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Spezialinterview Schach - das "Jeu Royal"

 

Vlastimil Hort

Vlastimil Hort, Jahrgang 1944, wurde in der Tschechoslowakei geboren und entwickelte schon sehr früh grosses Talent für das Schachspiel, das „Jeu Royal“, wie es der renommierte Grossmeister des Schachs zu nennen pflegt. 1979 verliess Hort die Tschechoslowakei und zog nach Deutschland, wo er 1986 die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt. Hort gehörte lange Zeit zu den besten Schachspielern der Welt und war zeitweise 4. bis 6. auf der Weltrangliste des Schachs (Internationaler Meister 1962, Grossmeister 1965). Hort spielte in seiner Jugendzeit leidenschaftlich Eishockey und verfügt über ein Wirtschafts- und Aussenhandelsdiplom der Universität Prag. Um in der stalinistisch und sozialistisch geprägten Tschechoslowakei der Fünfzigerjahre überleben zu können, entschied er, den Schachsport professionell anzugehen, womit er sich eine eigene Welt schaffen konnte. Vielen schachinteressierten Menschen ist Vlastimil Hort als einfallsreicher Kommentator bei den WDR-Schachsendungen „Schach der Grossmeister“ noch gut bekannt, ein Programm, das er an der Seite von Dr. Helmut Pfleger während 22 Jahren mitmoderierte.
Im Interview mit Christian Dueblin und im Anschluss an eine Bâloise-Schachshow in Basel spricht Vlastimil Hort über seine Einstellung zum Schach und beschreibt, warum er damals in der Tschechoslowakei ein professioneller Schachspieler wurde. Er zeigt geschichtliche Zusammenhänge rund ums Schachspiel auf und spricht über Strafen, die Schachspieler in der ehemaligen Sowjetunion über sich ergehen lassen mussten, wenn sie Partien nicht gewinnen konnten. Vlastimil Hort nimmt Stellung zur Schachlegende Bobby Fischer und erklärt, warum sich viele Menschen schwer mit ihm taten und immer noch tun.

Christian Dueblin: Sehr geehrter Herr Hort, Laien haben, wenn Sie an Schachspieler denken, das Bild einer etwas introvertierten und hochintelligenten Person vor sich. Wie sehen Sie sich selber als Mensch und Schachspieler und was zeichnet einen Schachspieler Ihres Erachtens aus?

Vlastimil Hort: Wenn ich mich beschreiben sollte, so würde ich sagen, dass ich eine Person mit vielen Interessen und auch ein Gedächtniskünstler bin. Ich verfüge seit frühster Kindheit über ein visuelles Gedächtnis, das man im Schachspiel braucht. Ich bin überzeugt, dass vieles, was man für den Schachsport braucht, um an der Spitze mitspielen zu können, angeboren ist. Ich glaube an das Talent. Es hilft Menschen, Besonderes leisten zu können. Ohne Talent gibt es keine Spitzenleistung, weder im Schach noch sonst wo. Mein Vater beispielsweise hatte das absolute Gehör. Er war nicht Musiker, konnte aber vier Instrumente spielen. Er war talentiert und wollte immer, dass ich Musiker werde. Ich spielte dann 11 Jahre lang Klavier und musste ihm später eingestehen, dass ich dazu einfach das Talent nie hatte, was ihn traurig stimmte.

Heute pendele ich zwischen Köln am Rhein und Prag an der Moldau, wo ich noch sehr viele gute Kontakte habe, hin und her. In die Schweiz komme ich schon seit sehr vielen Jahren. Mit Biel war ich auch schon zweimal Schweizer Mannschaftsmeister, das war in den Achtzigerjahren. Damals gehörte ich zu den 10 besten Spielern auf der Welt. Sie können sich das in etwa so vorstellen wie im Tennis. Im Schach gibt es Elo-Ratings, die man nicht erschwindeln kann. Eine gewisse Zeit, ungefähr im Jahr 1977, war ich sogar die Nummer 4 bis 6 auf der Weltrangschachliste. Sechs Mal war ich tschechischer Meister und drei Mal deutscher Meister. Ich gewann ungefähr 75 Internationale Schachturniere.

