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Spezialinterview Prof. Markus Zemp zum Thema Nachhaltigkeit

 

Rolf Lyssy

Prof. Markus Zemp, Jahrgang 1963, ist Betriebswirt FH und verfügt über einen Master of Arts in Sozialwissenschaften. Er leitet seit 2010 an der Hochschule Luzern (HSLU) den MBA-Studiengang und schaut auf eine interessante privatwirtschaftliche Karriere zurück. Sein beruflicher Weg führte ihn als CEO, Logistik- und Einkaufsexperte in viele Länder dieser Welt, was seine Sicht in Bezug auf Nachhaltigkeit, ein Thema, das ihn seit vielen Jahren im besonderen Masse beschäftigt, wesentlich schärfte. Von 2000 - 2004 war Prof. Markus Zemp als Geschäftsführer der ARP DATACON AG Schweiz und ab 2004 bis 2010 als CEO der internationalen ARP Gruppe tätig. Prof. Markus Zemp berät heute nebst seiner Lehrtätigkeit an der HSLU zahlreiche Unternehmen in Sachen Strategie- und Organisationsentwicklung und hilft Start-ups auf die Sprünge.
Im Interview mit Christian Dueblin spricht Prof. Markus Zemp über das Thema Nachhaltigkeit in Unternehmen. Er zeigt auf, wie Nachhaltigkeit in Unternehmen zu verstehen ist und was passiert, wenn nicht nachhaltig gehandelt wird. Prof. Markus Zemp zeigt auf, was der Wechsel von einer bedürfnis- in eine geldorientierte Wirtschaft für Auswirkungen auf unser Konsumverhalten und unsere Wirtschaft hat. Er beschreibt schliesslich, welche Management-Skills für die Organisation und das Management von Nachhaltigkeit heute nötig sind.

Christian Dueblin: Anlässlich des Uno-Gipfeltreffens vom 25. September 2015 wurden im Rahmen der sogenannten "Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung" neue Schwerpunkte geregelt, mit denen sich die Wirtschaft in Zukunft vermehrt wird auseinandersetzen müssen. Es gilt künftig, vermehrt soziale, ökologische und wirtschaftliche Aspekte der Unternehmensführung im Auge zu behalten. Was hat eine solche Agenda für konkrete Auswirkungen auf die Wirtschaft? Die Uno hat schon oft Ziele verlauten lassen, die nicht haben eingehalten werden können.

Prof. Markus Zemp: Seit dem Brundtland-Bericht der Uno 1992 hat sich politisch einiges getan in Bezug auf die Nachhaltigkeitsthematik. Mit der Agenda 21 wurde das Problem der Klimaveränderung ernst genommen und die Staaten haben sich zum Handeln verpflichtet. Im Kyoto-Protokoll 1997 wurden dann erstmals konkrete Ziele festgelegt,jedoch in den Folgeverhandlungen eher schleppend konkretisiert. Mit dem Übereinkommen von Paris und der Annahme durch die meisten wichtigen Industriestaaten schien sich ein Durchbruch abzuzeichnen. Leider hat sich die USA nachträglich aus der Verpflichtung gestohlen. Trotzdem zeigen die Bemühungen der Uno staatspolitisch Wirkung. Die meisten Industrieländer, wieauch die Schweiz und Deutschland, haben aufgrund der Konferenzergebnisse kontinuierlich Nachhaltigkeitsziele in die innenpolitischen Programme aufgenommen.

Die konkreten Auswirkungen auf die Wirtschaft sind denn auch langsam sichtbar. Einerseits ist das Thema Nachhaltigkeit in den Unternehmen angekommen und andererseits entsteht bei den Konsumenten zunehmend ein konsum- und wachstumskritisches Denken.

Die meisten Menschen würden, spontan nach diesen Punkten gefragt, zustimmen und ihr Commitment zu nachhaltigem Verhalten abgeben. Geht es aber um den Preis von Produkten, so sieht das dann doch oft anders aus in der Praxis. Dann bevorzugt der Konsument eben doch nicht selten die günstigste, wenn nicht sogar die billigste Leistung, die oft gar nicht nachhaltig sein kann.

