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Spezialinterview Wirtschaftsjournalismus: Reto Lipp

 

Reto Lipp

Reto Lipp, Jahrgang 1960, studierte an der Universität Zürich Wirtschaftswissenschaften und moderierte lange Zeit für Radio Z. Er hatte die Ressortleitung des Finanz-Bund der Handelszeitung inne und ist Initiator des Schweizer Anlegermagazins «Stocks». Der Wirtschaftsjournalist Lipp arbeitet seit 2007 für das Schweizer Fernsehen SRF und ist vielen TV-Zuschauern aus den Sendungen ECO und SRF Börse bekannt.
Im Interview mit Christian Dueblin spricht Reto Lipp über seine journalistische Tätigkeit und den Service Public. Er zeigt auf, wie er sich auf die vielen wirtschaftlichen Themen vorbereitet, die er als Moderator behandelt. Lipp beschreibt zudem, welche Rolle soziale Netzwerke heute bei der Arbeit als Journalist spielen.

Christian Dueblin: Sehr geehrter Herr Lipp, Sie setzen sich seit vielen Jahren am Radio, am TV, vor allem auch in der SRF-Sendung ECO, mit wirtschaftlichen Themen auseinander. Die wirtschaftlichen Zusammenhänge sind oft sehr komplex. Das ist auch für TV-Zuschauer eine Herausforderung. Wie bereiten Sie sich selber auf wichtige und oft sehr komplexe wirtschaftliche Themen vor?

Reto Lipp: Lesen, lesen, lesen. Das sei die wichtigste Aufgabe für einen Moderator, hat mir ein früherer Chef mal gesagt. Und es stimmt, je mehr man über ein Thema weiss, desto besser. Denn gerade in Live-Interviews wird man immer wieder vor überraschende Situationen gestellt. Je grösser der „Wissens-Rucksack“ dann ist, desto besser. Ich lese also sehr viel Hintergrundmaterial zu den jeweiligen Themen, lese sämtliche wichtigen Zeitungen und Magazine und spreche natürlich als Vorbereitung zu Interviews mit diversen Experten, die viel mehr über das Thema wissen als ich.

Gibt es wirtschaftliche Themen, die Ihnen nicht liegen und denen Sie gerne aus dem Weg gehen?

Natürlich ist man gewissen Themen einfach näher als anderen, das hat viel mit der persönlichen Biografie zu tun. Ich habe früher als Journalist sehr viel über Banken, Versicherungen, Finanzmärkte und Vermögensverwalter publiziert, da bin ich dann einfach besser informiert als bei Themen wie Energiepolitik, Wirtschaftskriminalität oder Robotik. Aber es ist die wichtigste Aufgabe eines Journalisten, sich schnell und umfassend einen Einblick zu verschaffen, auch in Themen, die neu sind oder die einen jetzt nicht gleich auf Anhieb besonders interessieren. Manchmal muss man ganz von vorne anfangen, was aber auch den Reiz des Jobs ausmacht. Keine Sendung ist gleich, immer wieder muss man sich mit neuen Themen und Menschen befassen.


Reto Lipp am WEF

Man kennt Sie aus dem Fernsehen als Moderator. Zuvor waren Sie auch für das Radio und für die Printmedien tätig. Wo und wie unterscheidet sich Ihre Tätigkeit für das Fernsehen von der Berichterstattung im Radio oder in den Printmedien?

Fernsehen lebt vom Bild und ist ein sehr emotionales Medium, viel stärker als Radio oder Print. Bei Wirtschaftsthemen kommt die Schwierigkeit dazu, dass es oft keine Bilder gibt. Wenn man über Banken berichtet, kann man ja nicht zum tausendsten Mal den Paradeplatz zeigen, das ist dann einfach langweilig. Das heisst, wir müssen uns sehr viel Zeit nehmen für die Frage, wie wir abstrakte Themen bebildern. Das fordert uns immer sehr heraus, denn viele Wirtschaftsthemen sind eben zunächst einmal abstrakt. Unser Ehrgeiz muss sein, auch abstrakte Themen anschaulich und bildstark den Zuschauern präsentieren zu können. Zudem ist Fernsehen immer eine Teamarbeit – im Gegensatz zum Radio ist man nie Einzelkämpfer, man ist immer auf die Kollegen angewiesen. Das bedingt dann auch, dass man mehr über die Themen diskutiert. Ich erlebe hier viel mehr Diskussionen und ein Ringen um Themen als etwa in meiner Printzeit.

