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Spezialinterview Sicherheit

 

Friedrich Christian Haas

Friedrich Christian Haas, MA, Jahrgang 1968, studierte Internationale Beziehungen in Siegen, Köln sowie Simferopol (Krim, Ukraine) und absolvierte Lehrgänge in Verhandlungsführung (Harvard Program on Negotiation) sowie Change-Management (SYMA). Von 1999 bis 2005 Jahren war er wiederholt im Range eines Offiziers der Luftwaffe als politischer Berater von Kommandeuren NATO/EU in den Krisengebieten des ehemaligen Jugoslawiens tätig, wo er sich viel Wissen über Krisen, Konflikte und den Umgang mit Gefahren aneignen konnte. Im Jahr 2011 gründete Friedrich Christian Haas die AKE SKABE GmbH (AKE), ein Unternehmen, das weltweit Privatpersonen aber auch Unternehmen sowie Internationale Organisationen im Risiko- und Krisenmanagement bei der Entsendung von Mitarbeitenden in Risikoländer und gefährliche Regionen unterstützt; v.a. zur Minimierung der persönlichen Haftungsrisiken von Unternehmern durch Sicherstellung ihrer Fürsorgepflichten für Mitarbeitende im Ausland bezüglich Health Safety Security Environment (HSSE, Gesundheit, Arbeitsschutz, Sicherheit, Umweltrisiken). Mit seinem Team und seinem Netzwerk von international erfahrenen Sicherheitsspezialisten, darunter auch ehemalige Angehörige von staatlichen Sicherheitsorganen oder Fachleute aus Notfallmedizin und Flugrettung, entwickelt er für seine Auftraggeber Sicherheitskonzepte und sorgt für die nötige Sensibilisierung in Sachen Risiken und Bedrohungen, bis hin zu ökologischen und Naturgefahren.
Im Interview mit Christian Dueblin spricht Friedrich Christian Haas über die Bedeutung von Sicherheit und zeigt auf, was sich in den letzten Jahren in Sachen Sicherheit tatsächlich verändert hat. Er beschreibt, welche Risiken Firmen und Menschen oft auf sich nehmen, die sich unvorbereitet in gefährlichen Gegenden aufhalten und Gefahren erst erkennen, wenn sich Risiken bereits manifestiert haben, indem beispielsweise Menschen entführt, bedroht oder ausgeraubt werden. Er zeigt auf, wie in schwierigen Situationen Menschen aus Krisengebieten herausgeholt werden können und eröffnet damit eine Welt, die vielen Menschen nur aus Filmen oder den Abendnachrichten bekannt ist.

Christian Dueblin: Sehr geehrter Herr Haas, das Thema Sicherheit hat in den letzten Jahren, wohl auch aufgrund diverser Terroraktionen und kriegerischer Auseinandersetzungen, eine enorme Bedeutung bekommen. Leben wir heute in einer unsichereren Welt als noch vor 20 Jahren oder sind wir einfach aufgrund von Medienberichten besser über Gefahren und Terrorakte informiert?

Friedrich Christian Haas: Sie sprechen mit Ihrer Frage zwei zentrale Themen an, die sich wechselseitig beeinflussen: eine real veränderte globale Sicherheitslage seit Ende des kalten Krieges und zugleich deren mediale Wahrnehmung in einer multimedialen bis virtuellen Welt des Internets. Dabei müssen wir 2016 die Hoffnungen einer friedlicheren „flachen Welt“ eines Thomas Friedman oder in „Ende der Geschichte“ von Francis Fukuyama als Trugschlüsse erkennen.

Sicherheit und Frieden sind Grundbedürfnisse menschlicher Existenz und die Migrationsströme der Vergangenheit und Gegenwart sind ein guter Indikator, wo Menschen diese zu finden glauben und wo nicht. Aus Syrien oder Afghanistan gibt es keine vergleichbare Migration in die Golfstaaten oder nach Saudi Arabien, obwohl dort ein hoher Wohlstand herrscht. Dagegen gelten Westeuropa Australien, Kanada und zuvorderst die USA als Mythos der Freiheit und das Versprechen eines Lebens in Sicherheit. Wussten Sie, dass Fotos von islamischen Märtyrern im Paradies diese manchmal vor dem Hintergrund einer schweizerischen Alpenlandschaft zeigen?

