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Spezialinterview: Tatort - Schauspielerei

 

Andrea Zogg

Andrea Zogg, Jahrgang 1957, stammt aus Tamins bei Chur und gehört zu den bekanntesten Schweizer Schauspielern im deutschsprachigen Raum. Einem grossen TV-Publikum ist er als Kommissar Reto Carlucci in der Sendung „Tatort“ ein Begriff, unlängst auch als Polizeipräsident in neueren Tatort-Folgen. Filmfans kennen Andrea Zogg aus „Sennentuntschi“, „Reise der Hoffnung“, aber auch aus „Schellen-Ursli“, letztere Filmproduktionen mit der Handschrift von Oscar-Preisträger Xavier Koller. Andrea Zogg wuchs in idyllischen Verhältnissen auf und wurde von seinem Vater, der Gemeindepräsident und Unternehmer in Tamins sowie Mitglied des Grossen Rates des Kantons Graubünden war, früh für politische und geschichtliche Zusammenhänge sensibilisiert. Sein beruflicher Weg führte ihn zunächst ans Lehrerseminar. Eines war für ihn jedoch immer klar, er wollte Schauspieler werden. Andrea Zogg war lange Zeit in Deutschland an verschiedenen Theatern tätig, der Königsdisziplin, wie er die Theaterbühne zu beschreiben pflegt. Andrea Zogg schaut im Interview mit Christian Dueblin auf sein Leben zurück, seine künstlerischen Anfänge, seine Jugendzeit und seine Faszination für Friedrich Dürrenmatt, den Gedankenschlosser. Er beschreibt die Zusammenarbeit mit Filmlegenden wie Matthias Gnädinger, aber auch Anne-Marie Blanc sowie Fritz Lichtenhahn und gibt mit bühnentauglichen und kabarettistischen Anekdoten Einblicke in das Leben eines passionierten Schauspielers.

Herr Zogg, Sie sind in Tamins bei Chur in Graubünden aufgewachsen. Wie hat Sie das Dorf, wo Sie Ihre Jugend verbracht haben und heute noch leben, auf Ihr Leben ausgewirkt?

Das Leben auf dem Land hat mich geprägt, wir konnten uns als Kinder frei bewegen und uns diese kleine Welt um uns zu eigen machen. Mein Vater war Bauunternehmer, Gemeindespräsident und Mitglied des Grossrats des Kantons Graubünden. Offenbar, so wurde mir berichtet, stand ich als Dreijähriger neben ihm an der Landsgemeinde und hielt mich an seinem Hosenbein fest. Meine Affinität zur Politik und mein Interesse für geschichtliche Zusammenhänge schon in der frühsten Schulzeit lassen sich durch diesen Umstand erklären. Als Zehnjähriger führte ich bereits ein politisches Tagebuch. Ich hörte Radio und schrieb die wichtigsten Ereignisse in mein Heft.

Ich wuchs in einer idyllischen Gegend auf, mit viel Natur und vielen Freiheiten. Schon im Kindergarten interessierte ich mich für die Schauspielerei, das Rollenspiel. Ich durfte damals beim Krippenspiel den Josef spielen. Später in der Sekundarschule spielte ich den Till Eulenspiegel, was zu viel Aufmerksamkeit im Dorf führte. Auch am Lehrerseminar ging ich der Schauspielerei weiter nach.

Warum haben Sie sich entschieden, ans Lehrerseminar zu gehen und haben sich nicht gleich voll und ganz der Schauspielerei zugewandt?

Mein Vater musste sich 1969, gerade einmal 43 Jahre alt, eine Niere transplantieren lassen. Er war einer der ersten, der sich in der Schweiz einer solchen Operation unterzog. Er wusste, dass er noch 5 bis 10 Jahre zu leben hatte. Tatsächlich starb er 10 Jahre nach der Operation. Nach meinem Vorpatent am Lehrerseminar ging er aufs Rektorat und teilte dem Rektor mit, dass ich das Lehrerseminar fertig machen müsse und danach tun könne, was ich wolle. Er sagte dem Rektor, er hätte auch lieber Geschichte studiert, habe aber das Geschäft seines Vaters übernehmen müssen. Ein Jahr später starb er und ich sah es als meine familiäre Verpflichtung ihm und meiner Familie gegenüber an, das Seminar fertig zu machen. Abgesehen davon störte mich das Lehrerseminar nicht sonderlich. Ich studierte mit grossem Interesse und hatte immer die Gelegenheit, mich der Schauspielerei zu widmen. Ich erinnere mich auch, dass ich mit Stefan Gubser damals ein Stück von Peter Handke spielen wollte. Zehn Tage vor der Premiere liess uns der Verlag wissen, dass wir das Stück nicht aufführen durften. Handke hatte offenbar genug von dem Stück und genervt vom kommerziellen Erfolg zog er die Urheberrechte zurück und verbot, das Stück weiter zu verbreiten. Wir gingen damals zum Metzger im Dorf, der über ein Telefax-Gerät verfügte, und schrieben Handke persönlich an. Er schrieb uns tatsächlich zurück und wir bekamen von ihm persönlich die Erlaubnis, das Stück wie geplant aufführen zu dürfen. Wir waren die einzigen, die das Stück zu dieser Zeit aufführen durften.

