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Monatsinterview September: Gleichberechtigung

 

Julia Onken

Julia Onken, Jahrgang 1942, gründete 1987 das Frauenseminar Bodensee (FSB), das sie heute zusammen mit ihrer Tochter Maya führt. Die studierte Psychologin Julia Onken (Studium an der Akademie für Angewandte Psychologie in Zürich) beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Belangen der Frau, der Liebe und der Beziehung zwischen Frau und Mann. Zu diesen Themen hat sie zahlreiche Bücher geschrieben, von denen heute viele Bestseller-Status geniessen. Julia Onken hält Vorträge und schreibt Blogs. Sie äussert sich öffentlich und kritisch selbstbewusst zu Frauenthemen.
Im Anschluss an ein Interview mit der Frauenrechtlerin Marthe Gosteli (Jahrgang 1917) beantwortet Julia Onken Fragen zur Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann. Sie stellt fest, dass Frauen zwar 2/3 der gesamten Weltarbeit leisteten, dafür aber lediglich 10% Lohnanteil kassierten und die Frauen weltweit lediglich 1 % des Weltvermögens halten. Frauen würden im Verlaufe ihres beruflichen Lebens, in dem sich viele mit den Gewinnern der Gesellschaft – den Männern – solidarisierten, erst im späteren Lebensverlauf anfangen, über ihr Frausein nachzudenken – organisch, mit Einsetzen der Zellteilung im Mutterleib, konfrontiert, mit den darauf folgenden Alltagssogen und -herausforderungen. Mit diesem Interview möchte Xecutives.net an die Aussagen von Frau Marthe Gosteli anknüpfen und zum organischen Denkprozess beitragen.

Christian Dueblin: Sehr geehrte Frau Onken, Sie haben zahlreiche Bücher über die Belange der Frau und die Beziehung zwischen Mann und Frau verfasst. Ihr beruflicher Werdegang stand aber nicht immer, zumindest von aussen gesehen, in Zusammenhang mit diesen Themen. Was hatte Sie damals veranlasst, Ihren alten Beruf als Papeteristin an den Nagel zu hängen und Psychologie zu studieren?

Julia Onken: Ich habe Psychologie studiert, weil psychologische Zusammenhänge und Hintergründe zu verstehen und zu analysieren immer im Zentrum meines Interesses stand. Die Lehre als Papeteristin und die anschliessende kurzzeitige berufliche Tätigkeit in dieser Branche hat sich eher beiläufig ergeben.

Inwiefern hat das Studium der Psychologie – Sie haben an der Akademie für Angewandte Psychologie in Zürich studiert - Ihre Sichtweise zum Thema Mann und Frau verändert?

In keiner Weise. Ich war zum damaligen Zeitpunkt noch verheiratet und machte mir über Emanzipation wenig Gedanken. Als Alleinerziehende hat sich das schlagartig verändert und ich habe angefangen, darüber nachzudenken und mit anderen Frauen zu sprechen. Damit begann für mich eine völlig neue Perspektive des Denkens.

Unlängst war Frau Marthe Gosteli Interviewpartnerin, eine Pionierin auf dem Gebiet der Frauenbewegung und -rechte. Sie hat Jahrgang 1917 und hat in Worblaufen ein umfangreiches Frauenarchiv, das Gosteli-Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung, geschaffen. Frau Gosteli stellt fest, dass dem Frauenstimmrechtsentscheid in der Schweiz 1971 rund 50 Abstimmungen vorangingen, eine Tatsache, der sich wohl viele Frauen heute nicht mehr bewusst sind. Frau Gosteli fordert die Gleichberechtigung in der Geschichte, ihr wesentlicher Grund, das Archiv zu schaffen und zu erhalten. Wie steht es Ihres Erachtens heute mit der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau?

Theoretisch hat sich das Thema Gleichberechtigung etabliert. Faktisch aber hapert es mit der Umsetzung. Frauen leisten noch immer 2/3 der gesamten Weltarbeit und kassieren dafür 10% des Lohnanteiles. Lediglich 1 % des Weltvermögens liegt in weiblichen Händen. Da ist jeder Kommentar überflüssig. Die Hälfte der Ehen wird geschieden. Während Männer nach spätestens 3 Monaten wieder eine neue Beziehung haben, ist es für Frauen mit Kindern viel schwieriger, wieder einen Partner zu finden. Zudem: 1/3 der geschiedenen Männer zahlen die Alimente gewissenhaft und pünktlich; 1/3 gelegentlich; 1/3 entzieht sich der Verpflichtung. Da benötigt es keine besondere Intelligenz, um zu berechnen, wieviele Frauen einfach im Regen stehen gelassen werden – und den Bittgang zur Fürsorge antreten müssen.

Sie selber setzen sich seit Jahrzehnten intensiv mit Frauen auseinander und bieten in dem von Ihnen gegründeten Frauenseminar Bodensee (FSB), zusammen mit Ihrer Tochter Maya, Studiengänge für Frauen an. Was finden die Teilnehmenden bei Ihnen im Seminar?