Wir setzen hierzulande wie selbstverständlich ein Höchstmass an Sicherheit voraus, was es in vielen Ländern der Erde so nicht gibt: Neben Rechtssicherheit schaffenden, stabilen politischen Rahmenbedingungen und Werten gehören dazu eine unabhängige Polizei und Justiz sowie hohe technische Sicherheitsstandards, die wir beispielsweise im Verkehr (Strasse, Schiene, Luft, See), im Gesundheitswesen, in der Strom- und Wasserversorgung, im Brandschutz oder im täglichen Arbeitsschutz im Unternehmen erreicht haben. Zugleich werden wir heute im Zeitalter von Multimedia rund um die Uhr über eine Welt voller Risiken jenseits dieses bei uns erreichten Niveaus an Sicherheit in Echtzeit informiert: mangels vorhandener oder nicht eingehaltener Sicherheitsstandards eingestürzte Fabrikgebäude, Hotelbrände, Blackouts, Dürren, Epidemien, Eisenbahnunglücke, Flugzeugabstürze, Piraterie - in Verbindung mit Korruption, Rechtsunsicherheit bis hin zu Unruhen, Krieg und Failed States. Geologische und metrologische Institute bescheinigen uns zugleich eine Zunahme von mehr oder minder klimabedingten Naturkatastrophen, die via Periscope, YouTube und Breaking News im Fernsehen auch noch auf uns einstürzen. In einer sehr sicheren Welt lebend, stumpfen wir einerseits gegenüber dieser medialen Flut über Gefahren, Krisen und Kriege ab, während uns zugleich im Unterbewusstsein das Gefühl beschleicht, dass die Zeiten unsicherer geworden sind.

Dann ist unsere Einstellung in Sachen Sicherheit und Risiken lediglich, oder zumindest hauptsächlich, ein mediales Phänomen gefühlter gewachsener Unsicherheit?

In einer globalisierten Welt gibt es neben virtuellen auch sehr reale Netzwerke, von Pipelines, Stromnetzen, Strassen- und Schienennetzen sowie Schifffahrts- und Flugrouten, die für unseren Alltag in Europa und unternehmerisches Handeln vitale Bedeutung haben. PWC hat in der Studie „Transportation & Logistics 2030 – Vol 4 : Securing the supply chain“ aufgezeigt, wie verwundbar diese Netze sind, v.a. wenn es durch eine Grossschadenslage zu einem zeitweiligen Ausfall eines der Knotenpunkte, wie z.B. dem Suez Kanal, kommen sollte. Innerhalb relativ kurzer Zeit wäre auch in Europa mit Produktionsausfällen zu rechnen. Angriffe mit Panzerfäusten und Raketen auf Handels- und ägyptische Marineschiffe vom Sinai aus, haben gezeigt, dass das ein realistisches Szenario ist. Nicht zuletzt hat das Jahr 2011 viele Gewissheiten erschüttert: Ein arabischer Frühling fegte scheinbar sattelfeste Regime und Staatsgrenzen der Kolonialzeit hinweg, gefolgt von blutigen Unruhen, Krieg und Terrorismus bis hin zur Etablierung des Islamisches Staates in Syrien und dem Irak. Ein Erdbeben und ein Tsunami 2011 in Japan brachten globale Lieferketten zum Erliegen und Deutschland den abrupten Atomausstieg. Parallel brachte noch ein Vulkan auf Island den europäischen und transatlantischen Flugverkehr zum Erliegen. Wiederholt habe ich gerade im Zuge des Krieges in der Ukraine 2014 von Vertretern von Unternehmen die Worte gehört: „Die Einschläge kommen näher!“. Mit den Terroranschlägen von Paris 2015 haben diese Einschläge auch nicht an den Grenzen der EU halt gemacht.

