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Angela Rosengart im Gespräch mit Christian Düblin

Angela Rosengart Angela Rosengart, geboren 1932 in Luzern, stammt aus einer Kunsthändler-Familie. Schon als junges Mädchen arbeitete Angela Rosengart zusammen mit ihrem Vater, Siegfried Rosengart, im Kunsthandel. Nach dem Tode ihres Vaters 1985 führte sie den Galerie-Betrieb weiter. 1992 gründete sie die Stiftung Rosengart, der sie als Präsidentin vorsteht und der sie ihre während Jahrzehnten entstandene, über 200 Werke umfassende Bildersammlung übertrug. Seit 2002 befindet sich die Sammlung Rosengart im von ihr für ihre Stiftung gekauften ehemaligen Gebäude der Schweizerischen Nationalbank im Zentrum von Luzern und ist öffentlich zugänglich. Angela Rosengart, die auch Leiterin des Museums ist, antwortet auf Fragen von Christian Dueblin und erzählt von ihren Lieblingsmalern Paul Klee und Pablo Picasso sowie über die Geschichte der Galerie Rosengart in Luzern.

Christian Dueblin: Ihr Vater wurde 1920 von Heinrich Thannhauser, seinem Onkel, der in München eine renommierte Galerie betrieb, nach Luzern gesandt, um in dieser Stadt eine Filiale der Münchner Galerie aufzubauen und zu führen. Sie sind aufgrund der Beschäftigung Ihres Vaters schon in früher Kindheit mit Kunst und mit sehr bekannten Malern in Kontakt gekommen. Was sind Ihre ersten Erinnerungen an Luzern und Kunst?

Angela Rosengart: Ich nahm als Kind die Kunst nur ganz am Rande wahr. Als ich etwa vier Jahre alt war, begann mein Vater, mich mit ins Museum in Luzern zu nehmen. Ich erinnere mich, dass er sich dort häufig mit Bekannten unterhielt und ich plötzlich nur noch Nebenperson war. Das ärgerte mich, und ich sagte meinen Eltern nach einem solchen Besuch, ich würde nie mehr in ein Museum gehen (lacht). Das gehört zu meinen frühen Kindheitserinnerungen bezüglich Kunst.

Was waren die Gründe, dass Heinrich Thannhauser Ihren Vater in die Schweiz na
ch Luzern schickte und nicht in eine Weltmetropole wie Paris, London oder Rom?
Heinrich Thannhauser. Publikation mit freundlicher Genehmigung von Angela Rosengart
1919, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, war es sehr schwierig geworden, von Deutschland aus Geschäfte zu machen. Der Onkel wusste, dass viele reiche Amerikaner in Luzern und Umgebung Ferien machten und in den schönen Hotels am See abstiegen, Ausflüge unternahmen und sich für Kunst interessierten. Sie hatten Geld und konnten Bilder kaufen. Es gab damals auch noch andere deutsche Galerien in Luzern. Man dachte, je mehr solche Galerien in Luzern angesiedelt seien, desto mehr Gäste würden in die Stadt kommen und Kunst kaufen.

Die Sammler gingen damals, wie mir mein Vater erzählte, nach Paris aber auch nach Luzern, um Bilder zu erstehen. Beide Orte waren eine Art „Mekka“ des blühenden Kunsthandels. Es gab auch französische Galerien in Luzern. Aufgrund des Börsenkrachs von 1929 und der darauf folgenden Wirtschaftskrise sahen sich jedoch die meisten Galerien gezwungen, ihre Tätigkeiten in Luzern einzustellen. Die vielen solventen Touristen und potentiellen Käufer von Kunst aus Amerika reisten plötzlich nicht mehr nach Europa und nach Luzern. Die betroffenen Galerien gingen zurück in ihre Heimatländer, mit Ausnahme meines Vaters, der sich entschied, in Luzern zu bleiben.

Hatte Ihr Vater ein spezielles Geschäfts-Modell, an dem er sich orientierte, das den anderen Galerien überlegen war und seine Geschäfte trotz Wegbleibens der Sammler sicherte?

