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Interview mit Sabine Boss

 

Sabine Boss

Sabine Boss, Jahrgang 1966, gehört zu den bekanntesten Filmemacherinnen der Schweiz. Mit «Ernstfall in Havanna», «Studers erster Fall» (nach einer Geschichte von Friedrich Glauser) und «Das Fräuleinwunder» sowie zahlreichen «Tatort»-Serien hat sie sich als Regisseurin und Autorin etabliert. Die in Aarau in einer Pfarrersfamilie aufgewachsene Sabine Boss wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, so bspw. mit dem Swiss Award in der Kategorie Kultur (2014) für das Filmwerk «Der Goalie bin ig», nach einer Buchvorlage von Pedro Lenz. Für «Der Goalie bin ig» wurde Sabine Boss 2015 mit dem Prix Walo ausgezeichnet.
Von1992 bis 1996 studierte Sabine Boss an der Zürcher Hochschule der Künste Film und Video, wo sie heute selber doziert. Nach ihrer Ausbildung arbeitete sie zunächst als Regieassistentin am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, wo sie auf Persönlichkeiten wie Dimiter Gotschef, Sepp Bierbichler, Matthias Hartmann und Christof Schlingensief traf und sich entscheidende Erfahrungen im Umgang mit Schauspielerinnen und Schauspielern aneignen konnte.
Im Interview mit Christian Dueblin spricht Sabine Boss über ihren Werdegang und beschreibt, was es bedarf, um gute Filme machen zu können, die das Publikum in ihren Bann ziehen. Sie zeigt auf, wie sie Schauspieler und wie sich das ganze Film-Team auf einen Film vorbereitet. Sie schliesst mit einer Bemerkung Churchill’s, der in Kriegszeiten auf die Frage, ob man nicht das das Budget für die Kultur senken sollte, gesagt haben soll, dass die Erhaltung der Kultur doch der Sinn dieses Krieges sei, den man führte.

Christian Dueblin: Frau Boss, Sie schauen auf eine beachtliche Filmkarriere zurück. Ihr Film Der Goalie bin ig, nach einem Buch von Pedro Lenz, ist mit diversen Preisen ausgezeichnet worden. Mir fällt beim und nach dem Schauen Ihrer Filme auf, dass sie, im Gegensatz zu vielen anderen Produktionen, zu einem gewissen Nachhall in mir selber führen. Ich erwische mich hin und wieder dabei, wie ich im Freundeskreis über Ihre Filme diskutiere.

Sabine Boss: Das ist schön und das freut mich zu hören. Ich denke, dass das damit zu tun hat, dass ich versuche, mich komplett in die Figuren meiner Filme hineinzuversetzen. Es gibt dabei keine guten oder schlechten Figuren. Jede Figur in Film und Theater hat einen Grund, eine Not, warum sie dies und jenes macht. Meine Arbeit ist es, zusammen mit den Schauspielern, all das in der Geschichte herauszuschälen.

Was bedarf es, damit man sich so in diese Figuren hineinversetzen kann, dass sie auch glaubwürdig beim Zuschauer ankommen?

Man sagt ja, dass Regisseure mit zunehmender Lebenserfahrung besser werden. Auch Empathie hilft natürlich, da man ein Gespür für andere Menschen, deren Bedürfnisse und Ängste haben muss. Aber ganz wichtig ist sicher auch die Recherche. Mit jedem Buch und Drehbuch komme ich in eine andere Welt. Das ist das Schöne an meinem Beruf: nachzuvollziehen, wie Menschen zueinanderstehen, wie sie reagieren und was sie antreibt.

 

Sie erzählen Geschichten, die glaubwürdig sind, ohne Lebenssachverhalte selber allzu sehr zu werten. Nun kommen Sie aus einer Pfarrersfamilie im Aargau. Pfarrer setzen sich mit der Bibel auseinander, die voll von Geschichten ist, und sie erzählen an Predigten Geschichten. Hat Sie dieser Umstand geprägt?

Viel mehr geprägt, als ich das eigentlich haben wollte. In meinen Jugendjahren fand ich manches doof und bürgerlich. Mein Vater, der als Pfarrer tätig war, hat mich aber sehr geprägt. Der christliche Glaube besteht ja darin, Verständnis zu haben für Menschen, die in anderen Lebenssituationen sind und denen es vielleicht auch weniger gut geht.