Dass wir heute in einer Zeit des Wandels leben, der viele Gewissheiten in Frage stellt, beschrieb Ende 2010 bereits die Eurasia Group in ihrem Bericht Top Risks 2011: „Whatever your expected shape of economic recovery ... we‘re entering an entirely new world order. That means new ways for states to relate to one another both politically and economically. It means new areas of conflict. 2011 looks to be the year that our understanding of how the world works becomes out of date.“ Nicht viel anders klingt zwei Jahre später das Ergebnis der Langzeitstudie mit 120 deutschsprachigen Top-Entscheidern im AT Kearney IESE Management Excellence Cockpit 2013: „Das Niveau der gefühlten Unsicherheit bewegt sich in einem Bereich jenseits der bisherigen Erfahrungen.“ Klaus Henning (RWTH Aachen) und Heiijo Rieckmann (Uni Klagenfurt) haben diese Entwicklung bereits in den 1990er-Jahren treffend als Dynaxity, eine rasante Zunahme von Komplexität und Dynamik als zentrale Herausforderung für das Management im 21. Jahrhundert beschrieben: auf multiple, neue und vernetzte Risiken in zum Teil chaotischen Situationen adäquat zu reagieren. Damit ist für mich im Kern die Aufgabe von Risiko- und Krisenmanagement umschrieben, eine erfolgskritische Fähigkeit für unternehmerisches Handeln heute.

Welches sind Ihres Erachtens denn neue Quellen von Risiken, mit denen Sie sich beschäftigen müssen? Ich denke an die Bedeutung von sozialen Netzwerken, von neuen Kommunikationsmöglichkeiten und an den enormen technischen Fortschritt, von dem auch Menschen profitieren, die andere schädigen wollen.

Moderne Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) haben unseren Alltag im Büro wie im Privatleben revolutioniert. Neue Technologien bringen aber auch immer neue Risiken mit sich. Diese Kehrseite haben wir vielfach verdrängt. Sie ist den meisten Nutzern bisher nicht wirklich bewusst geworden. Daher setzt Risikominimierung hier v.a. in der Bewusstmachung der neuen Risiken an. Parallel hat der Staat als Gesetzgeber und Sicherheitsdienstleister kaum Schritt halten können mit der technischen Entwicklung. Nehmen wir den simplen Diebstahl von Daten: Ein Hacker dringt in eine Datenbank ein und kopiert Daten eines Unternehmens. Gibt es einen klassischen Tatort mit Einbruchsspuren, den die Polizei absperren und von der Spurensicherung untersuchen lassen könnte? Hat das bestohlene Unternehmen überhaupt gemerkt, dass die patentierte Formel gestohlen bzw. kopiert wurde? Oft wird der „Diebstahl“ erst bemerkt, wenn der Wettbewerber das eigene Produkt auf den Markt bringt oder, wie 2014 in Deutschland passiert, über manipulierte Software ein Hochofen unkontrolliert runter gefahren wird.

Es bedarf schon hoch spezialisierter Experten und Technik, um überhaupt Spuren eines solchen Hackings zu identifizieren. Diese Experten sind in Polizeibehörden oft gar nicht zu finden. Beweismittel wie Server werden nach Ende der Aufbewahrungsfirst nicht selten unbearbeitet von der Polizei zurückgegeben, weil man nicht genügend Forensiker hat, um diese fristgerecht auszuwerten. Ohne Quereinsteiger aus der IT-Szene hätte die Polizei überhaupt keine Chance.

Noch weniger sind sich viele Menschen darüber bewusst, dass früher nur aufwendig zugängliche Daten heute frei im Netz verfügbar sind und von Kriminellen bis Terroristen zur Vorbereitung von Straftaten genutzt werden. Hotel- und Reisebuchungs- oder Einkaufsportale, Profile oder Chatrooms in sozialen Netzwerken sowie einfach zugängliche Firmendatenbanken sind ein Eldorado für die Auswahl von Opfern und die Planung von Straftaten wie bspw. Erpressungen oder Entführungen.

Viele Firmen und auch Internationale Organisationen entsenden ihre Mitarbeitenden in Länder und Regionen dieser Welt, die als gefährlich eingeschätzt werden. Was muss sich eine Firma oder eine solche Organisation in Sachen Sicherheit grundsätzlich überlegen und was sind die minimalsten Vorkehrungen, die getroffen werden müssen, um Risiken zu minimieren?

