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Spezialinterview Religionskonflikte: Dr. Peter Oertli

Dr. Peter Oertli
Dr. Peter Oertli
, Jahrgang 1941, ist Managing Partner der OEC Oertli Consulting in Uitikon. Von 1950 bis 1953 besuchte er indische Schulen im Raum Bombay. Seit über 12 Jahren ist er im Board der Swiss-Indian Chamber of Commerce engagiert und berät Firmen beim Markteinstieg in Indien. In den Jahren 2001 und 2006 führte er zwei grosse Executive MBA-Delegationen der Universität St. Gallen durch Indien.
Dr. Peter Oertli antwortet aus seiner persönlichen Sicht auf Fragen, gestellt von Christian Dueblin, zu den derzeitigen politischen Herausforderungen nach den aktuellen Terroranschlägen in Indien.

Sehr geehrter Herr Dr. Oertli, bei kürzlich erfolgten Terroranschlägen auf zwei Luxus-Hotels in Indien sind nach Aussagen der Presse über 180 Personen ums Leben gekommen. Wer steckt hinter diesen Terrorkommandos?

Zunächst bekannten sich die indisch-islamistischen „Deccan Mujaheddins“ zu den Anschlägen, die primär vor Ort vorbereitende logistische Unterstützung boten. Vor voreiligen Schlüssen in Bezug auf die Täterschaft muss aber gewarnt werden! Fast etwas zu schnell wurden als die effektiven Täter zehn bis fünfzehn gebildete Pakistaner identifiziert, die durch die pakistanische Lakshar-e-Taiba ein volles Jahr lang in Waffentechnik und für Terror-Kommandoaktionen professionell ausgebildet worden seien. Über die echten Drahtzieher gibt es zurzeit nur Spekulationen, die von Zellen im pakistanischen Geheimdienst (Inter-Services Intelligence, ISI) bis hin zur El Kaida und innerhalb von Indien unter anderem von der islamistischen Studentenorganisation Students Islamic Movement of India (SIMI) bis hin zur der mit den Naxaliten verbündeten Communist Party of India–Maoist (CPI-Maoist) reichen.

Da im Jahr 2009 Wahlen in Indien anstehen, sind Verschwörungstheorien im Umlauf, die den Auftraggeber der Anschläge in Indien bei rechtsextremen Hindunationalisten wie Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS, die nationale Freiwilligenorganisation) und der Vishwa Hindu Parishad (VHP) vermuten. Sie stehen der rechten Hindupartei Bharatiya Janata Party (BJP) nahe, welche die Macht von der säkularen und moderaten Linkspartei des Indian National Congress (INC) übernehmen will. Der INC, unter Sonia Gandhi, bildet zusammen mit linken Parteien wie der CPI–Marxist die gegenwärtige Regierung mit dem Premierminister - und Sikh - Manmohan Singh.

Was wollen die Terror-Kräfte bewirken?

Der Handels- und Industrieminister Kamal Nath bringt es mit der folgenden, kürzlich von ihm gemachten Aussage auf den Punkt: "The attack and carnage in Mumbai was not merely an attack on a city, but on India, on democracy and a threat to our values and vision".

Die Kräfte wollen Indien politisch destabilisieren und latente Spannungen zwischen Hindus und Muslimen aufheizen sowie die Normalisierungsbemühungen zwischen Indien und Pakistan unterbinden.

Folgendes können sie bewirken: 1. Eine Verlagerung der Aufmerksamkeit von der afghanischen hin zur indischen Grenze Pakistans (mit möglichen Truppenverschiebungen). 2. Demütigung der indischen Regierung und der Sicherheitskräfte. 3. Mit minimalem Aufwand kann ein maximaler Schaden angerichtet werden. 4. PR-Demonstration der Schlagkraft des islamistischen Terrors (als Protest gegen die westliche Globalisierung und Säkularisierung). 5. Erinnerung an das ungelöste Kaschmirproblem. 6. Rücktritt des Innenministers der Indischen Union sowie des Chief Ministers und des Innenministers von Maharashtra nur wenige Tage nach dem Blutbad. 7. Möglich ist zudem der Sieg der rechtsnationalen Hindupartei BJP bei den Wahlen 2009.

Wie müssen wir uns die Muslime in Indien denn vorstellen? Handeln und denken sie wie Muslime im nahen Osten oder in Saudi Arabien oder unterscheiden sich diese Menschen in irgendeiner Art und Weise voneinander?