Mein Vater hat extrem coole Geschichten erzählt und ging auf der Kanzel bei den Predigten voll auf. Ich selber stehe nicht so gerne in der Öffentlichkeit, obwohl es zu meinem Beruf gehört.

Nun fällt aber auf, dass Sie nicht predigen in Ihren Filmen, wenn sie Geschichten erzählen. Sie erzählen Geschichten aus dem Leben, die offenbar gut recherchiert und inszeniert sind.

Ich will nicht predigen. Es gibt andere Regisseure, die eine Message haben, die sie rüberbringen wollen. Das ist für mich vollkommen in Ordnung und ich schaue mir diese Filme auch gerne an. Ich selber predige jedoch tatsächlich nicht. Heute wünsche ich mir aber manchmal, dass mein Vater, der vor wenigen Jahren gestorben ist, noch leben würde. Er ist vor meinem Film Der Goalie bin ig gestorben. Ich habe viel zu wenig mit ihm gesprochen. Heute bin ich mir viel bewusster, was ich von ihm mitbekommen habe. Mir ist im Übrigen auch wichtig, dass ich das, was ich erzähle, mit einem gewissen Humor rüberbringen kann. Ich möchte nicht nur immer die tragische Seite beleuchten, sondern mit meinen Geschichten auch Freude schenken.

Wie gehen Sie mit den Schauspielern um resp. wie bringen Sie diese dazu, authentisch rüberzukommen. Ich denke bspw. an Der Goalie bin ig oder auch an den Film Verdacht, nach einem Drehbuch von Urs Bühler und Daniel von Aarburg, in dem die Ehefrau des angeschuldigten Lehrers, gespielt von der Schweizer Schauspielerin Mona Petri, eine vortreffliche Rolle verkörpert. Auch in diesem Film kommen die Schauspieler extrem authentisch rüber.

Das ist sicher eine Spezialität von mir, dass ich sehr eng mit meinem Ensemble verbunden bin. Ich probe alles vor. Vorproben heisst aber nicht, dass alles szenisch geprobt wird, sondern dass alle Beteiligten am Tisch sitzen und über die Szenen und Dialoge reden. Ich gehe Dialog für Dialog mit den Schauspielern durch und spreche mit ihnen darüber, was wir sagen und erreichen wollen. Ich arbeite oft auch mit dem Schauspiel-Coach Giles Foreman zusammen, eine super Ergänzung. Er verwendet bei den Proben Musik und Tanz. Die Schauspieler erhalten eine Musik, die sehr zur Grundstimmung der zu Figur passt, und dann versuchen sie, ihre Figur tanzend zu füllen, ihr tanzend Personalität und Identität zu verleihen. Die Aufgabe der Schauspieler besteht darin, ihren eigenen Kern zu finden. Die Methode, mit einem Coach zu arbeiten, stammt im Übrigen aus Amerika und ist sehr verbreitet.

Bei Mona Petri war das ganz interessant. Sie kommt sehr leicht daher, weil sie auch eine zierliche und hübsche Frau ist. Für diese schwer darzustellende Figur im Film „Verdacht“ wo sie die Ehefrau des angeschuldigten Lehrers spielt, war mehr Gewicht nötig. Sie hat es mit ihrer Schauspielkunst erreicht, dass sie schwerer und geerdeter erscheint als sie tatsächlich ist. Das war mit der Tanz-Methode sehr gut machbar und erreichbar.

Wie gehen Sie bei der Auswahl der Schauspieler vor? Gibt es dort auch eine Methode, die Sie verfolgen?

Ich caste sämtliche Schauspieler. Sie müssen zwei Szenen vorspielen und werden gefilmt. Die Schauspielerei ist ein harter Beruf. Es gibt zum Schluss im Prinzip nur einen Gewinner, die anderen können im Film nicht mitmachen.

Das war auch bei Mona Petri so, die eine von einer Vielzahl von Schauspielerinnen war, die für den Film gecasted wurden. In der Regel werden zwischen fünf bis acht Schauspieler für eine Rolle gecastet. Kinder- und Jugendlichen-Castings sind am aufwändigsten. Da schaut man sich locker mehrere Hundert Vorschläge an. Bei Fernsehfilmen geht das Besetzen aufgrund der knappen Zeit etwas schneller, aber bei Kinofilmen kann es monatelang dauern, bis die finale Besetzung für einen Film steht.