In einem zunehmend volatilen Umfeld gibt es immer Risiken. Die betroffenen und verantwortlichen Personen müssen jeweils die politische Lage monitoren. Es muss dafür gesorgt werden, dass man Mitarbeitende im Notfall schnellst möglich informieren und man mit ihnen kommunizieren kann. Einfach, effektiv und schnell umzusetzen, ist z.B. die Nutzung von Portalen für Auslandreisen der Aussenministerien Deutschlands, der Schweiz und Österreichs (Anm.d.R: s. Links am Ende des Interviews). Mitarbeiter sollten angehalten werden, sich zu registrieren und Reisen, Orte sowie Daten in Bezug auf die Erreichbarkeit zu hinterlegen. Die jeweilige Botschaft kann sie so im Notfall benachrichtigen und bspw. einen Evakuierungsflug buchen.

Ein Unternehmen muss über klar definierte Prozesse für Auslandsreisen und Entsendungen verfügen, um die Sicherheit der Mitarbeiter zu gewährleisten und die Geschäftsführung von zivil- wie strafrechtlichen Haftungsrisiken freizustellen. Im Grunde gilt es, wie beim Arbeitsschutz im Inland, entsprechende Regelungen zum Schutz der Mitarbeiter im Ausland fortzuschreiben. Dazu gehört beispielsweise, dass Mitarbeiter frühzeitig und nachweislich über die Risiken eines Reiselandes informiert werden. Hier gibt es inzwischen Softwarelösungen, mit deren Hilfe der Mitarbeitende bereits beim Reiseantrag automatisch Länderinformationen erhält. Während der Reise vergleicht die Software die Buchungsdaten, also Flug, Hotel etc., mit der aktuellen Lage auf einer Länderdatenbank und schickt gegebenenfalls Reisewarnungen via Email und/oder SMS direkt an den Reisenden und das Unternehmen: z.B. über Unwetter, Streiks, Ausbruch von Krankheiten wie Ebola, Anschläge oder eskalierende Unruhen. Wo Mitarbeiter in andern Zeitzonen und Ländern unterwegs sind und sich oft nicht verständigen können, bietet sich eine deutschsprachige 24/7 Notrufnummer an. Diese sollte aber nicht auf von Krankenversicherungen gedeckte Leistungen beschränkt sein, sondern Hilfe bieten, wann immer ein Mitarbeiter Auskunft und Hilfe benötigt, gerade auch in Sicherheitsfragen.

Eine gute Reiserichtlinie unterstützt so alle eingebundenen Abteilungen, an alles zu denken und alles zu dokumentieren. Letzteres ist entscheidend. Ein mündliches Briefing über Risiken, eine Anweisung, was der Mitarbeiter zu tun und zu unterlassen hat, die nicht dokumentiert wird, haben im Schadensfall vor Gericht nicht stattgefunden! Daher sollten solche Richtlinien immer von einem Anwalt für Arbeitsrecht geprüft werden. Zudem muss eine Richtlinie datenschutzkonform sein, was insbesondere beim Tracking von Mitarbeitern in Risikoländern oder bei Patientendaten, wie dem internationalen Impfpass oder der in Deutschland wichtigen G35 Untersuchung, für Länder mit erhöhten Gesundheitsrisiken nicht unerheblich ist.

Viele Firmen gehen sehr professionell vor. Sie verfügen über optimale Konzepte, um Schäden für ihre Mitarbeitenden abwenden zu können. Was machen diese Firmen besser und anders, als Unternehmen, die möglicherweise nachlässiger sind?

Risiko- und Krisenmanagement wird nur dann in einem Unternehmen gelebt, wenn sie der erklärte Wille der Geschäftsführung sind und auch von dieser vorgelebt werden. Wenn das der Fall ist, wird das Thema auch nicht nach unten wegdelegiert, sondern als Aufgabe der unmittelbaren Führungsunterstützung begriffen. Professionell ist es, wenn man bei allen wichtigen Auslandsvorhaben frühzeitig potentielle Risiken prüft und Massnahmen zur Risikominimierung einkalkuliert, ob nun über Stabstellen im Unternehmen oder externe Fachleute. Einerseits kann ein so eingeplantes Risikomanagement Möglichkeiten eines früheren Markteintritts eröffnen, weil man die Risiken kennt und im Griff hat. Andererseits spart man Geld, denn wenn z.B. die Baupläne für einen Standort erst kurz vor Baubeginn aus dem Blickwinkel der Sicherheit betrachtet werden, der Baubeginn sich verzögert und die Pläne überarbeitet werden müssen, wird es teuer. Wenn ein neuer Geschäftsführer für den Standort in Bolivien über einen Headhunter gewonnen wird und sich erst bei der Reiseplanung nach Bolivien herausstellt, dass der Mann wegen einer Allergie nicht gegen Gelbfieber geimpft werden und somit nicht in dem Land eingesetzt werden kann, dann sind vermeidbare Kosten entstanden.