Er musste oder wollte sich nicht neu orientieren. Das Geschäft lief weiter, aber mit dem Ausbleiben potentieller Käufer eben sehr reduziert. Bereits ab 1928 war die Firma auf den Namen meines Vaters eingetragen worden, und 1938 trennte er sich definitiv von der Familie in Deutschland. Er war nicht wohlhabend und hatte am Anfang durch die Krise grosse Schwierigkeiten. Ich weiss aus seinen Erzählungen, dass er eines Tages während dieser schweren Zeit einen Van Gogh zum halben Einstandspreis verkaufte und sich dabei noch glücklich schätzte, überhaupt wieder zu etwas Kapital zu kommen. Erst etwa 1938 zog das Geschäft mit der Kunst wieder an. Zu dieser Zeit konnte er wichtige Kunden gewinnen und bekam so etwas mehr Luft.

Viele Bilder, für die man heute unglaubliche Summen bezahlt und die von vielen Menschen bewundert werden, waren damals „Stein des Anstosses“. Vor allem jüngere Maler hatten grosse Schwierigkeiten, sich mit ihren neuen Kunst-Stilen durchzusetzen. Wie wirkte sich das im Handel mit Bildern aus? War es nicht auch ein Risiko, sich für diese jungen Künstler einzusetzen?

Das muss man differenziert betrachten. Die Impressionisten hatten von 1870 bis etwa 1890 eine sehr schwierige Zeit. Ihre Kunst wurde damals verlacht. Man war der Meinung, dass der impressionistische Stil keine Malerei sei. Nach 1910 waren sie aber bereits von einem breiten Publikum geschätzt, und die Bilder wurden rege gehandelt. Die jungen Maler von damals jedoch, also der 10er- und 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts, wie Pablo Picasso, Georges Braque, Marc Chagall und Paul Klee kämpften noch um Anerkennung.

Mein Vater handelte damals mit Impressionisten, aber er kümmerte sich auch um diese jungen Maler, deren Talent und Qualität er erkannte. Er kaufte und verkaufte Werke u.a. von Cézanne, Manet, Monet, Pissarro, Renoir, bedeutenden Impressionisten, die auf dem Markt gefragt waren. Das Geld, das die Galerie mit diesen Bildern verdiente, gab eine gewisse Freiheit für den Handel mit jungen Künstlern wie Matisse und Picasso. Es dauerte wie bei den Impressionisten im 19. Jahrhundert wieder viele Jahre, bis auch diese jungen Talente akzeptiert wurden. Es bedurfte nebst der Begabung, Qualität zu erkennen, tatsächlich Mut und einer gewissen Risikofreude, diese Bilder anzubieten.

1933 wurde es in Deutschland aufgrund der politischen Lage für viele Menschen sehr schwierig. Der Maler Paul Klee meinte damals, als er von Düsseldorf in die Schweiz kam, dass es in Deutschland nach Leichen rieche. Er schien vorauszusehen, was später an Elend und Schrecken folgen sollte. Was ging in dieser Zeit in Ihren Eltern vor, die all das aus der Schweiz beobachteten?

Paul Klee: Mountain Village. Mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Rosengart, Angela Rosengart, Luzern Klee war damals sehr betroffen. Er war zwar nicht jüdisch, aber man zählte ihn zu den sogenannten entarteten Künstlern, was dazu führte, dass er seine Stelle als Professor an der Akademie in Düsseldorf sofort nach der Machtübernahme der Nazis verlor. Mein Vater war im Kunsthandel mehr Richtung Frankreich orientiert. Dort pflegte er auch gute Kontakte zu Malern und Händlern. Klee, der bis 1933 in Deutschland wohnte und arbeitete, war eine Ausnahme. In Frankreich war die Lage nicht so schlimm wie in Deutschland. Die vielen Künstler wurden zwar von den Deutschen verfemt, aber von den eigenen Landsleuten nicht verfolgt und angegriffen, wie das in Deutschland nach 1933 der Fall war. Die Expressionisten waren am meisten von dieser Kampagne betroffen. Gerade ihre Kunst erschien den Machthabern als entartet. Das galt sogar für Van Gogh oder Gauguin.