Sie hatten in Ihrer Jugend, wie viele andere, eine rebellische Phase durchgemacht und spielten selber einige Zeit mit dem Gedanken Schauspielerin zu werden? Bereuen Sie heute, dass Sie keine geworden sind?

Ich hatte vor vielen Jahren eine Aufnahmeprüfung als Schauspielerin gemacht in einer Privatschule. Ich wollte Akrobatik und Pantomime lernen. Aufgrund meines damaligen Partners sagte ich jedoch ab, weil alles viel zu kompliziert geworden wäre. Es stellte sich für mich damals, obwohl etwas rebellisch eingestellt, auch die Frage, ob man denn tatsächlich als Abgängerin einer Privatschule in Akrobatik und Pantomime seinen Lebensabend bestreiten kann (lacht). Ich denke, das wäre sicher sehr schwierig geworden.

Haben diese Schauspieler, mit denen Sie arbeiten, denn bereits etwas an sich, also Charakterzüge, die für eine Rolle vorteilhaft sind? Ich frage das, weil man in Ihren Filmen oft das Gefühl hat, dass die Schauspieler auch wirklich Charakterzüge aufweisen, die auch die zu spielenden Figuren haben.

Das ist in der Regel gar nicht der Fall. Natürlich haben alle Menschen eine gewisse Grundenergie, die sie ausstrahlen. Einige sind schnell, andere langsam oder nervös. Das hat aber weniger mit Charakterzügen als mit der physischen Veranlagung der Schauspieler zu tun. Er kann alles verlassen der Schauspieler, nur nicht seinen eigenen Körper. Mit diesem ist er unweigerlich verbunden. Dazu gehört auch seine Stimme, seine Grösse und viele weitere Merkmale, die einfach vorliegen oder nicht. Vielleicht kann man das als Grundausstrahlung bezeichnen, die zu einer zu interpretierenden Figur im Film oder im Theater passt. Diese Schauspieler sind aber alle so gut ausgebildet, erfahren und professionell, dass sie jede Charaktereigenschaft authentisch rüberbringen können, so dass der Zuschauer, wie Sie offenbar auch, glaubt, dass sie so sind, wie sie sich beim Schauspielern geben.

Beim Der Goalie bi ig erinnere ich mich an die Schauspieler, die beim Casting tanzten und dabei ihre Figuren fanden. Später sind wir an den Dialog rangegangen und haben alles zusammen besprochen. Ich mache das immer in Konstellationen. Dann kann es sein, dass man zu zweit oder zu dritt am Tisch sitzt. Ich sage dem «Zusammenpuzzlen». Es muss dann auch rasch eine Kostümprobe gemacht werden, denn nur schon bei der Unterhaltung über die Umsetzung von Szenen ist es wichtig, dass die Schauspieler ihr Kostüm tragen. All das findet im Vorfeld des Drehs statt und ist sehr zeitaufwändig. Später folgt dann noch die Auseinandersetzung mit dem Kameramann. Am Schluss muss es gelingen, die vielen Puzzleteile, die man einzeln intensiv besprochen hat, richtig zusammenzusetzen.

Die Schauspieler müssen sehr gut darüber Bescheid wissen, wie sie zu agieren und zu reagieren haben. Ich gebe Ihnen ein Beispiel anhand des Goalie’s, gespielt von Marcus Signer: Er verliebt sich in diese junge Frau, die im Restaurant serviert. Das ist ein langer Prozess. So musste ich mit dem Schauspieler darüber sprechen, wann er sich verliebt, ob er in einer Szene bereits verliebt ist, oder ob er sich grad am Verlieben ist. All das führt zu einer ganz anderen Haltung, die der Schauspieler einnehmen muss, um glaubwürdig rüberzukommen.

Mir ist in diesem Film noch etwas Anderes aufgefallen, nämlich die Kulisse, speziell das Restaurant, das der Goalie hin und wieder aufsucht. Es gibt ja tatsächlich solche «Beizen» und man trifft dort auch alle diese Stereotypen, die im Film erscheinen. Der Hollywood-Regisseur Terry Zwigoff hat mir in langen Gesprächen, zusammen mit Robert Crumb, Auskunft über seine Strategien und seine Ansprüche in Sachen Requisiten und Kulissen gegeben und dann auch über seinen production designer, Howard Cummings, berichtet, der es in «Ghost World» auf sehr beeindruckende Art und Weise geschafft hat, eine vergammelte Wohnung dermassen authentisch rüberzubringen, dass man wirklich überzeugt ist, dass der Schauspieler dort drin wohnt. Diese Frage sprach Zwigoff sehr an, da er ebenfalls allergrössten Wert darauf legt, dass auch wirklich das kleinste Detail stimmt.