Da haben Sie Recht. Hier stecken wir in einem Dilemma. Wir sind von einem Konsum- und Geiz-ist-geil-Zeitalter geprägt. Mit der Industrialisierung veränderte sich die Bedürfniswirtschaft über die Jahrzehnte hinweg in eine Geldwirtschaft. Der Zweck der Wirtschaft hat sich vor allem im letzten Jahrhundert weg von der Bedürfnisbefriedigung der Konsumenten hin zu einer Gewinnmaximierung der Produzenten verändert. Dabei spielt das Wachstum eine bedeutende Rolle. Ohne Wachstum stockte die Produktion und der Wirtschaftsmotor fing an zu stottern. Durch marktpsychologische Massnahmen (man nennt das «Marketing») erreichte man es, die Bedürfnisse der Menschen zu steuern, um den Konsum zu fördern. Insbesondere durch die flächendeckenden Kommunikationskanäle wie Radio, Fernsehen, und zuletzt durch das Internet, wurde es immer einfacher, Botschaften an die Menschen zu richten und bei ihnen Bedürfnisse zu wecken.Die Abkoppelung des Preises vom Wert einer Ware ist nur eine Folge dieser Entwicklung. Der moderne Konsummensch jagtnach dem «besten» Preis, ohne allzu sehr nach der Qualität oder dem Wert zu fragen. Alles andere zeugte ja auch von Dummheit, so ein eingängiger Werbeslogan einer der erfolgreichsten Elektronikmarktketten Europas. Durch die nun politisch stärker werdende Sensibilität der Umweltproblematik durch diesen übermässigen Verbrauch von Ressourcen wird das Thema Nachhaltigkeit vermehrt auch in der Öffentlichkeit diskutiert. Kommt dazu, dass viele Menschen erkennen, dass das materielle Besitztum und der Wohlstand keine Garanten für Glück sind. Die Einstellung zu materiellem Konsum und Besitz verändert sich. Die sich entwickelnde Sharing-Ökonomie ist dabei eine Chance, nachhaltiger zu leben. Veränderungen sind erkennbar. Ob sie schnell genug kommen, das ist die grosse Frage.

Unternehmen stehlen sich nicht selten aus der Verantwortung, indem sie lapidar sagen, dass das eben das sei, was der Konsument haben wolle. Was sagen Sie zu solchen Verhaltensmustern auf Seiten der Unternehmen, aber auch, was die Konsumenten betrifft?

Das ist die klassische Huhn-Ei-Frage: Schafft die Nachfrage das Angebot oder das Angebot die Nachfrage? In meinen Erläuterungen von eben gehe ich von der psychologisch-ökonomischen Formel der Marktbeeinflussung aus. Nicht nur aus dieser Sicht greift die Argumentation der Unternehmen, dass sie lediglich für den Markt produzieren, tatsächlich zu kurz. Das ist ein klassisches Argument des angelsächsischen Marktliberalismus’. Wie die Geschichte zeigt, ist der Markt nicht für alle Probleme die Lösung. Unternehmen müssen sich tatsächlich auch einer gewissen gesellschaftlichen Verantwortung stellen. Dies wurde und wird jedoch von liberalen Ökonomen,dazu gehört bspw. auch Milton Friedmann, abgelehnt. Diese Hardliner der liberalen Marktwirtschaft, welche dem Unternehmer nur ein Ziel zuschreiben, nämlich den maximalen Gewinn für die Shareholder zu erwirtschaften, haben das Wirtschaftsdenken über die letzten hundert Jahre massiv geprägt. Aber auch in der Ökonomie ist ein Umdenken erkennbar. Stakeholdervalue anstelle von shareholdervalue oder Corporate SocialResponsibility sind immer öfter Themen,die sich in den Unternehmen entwickeln und Gehör finden. Das hat auch damit zu tun, dass der Konsument sich heute viel besser informieren kann und es durchaus kritische Konsumenten gibt.

Was nachhaltig ist und was nicht, ist oft sehr schwer einzuschätzen, vor allem für Laien. Was auf den ersten Blick als nachhaltig erscheint, entpuppt sich auf den zweiten Blick möglicherweise als nicht oder nur wenig nachhaltig. Wie kann ein Konsument für sich und seine Familie Klarheit schaffen? Schon in Sachen Klimaschutz streiten sich die Geister. Die einen sehen menschliches Verhalten als Grund für Klimaveränderungen, andere sehen das vollkommen anders.