Nachdem ich von diversen Schauspielschulen abgelehnt wurde, studierte ich zwei Semester Geschichte und Germanistik. Auch das habe ich nie bereut. Ich schrieb damals eine Proseminararbeit über David Frankfurter, den Deutschen Juden, der in Davos Wilhelm Gustloff mit einer Pistole umbrachte. Bei Peter von Matt war ich in einem Seminar zum Thema „Phantastische Literatur“.

Was hatte Sie als Kind inspiriert, wo wurden Sie für Kunst sensibilisiert?

Wir hatten bei uns zuhause einige wenige Platten, auch von Georg Kreisler, mit dem Sie ein Interview gemacht haben. Die Kreisler-LP hiess „Lieder zum Fürchten“. Als Kind hörte ich seine Texte, die mich enorm beeindruckten. Die Zeilen „Als der Zirkus in Flammen stand, ist noch ein Vogel Strauss verbrannt“ habe ich nie mehr vergessen. Sie hatten mich im damals zarten Alter von sechs Jahren völlig fasziniert. Kreisler eröffnete mir eine grosse Welt der Kunst. Auch hatten wir eine Platte mit „Eine kleine Nachtmusik“ von Mozart zuhause. Da mein Vater sehr gerne Klassische Musik hörte, konnte ich bald auch die Texte aus der Mozart-Oper „Die Zauberlöte“ auswendig. Auf dem Gestell mit all den Platten und Büchern fanden sich auch Stücke von Willy Millowitsch, seine „Lieder zum Schunkeln“ und „Warum ist es am Rhein so schön“.
Bei den Grosseltern war kurz nach dem Krieg auch ein Cellist untergebracht, zum Auffüttern, wie man damals sagte. Er wurde später ein bekannter Musiker und spielte bei den Berliner Philharmonikern. Er zeigte uns u.a. auch „Peter und der Wolf“. Diese Platten und Musiker haben mich mein Leben lang geprägt und sie spielen auch heute, wenn es um die Auswahl von Projekten und Texten für meine Programme geht, eine Rolle.

Sie haben als Schauspieler viele Rollen übernommen, ernste und komische. Was liegt Ihnen besser, wo fühlen Sie sich wohler?

Mir war immer klar, dass ich kein Humorist oder Stand-up-Comedian bin. Es ist und war nicht mein Ding, alleine vor das Publikum zu treten und etwas Lustiges zu erzählen. Mir fällt heute aber auf, dass diese Unterscheidung zwischen ernst und komisch vor allem in der Schweiz gemacht wird. Das eine wird als qualitativ hochwertig betrachtet, das andere als weniger hochwertig. Das zeigt auch der Umstand, dass es sehr selten komische Filme sind, die in der Schweiz ausgezeichnet werden. In der angelsächsischen Welt aber, auch bspw. in Polen, gibt es dieses Entweder-oder nicht. Die Komödie gilt dort als hohe Kunst, genauso wie die Tragödie. Dasselbe gilt für den Unterschied zwischen E- und U-Musik. Auch diese Unterteilung kennen wir nur hier. Das ist ganz interessant. Schauen Sie William Shakespeare an, der sehr gelobt wird und den man als sehr tiefgehend anerkennt. Er hat gezeigt, dass es im Leben immer beides gibt und braucht, das Ernste und das Lustige. Was für den einen eine Tragödie ist, ist für den anderen eine Komödie. Ihm war das absolut klar.

Man lacht in der Komödie über das, was anderen passiert. Das macht das Leben aus und das ist gut so. Ich beschreibe das hin und wieder so: Wenn ich in der Tram fahre und mein Hosenschlitz ist offen, dann ist das für denjenigen, der das entdeckt, eine Komödie, also lustig, für mich jedoch eine Tragödie, mehr peinlich. Was lustig ist und was nicht, kommt somit immer nur drauf an, auf welcher Seite man steht. Darum sollte man diese Wertungen zwischen ernst als „gut“ und komisch als „weniger gut“ gar nicht machen, eine Devise, die sich auch auf die Auswahl meiner Projekte niederschlägt. Ich fühle mich in beiden Welten sehr wohl.