Es gibt solche Orte und tatsächlich ist die Frage der Kulissen und Requisiten von allergrösster Bedeutung. Sie tragen natürlich, gut gemacht, enorm zum Film bei, oder eben auch nicht. Wenn nicht, verliert der Film an Glaubwürdigkeit.
Das von Ihnen angesprochene Restaurant im Film haben wir voll und ganz neu möbliert. Das Restaurant war zuvor leer, irgendwo hinter Langenthal gelegen. Die Aussenansicht des Restaurants ist aber Fake. Das heisst, den Aussenbereich haben wir an einem anderen Ort gedreht. Gingen die Leute durch die Türe, findet sich der Zuschauer aber in der von uns gestalteten Beiz.
Sie entspricht diesen Beizen, die es in den 80iger und in den 90iger Jahren auch noch in Städten gab. Der leider verstorbene grossartige Szenenbildner Gerald Damowsky hat das Production Design gemacht, er hat diese Welt kreiert. Wir konnten aus unserem Erfahrungsfundus voll schöpfen. Ich wollte aber nicht alles ganz genau so, wie es damals war. Der Goalie trägt zum Beispiel eher 60iger Jahre-Klamotten, weil ihm diese viel besser stehen. Es sollte in einem gewissen Sinn auch zeitlos daherkommen.

Hinter jedem meiner Filme steckt eine riesige Teamarbeit Ich bin ja selber nur immer so gut wie der Kameramann oder wie der Ausstatter. Wenn der Ausstatter also etwas baut, das nicht gut ist, so kann das der Regisseur kaum wieder gut machen. Ich kann daher den Ansatz von Terry Zwigoff nur bestätigen.

 

Sie haben mit Ernstfall in Havanna schon früh einen Hit gedreht. Im Film, der wohl jedem Schweizer bekannt ist, spielen unter anderem auch Victor Giacobbo und Mike Müller mit, auch Sabine Schneebeli. Hatten Sie damals nicht etwas Respekt davor, nicht mehr von der Komik und vom Klamauk wegzukommen?

Das war tatsächlich ein gewisses Risiko, das ich auf mich nahm und mich hat das natürlich schon beschäftigt. Es kann passieren, wie Sie sagen, dass man quasi stigmatisiert wird und dann nicht mehr von einer Rolle oder von einem Genre loskommt. Ich habe aber gleich nach diesem Film angefangen, mich nicht festlegen zu lassen. Mein erster langer Film war zudem Studers erster Fall nach Friedrich Glausers Matto regiert, alles andere als Klamauk. Danach erst kam Ernstfall in Havanna und gleich danach machte ich wieder einen Krimi, also etwas Schweres. Das hat eine gewisse Schubladisierung verhindern können.

Der Goalie bin ig, eine Geschichte mit Tiefgang, ist ein Riesenerfolg geworden und Sie sind für das Filmwerk mit Preisen ausgezeichnet worden. Zurückblickend gesehen, war es vorhersehbar, dass der Film ein solcher Erfolg wird?

Das ist immer sehr schwer vorauszusagen. Ich kann jedoch sagen, dass man oft schon früh erkennt, dass ein Film nicht gut wird. Beim Lesen des Drehbuches wird dann schon klar, dass es nicht stimmig ist, die Geschichte nicht überzeugt oder einzelne Szenen nicht gut werden können, zu wenig gute Dialoge enthalten sind, weil sie vielleicht zu dünn sind, zu oberflächlich oder zu wenig überzeugend. Das ursprüngliche Projekt mit dem Goalie hätte ursprünglich ein Dokumentarfilm mit Junkies werden sollen. Es klappe aber nicht mit der Finanzierung, was mein Glück war, sonst wäre das Spielfilmprojekt nicht an mich herangetragen worden. Mir wurde beim Lesen des Buches und in der Auseinandersetzung mit Pedro Lenz aber schnell klar, dass das Buch über den nötigen Tiefgang verfügt, um einen guten Film daraus machen zu können.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit Pedro Lenz in Erinnerung?