Sie registrieren Bilder, speichern in Ihrem Kopf Gesehenes ab, das Sie später abrufen und sehen können, wie eine Fotografie, die Sie in Ihrem Geist nur noch ablesen müssen.

Ich habe vor kurzem bei einer Schach-Show in Basel mitgemacht, die vom Unternehmen Bâloise organisiert worden war. Es handelte sich um eine echte und gute Show, ohne hohe Dezibel-Werte und Lichteffekte. Es war alles echt und mir hat das sehr gut gefallen. Ich spielte dort Blindpartien gegen gute Basler Schach-Amateure. Das funktioniert nur mit einem tadellosen visuellen Gedächtnis.

Es geht um das Registrieren von Bildern. Ich speichere die Bilder, die mir vorliegen, in meinem Gedächtnis ab. Diese abgelegten Bilder kann ich wie eine Fotografie abrufen. Ich sehe sie plastisch von oben und kann sie logisch auswerten. All das braucht natürlich sehr viel Konzentration. Wenn ich solche Blindpartien spiele, dann vergesse ich alles. Ich bin total in die Stellung einverleibt und bin nicht mehr in der Realität, ich vergesse mein Ich, meine Existenz. Am schwierigsten aber ist es, die Blindpartien wieder aus dem Gedächtnis zu radieren und zu vergessen.

… so, dass Sie auch mal ein Erdbeben bei einem Spiel nicht mitbekommen…

(Lacht) Ja, das ist mir in Indonesien passiert. Ich war plötzlich alleine im Saal und bekam nicht mit, wie ein Erdbeben wütete und sich der ganze Saal leerte, weil die Menschen ins Freie stürmten.

Schach ist auch eine Droge. Man kann es, einmal damit angefangen, nicht mehr lassen.

Diesen Umstand hat offenbar auch Stefan Zweig beschäftigt, als er die Schachnovelle schrieb…

… Ja, es ist viel über Schach geschrieben worden. Auch Vladimir Nabokov hat über Schach geschrieben. Er war ein begeisterter Schachspieler und hat auch viele Schachaufgaben komponiert.

Wissen Sie, es braucht diese Art von Gedächtnis, um gut Schach spielen zu können. Schach ist das „Jeu Royal“, die hohe Schule des Spiels. Ich bin zwar Gedächtniskünstler, aber kein Gambler. Ich spiele auch andere Spiele sehr gerne und gut, nicht nur Schach. Viele Schachspieler sind jedoch Zocker. Mir ist das fremd. Als Student habe ich aber immer wieder Wetten mit Kollegen und Kolleginnen gewonnen. Nach kurzem Betrachten einer langen Zahlenfolge konnte ich diese fehlerfrei auswendig wiedergeben, was bei meinen Kommilitonen Erstaunen auslöste und mir ein Mensaessen einbrachte.

Es geht beim Schach um einen strategischen Kampf. Es werden dabei Figuren mit Namen wie „Bauer“ und „Läufer“ eingesetzt, sie fallen oder werden im Sinne einer guten Strategie geopfert, um einen Sieg für den König herbeiführen zu können. Es geht also um das Gewinnen.

Ja, der Schachspieler will gewinnen. Bei allen anderen Spielen, z.B. Karten, ist es wichtig, dass man immer um kleine Beträge spielt, sonst bleibt der Anreiz, ein Spiel ernsthaft anzugehen, auf der Strecke. Die Zocker jedoch überreizen sehr schnell. Ich bin und bleibe immer ein objektiver Realist.

Meine Frau ist Deutsche und beschäftigt sich leidenschaftlich mit Literatur. Zuhause haben wir eine grosse Schachbibliothek. Das ist meine Domäne. Meine Frau sorgt mit Schriftstellern wie Goethe und Schiller, mit denen sie sich auseinandersetzt, für ein gesundes Gleichgewicht in unserer Wohnung. Das garantiert mir, mit beiden Füssen in der Realität zu stehen.

Wo spielt Schach in Ihrem Alltagsleben eine Rolle?