Sie haben aufgezählt, was Sie musikalisch inspiriert hatte. Was hat Sie als Kind und Jugendlicher in Sachen Film interessiert? Schauten Sie sich auch Schweizer Filme von Karl Schnyder an, also bspw. „Ueli der Knecht“, oder von Kurt Früh, bspw. „Polizist Wäckerli“?

Nein, diese Filme vermochten meine Aufmerksamkeit nicht zu wecken. Mich interessierten vielmehr die Autorenfilme. Ich sah mir die Filme von Kurt Gloor an, natürlich auch die Werke von Fellini. „Die plötzliche Einsamkeit des Konrad Steiner“ von Gloor, in der Hauptrolle Sigfrit Steiner, faszinierte mich. Auch „Das Boot ist voll“ von Markus Imhof war ein Film, der mich sehr beeindruckte. Eine grosse Schlüsselerfahrung für mich und meine Schauspielkarriere war „L’invitation“ aus dem Jahr 1973 von Claude Gorretta. Dort erkannte ich, dass man auch ganz anders Geschichten erzählen kann. Dieser Film, seine Machart, hat mich sehr beeindruckt und beschäftigt mich noch heute. Auch kommt mir „Aguirre, der Zorn Gottes“ von Werner Herzog, mit Klaus Kinski in der Hauptrolle, in den Sinn. Das sind grosse Filmmomente, die mich sehr geprägt haben. Die Indianer fragten Herzog ja offenbar, weil es oft lauten Streit mit Kinski gab, der diese Rolle extrem verkörperte, ob sie ihn umbringen sollten (lacht). Sie wollten Herzog offenbar einen Gefallen tun.

All diese Filme entstanden zu einer Zeit, als grosse Künstler ganz andere und neue Wege einschlugen. Ich selber spielte später in „Das Fräulein“ der Regisseurin Andrea Štaka mit, die mit dem Film Filmgeschichte schrieb, und mit ihm an die genannten Filme anknüpft. Auch dieser Film war etwas sehr Besonderes und Neues und er ist in Locarno mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet worden. Auch erhielt er den Schweizer Filmpreis für das beste Drehbuch.

Sie haben unlängst auch in „Schellen-Ursli“ mitgespielt, einem Film von Xavier Koller. Sie waren 1990 auch bei seinem Film „Reise der Hoffnung“, der mit dem Oscar für den besten ausländischen Film ausgezeichnet wurde, mit dabei. Der Film hat heute absolute Aktualität. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an den Film und die derzeitigen Flüchtlingsfragen denken und wie hat sich der Oscar für den Film auf Ihre persönliche Schauspielkarriere ausgewirkt?

Ich habe immer gesagt, dass der kleine Zeh vom Oscar mir gehören würde (lacht). In Hamburg wurde ich von Ulrich Tukur, als er noch gar nicht so bekannt war, auf den Film und den Oscar angesprochen. Er und seine Kollegen waren sehr beeindruckt von diesem Film und dem Oscar. Bis dahin machte ich mir gar nicht viele Gedanken über diese Auszeichnung. Erst diese Reaktionen machten mir klar, dass die Ausstrahlung des Preises sehr gross war.

Vor einigen Monaten arbeitete ich mit Frame, dem NZZ-Filmmagazin. Man fragte mich, ob ich über den Film „Reise der Hoffnung“ etwas schreiben wollte. Der Film hat heute tatsächlich eine enorme Aktualität. Das zeigt das Visionäre am Film auf. Es geht um persönliche Schicksale und um Empathie, mit der sich viele Menschen in unserer Gesellschaft schwer tun. Vielen Menschen ist nicht klar, mit welchen Problemen manche dieser Flüchtlinge konfrontiert sind. Mit einem Film wie „Reise der Hoffnung“ bekommen diese Menschen ein Gesicht und eine Persönlichkeit. Die Geschichte geht an niemandem einfach so vorbei. Mit Xavier Koller habe ich nun „Schellen-Ursli“ gedreht, was mich sehr gefreut hat. Die Rolle des Pfarrers fand ich sehr spannend und damit hat sich ein weiterer Kreis in meinem Leben geschlossen.

Was zeichnet Xavier Koller Ihres Erachtens aus?