Paul Klee muss ein sehr vielseitiger Künstler gewesen sein. Schon in jungen Jahren fiel er als begnadeter Musiker auf. Er war auch schriftstellerisch tätig, hat Vorträge über Kunst gehalten, und natürlich war er ein sehr guter Maler, der alle Techniken beherrschte. Was hat Sie an Klee als Kind so fasziniert?

Paul Klee: Doppelzelt. Mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Rosengart, Angela Rosengart, Luzern Paul Klee war ein hervorragender Violinist. Seine Gattin war Klavierlehrerin. Ich habe ihn leider nie getroffen. Als er starb, war ich erst acht Jahre alt.

Ich kann nicht genau sagen, warum mich seine Kunst so anzog. Etwas an seinen Bildern hatte mich fasziniert. Mit dreizehn Jahren sah ich in der Galerie meines Vaters eine Klee-Ausstellung und war von dieser Welt der Farben und Formen hingerissen, auch von der Poesie und dem Humor seiner Bildtitel. Ich erinnere mich, dass ich das Herz von Klees Witwe, Lily Klee, eroberte, weil ich alle Bildtitel in der Ausstellung auswendig wusste und aufsagen konnte. Ich war völlig in dieser Welt zuhause und hatte zu jedem Werk eine besondere Beziehung.

Natürlich habe ich die Bilder damals noch nicht in einem intellektuellen Sinne verstanden. Das tiefere Verständnis dafür hat sich erst viel später entwickelt.

Zwischen der Tätigkeit des Kunsthandels und des Sammelns von Kunst kann es, so denke ich mir, zu Spannungen kommen. Was man kauft, muss man in der Regel auch weiterverkaufen. Ich könnte mir vorstellen, dass viele Entscheide, ein Bild wieder zu verkaufen, nicht einfach waren. Wie gingen Sie mit dieser Spannung und Schnittstelle zwischen Kunst und Kommerz um?

Es sind nicht Schnittstellen, sondern es geht darum, wie man das Geschäft angeht und betreibt. Als ich für meinen Vater zu arbeiten anfing, schärfte er mir ein, dass der Beruf des Kunsthändlers nur Sinn mache, wenn man ihn mit aller Liebe und mit dem Herzen ausübe. Man müsse Bilder so aussuchen, als wären sie für die eigenen Wände bestimmt. Es ging somit im Handel nicht nur um das Geschäft und pekuniäre Interessen. Hinter dem Geschäft steckten ein konstanter Qualitätsanspruch und eine Leidenschaft. Wenn man auf diese Weise arbeitet, dann gibt es immer wieder Werke, die einem so lieb werden, dass man sich nicht mehr entschliessen kann, sie wegzugeben. Man ist überzeugt von der Bedeutung eines Bildes und hat das Bedürfnis, es weiter um sich zu haben.

Es kamen natürlich viele Kunden und Besucher, welche die Qualität und Wichtigkeit damals nicht
Paul Klee: X-chen. Publikation mit freundlicher Genehmigung von Angela Rosengart. verstanden. Ich erinnere mich, dass ein Kunde, dem mein Vater einen wunderbaren Picasso aus dem Jahre 1922 gezeigt hatte, für das Bild 36'000 Franken bot. Der Preis, den mein Vater dafür genannt hatte, war 45'000 Franken. Dieses Vorgehen des Kunden hat ihn so sehr verärgert, dass er ihm beschied, das Bild sei jetzt nicht mehr verkäuflich. Er erkannte, dass der Kunde sich des Stellenwertes des Bildes nicht bewusst war. Heute hängt es im Museum der Stiftung Rosengart.

Das erinnert mich an einen anderen Vorfall: 1948 organisierte mein Vater in der Galerie wieder eine Klee-Ausstellung. Ich war gerade im Büro, und mein Vater empfing einen Kunden. Plötzlich kam er zu mir und sagte, er habe nun wirklich befürchtet, der Kunde wolle ein Klee-Bild kaufen, das ihm besonders lieb war. Er hatte Angst, das Bild weggeben zu müssen. Ich schlug vor, es auf die Seite zu stellen, und wir behielten es definitiv. Auch das „Eingezäunte“ hängt heute im Museum.