Nachhaltigkeit ist auch zu einem Modebegriff geworden und wir müssen zuerst klären, was unter Nachhaltigkeit denn überhaupt zu verstehen ist. Nachhaltigkeit wird oft aus einer rein ökologischen Sicht heraus beurteilt. Dabei versteht sich die Nachhaltigkeit als eine umfassende Nachhaltigkeit, welche ökonomische (wirtschaftliches Überleben), ökologische (Schutz der Lebensgrundlagen für den Menschen) und soziale (menschenwürdiges Leben) Anliegen berücksichtigt.

Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Es ist tatsächlich im Detail eine anspruchsvolle Aufgabe und Herausforderung. Der Durchschnittskonsument ist tatsächlich oft nicht in der Lage, die konkreten Auswirkungen von bestimmten, kritisierten Produkten zu erkennen. Grundsätzlich ist ein bewusster Konsum ein erster Schritt. Damit ist ein möglichst kritischer und ressourcenschonender Ansatz/Umgangbeim Konsumieren gemeint. Am wirksamsten ist dabei der Verzicht. Jeder (bewusst) nicht gefahrene Kilometer mit dem Auto und nicht geflogene Flugkilometer, um Beispiele zu nennen, die jeder kennt, bedeuten einen Beitrag zur Nachhaltigkeit. Beim Kauf von Produkten auf Regionalität zu achten, ist ebenfalls ein Ansatz. Die Zusammenhänge sind hier klar. Eine der grössten Klimasünder ist jedoch die Fleischproduktion. Weniger Fleischkonsum, dafür qualitativ hochwertige und aus der Region stammende Produkte, mit möglichst wenig Umverpackung kaufen, stellt auch ein Beitrag zur Nachhaltigkeit dar. Schliesslich kann man an Stelle von abgefülltem und über x-Kilometer transportiertem Mineralwasser (gar noch aus demAusland) schlicht «Hahnenwasser» trinken – wenn Sie Mut haben, auch im Restaurant …

Das sind einleuchtende Beispiele. Wie verhält es sich aber in Sachen "Nachhaltigkeit" in Unternehmen, wo die Zusammenhänge oft um einiges komplizierter sind?Wie kann man sie dort objektiv messen und von der Nachhaltigkeit unterscheiden, die reine Propaganda oder Heuchelei darstellt?

Tatsächlich gibt es Ansätze und Methoden, um die Nachhaltigkeit in Unternehmen zu messen. Ob diese objektiv sind, darüber lässt sich streiten. Vielfach sind die Nachhaltigkeit und die Nachhaltigkeitsreports in Unternehmen jedoch lediglich ein Feigenblatt. Ein Unternehmen ab einer gewissen Grösse kann es sich ja nicht leisten, keine Nachhaltigkeitsstrategie zu haben. Oft ist man lediglich dort nachhaltig, wo es rentiert (Stichwort: Solaranlage auf dem Dach), oder wo es das Gesetz halt verlangt (Gesetze/Kundennachfrage). Es gibt aber auch Unternehmen, die nachhaltige Entscheidungen treffen zulasten ihrer eigenen Rentabilität. Die Frage bei diesen Unternehmen ist oft: «Können wir uns diese Vorgehensweise leisten?». Der Gewinn ist bei diesen Unternehmen nicht das Ziel, sondern eine unternehmerische Bedingung, d.h. aus dem unternehmerischen Handeln muss über die Zeitdauer zwar ein «vernünftiger» Gewinn erzielt werden, aber nicht ein maximaler Gewinn. So entscheiden sich solche Unternehmen für Massnahmen, welche den Gewinn zwar reduzieren, aber Sinn machen. Das geht über nachhaltige Entscheidungen beim Zukauf von Rohmaterialien (teurer, aber aus der Region oder aus tiergerechter Haltung), den Umgang mit Mitarbeitenden (Entlöhnung, das Schaffen von familienfreundlichen Arbeitsbedingungen, Massnahmen zu Gesundheitsförderung usw.) oder die Einstellung zum Wachstum.