Er geht mit einer ungeheuren Konsequenz und Stringenz an die Sache ran. Bei jeder meiner Kleiderproben für den Film „Schellen-Ursli“, auch wenn es nur um die Mütze ging, die ich im Film als Pfarrer trage, war er mit dabei. Er hat bei jeder Figur mitgearbeitet und jedes Detail abgenommen. Er durchdringt den Stoff mit allem, was ihm zur Verfügung steht.

Es gibt nicht so viele Regisseure, die über den Tellerrand hinaussehen. Er ist sicher einer von diesen Wenigen. Sehr schön sieht man das auch in seinem Film „Das gefrorene Herz“ aus dem Jahr 1979. Ich bin von dieser Geschichte von Meinrad Inglin noch heute beeindruckt.

Sie spielten Anfang der Neunzigerjahre den Kommissar Reto Carlucci in der Sendung „Tatort“, was Ihnen sehr viel mediale Aufmerksamkeit gebracht hat. Unlängst waren Sie wieder mit dabei bei dieser Kult-Serie, als Polizeipräsident von Luzern. Was hat „Tatort“ für Sie persönlich für einen Stellenwert?

„Tatort“ ist sicher ein ganz entscheidender Moment in meiner Karriere. Ich fiel durch alle Schauspielschulen und die Tatsache, dass ich später den Kommissar in dieser Kult-Sendung spielen konnte, hat mein Leben schon sehr geprägt. Meine ersten Jahre als Schauspieler waren auch von Selbstzweifeln geprägt. Nicht, dass ich mir jeden Tag darüber Gedanken gemacht hätte, aber die Tatsache, dass ich zu denen gehörte, die nicht an einer Schauspielschule waren, hat mich immer beschäftigt. Ich fragte mich, ob ich denn ein wirklich echter Schauspieler sei oder nicht. Der Zweifel gehört bei der Schauspielerei dazu. Das ist meine Einsicht. Ohne diesen Zweifel an sich selber und der eigenen Schauspieltätigkeit entsteht keine gute Schauspielkunst.

Vor der Anfrage für „Tatort“ war ich in der freien Szene tätig. Ich wollte unbedingt an die grossen Theater nach Deutschland. Ich landete an der Landesbühne in Hannover, später in Wien am Schauspielhaus. Von dort ging es nach Frankfurt am Main ans Theater am Turm. Über Umwege ging dort die Aufforderung ein, ich solle ein paar Fotos von mir in die Schweiz senden, wo man erstmals „Tatort“ produzieren wollte. Ich durchlief das Casting-Verfahren und hatte das Glück, dass ich im ersten Schweizer Tatort neben Matthias Gnädinger der Kommissar wurde.

Wie haben Sie die Arbeit mit Gnädinger in Erinnerung?

Man darf das als Vater-Sohn-Beziehung bezeichnen. Matthias Gnädinger ermutigte und unterstütze mich sehr. Ich erinnere mich an eine Szene, in der ich im Schlachthof in Bern mit ihm an der Seite im Auto fahren musste. Meine Aufgabe war es, auf sehr engem Raum in einem gewissen Abstand und mit vielen Kurven einem Auto zu folgen. Dabei musste ich mich auf eine Seite fallen lassen, abbiegen, Text sagen, Gnädinger Feuer geben und mir einem Kaugummi in den Mund stecken, also so einiges zusammen. Ich sagte zu Matthias Gnädinger, dass ich das alles zusammen nie schaffen würde. Er nahm in der Folge zwischen seinen Füssen versteckt einen Plastiksack hervor und entnahm diesem eine Flasche Wein. Er öffnete diese in Seelenruhe und bot mir einen Plastikbecher voller Wein an. Ich war perplex und meinte, ich müsse doch noch Auto fahren. Er meinte, auf seine ruhige und behäbige Art, dass das egal sei und wir tranken den Wein. Mit dieser Geste schenkte er mir enorm viel Vertrauen und er nahm mir meine Aufgeregtheit. Für mich war Gnädinger immer ein grosses Vorbild.

Mir haben die Tatort-Filme sehr viel Freiheit beschert. Das gab einen guten Batzen, den man auf sicher einrechnen konnte. Als Kommissar machte ich damals 3 Tatort-Serien mit. Dann stieg ich aus inhaltlichen Gründen aus…

War das ähnlich wie bei George Lazenby, der nur einen James Bond drehte und dem man empfahl, seinen guten Ruf nicht aufs Spiel zu setzen, ein Rat, den er leider befolgte und sein Leben lang bereute?

