizer Fernsehen, wo er nach kurzer Zeit eigene Unterhaltungssendungen gestalten und moderieren konnte. Mit „Verstehen Sie Spass?“ gelang ihm und seiner Frau Paola Felix-del Medico in Deutschland ein Meisterwerk. Die Sendung brach mit über 20 Millionen Zuschauern allein nur schon in Westdeutschland alle bisherigen Rekorde. Lesen Sie ein Gespräch über das Medium Fernsehen, die Karriere einer TV-Legende, über die Grenzen des Geschmacks im Boulevard, über die Fernsehdirektorin des Schweizer Fernsehens, Ingrid Deltenre, und werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen des TV.

Christian Dueblin: Sehr geehrter Herr Felix, wenn ich an die Quoten und Zuschauerzahlen denke, die Sie mit Ihren Sendungen erreicht haben, dann kommen mir in der Schweiz nur wenige Menschen in den Sinn, die Ähnliches erreicht haben. Ich denke an Erich von Däniken und Artur Beul, die beide wohl hunderte von Millionen von Menschen erreichten. Beide konnten wir als Interviewpartner gewinnen. Auch kommt mir der kürzlich verstorbene Autor Johannes Mario Simmel in den Sinn, der in der Schweiz wohnte und mit seinen Büchern ein Millionenpublikum erreichte. Wie kam es zu Ihrem Erfolg im Fernsehgeschäft?

Kurt Felix: Man kann ein, zwei oder drei Mal im Leben Glück haben, aber beim vierten Mal sind Arbeit, Können und Einsatz unabdingbar. Es wird einem im TV-Geschäft nichts geschenkt. Ich habe mir immer gesagt: 25 Jahre lernen, 25 Jahre Arbeit und 25 Jahre geniessen. Dieses Motto habe ich als Lebensziel ständig vor Augen gehabt. Mein Erfolg ist mit 25 Jahren Arbeit und Leidenschaft verbunden. Ich habe damals nie Ferien gemacht. Ich bin auch selten gereist in dieser Zeit. Ich war beispielsweise nie in Amerika und erst mit 50 sah ich Paris. Der Beruf hat viel von mir gefordert. Als Journalist unHochzeitspaar 1980: Kurt Felix und Paola Felix-del Medico, Foto mit freundlicher Genehmigung von Kurt Felix d Fernsehmoderator war ich immer, auch an Weihnachten, am Tag der Kranken und am Silvester, unterwegs. Oft war ich am Jahresende alleine vor der Kamera im Studio und habe beim Glockenschlag den Zuschauern zugeprostet. Gleichzeitig lagen sich alle Menschen im Studio hinter mir in den Armen und feierten. Heute geniesse ich die Früchte meiner Arbeit zusammen mit meiner Frau, die mich begleitet, unterstützt und motiviert hat. Es gibt einen alten Spruch: Ohne Fleiss keinen Preis. Er trifft auch auf die Menschen zu, die Sie einleitend aufgezählt haben. Denken Sie an die Bücher von Johannes Mario Simmel und an die Tausenden von Stunden Schreibarbeit. Ich habe einleitend gesagt, dass es auch drei Mal Glück braucht, um sehr erfolgreich zu werden. Viele erfolgreiche Menschen standen zur richtigen Zeit am richtigen Ort, vertraten das richtige Produkt und hatten bei einer Anfrage die richtige Antwort auf Lager.

Sie haben mit Berichterstattung begonnen und sind später in die Unterhaltungsbranche gegangen. Was war Ihre persönliche Motivation, vom mehrheitlich sachlichen Informieren in die Unterhaltung zu wechseln, mit der Sie sehr erfolgreich, und wenn man so sagen darf, eine Marke im Unterhaltungsgeschäft wurden?