Wir wissen alle, gerade auch in der Schweiz, dass wir mehr Ressourcen verbrauchen, als uns eigentlich zustehen, sprich, als unsere Erde bieten kann. So ist klar, dass das Öl irgendwann ausgehen wird, vielleicht etwas später als das viele meinen, aber ausgehen wird es allemal. Der Fischfang hat gezeigt, was passiert, wenn keine Grenzen gesetzt werden. Meere wären, wie das bereits passiert ist, innert kürzester Zeit ausgefischt. Das will im Grunde genommen niemand haben, auch der Konsument nicht. Was kann man tun, um solche Resultate zu vermeiden, die objektiv gesehen für jeden schlecht sind. Könnte es sein, dass solche Fragestellungen gar einmal von Algorithmen entscheiden werden, weil wir Menschen nicht in der Lage sind, genügend nachhaltig zu denken?

Ich glaube nicht, dass wir uns hier auf Algorithmen abstützen sollten. Vernunft und Begrenzung sind das Thema. Es wird ein Wertewandel nötig sein. David Bosshard hat in seinem Buch «The Age ofLess» Ansätze hierzu aufgezeigt. Weniger konsumieren und besser Leben ist sein Credo. Mit Unterstützung der Massenmedien wurde insbesondere in den letzten hundert Jahren unsere Wahrnehmung von einem guten Leben wesentlich durch unser Konsumverhalten definiert. Man ist, was man hat, war das Credo. Die Zeit wurde zu einem Produktivfaktor und darf nicht unnütz verschwendet werden. Effizienz in allen Lebenslagen. Entweder nutzt der Mensch seine Zeit, um zu produzieren (also um zu arbeiten) oder eben um zu konsumieren. Die Zeit dazwischen wird als Faulenzen oder neudeutsch «Rumhängen» und somit oft als nutzlos betrachtet. Uns steht ein Zeitalter bevor, in welchem Maschinen produzieren und Arbeit, wie wir sie heute kennen, für Menschen knapp wird. Wir müssen lernen, uns wieder mit uns und unseren Mitmenschen zu beschäftigen. Mit Betonung auf «lernen». Wir haben verlernt, Zeit zu verschenken, uns zu langweilen, oder über Gott und die Welt zu diskutieren. Hier liegt eine Chance, wieder mehr immateriellen Nutzen zu schaffen.

Man liest in alten Schriften, dass es noch eine Zeit gab, wo ein Eichhörnchen vom Süden Spaniens bis in den Norden Spaniens gelangen konnte, ohne den Boden zu berühren, von Baum zu Baum hüpfend. Das ist heute, aufgrund von unerhörtem Raubbau am Wald, in der Vergangenheit für den Bau von Schiffen, nicht mehr möglich. Kurzfristiges Denken hat eine ganze Weltregion wohl für immer verändert. Heute kämpft das Land mit ungeheuren Dürreperioden, was auch negative Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung hat. Das müsste doch eigentlich zeigen, was fehlendes Verständnis odergar Ignoranz in Bezug auf Nachhaltigkeit für Folgen haben können.

Der Punkt ist, dass wir Menschen langsame und schleichende Entwicklungen nicht in ihrer letzten Konsequenz wahrnehmen können. Ein gutes Beispiel ist der von Ihnen beschriebene Raubbau. Wälder können nicht neu angepflanzt werden. Wenn ein Wald verschwunden ist, dann ist er weg. Wälder können allenfalls noch durch Aufforstung wachsen und sich ausbreiten. Es braucht hierfür jedoch immer einen bestehenden Wald.Im Übrigen gibt es ein weiteres Vorkommnis, ganz ähnlich dem von Ihnen geschilderten in Spanien, aber weit älter. Es geht um die Osterinseln: Sie waren im Mittelalter noch mit Wäldern überzogen. Es kam aber, dass die Eingeborenenstämme angefangen haben, monströse Steinblöcke, genannt Moai’s, als Zeichen der Macht aufzustellen. Für den Transport dieser Steinmonumente benutzten sie die Stämme der Palmen und Bäume auf der Insel. Mit der Konsequenz, dass sie über Jahrzehnte sämtliche Wälder und Palmen abholzten und somit auch ihre Lebensgrundlage vernichteten. Die Eingeborenenstämme haben sich erbittert um die schwindenden Ressourcen bekämpft und dabei ihre Kultur ausgelöscht. Viele mussten die Inseln verlassen und die wenigen anderen überlebten nur mühsam.