(Lacht) Ja, der Vergleich kommt hin. Die Gründe für den Ausstieg waren inhaltlicher Art. Ich bemerkte, dass beim Film zuerst das Fernsehen kam, dann die Produzenten, gefolgt von den Regisseuren und schliesslich der Hauptdarsteller, der nichts zu sagen hatte. Mir missfiel damals, dass drei Drehbücher für den vierten Tatort auf dem Tisch lagen und das schlechteste Drehbuch den Zuschlag fand, aus rein filmpolitischen Gründen. Eine Produktionsfirma durfte die Serie „Die Direktorin“ machen, darum musste der Film einer anderen Produktionsfirma in Bern abgegeben werden, die jedoch das schlechteste Drehbuch vorlegte. Das Schweizer Fernsehen unterstellte mir damals über den Pressesprecher, dass ich zu viel Geld verlangt hätte. Ich sprach daraufhin mit meinem Agenten, der meinte, dass das Königshaus nicht dementieren würde. Mir gefiel dieser Gedanke und wir äusserten uns nicht weiter zu der Angelegenheit.

Aber um auf George Lazenby zurückzukommen: Mir sagte man damals tatsächlich, dass ich den Tatort nicht zu lange machen solle. Heute schlecken sich alle Schauspieler die Finger, wenn sie im Tatort den Kommissar spielen können. Es gab auch bei mir Zeiten, in denen ich den Entscheid, bei Tatort nicht mehr mitzumachen, bereute. Ich machte aber später bei der Serie „Die Direktorin“ mit und fand eine andere Beschäftigung, mit der ich leben konnte. Es gab aber auch Jahre, wo es nicht so gut lief. Dann dachte ich manchmal sentimental an die Tatort-Zeiten zurück. Das gehört aber alles zu meiner Geschichte und ich kann mich im Nachhinein nicht beklagen. Es gibt wenige Schauspieler und Schauspielerinnen, die immer nur oben und nie unten waren.

In der Tatort-Serie „Marion“ hatten Sie die Gelegenheit, mit Anne-Marie Blanc zu spielen. Wie haben Sie diesen Tatort in Erinnerung?

„Marion“ war der dritte Tatort, den ich machte. Die Zusammenarbeit mit Anne-Marie Blanc, aber auch mit Fritz Lichtenhahn, war natürlich sehr interessant. Der Schweizer Lichtenhahn hatte fast immer in Hamburg gelebt und gearbeitet. Er sprach mit mir gerne über Arosa, wo er aufwuchs. Auch mit Anne-Marie Blanc sprach ich viel auf Bündnerisch. Die Familie Fueter – Anne-Marie Blanc war mit Heinrich Fueter, dem legendären Filmproduzenten, verheiratet – lebte lange in St. Moritz. Sie hatte Freude an meinem Bündnerdeutsch. Später kam sie manchmal in Zürich an Theatervorstellungen und wir liessen den Abend im Odeon ausklingen, bevor sie wieder ins Taxi stieg und nach Hause fuhr.

Die Faszination für Tatort ist interessant. Viele Folgen überschreiten die Zuschauerzahl von 10 Millionen. Wie erklären Sie sich als ehemaliger Tatort-Kommissar und unlängst auch als Tatort-Polizeipräsident den Erfolg dieser Serie?

Ich denke, dass Mord und Totschlag, also Crime, Lebenssachverhalte sind, die Zuschauer einfach faszinieren müssen. Crime interessiert sie mehr als alles, was im Leben rund läuft und gut ist. Das Böse, das wir alle auch in uns tragen, kann man stellvertretend ausleben und sehen. Die Idee mit den verschiedenen Kommissaren aus verschiedenen Regionen hat von Anfang an dazu geführt, dass man sie verglich und sich über die Vor- und Nachteile der Schauspieler unterhielt. Ich bekam das auch zu spüren. Die Presseabteilung vom Fernsehen übergab mir immer ganze Mappen mit Kritiken, auch aus Deutschland und Österreich. Ich konnte gar nicht alle lesen. Einige waren gut, andere mittel und einige schlecht. Tatort war schon damals sehr erfolgreich, heute aber darf man in Bezug auf diese TV-Serie von einem absoluten Hype sprechen.

Als ehemaligen Kommissar muss ich Sie fragen, welchen Tatort-Kommissar Sie denn heute selber gerne sehen?