Kam es auch vor, dass Sie und Ihr Vater auf Wunsch von Kunden spezielle Bilder auf dem Markt oder bei Künstlern gesucht haben?

Nein, das gab es bei uns eigentlich nicht. Wir haben immer nur für uns gekauft und dann die Käufer gesucht. Die Galerie war an der Haldenstrasse beim Hotel National, und die Türe ging auf die Strasse. Die Menschen liefen an unserem Laden vorbei, kamen etwa herein, und wir präsentierten unsere Werke. Manchmal hat man sich Notizen gemacht. Wir wussten beispielsweise, welche Art von Picasso-Bild ein Kunde mochte und machten ihn dann auf neue Bilder aufmerksam.

Diese Bilder kosteten damals zwar auch viel Geld, aber sie waren noch erschwinglich. Heute verhält sich das ganz anders. Viele dieser Bilder wechseln die Eigentümer für Zigmillionen Dollar. Was halten Sie von dieser Entwicklung der Preise auf dem Kunstmarkt?

Einige zehntausend Franken waren damals Beträge, die sich gewisse Leute leisten konnten, auch ohne im Lotto gewonnen zu haben. Heute ist das leider anders. Genau genommen finde ich das abstossend. Diese Entwicklung ist schlicht widerlich. Die Bilder sind sozusagen nur noch Aktien oder seelenlose Gegenstände, die gehandelt werden wie Öl oder Zucker!

Mein Vater wurde von einem Kunden einmal gefragt, ob ein Bild, für das sich der Kunde interessierte, sich im Wert auch steigern würde. Mein Vater antwortete ihm, dass er statt Kunst besser Aktien oder Goldbarren kaufen sollte, wenn er so denke!

Heute werden viele Bilder in die ganze Welt verkauft. Man findet sie in Russland, Dubai oder in China wieder. Die Preise sind oft astronomisch. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie solche Deals auf dem Kunstmarkt verfolgen?

Ich bin völlig frustriert! Ich selber kann im Handel gar nicht mehr mitmachen.

Ich habe das Spätwerk von Picasso immer geliebt und gekauft. Viele Menschen waren damals aber der Ansicht, dass diese Spätwerke qualitativ schlecht seien. Auch Freunde von Picasso lehnten sie ab. Mein Vater und ich waren jedoch immer überzeugt, dass die Werke auf gleich hohem Niveau wie die früheren waren. 1969 zeigten wir eine Ausstellung mit grossartigen Spätwerken von Picasso. Unsere Kunden – Sammler und Museumsleute – standen jedoch verständnislos davor. Erst lange nach Picassos Tod hat man angefangen zu erkennen, welche Kraft in diesen Spätwerken steckt. Daher konnte ich noch lange Zeit zu erschwinglichen Preisen Bilder kaufen.

Was muss man sich denn unter einem erschwinglichen Preis vorstellen?

Eines der grossen Picasso-Bilder im Saal mit den Spätwerken im Museum war damals mit 450'000 Franken angesetzt.

Was würde das Bild denn heute lösen, würden Sie es verkaufen oder versteigern lassen?

Ein Vielfaches davon! Die Qualität des Bildes ist aussergewöhnlich.

Irgendwann wird die Preisentwicklung wahrscheinlich wieder normal werden. Es gibt nicht viele Menschen auf der Welt, die so viel Geld ausgeben können.

Kam es vor, dass man einen Kunden für ein Bild als nicht oder zu wenig würdig einstufte und ihm ein Bild nicht verkaufte?

Es kamen viele Menschen in die Galerie. Einige Bilder hingen an der Wand. Andere aber waren in einem Kämmerchen aufbewahrt. Man zog dann die Bilder heraus, die man zeigen wollte oder die Kunden speziell zu sehen wünschten. Es kam schon vor, dass wir gewissen Leuten nicht alles zeigten. Mein Vater hatte ein gutes Gefühl, wo ein Bild hingehören könnte und wo nicht. Wir wollten Bilder immer „placieren“ und nicht einfach verkaufen.

Es gibt andere Kunsthändler in der Schweiz, die ebenfalls weltweiten Ruhm geniessen. Zu diesen Personen gehört auch Ernst Beyeler mit seiner mittlerweile weltberühmten Fondation in Riehen. Hatten Sie mit anderen Kunsthändlern in der Schweiz Kontakt?