Sie werden herbeigezogen, wenn sich ein Risiko bereits manifestiert hat, beispielsweise ein Journalist aus einer Stadt oder einer von Krieg geplagten Gegend evakuiert werden muss. Was passiert in einem solchen Moment? Wie gehen Sie mit solchen Vorkommnissen um und was muss von den beteiligten Personen speziell beachtet werden?

Wir setzten uns im letzten Jahr mit einer Evakuierung von Mitarbeitern eines Unternehmens, die von der Eskalation des Krieges im Jemen überrascht wurden, auseinander. Sie sassen in einem Hotel fest, weil der Luftraum bereits gesperrt war und Luftangriffe auch den Landweg zur Grenze unsicher machten. Wir wurden auf Empfehlung einer Charterfluggesellschaft in den ad hoc einberufenen Krisenstab eingebunden und haben dann gemeinsam ausgelotet, wo die Mitarbeiter bis zu einer Evakuierung am sichersten sind, wie sie sich darauf vorbereiten und sich mental auf die psychologisch belastende Situation, wie nächtliche Luftangriffe, einstellen können. Dann haben wir in der Schweiz, England, Griechenland und Deutschland mit Reedereien Gespräche geführt. Es ging um die Frage, ob ein Schiff sie in einer Hafenstadt aufnehmen und bis zum nächsten sicheren Hafen mitnehmen kann. Da sie für diese Länder natürlich keine Visa hatten, musste parallel mit dem Auswärtigen Amt in Berlin geklärt werden, ob die jeweilige Botschaft vor Ort die Einreise unterstützt. Parallel galt es, die Familien der Mitarbeiter zu betreuen, den Sachverhalt vertraulich im Unternehmen zu kommunizieren und das Management auf mögliche Presseanfragen vorzubereiten. Für uns hiess das auch, ad hoc 24/7 einen Krisenmanager abzustellen, der das Unternehmen bei all diesen Schritten begleitet hat. Wichtig ist in so einem Fall ein gut eingespieltes Netzwerk. Uns bot sich im Jemen vor Ort mittels zuverlässiger Kontaktpersonen die Möglichkeit, aus erster Hand ein genaues Lagebild zu erhalten. Die Geschäftsführung und der Vorstand brauchen in diesen Situationen einen Krisenstab, der ihnen den Rücken frei hält. Wenn Krisenkommunikation mit der Öffentlichkeit erforderlich ist, sollte keine Führungskraft ohne professionelle Kommunikations- und Rechtsberatung handeln. Ein Musterbeispiel war 2015 das Krisenmanagement der Lufthansa beim GermanWings-Absturz unter CEO Carsten Spohr. Der Supergau war 2010 der Umgang des CEO von BP, Tony Hayward, mit der Presse nach der Deepwater Horizon-Katastrophe, um nur zwei Beispiele zu nennen, wie man es machen oder eben nicht machen sollte.

Vieles erinnert an Filme, die wir aus Hollywood kennen. Evakuiert wird dort in der Regel unter dem Motto „Action“, mit viel Getöse und Filmtricktechnik. Wo gibt es aber möglicherweise tatsächliche Parallelen zu Filminhalten?

(Lacht) Der Rambo-Typ, der als One-Man-Show mit Muskel- und Feuerkraft eine Krise löst, ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was wir Krisenmanagement nennen. Unser Ansatz ist „low profile“, möglichst geräuschlos Kunden aus einer Gefahrenzone bringen. „Es ist besser unsichtbar zu sein als kugelsicher!“, so sagt es einer unserer Berater, der vielfach Menschen aus Kriegsgebieten herausgeholt hat. Es sind vor allem Teamplayer gefragt, die ihr jeweiliges Fachwissen und ihre Erfahrungen strategisch umsetzen können und Ruhe in den Raum bringen, Ängste nehmen und auch unter Zeitdruck Raum für besonnene und durchdachte Entscheidungen schaffen können.