Ich persönlich mag die beiden Kommissare aus Münster sehr gut, wenn es um die komische Seite der Serie geht. Thiel und Boerne, gespielt von Jan Josef Liefers und Axel Prahl, finde ich in ihrer Komik sehr gelungene Tatort-Charaktere. Mir gefallen aber auch die Tatort-Serien mit Ulrich Tukur sehr gut. Es zeigt sich im Übrigen, dass Tatort-Folgen und -Kommissare dann sehr gut ankommen, wenn die Kommissare ihr Privatleben mitbringen. Das wollen die Menschen sehen. Darum hatte der Schweizer Tatort seine Startschwierigkeiten. Es hiess anfänglich von Seiten der Redaktion, dass man nichts Privates zeigen solle. Als aber die Kommissarin Bibi Fellner, gespielt von Adele Neuhauser, mit ihrem Alkoholproblem im Wiener Tatort auftauchte, hatten beide, also sie und Moritz Eisner, gespielt von Harald Krassnitzer, miteinander etwas zu tun, was die Zuschauer faszinierte. Die Zuschauer kennen das Problem mit dem „Zuviel an Alkohol“ und das macht das ganze erleb- und identifizierbar. Die Geschichten sind heute auch frecher geworden. Das A und O sind eben die Drehbücher. Es fehlt in der Schweiz oft am Mut, Geschichten auch anders zu erzählen. Man kann dem Publikum aber ganz generell viel mehr zutrauen, als viele Menschen meinen.

"Howalds Fall", erster Schweizer Tatort: Marita Breuer als Rebecca Howald und Andrea Zogg als Reto Carulucci, Foto Heinz Stucki/Fotostudio TV DRS

 "Howalds Fall", erster Schweizer Tatort: Marita Breuer als Rebecca Howald und Andrea Zogg als Reto Carulucci, Foto Heinz Stucki/Fotostudio TV DRS

Der Schweizer Film wird nicht über die Grenzen der Schweiz wahrgenommen. Samir hat die Gründe hierfür in einem Interview mit Xecutives.net unlängst treffend erklärt. Es fehle am Mut, sich mit neuen Themen auseinanderzusetzen, stattdessen würden wir uns vor allem mit uns selber beschäftigen, was andere nicht interessiere. Er zeigte am Beispiel von Dänemark auf, dass es auch anders geht.

Samir hat natürlich Recht. Diese Regisseure, auch gerade in Dänemark mit dem Dogma-Film, getrauen sich, Konventionen zu brechen und einfach Neues zu versuchen. Schauen Sie, Luzern ist sehr schön und sehr beschaulich. Wenn Sie nun einen Tatort drehen und die dreckigen Ecken finden wollen, die für einen Film wichtig wären, so suchen Sie diese in Luzern vergeblich, weil alles ordentlich und sauber ist. Man müsste nach Genf gehen oder nach Zürich, wo es diese grossstädtischen Quartiere und Strassenzüge, die etwas dreckig sind noch gibt. Das schränkt das Erzählen einer Geschichte ein, macht die Filme weniger international, und mündet tatsächlich darin, dass man sich mit sich selber beschäftigt, dermassen, dass andere dies nicht interessant finden können.

Die Schweiz müsste es besser wissen. Möglichkeiten gäbe es genug. Zu denken gilt es an die internationalen wirtschaftlichen Verknüpfungen aufgrund unseres Industrie- und Bankensektors. Da gäbe es sehr viel zu erzählen und man würde die Drehorte sehr leicht finden. Was uns aber fehlt, ist die Tradition, ein gutes Drehbuch erarbeiten und schreiben zu können. Es ist besser geworden, weil nun öfters auch ganze Teams an einem Drehbuch arbeiten, ein Geschichtenschreiber, ein Spezialist für Dialoge, einer für die Dramaturgie. Das bringt mehr Möglichkeiten und mehr Phantasie in eine Geschichte. Vor zwei Jahrzehnten war es ein Drehbuchautor, der gleichzeitig die Regie führte und oft auch noch im Film mitspielte. Diese Vorgehensweise reicht heute nicht mehr aus, um einen guten und überzeugenden Film machen zu können.

Das Schöne an all dem aber ist, dass es auch für Hollywood kein Film-Rezept gibt, das einen Erfolg garantieren könnte. Der Film mit seiner Geschichte muss von Innen kommen und mit Feuer umgesetzt werden, dann ist man auf dem richtigen Weg.

Sie haben ein besonderes Interesse an Friedrich Dürrenmatt. Er scheint Sie persönlich sehr zu beschäftigen, auch als Schauspieler. Was hat es mit Dürrenmatt und Ihnen auf sich?