Wir arbeiten an der Front. Wir sind an der Umsetzung in den Alltagsbereich interessiert. Wir wollen, dass Frauen lernen, sich klipp und klar auszudrücken, die Dinge auf den Punkt zu bringen, mitmischen, mitreden und überall ihre Interessen einbringen. Wir vermitteln Wissensgebiete, die sie befähigen, sich beruflich zu positionieren. Unsere Lehrgänge zielen immer auf einen anerkannten Abschluss ab, der in der realen Wirtschaft umsetzbar ist und dazu führt, dass sich eine Frau besser positionieren kann.

Frau Gosteli macht darauf aufmerksam, dass es falsch sei, als Frau zu denken, die Frauenbewegung sei nun abgeschlossen, weil man heute als Frau ein gutes Salär verdienen und Hosen tragen könne. Begriffe wie Emanzipation und Frauenrechte seien auch heute noch schlecht besetzt, Schimpfwörter, was auch damit zu tun habe, dass auch Frauen den Feminismus verteufelt haben. Es ist doch auffällig, dass einer der grössten Widerstände gegen die Anliegen des Feminismus aus den Reihen der Frauen erfolgte. Wie erklärt sich das?

Junge Frauen in der heutigen Zeit erleben ein offenes System. Sie erleben bspw: die Welt steht mir offen, ich kann alles studieren, jeden Beruf ergreifen, der mir Freude macht. Diese Frauen denken nicht daran, dass das alles nur möglich ist, weil es mutige Frauen vor ihnen gab, die dafür kämpften. Sie solidarisieren sich viel lieber mit den Gewinnern in unserer Gesellschaft (also mit den Männern), als mit den Verliererinnen. Sie distanzieren sich von ihren Vorfahrinnen, auch von ihren Müttern, was in dem Bekenntnis deutlich wird: „Ich möchte nie so werden wie meine Mutter.“ Diese Phase der Ablehnung ist in den meisten Fällen vorübergehend. In dem Moment, wo in der Gebärmutter die Zellteilung beginnt und sich die junge Frau Gedanken machen muss, ob sie überhaupt einen Krippenplatz für den Nachwuchs findet und wie sie das alles finanzieren soll, fängt sie an zu denken. Und wenn sie auch noch alleinerziehend ist, beginnt der Umdenkprozess. So kann man eigentlich darauf zählen, dass viele ganz organisch zurückfinden zu den Forderungen der alten Feministinnen und sich allmählich mit ihrem Gedankengut anfreunden.

Haben Sie bei Ihren Arbeiten als Seminarleiterin oder Dozentin auch bspw. mit muslimischen Frauen bzw. Frauen aus anderen Religionen zu tun?

Im Rahmen des Minarettverbots, für das ich mich einsetzte, habe ich viele Reaktionen von muslimischen Frauen erhalten – und auch von jungen Männern, die unter der Eingrenzung ihrer Freiheitsrechte leiden und sehr verzweifelt sind.

Wo erkennen Sie heute auch in der Schweiz gesellschaftliche Missstände, die beseitigt werden müssten, um einen Feminismus, bzw. den Weg hin zur natürlichen Gleichheit der Geschlechter, vorliegen zu haben, so wie das Frau Gosteli wünscht?

Das lässt sich leicht mit einem Satz beantworten, der für sich selber spricht: Die oberste Liga ist immer von Männern dominiert.

Interessanterweise waren es aber katholische Frauen, darunter viele Akademikerinnen, die Jahrzehntelang gegen das Frauenstimmrecht, gegen die Emanzipation, wie wir sie heute verstehen, gekämpft hatten. Was ist Ihres Erachtens heute in Kontinentaleuropa die Rolle oder der Einfluss der Religion, wenn es um die Rechte der Frauen geht?

Bis jetzt haben die Religionen nicht dazu beigetragen, dass sich Männer und Frauen als gleichberechtigte Personen begreifen. Es wird wohl noch einige Generationen dauern, bis sich diese Denkgrenzen allmählich auflösen und einer freiheitlichen Gesinnung Platz machen. Bis dahin müssen sich vor allem Frauen damit begnügen, einen eigenen spirituellen Weg zu gehen, das heisst, einen inneren Tempel zu erbauen, wo sie sich mit jenen wichtigsten Fragen beschäftigen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wozu bin ich überhaupt auf der Welt?

Die Frage ist vielleicht schon etwas abgedroschen, aber was unterscheidet denn, einmal abgesehen von biologischen Merkmalen, eine Frau von einem Mann?

Der Ausgangspunkt ist unterschiedlich. Die Frau startet mit dem Verlierertrikot, der Mann mit dem des Gewinners. Die Ziele indessen sind dieselben: Menschwerdung, die Entwicklung über die geschlechtliche Identität hinaus...

Was wünschen Sie sich für die Frau und den Mann für die Zukunft?

Dass die Frau zu ihrer kraftvollen Natur zurückfindet, mutig und beherzt für ihre Anliegen eintritt und vollumfänglich die Menschrechte für alle Frauen einfordert – unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit und Kultur.

Für den Mann wünsche ich mir, dass er sich vom lebensfeindlichen Heldenmythos verabschieden und Bedürfnisse, Wünsche, Hoffnungen sowie Ängste wahrnehmen und darüber sprechen kann.

Sehr geehrte Frau Onken, ich bedanke mich für dieses Interview und wünsche Ihnen und Ihren Projekten weiterhin viel Erfolg und alles Gute!

(C) 2015 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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Links
- Homepage von Julia Onken

- Julia Onken auf Wikipedia

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