Schach ist deshalb sehr schön, weil man noch kreativ sein kann. Es gibt leider immer weniger Gebiete und Bereiche in unserer Gesellschaft, wo das noch in dem Mass möglich ist, wie beim Schach. Wir haben im Leben immer mehr Spielfelder, auf denen wir nicht mehr kreativ sein können und bspw. nur noch konsumieren. Schach bietet, wirklich kreativ sein zu können.

Schach ist auch ein hervorragendes Mittel, sich mit dem Alter und dem Gedächtnis auseinanderzusetzen. Ich finde es sehr gut, dass in Seniorenheimen oft Schach angeboten und gespielt wird. Das ist wichtig. Die Menschen können mit dem Spiel üben und ihren Geist fit halten. Es ist auch schön zu sehen, dass Schach die Grenzen zwischen Alt und Jung überbrücken hilft. Hier können Achtjährige gegen Achtzigjährige spielen, die sonst im Leben nicht viel verbindet. Da liegen zwei Menschengenerationen dazwischen. Das Schachspiel führt sie aber zusammen an einen Tisch und das ist wunderbar. Sie müssen nach den gleichen Regeln spielen wie auch Weltmeister Magnus Carlsson. Denn allein die geistige Fähigkeit entscheidet über Sieg oder Niederlage.

Was bedeutet für Sie Schach ganz persönlich in Ihrem Leben? Wie wäre Ihr Leben ohne Schach verlaufen?

Das ist eine schwierige Frage und wenn Sie 10 Schachspieler fragen, werden Sie wohl ganz unterschiedliche Antworten erhalten. Für mich war und ist Schach eine grosse Leidenschaft des Lebens, eine Leidenschaft, die mich ernährt hat. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Das passierte nicht zuletzt aufgrund der äusseren Umstände in meinem Leben. Ich entschied mich für Schach, obwohl ich ein Diplom einer Wirtschaftsuniversität in Prag in der Tasche hatte. 1968 marschierten die Russen in der Tschechoslowakei ein, mit dem Vorwand brüderlicher Hilfe. Das führte in meinem Land zu einem völligen Bruch in der Gesellschaft, der auch mich betraf. Ärzte und andere Intellektuelle verliessen das Land. Kundera, der die „Unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ geschrieben hat, ein Romancier, emigrierte nach Frankreich und lehrte Literatur an der Sorbonne. Er sagte: „Ohne mich!“ So erging es sehr vielen Menschen.

Als die Russen in die Tschechoslowakei einmarschierten, tönte in den sowjetischen Sattelitenstaaten immer noch das Echo von Stalin. Er war ein Monster. Der tschechoslowakische Präsident Klement Gottwald war sein bester Lakai. Damals wurden viele Menschen wegen angeblichen Hochverrats gehängt und ins Gefängnis gesteckt. Es war eine sehr schlimme Zeit. Stalin starb am 7. März 1953 und Gottwald sieben Tage später, am 14. März 1953.

Sie können sich das als Schweizer wohl nur schwer vorstellen, weil Sie hier auf eine ganz andere Geschichte zurückschauen, aber oft hatte man in meinem Land nur die Wahl, ein Kollaborateur zu werden, oder eben wegzugehen. Ich erkannte, dass Schach mir eine bestimmte, relative Freiheit gab. Beim Schach konnte mir niemand dreinreden!

Der Pianist und Dirigent Vladimir Ashkenazy meinte im Interview ebenfalls, dass ihm die Musik in der alten Sowjetunion vor allem Freiheit bescherte…

Sehen Sie, das ist ähnlich und ich kann das sehr gut verstehen. Viele Menschen wären auch gerne so vorgegangen. Sie wussten, dass ihnen ein gewisses Talent Freiheit bieten könnte, aber sie hatten es einfach nicht. Darum schätze ich mich, so wie Vladimir Ashkenazy auch, sehr glücklich, über ein Talent zu verfügen.

Es fanden im Kalten Krieg unglaubliche Schachpartien statt, an denen Sie auch teilnahmen. Wie haben Sie diese Zeit des Schachs im Kalten Krieg in Erinnerung?