(Lacht) Wenn ich Ihnen nun sage, dass ich in die Unterhaltung zwangsversetzt worden bin, dann tönt das etwas komisch. Es ist aber so. Ich wollte gar nie in die Welt der Unterhaltung. Die beste Schule für das Fernsehen ist nach wie vor das Radio. Dort habe ich vor vielen Jahrzehnten als Student des Lehrerseminars Kreuzlingen angefangen. Ich verdiente als junger Journalist das Geld für mein Studium. Ich machte Reportagen im Grossraum Bodensee und fuhr mit meinem Moped zu Interviews mit Nobelpreisträgern, die gerade am Bodensee waren, war bei der Eröffnung des Weinbaumuseums in Meersburg dabei und berichtete über den Zollkrieg zwischen Konstanz und Kreuzlingen, um nur einige Beispiele zu nennen. Ich habe auch die Bänder selber geschnitten und durfte später auch das Regionaljournal Ostschweiz leiten. Das Fernsehen war damals noch kein Thema. Das elektronische Leitmedium war das Radio. Später wurde das Fernsehen auf mich aufmerksam. Ich reportierte für die Sendung „Antenne“, das Vorläuferprogramm von „Schweiz Aktuell“. Dabei lernte ich vorerst mit kleinen Beiträgen das Fernsehhandwerk. Das Entscheidende, und damit komme ich auf Ihre Frage, ist, dass diese Beiträge alle eine Unterhaltungskomponente beinhalteten. Mir war früh klar, dass ich die Menschen nur begeistern konnte, indem ich die fachliche Berichterstattung in einem unterhaltsamen Rahmen präsentierte. Ich wollte also nicht nur eine sachliche Arbeit machen, sondern meine Berichte auch hör- und sehbar machen. Wysel Gyr holte mich 1965 als seinen Mitarbeiter an seine Seite. Er war beim Fernsehen verantwortlich für das Ressort Heimat, welches der Abteilung Kultur und Wissenschaft unterstellt war. Ich machte heimatliche Beiträge und lernte jede Ländlerkappelle und Trachtengruppe kennen. Es gab in der Schweiz wohl keine kulturelle und volkstümliche Veranstaltung, an der ich nicht dabei war. Innert kürzester Zeit lernte ich dadurch die ganze Schweiz und viele Menschen kennen. Ich bin dann von Dr. Eduard Stäuble angegangen worden. Er war damals der Abteilungsleiter der Abteilung Kultur und Wissenschaft. Ich bekam 1968 den Auftrag, eine 1. August-Sendung zu machen. Ich überlegte mir, was ich machen sollte und kam auf das Jassen. So kam es zur Sendung „Stöck Wys Stich“.

"Stöck Wys Stich" Moderator Kurt Felix, Foto mit freundlicher Genehmigung von Kurt Felix

"Stöck Wys Stich" Moderator Kurt Felix
Foto mit freundlicher Genehmigung von Kurt Felix

Sie wurde ein unerhörter Erfolg. Aus der einen Sendung für den 1. August wurde eine eigene Sendereihe. Ich holte mir damals übrigens die Jasskarten selber, auch die Getränke für die Sendung, natürlich Thurgauer Apfelsaft, nahm ich von zuhause mit. Bald bin ich wieder angegangen worden. Es ging darum, dass man eine Samstagabend-Sendung haben wollte, wie dies in Deutschland beispielsweise schon lange Brauch war. Ich musste mir wieder überlegen, was man tun könnte. Damals war eine Brücke, die Brücke von Hunziken bei Bern, im Medienrampenlicht. Diese Brücke hätte abgerissen werden sollen. Dagegen bildete sich Opposition. Man fing an, sich gegen den Abriss zu organisieren. Ich schlug vor, eine Sendung darüber zu machen. Meine Idee war eine Sendung, die Kulturgut retten half. Mit viel Folklore, Berichterstattung und Unterhaltung machten wir eine erste Sendung und sammelten Geld. Das Konzept ging hervorragend auf. Die Brücke blieb bestehen und die Zuschauer und Kolleginnen und Kollegen waren begeistert. Später retteten wir die Schiffsflotte auf dem Vierwaldstädtersee, die hätte aufgelöst werden sollen, und das Hospiz auf dem Gotthard, das man ins Ausland verkaufen wollte. Die Sendung hiess „Grüezi mitenand“ und war ein Quotenrenner.

Ich verstehe Sie richtig. Es war Ihnen ein Anliegen, innerhalb der Unterhaltung auch zu informieren. Sie nutzten den Rahmen der Unterhaltung, um eine Botschaft ans Publikum zu bringen. Steckt dahinter eine Art Lebenseinstellung?