Als Frisch und Dürrenmatt im medialen Zentrum standen, in den Sechziger- und Anfang der Siebzigerjahre, da waren die Linken eher auf Frischs Seite und die anderen auf der Seite von Dürrenmatt. Mir gefiel Dürrenmatt schon damals besser als Frisch. Ich nahm ihn als Philosophen und Gedankenschlosser wahr und Frisch mehr als politischen Schriftsteller. Ich habe Dürrenmatt viel umfassender wahrgenommen als Frisch. Er hat ganz anders gedacht und je länger er tot ist, desto mehr wird er von seiner philosophischen Seite wahrgenommen. Viele Bücher von ihm waren für mich wie eine Bibel. Er machte sich Gedanken über die Erinnerung. Seine Gedankengänge sind enorm! Er befasste sich damit, wie er aufwuchs und wie er geprägt wurde. Er haderte mit der Schweiz und machte sich unheimliche Gedanken über sich und die Tatsache, dass die Schweiz vom Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont blieb. Er selber war ja Rekrut in Genf und viele Erkenntnisse kamen ihm beim Alkoholkonsum mit den dortigen Weinbauern. Ich bin an einem Projekt dran, über das ich zurzeit aber nicht sprechen darf…(lacht).

Sie haben vorhin gesagt, dass es Ihnen immer etwas Schwierigkeiten machte, nie an einer Schauspielschule gewesen zu sein. Viele Künstler, auch Musiker, haben noch nie studiert, zu denken gilt es auch an all die alten Jazz-Legenden. Wie sind Sie im Leben mit dieser Tatsache, die offenbar eine interessante und spannende Karriere nicht verhindern konnte, umgegangen?

Ich kann Ihnen diese Frage mit einer Anekdote beantworten: Anfang der Achtzigerjahre wollte ich unbedingt einen Workshop für Schauspielerei besuchen, um an meinen schauspielerischen Fähigkeiten zu arbeiten. Für ein Lee Strasberg-Workshop, der mich interessierte, kam dann ein Spezialist aus New York nach Berlin. Ich glaube er hiess Walter Lott. Es bedurfte eines Aufnahmetests, um an diesem Workshop dabei sein zu können. Ich ging also an ein Gespräch und musste einsehen, dass das schon aus finanzeilen Gründen nichts für mich war. Ich entdeckte daraufhin in einer deutschen Zeitung eine Annonce für einen Schauspiel-Workshop für 30 Mark und staunte nicht schlecht, dass das möglich war. Ich hatte zwar meine Zweifel, ging aber hin und bemerkte rasch, dass ich in der „AAO“ gelandet war, der „Aktionsanalytischen Organisation“, deren Gründer Otto Muehl war. Er war ein Aktionskünstler. Diese Leute schlachteten damals Pferde auf der Bühne und die Schauspieler wälzten sich vor den Zuschauern im Blut. Es handelte sich um eine Kommune. Deren Mitglieder fielen durch kurze Haare und Latzhosen auf. Sie mussten der Gemeinschaft Geld abgeben, es herrschte die Regel des freien Sex‘ und man lebte zusammen in grossen Räumen. Es galt dieses und jenes zu beachten…

Das tönt etwas einengend und sektiererisch für einen Schauspiel-Workshop…

Das war nicht nur „etwas“, sondern SEHR sektiererisch (lacht). Ich war also dort und stellte fest, dass der Workshop in Berlin dazu diente, neue Mitglieder für die AAO-Kommune zu gewinnen. Als Bündner, in Tamins aufgewachsen und vielleicht etwas naiv, kam ich in dieser Gruppe nicht aus dem Staunen raus. Es wurde offenbar freier Sex praktiziert und allem Anschein nach ging es nur darum, die Workshop Teilnehmer zu animieren, an der anschliessenden Probe–Wohnwoche mitzumachen. Der freie Sex diente offenbar als Lockmittel. Am zweiten Tag gab es eine Übung an einem grossen Tisch. Der Kursleiter und Guru Walter sprach und wollte von jedem Workshop-Teilnehmenden etwas haben. Ich sass neben ihm. Er fing die Runde aber auf der anderen Seite an. So gab einer seinen Ring, ein anderer eine Kette und so ging das weiter, immer mit dem Argument, dass man sich von seinem Besitz trennen können müsse. Mir wurde immer klarer, dass ich nun wohl, als letzter am Tisch, auch meine Uhr, die ich zur Konfirmation erhalten hatte, abgeben musste. Ich zog meinen Arm unter den Tisch, zog langsam meine Uhr ab und steckte sie seitlich in meinen Stiefel. Ich fand das alles faszinierend, sehr befremdend und es kam ein Widerstandsgedanke in mir auf. Und dann war ich an der Reihe. Ich dachte mir, dass ich nicht feige sein wollte, nahm die Uhr aus meinem Stiefel und fragte ihn, was er denn nun mit der Uhr machen wolle, würde ich sie ihm geben. Er sagte, dass er sie zum Fenster rausschmeissen würde, worauf ich ihm antwortete, dass ich sie für so was nicht hergeben würde. Er wurde dann böse, mäkelte an meinem Schweizertum rum, machte mich vor allen anderen lächerlich und ich fasste dann den Entschluss, diese Veranstaltung – ja, man kann sagen diese Sekte - zu verlassen. So war dieser Workshop sicher ziemlich anders als der von Lee Strasberg organisierte, trotzdem war all das aber eine sehr gute Lebenserfahrung. Was ich dann von Berlin mit nach Hause nahm, nebst dieser Erinnerung, war eine LP von DDR-Stars, so auch mit Helene Weigel und Therese Giese, die Texte und Gedichte von Brecht sangen und vorlasen. Diese Texte haben mich völlig fasziniert und ich sog sie alle auf, so dass sie mich noch heute beschäftigen.

