Dr. Hansjörg Schneider im Gespräch mit Christian Düblin

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Dr. Hansjörg Schneider
, Jahrgang 1938, wurde einem breiten Leser-Publikum mit seinen Kommissär Hunkeler-Krimis sehr bekannt. Vier dieser Krimis wurden, in der Hauptrolle Matthias Gnädinger, verfilmt. Hansjörg Schneider studierte an der Universität Basel Germanistik, Geschichte und Psychologie und promovierte bei Walter Muschg. Schon in jungen Jahren sorgte er mit Theaterstücken wie „Sennentuntschi“ und „Der Erfinder“ für Schlagzeilen. Im Gespräch mit Christian Dueblin spricht Hansjörg Schneider über sein Schrifsteller-Dasein, über den Erfolg, seinen Lieblingsroman „Das Wasserzeichen“, über seine Wahlheimat Basel und verrät, dass wir als Lesende weiterhin mit Kommissär Hunkeler rechnen dürfen.

Christian Dueblin: Herr Schneider, Sie sind promovierter Germanist, waren im Theater tätig, haben als Lehrer gearbeitet, waren Drehbuchautor und schreiben Romane und Krimis, die sich einer grossen Leserschaft erfreuen und teilweise verfilmt worden sind. Sie gehören zweifelsohne zu den erfolgreichsten Autoren in der Schweiz. Beginnen wir aber mit Ihrer Zeit in Basel. Was hat Sie damals als junger Mann aus dem Aargau an die Universität Basel geführt?

Hansjörg Schneider: Das war damals der normale Weg. Ich ging in Zofingen zur Schule, dann ans Gymnasium Aarau. Nach der Matur beschloss ich, aufgrund meiner Interessen für Literatur an die Universität Basel zu gehen, um zu studieren.

Waren Sie ein fleissiger Schüler und Student?

Ich habe eine Art Doppelleben geführt. Ich war in den Seminaren und habe meine Arbeit gemacht. Abends war ich in den einschlägigen Wirtschaften unterwegs, wo Menschen waren, die mich interessierten. Ich traf dort beispielsweise den damaligen Chef der Kunsthalle, Noldi Rüdlinger, den Künstler Dieter Roth, die Autoren Jürg Federspiel und Rainer Brambach. Das waren Leute, bei denen ich mich wohlfühlte. Die waren sehr freundlich zu mir, was ich ihnen nie vergessen werde. Was ich an der Uni machen musste, das habe ich gemacht. Auf der einen Seite war diese Welt der Künstler, auf der anderen Seite die Welt der Uni. Die Leute an der Uni empfand ich als sehr bieder. Die haben studiert, um Lehrer zu werden. Das wollte ich nie. Es zog mich bald für ein halbes Jahr nach Paris, wo ich ebenfalls Künstler kennen lernte. Paris ist heute noch meine Lieblingsstadt. In Basel gab es damals Professoren von Weltklasse. Karl Jaspers, Walter Muschg, Hans Kunz, Wolfram von den Steinen, Werner Kägi, um nur einige zu nennen.

Welches sind Ihre Erinnerungen an Walter Muschg?

Ich habe über Jakob van Hoddis, einen expressionistischen Lyriker, eine Doktorarbeit bei Walter Muschg geschrieben. Über diese Arbeit habe ich den deutschen Expressionismus kennen gelernt. Das war das, was ich wollte. Aus Zofingen ging man damals, wenn man Germanistik studieren wollte, eher nach Zürich zu Emil Staiger. Das wollte ich nicht, ich empfand Staiger als abgehobenen Schöngeist. Walter Muschg dagegen hat damals schon über Kafka und Döblin gelesen, das hat mich brennend interessiert. Er gehörte zu den ersten Professoren, die nach dem Krieg seinen Studenten die Türen zur neuen deutschen Literatur geöffnet haben. Walter Muschg war ein Patriarch und Choleriker, aber eben auch ein grandioser Germanist und Dozent. Seine „Tragische Literaturgeschichte“ ist eben wieder neu erschienen und auch heute noch sehr lesenswert. Die Zeit an der Uni habe ich in guter Erinnerung. Der Betrieb war nicht wie heute. Beim berühmten Philosophen Karl Jaspers war der Hörsaal voll. Man traf in diesen Vorlesungen auch Ladies in Pelzmänteln. Die Vorlesungen von Wolfram von den Steinen über die frühe Marienlyrik des Mittelalters stiessen nur auf wenig Interesse. Manchmal waren wir zu sechst im Hörsaal. Das war sehr persönlich und intensiv. Mit Federspiel oder Brambach ein Bier trinken, das war aber mindestens so spannend (lacht).