Offenbar fokussierte man auch schon damals allgegenwärtige Konflikte oder Probleme mit anderen, was zum Ausblenden der Konsequenzen des schädlichen Verhaltens geführt hat. Das erinnert auch an heute…

Das war und ist zweifelsohne der Fall. Interessant an dieser Geschichte ist die Frage, wann diese Menschen hätten erkennen müssen, dass sie durch ihr Handeln ihre Lebensgrundlage und damit ihre Kultur zerstören. Nachdem die Hälfte der Wälder weg war, oder erst nach zwei Drittel des Raubbaus? Das ist die Kernfrage. Wann haben wir den Point-of-no-Return erreicht? Der hohe CO2-Ausstoss und die damit verbundene Klimaerwärmung bedrohen heute die Lebensgrundlage auf unserer Erde, was zugegebenermassen, weil sehr komplex, nicht alle so sehen. Wann sollten wir also mit aller Konsequenz damit anfangen, CO2 zu reduzieren?

Spricht man mit Einkaufsexperten diverser Unternehmen, so wird klar, dass sie sich allesamt nachhaltig verhalten wollen resp. auch nachhaltig beschaffen wollen. Oft ist es dann aber doch der Kostendruck, der zu nicht wirklich nachhaltigen Geschäften führt. Was muss ein Unternehmen denn tun, um wirklich Nachhaltigkeit auf die Fahne des Unternehmens schreiben zu dürfen?

Diese Frage versuchen wir in Forschungsprojekten zu beantworten. Ich glaube wir brauchen grundsätzlich Unternehmer, aber auch Manager, welche die Rolle der Unternehmen als Teil der Gesellschaft und sich selber als Verantwortungsträgerin der Gesellschaft erkennen. Ein Unternehmen hat nicht nur einer Maxime zu folgen. Wenn ein Unternehmen dem Kostendruck nicht mehr standhalten kann, dann stellt sich die Frage, ob die Produkte einen Mehrwert schaffen oder die Produktionsverfahren noch effizient sind. Ist dem nicht so, dann ist beides eine Ressourcenverschwendung und es wäre in dem Sinne gerechtfertigt, wenn das Unternehmen vom Markt verschwindet.Unternehmen müssen darauf achten, dass ihre Produkte wieder einen echten Mehrwertfür die Gesellschaft bringen. Will sich ein Unternehmen als Nachhaltig bezeichnen, so ist zu erwarten, dass nicht die Gewinnmaximierung an oberster Stelle steht, sondern die Unternehmensziele auch Auskunft über soziale und ökologische Belange geben.

Trotzdem bleibt die Frage, was es braucht, damit zum Beispiel ein Einkäufer in seiner täglichen Arbeit mehr auf eine nachhaltige Beschaffung achten kann.

Nachhaltigkeitsziele müssen auf der obersten Strategie- und Zielsetzungsebene der Unternehmen zu finden sein. Solange das oberste Ziel eines Unternehmens Umsatz- oder Kapitalrendite ist, haben es diese Ansätze schwer. In der Praxis sehen wir vermehrt Unternehmen, welche in ihrer Strategie neben den ökonomischen Kennzahlen der Rendite klare Verhaltensziele bezüglich Umwelt und Gesellschaft definieren. Oft sind diese Unternehmen geprägt von einer Leitung (VR oder CEO), die sich persönlich zu einer nachhaltigeren Wirtschaft bekennen. Diese Unternehmen gehen bewusst mit den Widersprüchen dieser Zielsetzungen um und schaffen damit eine Unternehmenskultur des Abwägens. Diskussionen zu den Fragen, was sinnvoll ist und was wirtschaftlich verkraftet werden kann, bringen das nachhaltige Bewusstsein auf die Tagesordnung und führen zu ausgewogeneren und damit oft auch zu nachhaltigeren Entscheidungen. Das befruchtet eine Diskussionskultur, in welcher die Vernunft wieder mehr zum Tragen kommt, anstelle einer eindimensionalen Profitbetrachtung.

Was kann eine Hochschule tun, um nachhaltiges Verhalten in Unternehmen, sagen wir, nachhaltiges Management, zu fördern, und sich nicht gleichzeitig dem Verdacht auszusetzen, dass man eine heile und nicht praktikable Welt verfolgt und beschreibt?