Die Arbeit mit Lenz war sehr kooperativ. Es gab jedoch Teile des Buches, die ich hinterfragte und ihn darauf aufmerksam machte, dass für mich irgendwo die Logik fehlte. Er setzte sich dann gleich an den Tisch und kam mit einem Vorschlag auf mich zu. Pedro Lenz ist ja eine Art Sprachrohr der kleinen Leute, die er beobachtet und über die er schreibt, so auch über den Goalie. Wir stellten dann während der Arbeit fest, und hier vermisse ich nun meinen Vater, der grosse Freude am Film und dieser Zusammenarbeit gehabt hätte, dass ich mit Pedro Lenz tatsächlich ganz grundlegende christliche Werte teile. Das war für mich selber ein sehr interessanter Aspekt bei der Entstehung des Filmwerkes.

Sie machen Leichtes und Schweres, was liegt Ihnen denn aber am meisten? Oder geht es darum, einfach gute Geschichten zu erzählen, die beides vereinen, so wie das Friedrich Dürrenmatt beherrscht hatte?

Das Heitere liegt mir sehr. Ich lache gerne und ich freue mich, wenn die Zuschauer über Szenen schmunzeln müssen. Schliesslich geht es aber eben schon darum, eine gute Geschichte rüberzubringen.

Dürrenmatt ist sicher das grosse Vorbild von uns allen. Er hat das grosse Welttheater betrieben und es verstanden, im ganz Kleinen das ganz Grosse zu erklären. Es ist manchmal etwas ein Frust, dass wir mit dem Schweizer Film den Sprung über die Grenzen nur selten schaffen.

Das war schon anders in der Vergangenheit. Was ist der Grund dafür, dass heute unsere Filme kaum Anklang finden im Ausland und es nur wenige Produktionen über die Grenzen schaffen?

Ich kann diese Frage, die ich mir auch immer wieder stelle, nicht vollends beantworten. Es hat vielleicht damit zu tun, dass es uns in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern sehr gut geht. Wir setzen uns mit Sachen auseinander, mit denen sich andere Länder gar nicht auseinandersetzen können, weil die Menschen an Dringenderes denken müssen. Dass wir in der Schweiz aber so humorvoll und auch liebevoll auf so kleine Dinge schauen können, indem wir bspw. wie in Das Geheimnis von Murk auf einen Kornkreis schauen und uns fragen, wie viel der Bauer nun daran verdient, zeichnet uns aus.

Sie setzen sich auch mit jungen Filmschaffenden auseinander, die noch an einem ganz anderen Ort ihrer Karriere stehen, so auch unlängst am Basler Gässli Film-Festival, organisiert durch den Filmemacher und Produzenten Giacun Caduff. Was suchen die vielen jungen Leute bei solchen Anlässen bei Ihnen und wo denken Sie, können Sie jungen Filminteressierten etwas mitgeben?

Viele kommen etwa mit ihrem eigenen Projekt und da kann ich vielleicht helfen. Ich zeige meine Sicht der Dinge auf, wie ich etwas lösen würde. Die jungen Leute müssen aber selber herausfinden, dass vielleicht etwas nicht stimmt. So kann es sein, dass mir jemand einen Teil eines Drehbuchs zeigt. Ich sage dann, lass uns das mal gemeinsam laut lesen. Beim laut Lesen selbst erkennt die junge Person, dass dieser Dialog zu wenig hergibt, oder dass etwas nicht klar ist. Dann gibt es Diskussionen, was denn einen guten Dialog ausmacht. Vielleicht kann ich so den einen oder anderen inspirieren.

Erkennen Sie neue Talente, mit denen Sie auch als Dozentin an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) zu tun haben? Was unterscheidet diese von Menschen mit Ihrem Jahrgang und älteren Filmschaffenden in der Schweiz?