Auf dem riesigen Subkontinent gibt es rund 160 Millionen Muslime. Die seit über 1000 Jahren in Indien ansässigen Muslime sind tendenziell toleranter als die von Ihnen genannten. Als die zentralasiatischen Eindringlinge im Mittelalter Teile von Nordindien eroberten, gab es nicht nur Tod und Verderbnis, sondern es kam auch zu einer gegenseitigen kulturellen Befruchtung, die in der höchst toleranten Mogulkultur von Grossmogul Akbar dem Grossen gipfelte. An dessen Hof gab es Muslime, Juden, Christen und Hindus, die in Harmonie zusammenlebten. Später kam es immer wieder zu Konflikten zwischen Hindus und Muslimen, so auch 1947 als die Aufteilung des Subkontinents in einen indischen und einen pakistanischen Teil zu massiven Massakern führte. Die Konflikte gingen weniger von der Bevölkerung aus als von den herrschenden Fürsten, religiösen Eiferern und Politikern. Sie stachelten die Menschen an, um ihre politischen Ziele zu erreichen und ihre Macht auszubauen. Die Regel war und ist aber ein friedliches Zusammenleben unter indischen Landsleuten. Um dies zu unterstreichen, weigerte sich der Muslim Council von Mumbai, die Leichen der gefallenen Terroristen auf indischem Boden zu bestatten. Er möchte diese – unter Zustimmung der Muslime und Hindus – im Meer versenken oder nach Pakistan zurückspedieren.

In welchen Bevölkerungsschichten Indiens sind die Muslime meist anzutreffen?

Die Mehrheit stammt aus ungebildeten und armen Bevölkerungsschichten. Diese werden oft diskriminiert. Muslime mit Bildung haben jedoch alle Chancen, im säkularen und multikulturellen Indien aufzusteigen. So ist einer der reichsten Industriemoguln, der Wipro-Konzerninhaber, Azim Premji, ein Muslim. Auch der von allen Indern hoch geschätzte ehemalige Präsident Indiens, Dr. A. P. J. Abdul Kalam, ist ein Muslim. Er hat sogar massgeblich im indischen Rüstungs- und Raketenprogramm mitgewirkt. Ähnlich wie in den USA ist der "Indian Dream" der „Tellerwäscherkarriere“ möglich, aber im Grossen und Ganzen gesehen eher eine Ausnahme.

Was kann Indien, ein Land, in dem über eine Milliarde Menschen leben, gegen diese Art von Gewalt tun?

Das Wichtigste ist Bildung! Ohne Bildung gibt es keine guten Jobs mit einem vernünftigen Auskommen und kein gegenseitiges Verständnis. Die Infrastruktur für die elementarsten Bedürfnisse ist zudem sicherzustellen, nicht nur für die Ärmsten, sondern auch für die Industrie, die Landwirtschaft und das Handwerk. Dringend sind des Weiteren ein politischer Konsens zwischen extremen Positionen sowie die Ausmerzung der ineffizienten Bürokratie und der grassierenden Korruption. Das alles bedingt politische Führungspersönlichkeiten vom Format eines Mahatma Gandhi, die dafür sorgen, dass nicht nur die Wirtschaft wächst, sondern eben auch den Ärmsten wirklich geholfen wird.

Obwohl sich seit der Liberalisierung der indischen Wirtschaft seit 1991 der Anteil der Armen innert fünfzehn Jahren von zwei Dritteln der Bevölkerung auf einen Drittel reduzierte, leben in Indien heute noch immer 350 Millionen sehr arme Menschen. Die ärmsten Schichten der Bevölkerung, Hindus wie Muslime, haben noch zu wenig vom Wirtschaftsboom profitiert, im Gegensatz zur stark wachsenden Mittelschicht und den Reichen.

Ist davon auszugehen, dass es in den nächsten Monaten zu weiteren Terroranschlägen kommt, und was bedeutet das für die Wirtschaft insbesondere den Tourismus?

Wie auch bei uns in Europa wird es in Indien immer wieder vereinzelte Terroranschläge geben, selbst wenn Lücken im Sicherheitssystem behoben werden sollten. Der jüngste Vorfall war besonders spektakulär, da erstmalig auch Ausländer betroffen waren. Da wir erst am Anfang der Tourismus-Saison 2008/2009 stehen, wird der Tourismus speziell in der Region Mumbai leiden, weniger aber in Delhi, Rajasthan, Agra, Goa, Chennai und Kerala. Nach einigen Monaten wird wahrscheinlich auch im Mumbai-Tourismus wieder "business as usual" einkehren.

Auf die Wirtschaft werden sich die jüngsten Anschläge weniger stark auswirken, ganz im Gegensatz zur weltweiten Wirtschaftskrise, die sich derzeit auch in Indien bemerkbar macht.