Das war extrem und das war die grosse Zeit von Boris Wassiljewitsch Spasski, dem russischen Schachgenie. In dieser Zeit spielte auch die Schweiz eine grosse Rolle. Aus der damaligen Tschechoslowakei heraus galt die Schweiz als neutrales Land. Die Erlaubnis, für ein Spiel in die Schweiz gehen zu dürfen, war leichter zu bekommen, als für andere Länder, bspw. die USA. Damals zählten auch Österreich und Jugoslawien zu diesen neutralen Ländern. Tito spielte viel Schach. Er war auch an der Schacholympiade in Skopje 1972 zugegen.

1951 fand nach dem Zweiten Weltkrieg die erste Olympiade in Dubrovnik in Jugoslawien statt. Damals war das Schisma „Stalin-Tito“ voll im Gange. Denn Tito wendete sich gegen die Vorgaben von Stalin. Er gab die Kühe wieder den Bauern zurück und löste die Kolchosen schnell auf. Aus diesem Grund boykottierte Stalin die erwähnte Schacholympiade. Die Tschechoslowakei, Polen, Rumänien und Ungarn durften deshalb auch nicht an der Olympiade teilnehmen. Es gewannen die Amerikaner. Später liess Stalin von Boykotten ab, weil er schon in den 30er Jahren entdeckte, welch intellektuelles Renommee er mit Schach für die Sowjetunion gewinnen konnte. Zudem brauchte dieses Spiel keinerlei kostspielige Investitionen. Eishockeyspieler beispielsweise mussten mit teuren Kleidern und Geräten ausgerüstet werden, nicht die Schachspieler. Sie brauchten nur ein Brett, den Figurensatz und ihren Kopf.

Was hatte die Schweiz in Sachen Schach damals für eine Bedeutung?

Es fanden zwei Schach-Olympiaden in der Schweiz statt: 1968 in Lugano und 1982 in Luzern. Die Schweiz hat für Schach enorm viel getan, besonders organisatorisch. Viele der Schachevents fanden auch in Basel statt. Zum Beispiel der Wettkampf Kasparov/Miles. Traditionell ist dort seit vielen Jahren das Neujahrsopen sehr beliebt. Hier wuchs auch der einzige Sohn von Alexander Alexandrowitsch Aljechin auf. Dieser flüchtete nach der Oktoberrevolution von den Bolschewiken nach Frankreich. Sein Sohn wurde 1921 geboren und er starb 2009 in Zürich. Er arbeitete als Chemiker und hat sich Zeit seines Lebens nicht um den Schachsport und den Vater gekümmert. Auch dem Internatsleiter, Erwin Voellmy, der selbst Schachmeister war und ein grosser Bewunderer von Aljechin sen., ist es nicht gelungen, dessen Sohn für das Schach zu begeistern. Spasski ist übrigens noch heute der Meinung, dass der Weltmeister Alexander Alexandrowitsch Aljechin 1946 in Portugal keines natürlichen Todes gestorben ist.

Ich traf Aljechin jr. noch vor einigen Jahren. Er spielte zwar Schach, aber nur mässig, dafür aber in früheren Zeiten hervorragend Handball. Am Ende seines Lebens hatte er sich mit seinem Vater aber ausgesöhnt und pflegte mit grosser Fürsorge dessen Grab in Paris am Montmartre. Diese geschichtlichen und persönlichen Verknüpfungen sind für mich sehr wichtig, weil ich mich auch sehr für die Schachgeschichte interessiere. Ich erzähle Ihnen das alles, weil ich auf dem Schachevent von Bâloise von einem älteren Herrn auf den Sohn von Aljechin angesprochen wurde.

Im Schach gibt es auch, Sie werden es nicht glauben, die Zürcher- und Lenzerheide-Variante, spezielle Arten der Eröffnung. Das finde ich sehr interessant. Man hört von der sizilianischen, französischen oder russischen Verteidigung, was nach alten Weltmächten tönt. Und die schöne Schweiz kann in dieses „Jeu Royal“ ihre Zürcher- und Lenzerheide Variante einbringen. Das ist doch wunderbar für dieses kleine Land!

Sie haben sich auch politisch mit Schach auseinandergesetzt und immer wieder ganz offen über geschichtliche Zusammenhänge berichtet. Was hat denn das Schachspiel Ihres Erachtens politisch für eine Auswirkung gehabt?