Die frühe Marienlyrik hat den Pelzmänteln nicht mehr so gefallen?

Nein, die waren mehr bei Superstars wie Karl Jaspers zugegen. Hans Kunz hat Psychologie gelehrt. Er hat uns stundenlang aus Husserl vorgelesen, in kleinem Kreise.

Wenn man sich mit Ihnen beschäftigt, so erkennt man, dass Wasser in Ihren Werken immer eine grosse Rolle spielt. In Ihrem Krimi „Flattermann“ beispielsweise springt ein alter Mann in den Rhein und nimmt sich das Leben. Im Roman „Das Wasserzeichen“ geht es ebenfalls um Wasser. Moses Binswanger, die Hauptfigur, hat sogar Kiemen am Hals. Sie selber sind ein begeisterter Rheinschwimmer. Wie erklären Sie sich diese Faszination für das Wasser? Ich sehe, Sie haben keine Kiemen!

Aber fast (lacht), aber fast. Es gibt verschiedene Sorten Menschen, solche, die das Wasser mögen, und solche, die es eben nicht so gern haben. Ich gehöre zu den Wassermenschen. Ich bin in einem Vorort von Zofingen aufgewachsen, in der Altachen. Neben unserem Haus floss ein Bach. Es gab dort ein wildes Bachbett, und man konnte „herumchoseln“, wie man auf Schweizerdeutsch sagt. Es gibt die alte Sage aus Sumer: Tiamat war ein Riesenviech, das im Wasser lag und Wasser und Erde, die noch nicht getrennt waren, beherrschte. Dann kam ihr Sohn, ein Emporkömmling. Die beiden kämpften zusammen. Der Sohn liess der Mutter die Winde in den aufgesperrten Rachen hinein jagen, so dass sie den Mund nicht mehr schliessen und zubeissen konnte. Dann tötete er sie. Er schnitt sie entzwei. Aus der einen Hälfte machte er das Meer, aus der anderen Hälfte das Land. Das ist eine Geschichte über die Ablösung des Matriarchats durch das Patriarchat. Ich erzähle das, weil wir im Grunde alle aus dem Wasser kommen. Das Leben ist im Wasser entstanden. Daher kommt die alte archaische Sehnsucht, dorthin zurückzugehen. Das beschäftigt mich, das taucht auf in meinen Büchern.

Welches sind für Sie die Menschen, die das Wasser nicht mögen?

Im „Wasserzeichen“ hat Moses Binswanger eine Theorie. Die Leute, die nicht ins Wasser gehen, sind für ihn die Bürokraten, phantasielose Geschöpfe, an denen das Leben vorbeigeht. Sie versuchen, das Wasser und die Sehnsucht nach dem Wasser anderen Leuten auszutreiben. Sie wollen alles trocken haben und lehnen Flüssigkeit ab.

Moses Binswanger erinnerte mich beim Lesen an Kafkas „Die Verwandlung“ und an Steinbecks „Von Menschen und Mäusen“. Dort versucht Lennie, die Hauptfigur, kleine Häschen zu streicheln und bricht ihnen ganz ungewollt mit den dicken Fingern das Genick. Moses Binswanger ist meines Erachtens auf der einen Seite sehr unberechenbar und macht Angst. Auf der anderen Seite aber spürt man, dass er im Leben aus dem Vollen schöpft und damit viele Menschen anzieht.

Den Vergleich mit Steinbeck sehe ich so nicht. Mit Kafka bin ich einverstanden. Binswanger ist schon berechenbar. In seiner Logik stimmt das, was er macht, für ihn selber. Er weiss, dass es falsch herauskommt, wenn er mit Frauen ins Wasser geht, er versucht, sich dagegen zu wehren.

Er macht es aber trotzdem, und das führt zum Tod.