Wir haben vor einiger Zeit zusammen die Möglichkeit gehabt, den damaligen indischen Präsidenten, Dr. A. P. J. Abdul Kalam, persönlich kennenzulernen. Auf die Frage, wie man mit einem solch grossen Vielvölkerstaat und mit der grossen Not in Indien als Präsident fertig werden könne, meinte er, dass sich die Probleme nur über Jahrzehnte und über Generationen lösen liessen. Die grössten Herausforderungen sah er in der Frage der Energiepolitik und der Bildung. Was muss Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahrzehnten in Indien alles passieren, um den Frieden bewahren zu können?

Die Forcierung des Bildungssystems auf allen Ebenen, speziell für die Armen, ist wie gesagt, sehr zentral. Weitere Herausforderungen sind der Ausbau der Infrastruktur, die der wirtschaftlichen Entwicklung hinterherhinkt. Hier geht es vor allem um die ausreichende Versorgung mit sauberem Trinkwasser sowie um den Ausbau von erneuerbaren Energien, um dadurch die Abhängigkeit von Erdölimporten zu reduzieren. Schliesslich müssen auch die durch das Wirtschaftswachstum verursachten Umweltprobleme angegangen werden. Wesentlich ist auch der organische Ausbau der Landwirtschaft. Um das konstante Verderben von 30% aller Nahrungsmittel zu vermeiden sind dringend nachhaltige Verfahren zur Konservierung dieser Güter nötig. So können Arbeitsplätze geschaffen und das Elend, eine der Hauptursachen des Terrorismus, reduziert werden.

Wie kann Indien von anderen Ländern unterstützt werden? Was können andere Länder tun?

Indien wird kaum durch Almosen geholfen, sondern nur durch eine konsequente Intensivierung des Handels und des Technologietransfers. Im gegenseitigen Interesse hat Bundesrätin Doris Leuthard kürzlich Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen Schweiz-Indien mit Minister Kamal Nath aufgenommen, das voraussichtlich im Jahr 2009 unterzeichnet wird. Leider bezieht sich dieses Abkommen jedoch nur auf den Freihandel von Industriegütern und IT-Dienstleistungen, aber kaum auf landwirtschaftliche Produkte. Gerade im Sektor der Landwirtschaft benötigt Indien jedoch Unterstützung durch freien Handel mit reichen Importländern, denn 70% der ärmsten Inder leben auf dem Land. Hier weigert sich eine kleine aber starke Lobby von Schweizer Bauern, sich innovativ dem internationalen Wettbewerb mit neuen Produkten zu stellen. Verlierer sind hier meines Erachtens nicht nur die indischen Bauern, sondern auch die zu vielen "working poor" in der Schweiz, die durch überhöhte Nahrungsmittelpreise besonders benachteiligt werden. Im Gegensatz dazu verhielten sich die Bauern in Österreich mutiger und wurden hierfür durch Exporterfolge belohnt.

Wie wird sich der Terrorakt auf die ausländischen Investoren in Indien und auf die wirtschaftliche Entwicklung Indiens - etwa im Vergleich zu China - auswirken?

Es ist durchaus möglich, dass sich einige ausländische Investoren kurzfristig von den Anschlägen abschrecken lassen. Nach Beruhigung der Lage und nüchterner Analyse der Fundamentaldaten wird man gerade heute, am Anfang der sich anbahnenden Weltwirtschaftskrise, feststellen, dass Indien nach wie vor einer der attraktivsten Investitionsmärkte ist. Obwohl auch die indische Börse stark eingebrochen ist, sprechen unter anderem folgende Faktoren für Indien: 1. Indien profitiert von einem riesigen, vom Ausland fast unabhängigen Binnenmarkt, da der Exportanteil von 20% im Vergleich zu China gering ist. 2. Der Schutz des geistigen Eigentums (IPR) kann, im Gegensatz zu China, auf gerichtlichem Weg durchgesetzt werden. 3. Indien ist seit 61 Jahren die grösste Demokratie mit einer erstaunlichen politischen Stabilität. 4. Dank seiner konservativen und stark kontrollierten Finanzpolitik hat Indien die Asienkrise von 1997-1998 ohne Neuverschuldung und ohne nennenswerte Schäden überstanden. Von der gegenwärtig anlaufenden Wirtschaftskrise 2008-2010 könnte sich Indien damit noch vor China erholen.

Sehr geehrter Herr Dr. Oertli, ich bedanke mich für die Beantwortung der Fragen und wünsche Ihnen weiterhin alles Gute und viel Erfolg!

(C) 2008 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.
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Links:
- Swiss-Indian Chamber of Commerce
- OEC Oertli Consulting, Reiche und Arme in Indien,
- HSG Delegation in Indien 2006

 

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