Als Bildungsinstitution kommt es drauf an, wie wir den Bildungsauftrag interpretieren. Ich bin überzeugt, dass Bildung wieder weiter gedacht werden muss. In dem Sinne, als das Spezialistenwissen wieder mehr mit Allgemeinwissen ergänzt wird. Als Wirtschaftshochschule müssen wir Themen wie Ethik und Wirtschaftsphilosophie wieder vermehrt in die Lehrpläne einfliessen lassen. Das rezeptuelle Fachwissen gerät im Zuge der Veränderungsgeschwindigkeit mehr in den Hintergrund. Es gilt die Denkfähigkeit resp. den Intellekt zu schärfen, um die neuen Herausforderungen der Zukunft meistern zu können. Nachhaltigkeit, und wie diese in Unternehmen gelebt werden kann, gehört zu diesen Herausforderungen. Wie können Ökonomie, Gesellschaft und Natur koexistieren? Das ist die Kernfrage von Nachhaltigkeit. Natürlich läuft man mit diesen Ansätzen Gefahr als verträumt, utopistischoder realitätsfremd zu erscheinen. Zudem bieten diese Bildungsansätze weniger scheinbar sichere Rezepte, sondern irritieren und werfen mehr Fragen auf, als Antworten gegeben werden können. Gerade die Frage nach nachhaltigem Handeln zeigt, wie dilemmatisch und widersprüchlich unsere komplexe Welt aufgebaut ist. Bildung sollte befähigen, diesen Dilemmata und dieser Komplexität mit eigenem Denken und eigener Vernunft zu begegnen. Lösungen für diese konkreten Probleme werden wir nicht in den Büchern finden – Lösungen werden von Menschen erarbeitet.

Markus Zemp

 

Nachhaltiges Management erfordert auf alle Fälle besondere Management-Kompetenzen. Wie sehen diese Kompetenzen aus und wie vermittelt man diese am sinnvollsten?

Ganzheitliches Denken und klare Wertvorstellungen! Soll nachhaltiges Management ernst genommen werden, so müssen Manager noch lernen, ihre Vorstellung einer nachhaltigen Unternehmensführung klarer zu definieren. Die grosse Schwierigkeit liegt darin, das Primat der Ökonomie abzulegen. Nachhaltiges Handeln ist eine stetige Auseinandersetzung mit Widersprüchen und Dilemmata. Nachhaltiges Management sucht Lösungen jenseits ökonomischer Logik. Die Fähigkeit, Entscheidungen in Unternehmen durchzusetzen, welche zwar nicht ökonomisch, aber sinnvoll sind, das ist eine Schlüsselkompetenz im nachhaltigen Management.

Vielleicht gehört Elon Musk zu den Menschen, die das können und wollen?

Schaut man sich Elon Musk’s Bildungsbiografie an, so fällt auf, dass er, gemäss Aussagen seines Bruders, viele Bücher gelesen hat. Und zwar aus den unterschiedlichsten Wissensgebieten, wie der Philosophie, Religion und der Physik. Dazu passt, dass er einen Bachelorabschluss in Volkswirtschaft und Physik hat. Gemäss seinen Aussagen ist sein Erfolgsfaktor,zusammen mit seinem Team Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, die für Menschen sinnvoll sind.

Neben einem Lernwillen und einer Lernfähigkeit sind ein konstruktiver Umgang mit Widersprüchen, Unsicherheit und Vernunft sowie Mut für Entscheidungen Voraussetzungenfür ein erfolgreiches Management.

Diese Kompetenzen werden weniger aus klassischen Management-Büchern, sondern durch die Auseinandersetzung mit konkreten Situationen gelernt. Dabei liegt der hauptsächliche Lernprozess vor allem in der Reflexion der eigenen Entscheidungen und der dahinterliegenden Haltungen. Manager können so lernen, im Diskurs mit Kollegen, Dozenten oder Professoren, ihre Entscheidungen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und können so ihre persönlichen Lerneffekte mitnehmen. Hier sollten wir uns an Galileo halten: Wir können Menschen nichts lehren, wir können ihnen nur helfen,den Dingenauf den Grund zu gehen resp. die Dinge selber zu entdecken.

Sehr geehrter Herr Professor Zemp, ich bedanke mich freundlichst für dieses Interview und wünsche Ihnen bei Ihren Lehrtätigkeiten und Projekten weiterhin viel Spass und Erfolg!

 

(C) 2018 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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