Meine Arbeit hatte viel mit Journalismus zu tun. Das Handwerk des Journalisten beherrschte ich. Ich bin nie eine Person gewesen, die auf den Tisch steht und einen Witz erzählt. Ich wollte immer auch Bericht erstatten und informieren. Das führte am Fernsehen zu Spannungen. Man meinte, der Kurt Felix würde unter dem Hag durch fressen und als Mitarbeiter der Abteilung Kultur und Wissenschaft die Unterhaltungsabteilung tangieren. Dr. Guido Frei, der damalige Direktor, sprach darauf ein Machtwort und versetzte mich in die Abteilung Unterhaltung. In dieser Abteilung konnte ich den formellen Deckmantel der Berichterstattung, unter dem ich zuvor schon Unterhaltung machte, ablegen. Plötzlich war es mir freigestellt, Unterhaltung zu machen, wie ich sie mir wünschte. Eine meiner ersten Aufgaben war es, für die Sendung „Wünsch Dir was“ mit Vivi Bach und Dietmar Schönherr für die Eurovision ein Kandidatenpaar aus der Schweiz zu leiten und zu begleiten. Das Spiel bestand darin, dass diesen Kandidaten, während sie auf dem Weg ins Studio waren, zu Hause vom Künstler Hundertwasser die Balkone angemalt wurden.

Die Kandidaten wussten das nicht, also eine Art versteckter Kamera…

Genau, die Kandidaten wurden fehlgeleitet. Sie hatten von diesem Vorhaben keine Ahnung. Sie wurden in der Sendung mit ihrem neuen bunten Balkon konfrontiert. Interessant ist nun aber, was hinter der Kulisse nach der Sendung pa"Teleboy" mit Kurt Felix, Foto mit freundlicher Genehmigung von Kurt Felix ssierte. Es gab Reklamationen und grosse Diskussionen zwischen Kandidaten, Fernsehen und Aussenstehenden. Es wurde gar mit Anwälten gedroht. Ich beobachtete die ganze Angelegenheit und dachte, dass das, was hier hinter den Kulissen passierte, doch eigentlich für das Publikum interessant und auch lustig wäre. Tatsächlich dachte ich an eine Sendung mit versteckter Kamera. Ich flog mit Max Ernst, dem damaligen Abteilungsleiter für Unterhaltung beim Schweizer Fernsehen, zurück in die Schweiz. Ich machte ihm den Vorschlag, eine Sendung mit versteckter Kamera zu produzieren. Die Idee war, Kandidaten zu suchen und diese auf dem Weg in die Sendung mit der versteckten Kamera zu konfrontieren. Das war das Grund-Konzept für „Teleboy“. Max Ernst meinte zuerst, dass das schon gemacht worden sei. Tatsächlich machte Chris Howland Ähnliches schon in den Sechzigerjahren. Ich wusste aber, dass in Europa sonst niemand sowas machte. Wir wussten damals noch nicht, wie das Publikum reagieren würde. „Teleboy“ wurde ein riesiger Erfolg. Die Bänder wurden nach jeder Sendung wieder gelöscht, damit sie für andere Sendungen wieder gebraucht werden konnten. Das ist der Grund, warum nur noch wenige Sendungen existieren. „Teleboy“ wurde mit über zwei Millionen Zuschauern nur schon in der Deutschschweiz zu einer Rekordsendung.

Sie waren sehr früh beim Fernsehen und Radio mit dabei. Wenn Sie heute zurückblicken, was denken Sie war der Grund, warum die Schweiz immer etwas hinter Deutschland, aber auch anderen Ländern, hinten nachhinkte? Deutschland hatte damals schon Show-Stars wie etwa Peter Frankenfeld.

In Deutschland waren sehr erfolgreiche Menschen am Fernsehen tätig. Peter Frankenfeld, Joachim Kuhlenkampf oder Victor Torriani, der den „Goldenen Schuss“ moderierte, waren herausragend. Rudi Carell war auch schon mit „Am laufenden Band“ dabei. Die Deutschen waren über alle diese Jahre der Schweiz tatsächlich immer voraus. Erst mit „Teleboy“ konnte die Schweiz einmal in ähnlichen Dimensionen senden. Die Sendung wurde von einer Big Band und einem Showballett begleitet. Quotenmässig war die Sendung in der Schweiz erfolgreicher als Shows in Deutschland. Das fiel den Deutschen auf. Gründe für die Unterschiede liegen vor allem im Geld. Deutschland hatte unermesslich viel mehr Geld für diese Sendungen zur Verfügung. Es müssen für solche Shows Hallen gemietet werden, Prominente und ganze Stäbe von Mitarbeitenden bezahlt werden. Dazu kommt, dass die Deutschen auch in der Sparte Kunst sehr grosse Namen hatten. Es gab einen riesigen Pool von guten Künstlern, die zur Verfügung standen.

Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Schweizer in Deutschland einen solch grossen Erfolg haben kann. Wie erklären Sie sich Ihren persönlichen Erfolg in unserem Nachbarland?

In einer Quer-Sendung mit Röbi Koller wurde gesagt, dass man als Schweizer einen gewissen Bonus in Deutschland geniessen könne. Ich teile diese Meinung nicht. Wer in Deutschland Erfolg haben will, muss gute Leistungen erbringen und die Spielregeln kennen. Einige Sendungen von „Teleboy“ wurden in Deutschland damals vom Südwestfunk (SWF) ausgestrahlt, notabene auf Schweizerdeutsch. Das gefiel den Deutschen. Ich machte später einen Beitrag für das Schweizer Fernsehen für die Rose D’Or in Montreux. Ich gewann mit der Sendung „That’s TV“ zwei Rosen. Dazu muss ich eine Klammer öffnen: Max Ernst meinte, wir bräuchten wieder einmal eine Rose in der Schweiz. Er wollte, dass ich ihn nach Montreux begleite und mich umsehe. Ich war mir schon bei der Anreise im Klaren, dass ich nicht Montreux selber, sondern die Jury anschauen musste. Ich musste verstehen, wer diese Entscheidträger sind und wie sie funktionieren. Am Abend sassen diese Jury-Mitglieder zusammen und lachten über das Fernsehen und über Pannen, die ihnen selber passiert sind. Ich entschied kurzerhand, eine Ulk-Sendung über das Fernsehen zu machen, zusammen mit dem Regisseur Max Sieber. Schon als die Sendung im Vorfeld lief, meinte Max Ernst, es würde nach Rosen riechen (lacht). Die Jury erkannte sich in ihrem eigenen Medium und wir bekamen unsere ersehnte Rose. Gleichzeitig wurde uns für die lustigste Sendung des Jahres der Chaplin-Preis verliehen. In Montreux, und nun komme ich wieder auf Ihre Frage zurück, wurde ich von einem deutschen Medienmann, dem Chef des Süddeutschen Rundfunks, angesprochen. Er wollte mich für eine Sendung in Deutschland gewinnen.

Das ist einer der Zufälle, von denen Sie eben gesprochen haben, die im Leben ebenfalls ausschlaggebend sind.

Genau so war das. Der Kontakt mit dem Chef einer grossen Fernsehanstalt in Deutschland war ein völliger Zufall. Beide waren wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort, ich präsentierte die richtige Sendung und reagierte im Gespräch mit ihm richtig.

Sie kündigten Ihre Stellung in der Schweiz und machten in Deutschland die Sendung „Verstehen Sie Spass?“, die wohl erfolgreichste Fernsehsendung, die in Deutschland je produziert worden ist.

"Verstehen Sie Spass?" mit Kurt Felix, Paola, Karl Dall, Dieter Reiht und Pit Krüger, Copyright by Süddeutscher Rundfunk Stuttgart, Aufnahme: Hugo Jehle
 
ARD-Rekordquoten 1980-1990: "Verstehen Sie Spass?" mit
Kurt Felix, Paola, Karl Dall, Dieter Reiht und Pit Krüger.

Copyright by Süddeutscher Rundfunk Stuttgart, Aufnahme: Hugo Jehle

Wir hatten damals mehr Zuschauer als „Wetten, dass..?“. Wir hatten nur schon in Westdeutschland mehr als 20 Millionen Zuschauer. Heute gibt es das nur noch bei Fussballendspielen. 1990 waren meine 25 Jahre Arbeit dann vorbei. Ich hatte Glück, dass meine Frau und ich auf dem Höhepunkt unserer Karriere aufhören konnten. Die Sendung sollte weiterlaufen und wurde umgekrempelt.