Mein Vater pflegte freundschaftlichen Kontakt mit vielen Kollegen. Ernst Beyeler begann aber seine Tätigkeit erst viel später, als mein Vater schon viele Jahrzehnte im Geschäft war. Wir hatten nicht so viel Kontakt mit ihm. Da wir aber alle im Kunsthandelsverband der Schweiz waren, hat man sich doch an den Anlässen des Verbandes in regelmässigen Abständen getroffen. Mein Vater und ich haben auch die Ausstellungen in seiner Galerie besucht. Und auf Einladung von Ernst Beyeler war ich an der Eröffnung der Fondation Beyeler in Riehen dabei.

Geschäfte zwischen Kunsthändlern gab es. Das war teilweise sogar üblich. Wir haben das jedoch nicht so oft gemacht und wenn, dann eher mit französischen Kollegen.

Gerne möchte ich kurz auf Pablo Picasso zu sprechen kommen. Man liest, dass er Sie fünf Mal gemalt und portraitiert habe. Ich war vorher wieder in Ihrem Museum und habe sechs Bilder von Ihnen von Picasso gezählt.

(Lacht) Es hängt neben dem Abzug auch die Originalzinkplatte der Lithographie von 1964 an der Wand. Ich hatte auch die Platte von Picasso geschenkt erhalten, und es ist ungewöhnlich, dass man so eine Platte zu sehen bekommt. Viele Menschen verwirrt das, und ich werde immer wieder darauf angesprochen. Es scheint mir aber interessant, dass man das eigentliche Original – die Platte, auf die Picasso mit der Lithographier-Kreide zeichnete – mit dem natürlich spiegelverkehrten Abzug vergleichen kann.

Angela Rosengart und Pablo Picasso. Publikation mit freundlicher Genehmigung von Frau Rosengart. Picasso gilt zweifelsohne als Genie. Er wird aber auch als schwieriger Mensch beschrieben und in seinem Umgang mit Frauen beschreibt man ihn als Macho und selbstsüchtige Person. Sie haben Picasso sehr viele Male getroffen und ihn beobachtet. Wie sehen Sie als Zeitzeugin Picasso als Mensch und in seinem Umgang mit Frauen?

Er wird seit dem Film, der vor ein paar Jahren über ihn gedreht worden ist, so gezeichnet, wie Sie sagen. Ich habe ihn selber jedoch nie so erlebt und das auch in meinem Büchlein „Besuche bei Picasso“ beschrieben. Auch von Jacqueline Picasso, mit der ich sehr befreundet war, habe ich nie so etwas gehört. Im Gegenteil, er verehrte die Frauen, hatte sie nötig und benahm sich ihnen gegenüber immer sehr respektvoll.

Jacqueline Picasso und Marie-Thérèse Walter haben sich jedoch das Leben genommen.

Das ist richtig. Jacqueline hat Selbstmord begangen. Das geschah aber erst viele Jahre nach Picassos Ableben. Sie hat seinen Tod nie verwunden. Auch Marie-Thérèse Walter nahm sich – jedoch ebenfalls erst viele Jahre nach der Trennung von Picasso - das Leben.

Viele Autoren zeichnen ein verzerrtes Bild von diesem Menschen. Françoise Gilot, die Mutter seiner Kinder Paloma und Claude, hat möglicherweise einiges zu diesem verzerrten Bild beigetragen. Übrigens war sie es, die ihn verlassen hatte und nicht umgekehrt, was für Picasso sehr ungewöhnlich war. Françoise Gilot hatte Freundinnen, die grossen Einfluss auf sie ausübten. Eine davon ist Arianna Stassinopoulos. Sie schrieb später ein Buch über Picasso, das abstossend ist und auch Jacqueline Unrecht tut. Darauf basiert der abscheuliche Film. Ich bedaure diese einseitige Darstellung und versuche immer wieder, sie zu korrigieren.