Um auf Hollywood zurückzukommen: Bei Schulungen und Beratungen greife ich gerne auf den Film „Jagd auf Roter Oktober“ zurück. Die beiden Hauptakteure, Kapitän Marko Ramius und U-Boot-Experte Skip Tyler, zeichnen sich v.a. dadurch aus, dass sie interdisziplinär und interkulturell Out-of the-box denken, kommunizieren und so Lösungen finden können. Dabei spielen beider jeweiliger Lebensweg und Lebenserfahrung – privat wie beruflich – eine entscheidende Rolle. Auch in unserer Praxis bringen Sicherheitsexperten nicht nur berufliche, sondern auch private Qualifikationen mit: z.B. der Analyst, der als Sohn von Entwicklungshelfern in Kenia und Tansania aufgewachsen ist, bevor er dann über Militärdienst das Studium in Oxford und Tätigkeiten in einem Versicherungskonzern zum Sicherheitsexperten für Ostafrika avancierte.

Das bedeutet auch, dass heute Sicherheitsexperten ganz anders ausgebildet werden als noch vor einigen Jahrzehnten. Was zeichnet diese Sicherheitsexperten sonst noch aus?

Wie so oft im Leben: Ja und Nein. Die letzten zehn Jahre habe u.a. das Geschäft der privaten Militärfirmen hervorgebracht, die in Afghanistan und dem Irak militärische Aufgaben übernommen haben, dann zunehmend auch den Schutz von in diesen Ländern tätigen Unternehmen. „Black Water“ ist zum Synonym für diese Dienstleister geworden und hat deren negatives Söldner-Image geprägt, oft zu Recht. Ihr „rambohaftes“ Auftreten hat vielfach mehr zur Eskalation der Sicherheitslage statt zu einem sicheren Umfeld für Unternehmen geführt.

Parallel haben sich seit den 1990er-Jahren die Konzepte eines „erweiterten Sicherheitsbegriffs“ und der „vernetzten Sicherheit“ entwickelt, wissend, dass die Ursachen von Konflikten und somit auch ihre Lösung bzw. Prävention vielschichtig und komplex sind. Eindimensionale Antworten, wie allein durch das Militär, greifen zu kurz. Unternehmenssicherheit war seit den 1970er-Jahren stark vom Bild des Personenschutzes für Vorstände und Inhaberfamilien im Kontext eines linksradikalen Terrorismus geprägt. Sicherheitsexperten waren in der Regel ehemalige Personenschützer aus Spezialkräften von Polizei und Militär. Inzwischen merken Unternehmer, dass ihre im Ausland tätigen Mitarbeiter oft einem viel grösseren Risiko ausgesetzt sind, als sie selber daheim: von einer Malariainfektion über mangelnden Brandschutz im Hotel, Erdbeben oder Wirbelstürme, mangelhafte medizinische Versorgung nach einem Unfall, Visaprobleme mit korrupten Behörden bis hin zu Kriminalität und Unruhen. All das hat wenig mit Personenschutz zu tun. Dieses breite Spektrum an Risiken erfordert einen erweiterten Kreis von Experten und deren Vernetzung. Sicherheit ist heute nur in einem gut eingespielten Team von Experten mit recht unterschiedlichen Erfahrungen und Fähigkeiten möglich. Zugleich müssen solche Teams flexible und offene Systeme sein, die spontan weitere Experten einbinden können.

Nun sind es nicht nur Firmen und ihre Mitarbeitenden, die Risiken ausgesetzt sind, auch Privatpersonen in sicher geltenden Ländern, wie der Schweiz und Deutschland, sind betroffen. Sie haben unlängst aufgrund von Analysen im Internet eine bekannte deutsche Familie mit sehr grossem Vermögen stammbaumartig aufgelistet. Mit wenigen Klicks sind sie auf Familienmitglieder gestossen, deren private Daten mit besonderer Leichtigkeit erfasst werden können, so auch Wohnadressen, bis hin zu zeitlich und örtlich erklärten Hobby-Aktivitäten. Ohne nun Paranoia verbreiten zu wollen, darf man doch sagen, dass sich diese Menschen mit der Preisgabe von persönlichen Daten gewissen Gefahren aussetzen. Was raten sie diesen Menschen, auch im Umgang mit dem Internet und ihren persönlichen Daten?