Ja, das ist sein Schicksal. „Halb zog sie ihn, halb sank er hin.“ Auch das ist eine alte Sache und beschäftigt die Menschen seit Jahrtausenden. Sie kennen die Wassernixe Loreley, die so schön sang und auf die Schiffe und Matrosen wartete, um sie zu ertränken. Oder die Sirenen in der griechischen Mythologie. Alle wollen sie nur eines, diese Frauen, nämlich die braven Männer durch ihren Gesang verführen, ins Wasser ziehen und ersäufen. Das ist ein uralter Mythos. Ich halte „Das Wasserzeichen“ für mein bestes Buch. Dieser Roman ist der Grund, warum ich Schriftsteller geworden bin. Diese Geschichte wollte ich erzählen. Es gibt bei den meisten Schriftstellern etwas, was unverwechselbar mit ihnen zusammenhängt und nur diese eine Person erzählen kann. Literatur ist sonst oft auswechselbar und beliebig. Bei diesem Roman bin ich jedoch der Meinung, dass er von niemand anderem hätte geschrieben werden können als von mir.

Es gibt Menschen, die das Buch nicht lesen können. Andere sagen, sie seien begeistert. Das Buch scheint viele Menschen vor eine Art Entweder-Oder zu stellen.

Der Leser spürt, dass Sie in diesem Buch sehr viel Persönliches aus Ihrem Leben, Ihrer Familie und Ihrer Umgebung erzählen. Ist das nicht etwas schwierig, sich vor den Lesenden zu entblössen?

Das ist der literarische Trick. Ich erzähle teilweise ganz genau von meiner Jugend. Das kann ich nur, weil ich diese Erlebnisse hatte. Aber Moses Binswanger hat Kiemen. Er erzählt aus der Wasseroptik. Das verfremdet die Sache, das schafft Distanz. Die Leute, die damals in der Altachen aufgewachsen sind, werden sofort deutliche Parallelen zu real existierenden Menschen feststellen. Die alte Marie beispielsweise hat es gegeben, auch den Pferdeknecht Fridolin. Aber es hat keinen Moses Binswanger mit Kiemen gegeben. Die Leute kennen mich ja immer noch, sie wissen, dass ich keine Kiemen habe. So kann ich mich in Moses Binswanger verstecken. Ich kann ihm meine Erinnerungen, meine Augen ausleihen.

Sie haben sich Ihr Leben lang sehr mit Ihrer Mutter auseinandergesetzt, mehr, als das die meisten anderen Menschen tun. Sie starb, als Sie achtzehn Jahre alt waren. Ihrer Mutter und ihrem Tod widmen Sie im „Wasserzeichen“ sehr viel Aufmerksamkeit.

Damals hatten Frauen, das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, nichts zu sagen, vom Stimmrecht mal ganz zu schweigen. Wir Jungen wurden von den Männern erzogen, die den Zweiten Weltkrieg hinter sich hatten. Das waren Hitlergegner, also Antifaschisten. Die Männer, die etwas zu sagen hatten, gehörten dem Freisinn an. Die hatten sich im Krieg eingeigelt. Von aussen kam nichts Neues ins Land, was dazu führte, dass das Land stagnierte. Was uns junge Menschen damals interessierte, waren jedoch Dinge von aussen, so beispielsweise der Jazz. Ich meine nicht den Dixieland. Ich meine Musiker wie Charlie Parker, Dizzie Gillespie und Chet Baker. Von diesen Musikern hatte ich einige wenige Platten, die ich immer wieder hörte. Dieser Jazz kam von aussen, und die meisten Musiker waren Schwarze. Unsere Erzieher haben das als „Negermusik“ bezeichnet und verboten. In der Literatur war es ähnlich. Unsere Deutschlehrer kannten die modernen Autoren und Autorinnen schlicht nicht. Sie haben uns Spitteler und Bergengruen angepriesen. Später wollten sie uns Rilke unterjubeln. Ich bin Rilke zuerst auf den Leim gekrochen. Aber schon bald erkannte ich ihn als Kitschbruder. Die Schriftsteller, die mich wirklich interessierten, musste ich, wie den Jazz, selber entdecken. Bertold Brecht war damals übrigens auch verboten, weil er Kommunist war.