Schach hat dazu geführt, dass es auch über den eisernen Vorhang hinaus während des Kalten Krieges Kontakte zwischen Menschen gab, die logisch denken konnten. Es gab Olympiaden und man traf sich. Hier beginnt nun Bobby Fischer eine wichtige Rolle zu spielen. Er hat gezeigt, dass der Westen in Sachen Schach auch mithalten kann. Das amerikanische Wunder hat sich um Schach sehr verdient gemacht und ist am Ende seines Lebens elendig gestorben. Er war ein super Autodidakt, aber eine enorm komplizierte Persönlichkeit.

Wie haben Sie Fischer in Erinnerung?

Man sollte ihn nicht so leicht verurteilen. Dass er den Holocaust geleugnet hat, hat den Umgang mit ihm natürlich schwer gemacht. Er war zweifelsohne ein Antisemit. Das ist der Grund dafür, dass er auch seine Freunde verlor. Ich hatte ihn noch in Budapest getroffen, wo er lange lebte. Fischer gewann 1972 in der isländischen Hauptstadt Reykjavík gegen Spasski die Weltmeisterschaft. Im Leben konnte ihm keiner helfen, er entschied alles alleine. Genialität und Wahnsinn sind nah beieinander. Als die Ärzte ihm später sagten, dass er sich operieren lassen müsse, lehnte er ab – er wusste es auch hier besser! Ich fragte ihn einmal, ob er denn nicht Angst vor dem MOSSAD hätte und er nickte mir zu.

Fischer bekam aufgrund seiner Ansichten viele Verbote von den USA. Trotzdem spielte er das verbotene Revanche-Match gegen Spasski in Jugoslawien. Serbien organisierte diesen Wettkampf und Spasski kann seine damalige Niederlage wegen des hohen Preisgeldes auch heute noch sehr gut verschmerzen. Die Russen mussten immer gewinnen. Sie standen unter ungeheurem Druck. Ein bekannter sowjetischer Schachprofi, Jefim Geller, sagte einmal, dass wir Menschen im Schach immer Fehler gemacht haben und machen werden; doch Bobby Fischer mache die wenigsten!

Mussten die russischen Spieler mit Konsequenzen rechnen, wenn Sie in dieser gespannten politischen Zeit ein Turnier verloren?

Ja, absolut. Das war so. Ich erinnere mich an Mark Taimanov, Jahrgang 1926, der noch heute in Russland lebt. Er verlor in Vancouver 0:6 gegen Fischer. Das war für Russland eine ungeheure Schmach. Als er nach Russland zurückkehrte, wo er zuvor immer mit Ehren empfangen wurde, waren die Zöllner schon auf ihn angesetzt. Seine Niederlage gegen den noch nicht als Schachgenie anerkannten Amerikaner wurde als grosse Schande für sein Vaterland angesehen. Die Zöllner konfiszierten ihm damals das Buch „Archipel Gulag“, seine Korrespondenz und vor allem sein Preisgeld. Ausserdem kam er für einige Zeit in Untersuchungshaft. Später verloren auch der Däne Larsson 0:6 in Denver und Petrosian in Buenos Aires 2,5:6,5 gegen Fischer. Rettung für Taimanov!

Sie haben sich sehr mit verschiedenen Schach-Stilen auseinandergesetzt, nicht zuletzt auch mit Helmut Pfleger am TV, in der Sendung „Schach der Grossmeister“. Wie muss man sich ein Schach-Stil als Laie vorstellen? Ist das ähnlich wie im Sport, bspw. im Tennis?

Es gibt Menschen, die aggressiv Schach spielen, solche, die grosse Risiken eingehen und andere, die das nicht tun. Es gibt Schachspieler, die lieben die ungewöhnlichsten Verwicklungen. Dann gibt es die Optimisten, die extrem initiativ sind, aber keine gute Verteidigung haben. Der Vergleich mit dem Tennis ist sehr treffend. Wissen Sie, Herr Dueblin, dass der Vater von Ivan Lendl ein hervorragender Schachspieler war?