Wir haben mit vielen Interviewpartnern über die Qualität der Medien gesprochen. Es ging auch um Boulevardisierung der Medien. Wie sind Sie selber dem Boulevard gegenüber eingestellt? Sie haben noch bis vor Kurzem Kolumnen für ein Boulevardblatt, den „Blick“, geschrieben.

Ich verfolge diese Diskussionen auch und bin ebenfalls kritisch eingestellt. Es gibt Grenzen, die man nicht unterschreiten darf. Es hat sich aber in den letzten Jahren sehr viel verändert im Fernsehen, auch zum Positiven. Ich begrüsse das sehr. Generell bin ich aber über die Boulevardisierung nicht nur unglücklich. Ich hatte lange Zeit den Eindruck, als wären die Journalisten und Feuilletonisten eine Familie und Klasse für sich. Sie haben für sich und für ihre Kollegen geschrieben. Auch war viel für das Publikum unverständlich. Ich finde es nicht schlecht, dass man heute als Journalist eine Sache kurz und prägnant darstellen können muss. Das ist oft schwieriger, als lange Leitartikel zu schreiben. Ich habe lange Zeit Kolumnen für viele Schweizer Zeitungen geschrieben. Die Begrenzung der Zeilenzahl stellte mich dabei immer wieder vor grosse Herausforderungen. Ich musste mit einer bestimmten Anzahl von Zeilen eine Botschaft rüberbringen. Eine Botschaft, die man versteht. Die vielen Schreiber aus der subventionierten Hochkultur kamen mit solchen Vorgaben in Bedrängnis. Ich will damit sagen, dass sich heute Journalisten und Moderatoren grosse Mühe geben müssen, das Publikum anzusprechen und nicht einfach nur etwas zu machen, das sie selber als gut erachten. Wer mehr haben will, findet Sendungen, die mehr bieten und kann auch ein Buch oder einen Fachartikel lesen. Mir passen die ganzen Geschichten um Sex und Crime aber auch nicht und ich finde vieles verwerflich, das heute produziert wird. Im Bereich der versteckten Kamera habe ich heute meine liebe Mühe. Die Gags unterscheiden sich von dem, was wir früher gemacht hatten. Wir machten damals Streiche. Heute sind viele Sendungen brutal und gemein. Wir hätten das nicht gemacht.

Ich höre aus Ihren Aussagen deutliche Grenzen des Boulevards und der Unerhaltung, die Sie nicht überschritten haben möchten. Sie haben hinter die Kulissen solcher Sendungen und deren Macher gesehen. Was sind das für Menschen, die solche Sendungen produzieren? Sind diese Fernsehmacher selber in ihrem Leben etwas beschränkt?

Nein, dem ist nicht so. Diese Menschen sind in der Regel blitzgescheit und machen diese Sendungen aus purem Kalkül. Sie haben das Medienverständnis und wissen, was Zuschauer anzieht. Es entsteht aus diesem Kalkül heraus sehr viel Menschenverachtendes. Damit meine ich vor allem Sendungen, die alle moralischen und ethischen Grenzen missachten. Das ist eine Art von Boulevardisierung, die ich nicht akzeptiere.

Wie steht es mit den Kandidaten, die sich für solche Sendungen hingeben und dem Publikum, das diese Sendungen anschaut?

Lassen Sie es mich so ausdrücken. Sie sind wohl diametral anders gepolt als die blitzgescheiten Fernsehmacher (lacht).

Wir sind in einer Krise, die auch diese Menschen zwischenzeitlich in ihren Stuben erreicht hat. Sie selber haben als Medienschaffender mehrere Krisen miterlebt und konnten in dieser Zeit hinter die Kulissen der Medien schauen. Was beobachten Sie in Bezug auf das Fernsehen, wenn eine Krise herrscht? Wir haben mit einem der bekanntesten Filmkritiker aus USA, Emanuel Levy, über dieses Thema gesprochen. Er meint, dass Menschen sich in Bezug auf Spielfilme vermehrt von der Realität verabschieden würden und beschrieb, was in den dreissiger Jahren im Filmgeschäft passierte.