Die Mutter von Moses Binswanger nimmt sich im Roman das Leben. Auch Ihre Mutter hat sich, als Sie noch sehr jung waren, das Leben genommen.

Ich bin in Bezug auf meine Mutter sehr sentimental. Ich schreibe im „Wasserzeichen“ auch die Geschichte einer Familie. Verfremdet zwar, aber es ist auch meine Familie. Meine Mutter begleitet mich beim Schreiben immer. Mit meinem Vater habe ich schon mit fünfzehn Jahren gebrochen. Ich hatte meine Mutter sehr gern, denn sie hat mich aus dieser Männerwelt gerettet. Sie litt unter Multipler Sklerose. Als ich achtzehn Jahre alt war, wollte sie nicht mehr leben. Das war ein Schlag für mich. Plötzlich war meine Heimat nicht mehr da. Das war ein fundamentaler Bruch in meinem Leben, der mich bis heute beschäftigt.

Haben Sie Schuldgefühle in Bezug auf den Tod Ihrer Mutter?

Man fragt sich, warum man nicht eingegriffen hat. Damit bin ich fertig geworden, denn es gab rational nachvollziehbare Gründe für ihren Entscheid. Ihr Tod war für mich trotzdem ein grosser Verlust. Ich will jetzt nicht poetisch werden. Meine Mutter gab mir auf alle Fälle die Gewissheit, dass ich, so wie ich bin, gut bin. Ich spreche vom Urvertrauen, das ich nie verloren habe.

Sie sind ein Jäger und Sammler, ein guter Beobachter, der mit einem Gespür für Randgruppen ausgestattet ist. Auch Kommissär Hunkeler, die Hauptfigur in Ihren Krimis, ist ein guter Beobachter. Beobachten Sie auch unsere junge heranwachsende Generation und wenn ja, was entdecken Sie?

Da bin ich sehr vorsichtig! Was soll ich über die Jungen von heute sagen? Ich kann über meine eigenen Kinder sprechen. Die sind aber auch nicht mehr so jung. Ich kann das alles nur als siebzigjähriger Beobachter sehen. Mir fällt beispielsweise Folgendes auf: Schauen Sie mal, wie die Kinder heute herausgeputzt daherkommen. Es gibt eine richtige Kindermode. Da kann man nichts dagegen sagen, denn ich finde die Kinder wirklich schön. Also sollen sie auch schön angezogen sein. Wir Kinder waren damals angezogen wie Erwachsene. Wir waren kleine Erwachsene in Kleidern, wie sie die Erwachsenen trugen. Heute herrscht offensichtlich das Gegenteil. Kinder gelten heute als kostbar. Als etwas, das sich zu schmücken lohnt. Ich glaube, dass es jede Jugend schwer hat, jede auf eine andere Art und Weise. Jede Jugend muss sich selbst finden.

Sie haben auch die Stadt Basel Ihr Leben lang beobachtet und wohnen seit Ihren Studienzeiten hier. Was bedeuten Basel und die Menschen in Basel für Sie, Ihre Arbeit und Ihr Leben?