Die Studierenden haben einen ganz anderen Ausbildungshintergrund als ich und viele meiner Kolleginnen und Kollegen. Sie sind einerseits technisch sehr versiert, denn sie haben ihr Leben lang mit Computern gearbeitet und ich hätte hier wohl keine Chance, ihnen etwas zu erklären. Sie haben sich andererseits aber auch längere Zeit hinter diesem Computer versteckt. Sie nun hinter diesem Computer hervorzuholen, ist eine Herausforderung. Die Zeit, die sie hinter dem Computer verbracht haben, haben sie nicht mit anderen Menschen geteilt. An der Filmschule sieht man das daran, dass sie in der Auseinandersetzung mit Schauspielern, wo man sich nicht mehr hinter dem Computer und der Technik verstecken kann, anfänglich grosse Mühe haben. Es geht also um den Schritt hinaus in die Welt. Dann muss man seine Ideen auch als Botschafter verkaufen können. Dazu muss man andere Menschen begeistern.

Es bedarf nebst technischem Wissen und Empathie, um Geschichten erzählen und vermitteln zu können, aber auch noch einiges mehr, um gute Filme machen zu können. Ich denke da an die Finanzen, aber auch an den Glauben an sich selbst sowie Durchhaltevermögen in Ihrem Geschäft, auch wenn man Schauspieler ist. Was für Erfahrungen haben Sie diesbezüglich selber gemacht?

Man braucht diesen Glauben an sich selbst, es bedarf aber auch Menschen, die an einen glauben. Sie muss man begeistern können. Ich bin selber sehr dankbar, dass ich heute selbst auswählen kann, was ich tun und machen kann. Wer Künstler werden will, muss Risiken eingehen. Und man muss bereit sein, wohl lang nicht so reich zu werden, wie andere, die einen konventionellen Weg einschlagen im Leben. Ich hätte ja zum Beispiel in St. Gallen Wirtschaft studieren können, da wäre ich jetzt reich. Ich habe aber mit 20 einen anderen Weg beschritten.

Viele Menschen sind nicht bereit, Risiken einzugehen, ein Problem für unsere Gesellschaft, über das sich viele Interviewpartner Gedanken gemacht haben. Wie sieht das aus im Filmgeschäft, in dem Sie sich bewegen?

Ich erkenne das schon auch. Es gibt diese Tendenz sicher auch im Künstlerbereich. Viele junge Menschen wollen kein oder nur wenig Risiko eingehen und aber erfolgreich sein. Man muss das aber auch verstehen, denn mir scheint, als würde es immer schwieriger werden, absehen zu können, was noch alles passiert. Wir wissen nicht, wie das Fernsehen und das Kino der Zukunft ausschauen wird, ob Filmschaffende in Zukunft noch unterstützt werden oder nicht. Der Punkt ist aber der, dass man es nicht schaffen wird, seine künstlerischen Visionen umzusetzen und davon leben zu können, wenn man nicht das volle Risiko auf sich nimmt. Ich würde das als Radikalität bezeichnen, die man haben muss, um erfolgreich werden zu können im Filmgeschäft.

Sie haben zurzeit viel Erfolg und sind begehrt in der Welt des Films, aber auch in den Medien. Führt das auch zu Ängsten, vielleicht die Angst, bei einem Projekt versagen zu können?

Mich hat der Erfolg nicht verändert. Oft denkt man, dass man von Projekt zu Projekt selbstsicherer werden würde. Das stimmt aber nicht. Die Selbstzweifel bleiben und werden eigentlich mit erfolgreichen Projekten noch stärker. Ich dachte, dass hier mal die Erlösung kommen würde. Das findet aber nicht statt (lacht).

Frau Boss, was wünschen Sie der Schweiz und ihrem Filmgeschäft für die Zukunft?

Es ist wichtig, dass die Subventionen für die Schweizer Kultur erhalten bleiben. Der Film trägt zur Kultur der Schweiz bei, auch zu deren Identität. Das Filmschaffen muss gleichzeitig professionalisiert werden. Dafür sind die Filmschulen wichtig. Es bedarf schliesslich guter Geschichten, die bei uns entstehen, auf unserer Sprache und auf unserer Kultur basierend, die aber eine übergeordnete Bedeutung haben, so dass sie auch internationale Strahlkraft haben.

Es gibt im Übrigen eine Anekdote über Churchill: Als man ihn während des Krieges um eine Reduktion der Kulturgelder zugunsten des Militäretats bat, sagte er: „But that’s what we are fighting for!“.

Liebe Frau Boss, ich bedanke mich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen für alle Ihre Projekte weiterhin viel Freude und Erfolg!

(C) 2017 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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