Der tatsächliche Charakter eines Menschen kommt beim Schachspielen immer an die Oberfläche. Die Notation und die Züge können mir vieles über den Autor sagen. Es gibt oft kritische Momente auf dem Brett, an denen man sehen kann, wie sich die Menschen strategisch verhalten und positionieren.

Wie steht es mit der Geschichte des Schachs? Gibt es so etwas wie eine Schach-Archäologie, in der man sich mit alten Spielmethoden und Strategien auseinandersetzt? Immerhin ist das Spiel schon Hunderte von Jahren alt und wurde auch von Königen gespielt.

Die Mauren haben das ursprünglich persische Schachspiel bis nach Spanien zu Ferdinand und Isabella gebracht. Schach wurde ganz am Anfang, vor etwa 2000 Jahren, noch zu viert gespielt. Später kamen viele neue Regeln dazu. Das Kreuz, das der König trägt, kommt von den Spaniern. Sie wollten das Spiel der Mauren zu einem christlichen Spiel machen. Auf Spanisch heisst der Läufer Alfil. Das allerdings ist ein arabischer Name.

Schach kam aber auch via Russland über die Wolga nach Europa. Die persischen und russischen Kaufleute hatten Schachbretter in ihrem Gepäck. Daraus erklären sich ebenfalls gewisse Begrifflichkeiten im Schach. Die Dame heisst in der Regel Queen, Reina oder eben Dame. In der russischen Notation schreibt man Fers, was sich vom persischen Wort Fersin - Dame, ableitet.

Was denken Sie, wie wird sich Schach in Zukunft weiterentwickeln? Was braucht Schach, um weiterhin viel Interesse bei Menschen wecken zu können?

Im Profi-Schach denke ich, dass es grosse Weiterentwicklungen geben wird in der Zukunft. Bei der breiten Masse, die Schach spielt, denke ich eher nicht. Dort geht es um die Freude am Spiel. Ich kenne Fälle aus Tschechien, wo Männer bei der Heirat sich schriftlich in der Eheurkunde das Recht vorbehielten, zwei Mal in der Woche Schach spielen zu dürfen. Das Hobby ist für manche Ehefrau ja nicht so einfach zu verstehen und zu tolerieren. Wenn der Ehemann nach der Turnierpartie nach Hause kommt, hat er den Kopf immer noch voller Varianten. Schon auf Grund seiner Schritte, kann seine Frau meistens erkennen, ob ihr Mann gewonnen hat oder nicht (lacht). Er kann dann nicht schlafen. Daran sieht man, dass Schach doch eine sehr grosse Bedeutung haben kann, auch in der Ehe.

Herr Hort, was wünschen Sie dem Schach für die Zukunft?

Das ist nicht einfach zu sagen. Ich wünsche mir, dass Schach und sein Internationaler Verband (FIDE) nicht so etwas erleben müssen, wie das die FIFA gerade erlebt. Es ist wichtig, dass im Schach alles fair bleibt. Die FIFA hat einen unglaublichen Schaden eingefahren. Da ist mehr unter den Teppich geschoben worden, als wir ahnen. Ich möchte nicht, dass das dem Schach ebenfalls passiert. Auch wünsche ich mir, dass Schach vollkommen entpolitisiert wird. Im Schach herrscht heute Ordnung. Betrug ist fast unmöglich und Dopingkontrollen meist negativ. Wir haben aber auch Herausforderungen, die wir in den Griff bekommen müssen. Was machen wir beim Remis? Das ist unsere Achillesferse. Im Eishockey ist das gelöst, auch beim Fussball. Es gibt ein Penaltyschiessen und im Tennis gibt es ein Tie Break. Das gibt es beim Schachspiel nicht. Hier müsste sich Schach weiterentwickeln. Auch ich habe dazu keine Lösung, bin aber zuversichtlich, dass wir diese Herausforderung in den Griff bekommen werden.

Sehr geehrter Herr Hort, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch, wünsche Ihnen gute Gesundheit und weiterhin viel Erfolg und Freude beim Schachspielen!

(C) 2015 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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Links
- Vlastimil Hort auf Wikipedia
- Schachwelt.de: Vlastimil Hort wird 70
- Vlastimil Hort: Der beste Zug. I. Testband für den aktiven Spieler


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