Picasso war ein genialer Maler. Im Museum in Como sah ich vor einigen Jahren zwei Bilder aus seiner frühen Jugendzeit, die mich faszinierten und so gar nichts zu tun haben mit allen seinen späteren Werken. Diese frühen Bilder erinnerten mich sehr an Werke von Leonardo da Vinci und Raffael. Und er war damals erst um die 16 Jahre jung!

Die frühen Bilder sind erstaunlich. Sie blieben bei der Familie, bei der Schwester und deren Söhnen, bis Picasso Anfang der 60iger-Jahre veranlasste, sie der Stadt Barcelona zu übergeben. Sie sind heute alle im dortigen Picasso-Museum.

Sie haben über 200 Werke bekannter Künstler aus Ihrer Sammlung einer Stiftung übergeben und damit einer juristischen Person anvertraut. Wie ist es gewährleistet, dass es mit den Bildern und dem Museum so weitergeht, wie Sie das wünschen?

Ich muss vorausschicken, dass ich die Sammlung ganz bewusst nicht einem öffentlichen Museum Rosengart, Luzern Luzerner Museum geschenkt habe. Im alten Sitzungszimmer im Museum sehen Sie einen Film, in dem ich das in einem Interview erkläre. Die Stiftung Rosengart ist unabhängig. Wenn einfach ein Museum oder eine Stadt Besitzer der Sammlung geworden wäre, könnte ich nichts dagegen machen, wenn Dinge geschehen, die ich nicht möchte. In der Stiftung, die ich zurzeit als Präsidentin leite, kann ich Einfluss nehmen und meine Wünsche einbringen. Irgendwann wird jemand diese Leitung übernehmen. Die Mitglieder müssen sich aber an den Stifterwillen halten.

Eben ist genau in diesem Zusammenhang eine Debatte in Bezug auf die Reinhart-Museen in Winterthur entbrannt. Was denken Sie darüber?

Ich finde das ganz betrüblich! Man muss den Stifterwillen respektieren. Reinhart hatte damals seine Bilder gestiftet und seine Ideen und Wünsche eingebracht. Jetzt muss man die Sammlungen seinem Willen entsprechend weiterführen. Es muss akzeptiert werden, dass er keine Ausstellungen haben wollte. Auch ich will das in meinem Museum auf gar keinen Fall.

Ernst Beyeler macht das mit viel Erfolg in seiner Fondation.

Die Ausgangssituation in meinem Museum ist anders als bei der Fondation Beyeler. Ernst Beyeler hat beim Bau bewusst Räume für solche Ausstellungen geschaffen. Im Museum Rosengart hat es zudem mehr Werke. So ist es auch einfacher, auf Ausstellungen zu verzichten. Ausserdem sind Ausstellungen eine unglaublich kostspielige Angelegenheit, die eine Institution in den Ruin führen können.

Frau Rosengart, Sie erzählten mir, dass Peter Ludwig, der Stifter des Museums Ludwig in Köln, nach dem Tod Ihres Vaters zu Ihnen gekommen sei und Sie gefragt habe, was Sie denn nun tun wollten und auf Ihre Antwort, Sie würden das Geschäft weiterführen, fragte: „Ja können Sie das?“

(Lacht) Er war der typische Tycoon und ausserdem sieben Jahre älter als ich. Nach seiner Bemerkung war ich am Boden zerstört und dachte, wenn mein Vater einen Sohn gehabt hätte, der 38 Jahre mit ihm gearbeitet hätte, dann wäre niemand auf eine solche Frage gekommen. Das hat mich schon sehr deprimiert. Bald aber erwies sich das als Energiequelle. Ich habe mich aufgerappelt und weitergemacht. Ich wollte zeigen, was ich konnte. Mit meinem Vater hatte ich sehr selbständig gearbeitet. Wir bewegten uns auf gleichem Niveau und beschlossen alles gemeinsam, was wichtig war. Ich hatte deshalb keine Zweifel, dass ich das Geschäft auch alleine führen konnte. Und ich wollte das Herrn Ludwig auch beweisen. Nachdem er dann ein Jahr später seinen ersten Ankauf von mir, eine Picasso Zeichnung, tätigte, habe ich innerlich triumphiert.

Ich hoffe, Sie haben dann den Preis auch etwas nach oben korrigiert!