Hier gilt im Grunde dasselbe wie überall: Wer sich der Risiken bewusst wird, kann sein Verhalten ändern und damit einen Grossteil bestehender Risiken minimieren. Der Volksmund sagt treffend: „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“. Wir tun dies bereits unbewusst in vielen Bereichen des Lebens. Wir schliessen unser Auto, die Haustüre und den Safe ab. Wir müssen noch lernen, dass es im Leben 4.0 Online-Zugänge zu unserem Auto, dem Haus und dem Safe gibt. Die müssen wir ebenfalls kennen und zuschliessen lernen. So wie wir auch unseren Kindern beigebracht haben, sorgfältig mit dem Haustürschlüssel umzugehen, müssen wir ihnen helfen, mit sozialen Medien und ihrem Smartphone sorgfältig umzugehen, um nur zwei oft vergessene und unverschlossene Hintereingänge zu benennen. Das ist nicht immer leicht, weil wir Erwachsenen selber erst lernen müssen, mit dieser Technik umzugehen, die sich rasant weiterentwickelt. Somit sitzen hier in der Regel Eltern und Kinder auf derselben Schulbank in Sachen Sicherheit.

Im von Ihnen angesprochenen Fall half unsere Recherche, dass sich drei Generationen einer bekannten Familie erstmals des Risikos bewusst wurden, um dann gemeinsam zu überlegen, wie sie diese Hintertüren gemeinsam zuschliessen können, ohne an Lebensqualität zu verlieren. Da ging es weniger um den Verkauf von Sicherheitstechnik, als eben darum, den Prozess zu begleiten, eigenes Verhalten bewusster wahrzunehmen und, wo nötig, zu ändern.

Was ist für Sie persönlich die zentrale Zielsetzung bei der Beratung und Schulung von Menschen, die gewissen Risiken ausgesetzt sind?

Das Ziel einer guten Beratung sollte sein, dass die betroffenen Unternehmen, ihre Mitarbeitenden, jeder der Risiken ausgesetzt ist, selber lernen, ein natürliches Bewusstsein für Risiken zu entwickeln und einfache Strategien zu finden, um Risiken zu minimieren. Dieser Bewusstseinsprozess führt dann auch nicht zu Paranoia, sondern zu einem selbstsicheren und souveränen Umgang mit Risiken. So wie wir gelernt haben, Risiken im Strassenverkehr zu erkennen und zu vermeiden. Wir haben ja keine Paranoia, von Autos überfahren zu werden, sondern wir haben gelernt, Bürgersteige, Zebrastreifen und Ampeln zu nutzen sowie den Strassenverkehr im Auge zu behalten. Wir tun das als Erwachsene sicher und quasi instinktiv. Manchmal müssen wir auch dazulernen. Elektroautos sind leiser und die ältere Dame auf dem eBike kann schneller als gewohnt daherkommen. Wir müssen somit aufmerksam sein und lernen, mit anderen und neuen Risiken richtig umzugehen.

Sehr geehrter Herr Haas, ich bedanke mich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen bei Ihren Projekten und Auslandeinsätzen weiterhin viel Erfolg und alles Gute!

(C) 2016 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

Zu den persönlichen zivil- und strafrechtlichen Haftungsrisiken von Unternehmern bei Vernachlässigung der Fürsorgepflicht, Kommentar zum Oslo Urteil (Nov. 2015):
http://www.akegroup.de/wp-content/uploads/2016/04/AKE-SKABE_ASW_KW11-16-Newsletter_Oslo-Urteil_160318.pdf

Vor Auslandsreisen empfiehlt sich der Eintrag in eine Krisenvorsorgeliste:
- Deutschland ELEFAND
- Schweiz  ITINERIS
- Österreich

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Weitere Links
- AKE / SKABE Group
- PWC: Securing the supply chain

- Klaus Henning: Die Kunst der kleinen Lösung.
- Heijo Rieckmann: Managen und Führen am Rande des 3. Jahrtausends.

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