Vielen Menschen haben die alten Zeiten noch vor Augen, als Persönlichkeiten wie Charles Clerc, Peter Richner und Léon Huber die Tagesschau moderiert haben. Seither haben sich nicht nur die Moderatoren-Typen verändert, sondern auch das Erscheinungsbild von TV-Sendungen und ihre Redaktionen. Was läuft heute Ihres Erachtens in der Redaktion bei der Aufarbeitung von wirtschaftlichen Themen anders als noch vielleicht vor zwanzig Jahren?

Heute ist die eigentliche News nicht mehr so wichtig, denn die haben viele Menschen schon auf ihrem Smartphone gelesen. Viel wichtiger sind heute Einbettung der News, Analyse und Erklärung. Als wir bei ECO mit sogenannten „Erklär-Grafiken“ starteten, haben viele im Hause gesagt, das will niemand sehen, das ist ja lehrerhaft. Inzwischen bringen praktisch alle Magazine Grafiken, heute oft auch im 3D-Stil, denn mit wirklich tollen, aufwändigen Grafiken kann man vieles einfacher erklären und gleich auch noch ein faszinierendes Bild bieten.

Soziale Netzwerke haben in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Wie wirken sich diese elektronischen Netzwerke auf Ihre Arbeit als Wirtschaftsjournalist aus? Bringen sie Ihnen Vor- oder Nachteile? Erschweren sie möglicherweise eine vernünftige und fundierte Berichterstattung?

Ich bin selbstverständlich auf diesen neuen Medien sehr präsent, weil ich es als meine Aufgabe ansehe, dort auch als Botschafter von ECO aufzutreten. Als Privatperson muss ich ganz offen gestehen, würde ich diese Plattformen nicht nutzen, da ist mir das gute alte Telefon immer noch wesentlich sympathischer. Vieles was heute über die sozialen Medien läuft, ist zutiefst unsympathisch. Da werden Kommentare in einer Tonlage publiziert, die es nie in die Leserbriefsparte einer Zeitung schaffen würden. Aber natürlich bieten Facebook und Twitter für einen Journalisten auch Stoff. Doch die journalistische Einordnung, Kompetenz und Glaubwürdigkeit wird in der Zeit der sozialen Medien noch viel wichtiger werden.

Es ist kein Geheimnis, dass Unternehmen sich in ein gutes Licht stellen wollen und Unangenehmes gerne verdrängt wird. Dafür werden gerne auch soziale Netzwerke benutzt. Das kann dazu führen, dass man Journalisten zu beeinflussen versucht, sie von wichtigen Fragen in der Berichtserstattung abhalten möchte. Wie gehen Sie persönlich vor, wenn Sie merken, dass man Sie als Moderator oder Ihre Sendeanstalt bei wichtigen wirtschaftlichen Ereignissen zu vereinnahmen oder zu beeinflussen versucht?

Beeinflussungsversuche gibt es immer wieder einmal. Deshalb bin ich ein so starker Anhänger des Service-Public-Gedankens. Ein Wirtschaftsmagazin auf privater Basis ist praktisch nicht denkbar, weil immer gleich der grosse Basar losginge: «Berichtet Ihr positiv über uns, dann bekommt Ihr nach der Sendung einen Spot.» Oder der Sponsor delegiert gleich einen Interviewgast in die Sendung ab. Das passiert bei ECO nicht und ich kann mit voller Überzeugung sagen, dass wir uns nie von kommerziellen Interessen leiten lassen. Wir machen das, was wir für relevant halten.