(Lacht) So etwas hätte ich sowieso nie gemacht. Aber bei Peter Ludwig wäre das nie möglich gewesen, denn er war sehr informiert.

John F. Walter, ein guter Freund und Schriftsteller, hat mir nach seinem Besuch des Museums Rosengart gesagt, er habe noch nie eine so schöne und in sich zusammenhängende Sammlung gesehen. Solche Reaktionen hört man oft. Worauf basieren Ihrer Meinung nach diese positiven Eindrücke Ihrer Sammlung?

Es ist das Persönliche an der Sammlung, das den speziellen Reiz und die Atmosphäre ausmacht. Ein Museum ist normalerweise immer das Werk von einer ganzen Reihe von Direktoren und Konservatoren, die alle über Jahrzehnte ihren eigenen Geschmack und ihre Ideen eingebracht haben. Vielleicht machte das der eine oder andere ohne grosses Herzklopfen. Die Sammlung war keine Idee meines Vaters oder von mir, die schon von Anfang an da war. Die Sammlung ist langsam entstanden, ohne dass wir beabsichtigten, eine Sammlung zu machen. Alle unsere Bilder wurden mit dem Herzen erwählt. Das Persönliche ist deshalb über die Jahrzehnte miteingeflossen und die Qualität war immer hoch.

Ich höre oft, dass die Besucher die Atmosphäre des Museums schätzen. Der Bau ist sehr klassisch geprägt. Die Räume, die der Architekt Roger Diener für mich geschaffen hat, sind so konzipiert, dass man sich darin wohl fühlt.

Man könnte fast denken, die Nationalbank hätte 1924, als sie den Bau erstellen liess, bereits gewusst, dass dieser einmal in ein Museum umgewandelt werden sollte!

Frau Rosengart, was wünschen Sie sich für die Schweiz, für Luzern, Ihr Museum und die Kunstschaffenden in der Schweiz?

Dass es ruhig weiter geht und Luzern, eine Stadt, die sehr abhängig ist vom Tourismus, weiter gedeihen kann. Ich wünsche mir, dass der Tourismus nicht einbricht. Hunderttausende haben das Rosengart-Museum besucht. Viele Leute kommen eigens wegen der Sammlung in unsere Stadt. Damit tragen wir ebenfalls etwas zum positiven Gedeihen bei.

Gerade habe ich im Gästebuch einen schönen Eintrag gelesen. Die Reise von Bremen hierher habe sich gelohnt, stand darin. Solche Aussagen sind schön und freuen mich sehr.

Wir müssen darauf Acht geben, unseren hohen Lebensstandard in der Schweiz zu halten. Es ist dabei wichtig, dass Menschen mit einem „kleinen“ Job auch gut leben können. Ich habe vor Kurzem wieder gelesen, dass in Italien gewisse Familien mit 1000 Euro monatlich auskommen müssen und am Rande des Existenzminimums leben. Heute können in der Schweiz die meisten Menschen von ihrer Arbeit leben. Das ist wichtig, denn das erhält auch den sozialen Frieden.

In Bezug auf die Kunst und die Künstler denke ich, dass Talent überall wächst, wo es wachsen will. Ich sehe nicht so viel Begabung im Moment, aber das kann wieder kommen. Das ist mein persönliches Empfinden, und es ist ein schwieriges Thema. Dieses Empfinden hat damit zu tun, dass ich den Zugang zur Gegenwartskunst nicht habe. Ich mache immer Vergleiche mit den Giganten, die ich selber kennen lernen durfte, und mit deren Werken. Solche Genies gibt es meiner Ansicht nach heute nicht mehr. Picasso zum Beispiel, ist viel mehr Teil des 21. Jahrhunderts, mit seinem richtungsweisenden Spätwerk. Er ist gar noch nicht gestorben, sondern immer noch präsent.

Sehr geehrte Frau Rosengart, ich bedanke mich ganz herzlich für dieses Gespräch, wünsche Ihnen weiterhin alles Gute und viel Erfolg mit Ihrer Sammlung und dem Kunstgeschäft.

(C) 2008 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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Links:
-
Hompage der Stiftung Rosengart in Luzern
- Angela Rosengart:
The Rosengart Collection, Sammlung Rosengart

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