Ich glaube nicht so ganz an diese Theorie, zumindest nicht in Bezug auf das Fernsehen. Das öffentlichrechtliche Fernsehen bekommt in Bezug auf die Informationen wieder einen grossen Glaubwürdigkeitsschub. Man konnte das beim kürzlich erfolgten Flugzeugabsturz einer Air France-Maschine erkennen. Die Menschen suchten bei den öffentlichrechtlichen Fernsehstationen nach glaubwürdigen und hintergründigen Informationen. Es sind diese Sender, die ein grosses Korrespondentennetz und sehr erfahrene Mitarbeitende und Journalisten haben. Wenn heute jemand von der Krise profitiert, dann sind das diese Fernsehanstalten und nicht die Spielfilmabspielkanäle.

Sie sagen damit, dass die Privatsender in Bezug auf die Qualität in einen gewissen Zugzwang versetzt werden.

Die Privatfernsehen müssen sich Gedanken machen, und sie werden vermehrt in einen Zugzwang kommen. Ich selber informiere mich auch so, wie eben beschrieben. Will ich etwas Hintergründiges erfahren, dann entscheide ich mich für die öffentlichrechtlichen Fernsehstationen. Ich will dann kein Infotainment sehen, sondern Facts. Ich will Vor-Ort-Berichte und gescheite Diskussionen haben.

Was halten Sie in diesem Zusammengang von der zurzeit in den Medien diskutierten Subventionierung von Zeitungen, um die Medien- und Meinungsvielfalt aufrechtzuerhalten?

Es kommt mir dabei ein Kommentar des Medienjornalisten Kurt W. Zimmermann in der Weltwoche in den Sinn. Er meinte in seinem Artikel, dass sich die Zeitungen in einer Krise wieder auf ihre Kernkompetenzen zurückbesinnen müssten. Der Kommentar war hart. Ich teile nicht alles, was er sagt, bin jedoch mit der Stossrichtung einverstanden. Die Zeitungen bieten heute alles, was man bieten kann, von Life Style bis hin zu Müesli-Rezepten. Das ist meines Erachtens nicht die Aufgabe der Zeitung. Die Aufgabe der Zeitung ist es, zu informieren. Die Zeitungen müssen wieder zu diesem Informationsauftrag zurückfinden und aufhören, den „Regenbogenheftlis“ den Rang abzulaufen. In diesem Sinne halte ich diese Krise für ein reinigendes mediales Gewitter. Ich habe beobachtet, wie in St. Gallen Zeitungen verschwunden sind. Es gab die „AZ“, „Die Ostschweiz“ und das „St. Galler Tagblatt“. Heute gibt es nur noch Letzteres. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass ich weniger gut informiert bin als früher. Im „St. Galler Tagblatt“ schreiben viele Menschen aller politischer Couleurs. Es wird heute abgebaut. Das Geld wird knapp. Eine Zeitung muss versuchen, sich selber gut zu informieren und sich auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren. Die Kernkompetenz beispielsweise von einer Regionalzeitung ist die Berichterstattung über die Region. Davon leben diese Zeitungen und auch diese Arbeit muss qualitativ hochwertig sein. Einer Subventionierung von Zeitungen gegenüber bin ich darum sehr skeptisch eingestellt.

Herr Felix, gerne möchte ich zurückkommen zum Medium Fernsehen. Was werden in Zukunft Tendenzen sein, mit denen wir in Bezug auf das Fernsehen rechnen müssen?