Das stimmt nicht ganz. Ich bin oft und lange weg gewesen. Aber da meine Kinder in Basel aufgewachsen sind, blieb Basel mein fester Wohnsitz. Als ich vor fünfzig Jahren nach Basel kam, war Basel für mich eine grosse Stadt mit Uni und Künstlerszene. Ich finde Basel auch heute noch eine einzigartige und schöne Stadt. Es ist eine Stadt ohne Hinterland, eine urbane Stadt. Dann ist Basel eine Grenzstadt. Würde ich in Zürich wohnen, wäre ich auf allen Seiten von Schweiz umgeben. Das würde mir nicht gefallen. Basel gehört für einen Aargauer, wie ich einer bin, gar nicht mehr richtig zur Schweiz. Für einen Aargauer ist Basel ein unsicherer Kanton (lacht). Das passt mir. Basel ist schliesslich auch eine sehr selbstverliebte und geschlossene Stadt. Zürich ist es sich gewohnt, dass immer wieder neue Leute kommen und etwas werden und es zu etwas bringen. Basel schottet sich ab. Basel muss das auch tun, um nicht überrollt zu werden. Ich habe fünfunddreissig Jahre lang mit einer Frau aus Oftringen (neben Zofingen) zusammengelebt. Meine Kinder reden, wenn sie mit mir zusammen sind, Zofinger Dialekt. Wir waren eine Zofinger Enklave in Basel. Meine Freunde während des Studiums waren alle Aargauer oder Solothurner. Im Café der Uni sassen wir regelmässig zusammen. Eine Vermischung mit Baslern kam an der Uni nicht vor. Wir waren eine Art Kolonie von Fremden. Heute kenne ich selbstverständlich auch Basler. Kürzlich bin ich ans altehrwürdige „Gryffe-Mähli“ eingeladen worden. Das hat mir schon zu denken gegeben. Denn das ist ein erstes Anzeichen, dass ich Gefahr laufe, ein Basler-Original zu werden. Das will ich nicht. Als Schreiber ist man immer ein Aussenseiter. Das ist wichtig. Es braucht diese Distanz. Sehr gut schreiben kann ich in Paris. Da hat man automatisch die nötige Distanz zum eigenen Herkommen. Zum Glück sind die Basler einem Fremden gegenüber sehr reserviert. Sie sind sehr tolerant, lassen einem Fremden jede Freiheit. Es kommt niemand auf der Strasse daher und sagt: „Sie sind doch der Hunkeler.“ Würde ich in Bern wohnen und schreiben, dann wären meine Schultern voller blauer Flecken, weil einen alle ansprechen und auf die Schultern klopfen würden (lacht). Die grossen Schweizer Autoren des 19. Jahrhunderts heissen Meyer, Gotthelf und Keller. Keiner von ihnen wohnte in Basel. Hier waren die Geisteswissenschaftler zu Hause, aber nicht Romanciers. Es gibt nur wenige Romane über Basel. Ein Romanschreiber gilt hier irgendwie als unseriös. Zu einem wie mir haben die Basler deshalb ein gespaltenes Verhältnis. Man traut einem wie mir, der etwas „unanständig“ ist, nicht über den Weg. Man lässt mich aber schreiben. Das mag ich, das kommt mir entgegen. Ich bin und bleibe ein Aussenseiter, und ich will das auch sein.

Heute gehören Sie zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Schweiz. Kann man noch ein Aussenseiter sein, wenn man so bekannt und beim Publikum so begehrt ist?

Es stimmt, man wird mit dem Alter friedlich und von einer milden Alterseitelkeit erfasst. Aber ich denke doch, dass ich ziemlich zäh bin. Die Basler sind übrigens auch zäh.

Haben Sie diesen Erfolg gesteuert, indem Sie beispielsweise das geschrieben haben, was die Leserschaft lesen wollte?

Nein, das habe ich nie gemacht. Das geht gar nicht. Niemand weiss, was die Leserschaft wirklich lesen will. Man muss das schreiben, was man selber schreiben will. Nur so hat man eine Chance. Die Erfolgslinie eines Schriftstellers ist eine Welle. Manchmal geht’s hinauf, dann wieder hinunter. Da darf man sich nicht beirren lassen. Wichtig ist, dass man produktiv bleibt. Die Welt, über die man schreibt, muss man unantastbar machen. Man muss diese Welt behalten und schützen. Dabei hat mir meine Familie sehr geholfen. Ihr war egal, ob ich Erfolg hatte oder nicht. Ich war somit nicht unter Druck.

Fredi M. Murer, ebenfalls Interviewpartner und Schweizer Filmemacher, ist als erfolgreicher Künstler auch ein sehr guter und mit allen Wassern gewaschener Unternehmer. Muss man als Schriftsteller auch eine unternehmerische Ader haben, um erfolgreich zu sein?