Auch diese Anekdote hat absolute Kabarett-Reife. Sie würde beim Publikum genauso gut ankommen, wie die Texte, die Sie hin und wieder vor kleinerem Publikum vorlesen. Trotzdem haben Sie es, ohne erfolgreiche Workshops und Schauspielschulen, ziemlich weit gebracht.

Ja, ich muss mir das überlegen mit der Anekdote. Es sind die Lebensumstände, durch die ich zu den Texten komme, die ich hin und wieder zur Freude des Publikums zum Besten gebe. Aber wissen Sie, das mit der Schauspielschule ist so eine Sache. Einige machen das, andere nicht. Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich in Bern mit einem Schauspielschuldirektor führte. Er meinte, dass mein Talent nicht ausreichen würde für seine Schule. Das löste in mir Widerstand aus und ich dachte, dass ich nun erst recht weitermachen muss. In München ging ich an die Otto Falkenberg-Schule, die Fachakademie für darstellende Kunst, und kam in die letzte Runde. Ich war schon etwas älter, ca. 23 Jahre alt. Der Wiener Bruno Dallansky sagte mir, es ginge hier nicht um Talent. Es ginge darum, eine Schulklasse zusammenzustellen und für diese Schulklasse sei ich nun halt mal zu alt. Er meinte aber, er sei überzeugt davon, dass ich meinen Weg machen würde und er wünschte mir sehr herzlich alles Gute für meine Zukunft. Ich wurde zwar nicht aufgenommen, Dallansky sprach mir aber Mut zu. Ein paar Jahre später wurde Bruno Dallansky Tatort-Kommissar. Sieben Jahre nach dieser Prüfung wurde ich selber Tatort-Kommissar in Bern (lacht). Damit aber nicht genug. In Bern hatten wir bald darauf ein Tatort-Drehbuchlesetermin. Ich entdeckte Bilder auf dem Tisch. Auf einem der Bilder war der Schauspielchef aus Bern zu erkennen, der mir mangelndes Talent unterstellt hatte. Sein Bild lag auf einem Tisch und er war für eine kleine Nebenrolle in einem der Tatort Filme vorgesehen, die er aber später ablehnte…

Ich höre eine gewisse Genugtuung aus Ihren Aussagen…

Ja, dem ist so. Aber wissen Sie, so spielt eben das Leben. Das passiert vielen Künstlern und es sind schlussendlich die schönen Geschichten im Leben, die zählen.

Was sind Ihre nächsten Projekte Herr Zogg?

Am 1. April 2016 findet die Premiere mit den Global Players statt. Es handelt sich um ein Immigrationstheater, bei dem ich mit meiner Frau die Regie führe. Sie arbeitet selber als Filmemacherin und Autorin und hat dieses Theater-Stück geschrieben. Die Schauspieler, alles Immigranten, spielen eine Szene aus Ödön von Horváth, ein Stück aus den Dreissigerjahren, das auf einer Brücke spielt. Im Sommer bin ich in Obersaxen im Bündner Oberland und inszeniere Rossini. Ende April 2016 mache ich eine Uraufführung eines Zweipersonenstückes von Charles Lewinsky. Dieser Event findet in Langenthalt statt. Im nächsten Januar arbeite ich an einem Projekt in Graubünden, „Settembrini“, nach einem Roman von Leo Tuor, zusammen mit Manfred Ferrari. Nächstes Jahr kommt dann noch die Nachfolgeproduktion von „Polizeinotruf 117“ mit Beat Schlatter. Mit diesem Stück sind wir noch bis im Herbst unterwegs. Das wird eine spannende Zeit werden, auf die ich mich sehr freue.

Lieber Herr Zogg, ich bedanke mich freundlichst für dieses Gespräch, wünsche Ihnen weiterhin alles Gute und viel Erfolg bei Ihren Projekten!

(C) 2016 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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Links
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