In mehreren Zeitungen las ich in den letzten Wochen, auch in Zusammenhang mit dem Abgang unserer Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre, dass das Fernsehen eine grosse Baustelle sei. Der O-Ton dabei war oft negativ. Man würde überall Baustellen schaffen und käme zu keinem Ende, konnte man lesen. Ich muss Ihnen sagen, dass das Fernsehen immer eine Baustelle war und auch eine grosse Baustelle bleiben muss. Wenn es keine Baustelle mehr ist, dann ist das Programm langweilig. Es braucht den täglichen Kampf um Qualität und Quantität. Das ist auch etwas das Schicksal dieses Mediums, mehr vielleicht als bei anderen Medien. Ein Fernsehprogramm ist nie fertig. Es entwickelt sich ständig. Es gibt zwei Richtungen, die über die Zukunft des Fernsehens diskutiert werden. Eine Richtung vertritt Helmut Thoma, der wohl genialste Fernsehmacher in Europa, den es je gegeben hat. Er hatte mit dem, was er sagte, immer Recht. Er meint, dass das Internet dem Fernsehen nicht schaden werde. Die Menschen wollten kein interaktives Fernsehen sehen. Sie wollten nach Hause kommen und den Fernseher einschalten, möglicherweise noch etwas hin und her zappen und den Fernseher wieder ausschalten. Andere sagen, das Fernsehen von heute sei vorbei. Es komme das Fernsehen auf Abruf. Wir kennen das heute schon mit Spielfilmen, die man jederzeit abrufen und stoppen kann. Das Fernsehen würde in Zukunft über das Internet geschaut, hört man ebenfalls. Ich glaube, dass Herr Thoma auch in dieser Frage Recht behalten wird. Nach dem ersten neuen technischen Hype wird das Publikum das Fernsehen wieder so nutzen wie in der Vergangenheit. Die Menschen werden zum Normalen zurückkehren und sich an den Optionen erfreuen, die sie haben. Der Umgang mit diesen Optionen ist im Übrigen nicht einfach. Das Angebot ist unendlich gross. Peter Gross, der berühmte Soziologe aus St. Gallen, hat das in seinem Buch „Die Multioptionsgesellschaft“ sehr gut beschrieben. Mehr Vielfalt macht den Menschen nicht unbedingt glücklicher. Das gilt auch für das Fernsehen. Nachdem man einige Wochen tausende von Kanälen gesehen hat, konzentriert man sich wieder auf seine zwei bis drei Stammkanäle. Mir geht das zumindest so.

Frau Deltenre ist von diversen Medien jahrelang stark kritisiert worden, auch vom „Blick“ und von der „Weltwoche“. Sie haben viele Fernsehdirektoren erlebt, auch im Ausland. Was halten Sie von Frau Deltenres Arbeit und ihrem bevorstehenden Wechsel zur European Broadcasting Union in Genf, den man doch als Beförderung und Karriereschritt betrachten muss?

Wer in der Schweiz oder anderswo einen Platz an der Sonne im Fernsehen haben will, kommt am Fernsehdirektor oder an der Fernsehdirektorin nicht vorbei. Das ist eine Tatsache. Die Fernsehdirektorin oder der Fernsehdirektor muss immer „Nein“ sagen. Die Zahl der Vorschläge und Anliegen ist unglaublich gross. Die Menschen müssen somit oft enttäuscht werden. Mit den Jahren kumuliert sich die Anzahl der frustrierten Menschen und es kommt zu grossem Druck auf die Direktion. Am Schluss wird der Fernsehdirektor oder die Fernsehdirektorin entlassen, manchmal sogar mit Schimpf und Schande. Die Sache ist in der Schweiz noch etwas heikler, da ein abgewiesener Anfrager nach einem Frustrationserlebnis nicht einfach, wie in Deutschland, zum nächsten und von dort wieder zum nächsten Sender gehen kann. Die Senderzahl in der Schweiz ist viel kleiner. Ich persönlich finde, dass Frau Deltenre eine ausgesprochen gute Managerin ist und ihre Sache gut gemacht hat. Ihre Beförderung, wie Sie sagen, zeichnet sie und die Schweiz aus.

Sehr geehrter Herr Felix, was wünschen Sie sich für die Schweiz, die Medien und die Medienschaffenden für die Zukunft?

Ich wünsche mir mehr Selbstvertrauen in allen Belangen in diesem Land. Wie wir mit der Krise umgegangen sind, auch in Zusammenhang mit dem UBS-Debakel, war nicht von Selbstvertrauen geprägt. Ich wünsche mir auch Politiker, die dem Volk Selbstvertrauen demonstrieren. Die Schweizerinnen und Schweizer müssen an unser Land glauben, dem es sehr gut geht. Die Menschen müssen lernen, auch etwas zu geben, und nicht nur abzukassieren. Ich stelle diesbezüglich fest, dass sich viele Menschen in der Schweiz viel zuwenig bewusst sind, was für ein privilegiertes Leben wir führen. Christian Anders, ein berühmter Sänger, sagte einmal, das grösste Unglück des Menschen sei, dass er sein Glück nicht erkenne.

Sehr geehrter Herr Felix, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen und Ihrer Frau weiterhin alles Gute!

 

(C) 2009 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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Links
- Homepage von Paola und Kurt Felix
- Kurt Felix auf Wikipedia

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