Ein Filmemacher in der Schweiz darf alle vier Jahre einen Film drehen. Dreieinhalb Jahre muss er dabei dem Geld hinterher rennen. Bringt er das Geld nicht zusammen, dann kann er keinen Film machen. Bei den Literaten ist es anders. Ein Literat braucht im Prinzip bloss Heft und Bleistift als Produktionsmittel. Selbstverständlich muss er versuchen, sein Produkt zu verkaufen. Er braucht also einen Verlag. Ich bin 1973 mit meinen ersten Theaterstücken zum Basler Theaterverlag Kurt Reiss AG gegangen. Er führte einen ganz kleinen Verlag unweit des ehemaligen Ganthauses. Kurt Reiss führte diesen Verlag allein mit einer Sekretärin, und ich war bei ihm in guten Händen. Nach einem Jahr wurde er krank, nach einem weiteren Jahr starb er. Das war schlimm für mich, denn ein Dramatiker kann sich nicht selber lancieren. Ein paar Jahre später bin ich mit meinen Stücken zum Theaterverlag der Autoren in Frankfurt gegangen. Von da an ist es mit meinem Geschäft wieder aufwärts gegangen. Kaufmännisch bin ich nicht gut, ich habe oft taktische Fehler gemacht. Die Fehler, die ich gemacht habe, haben mich aber vor anderen Fehlern behütet. Wenn man plötzlich zuviel Erfolg hat, kann das gefährlich sein. Ich bin immer bei mir geblieben.

Erich von Däniken hat über 63 Mio. Bücher verkauft. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie solche Zahlen hören?

Erich von Däniken schreibt in einer anderen Liga. Ich habe vor Jahren zwei Bücher von ihm gelesen, mit grossem Vergnügen. Er ist in seiner Art Weltklasse.

Mit Kommissär Hunkeler haben Sie im Krimi-Genre grossen Erfolg. Die Figur wurde auch vom Film entdeckt. Was passiert in den nächsten Jahren mit Kommissär Hunkeler? Werden Sie ihn weiter bei seiner Arbeit begleiten dürfen?

Wenn man so alt ist wie ich, dann ist es zunehmend schwieriger, gute Bücher zu schreiben. Man kann zur Gegenwart fast nichts Genaues mehr sagen. Literatur hat mit jungen Menschen zu tun, mit Liebe und Jugend. Ich kann nur sagen, wie es war. Ich kann eine Liebesgeschichte von 1958 schreiben, aus meiner Erinnerung schöpfen. Das ist ein Hauptgrund, warum ich so gern über Kommissär Hunkeler schreibe. Er ist ebenfalls ein alter Mann. Da ich selber einer bin, kann ich ihn gut beschreiben. Man muss glaubwürdig bleiben. Hunkeler ist für mich aus diesem Grund wunderbar. Ich kann mit ihm meine Ansichten über die Welt beschreiben. Ich werde ihn also nicht so bald aufgeben (lacht). Mit diesen Krimis habe ich tatsächlich Erfolg. Vom vorletzten Hunkeler-Krimi „Hunkeler und der Fall Livius“ habe ich bis jetzt 40’000 gebundene Exemplare verkauft, vom letzten mit dem Titel „Hunkeler und die goldene Hand“ 30'000. Bald werden die Taschenbuchausgaben folgen. Kürzlich ist sogar ein Hunkeler auf Russisch erschienen.

Man erzählt etwas augenzwinkernd, Sie würden beim Schreiben manchmal laut fluchen. Ist das Schreiben für Sie ein Kampf?

(Zeigt ein Heft, in dem handschriftlich ein Hunkeler-Krimi niedergeschrieben ist.) Ich fange erst an, wenn ich den Anfang und den Schluss einer Geschichte im Kopf habe. Ich warte oft sehr lange und denke nach. Es kann vorkommen, dass ich bei den ersten Sätzen spüre, dass es zu früh ist. Dann höre ich auf. Das Gerücht über meine Flucherei hat wohl mein Kollege Martin Dean in die Welt gesetzt. Der hat eine Zeitlang gleich gegenüber meiner Wohnung gewohnt, jenseits des Innenhofes. Der hat mir gesagt, er höre mich jeweils laut fluchen. Was ihn beim Schreiben störe (lacht). Auch die Sprachebene ist ganz wichtig. Die muss man zuerst finden, mit dem ersten Satz. Ich schreibe jeweils, so lange es geht. Alkohol ist nichts beim Schreiben. Ich trinke sehr gerne Wein, nie aber beim Schreiben. Ich gehe viel allein spazieren, im Allschwiler Wald oder im Schwarzwald oben, wo ich die Hälfte des Jahres lebe. Das inspiriert mich.

Sehr geehrter Herr Schneider, ich bedanke mich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin alles Gute und viel Erfolg beim Schreiben. Wir sind gespannt auf den nächsten Hunkeler-Fall.


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