Anlässlich eines Executive MBA-Lehrganges an der Universität St. Gallen meinte ein bekannter Professor 2007 auf die kritische Frage eines Kommilitonen, was denn passieren würde, wenn eine Bank wie die UBS auseinanderbrechen oder untergehen würde, dass dies nicht denkbar sei und sich dann sowieso alles verändern würde. Es folgten ironische Bemerkungen. Nun sind wir eines anderen belehrt worden und die Frage des Kommilitonen war schon vorherseherischer Art. Es passieren heute Dinge, von denen niemand geträumt hätte, auch in der Wirtschaft. Was versetzt Sie heute bei der Berichterstattung selber in Staunen, wenn Sie sich mit wirtschaftlichen Fragen auseinandersetzen?

Natürlich hat auch uns die Bankenkrise im Gefolge nach 2007 massiv in Erstaunen versetzt. In der allerersten ECO Sendung im August 2007 zeigten wir eine Reportage über die Immobilienprobleme in den USA. Viele haben uns darauf geschrieben: «Was müssen uns in einem Schweizer Magazin US-Immobilien interessieren?» Spätestens die staatliche Rettung der UBS 2008 hat gezeigt, wie vernetzt die Wirtschaft heute ist. Diese Vernetzung zu zeigen und plausibel zu machen, scheint mir ganz wichtig zu sein. Vielen Schweizern ist noch immer nicht bewusst, wie abhängig und verletzlich wir von Ereignissen sind, die wir als Land nicht beeinflussen können.

Man kennt Sie heute vor allem aus der Sendung ECO des Schweizer Fernsehens. Auch beim Schweizer Fernsehen geht es um Quoten. Beiträge müssen hierfür einen gewissen Unterhaltungsfaktor aufweisen. Primeurs und Schlagzeilen ziehen Menschen bekanntlich an. Wie gelingt es einer Redaktion und einem Moderator, die Balance zwischen Unterhaltung und harten Facts zu halten?

Natürlich freue ich mich immer über gute Quoten – nur gibt es keinen Quoten-Fetisch bei uns. Wir wissen, dass wir manchmal ziemlich schwierige und sperrige Themen um 22.25 Uhr auf den Bildschirm bringen (z.B. die Eigenkapitalquoten von Banken oder die Verschuldung der SBB) und damit den Zuschauern auch einiges abverlangen. Wir bringen die Themen aber trotzdem, wenn wir sie für wichtig halten. Ohne Service-Public ginge das nicht. Das ist ein grosses Privileg, für das ich als Journalist sehr dankbar bin. Und ganz wichtig: Der Zuschauer ist oft viel intelligenter, als wir Journalisten uns das vorstellen. Gerade die schwierigen, sperrigen Themen haben oft eine bessere Quote als vermeintlich einfachere Beiträge.

Reto Lipp

Herr Lipp, was wünschen Sie dem seriösen und fundierten Journalismus für die Zukunft? Was sind Gefahren, die dem Journalismus lauern und wo sehen Sie Chancen, die sich ihm bieten?

Ich glaube, dass spannende und interessante Geschichten immer ihre Leser, Zuhörer oder Zuschauer finden werden. Aber wir leben in Zeiten eines grossen Umbruchs. Die Finanzierung von Journalismus ist heute ein grosses Problem, ein völlig ungelöstes Problem. Es besteht die Gefahr, dass seriöser Journalismus nicht mehr finanziert werden kann, weil gerade junge Menschen kaum noch bereit sind, für Journalismus etwas zu bezahlen. Die Gratiskultur hat vieles zerstört – für immer. Ohne Service Public würden beispielsweise viele Themen im Fernsehen gar nicht mehr stattfinden. Ich wünsche mir sehr, dass man künftig neue Finanzierungsmöglichkeiten für seriöse journalistische Produkte findet, denn eine Demokratie wie die Schweiz ist ohne kritischen und seriösen Journalismus schlicht nicht denkbar.

Sehr geehrter Herr Lipp, ich bedanke mich für dieses Interview und wünsche Ihnen bei Ihren journalistischen Tätigkeiten weiterhin viel Erfolg!

(C) 2016 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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Links
- Reto Lipp auf Wikipedia

- Reto Lipp: ECO

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