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Spezialinterview: Polio

 

Dr. Urs HerzogPD Dr. med. Urs Herzog ist ein Schweizer Arzt und Chirurg. Als Governor des 1905 von Paul Percy Harris gegründeten Service Clubs Rotary – mit heute weltweit über 1,2 Millionen Mitgliedern – leitete er von 2007 bis 2009 als einer der drei ranghöchsten Rotarier in der Schweiz die Geschicke in seinem Distrikt. Urs Herzog hat sich Jahrzehntelang zusammen mit Rotary für die Bekämpfung der Kinderlähmung (Polio) auf der Welt eingesetzt. Im Interview erzählt er, wie und warum Rotary diese Krankheit seit 1985 bekämpft und berichtet über das Ziel, die Krankheit bis 2018 auf der ganzen Welt auszurotten – mit End Polio Now, einem gemeinsamen Projekt von Rotary, der Bill & Melinda Gates Foundation, der WHO, UNICEF, dem Center of Disease Control (CDC) sowie zahlreichen staatlichen Organisationen auch in der Schweiz. Xecutives.net unterstützt End Polio Now und möchte mit diesem Interview auf ein soziales Engagement hinweisen, das hilft, allen voran Kinder vor einer sehr heimtückischen Krankheit zu bewahren.

Christian Dueblin: Sehr geehrter Herr Dr. Herzog, Sie waren Ihr berufliches Leben lang als Arzt und Chirurge tätig und haben sich aufgrund Ihrer beruflichen Tätigkeit und Ihres Engagements als Rotarier jahrelang mit Polio auseinandergesetzt. Was ist Polio und wie wirkte sich diese Krankheit bis noch nicht vor allzu langer Zeit auch in der Schweiz aus?

Urs Herzog: Ich engagiere mich für die Bekämpfung von Polio, auch im Rahmen von Rotary, weil ich selber als Kind an der Kinderlähmung erkrankt bin. Im Rahmen meiner Tätigkeit für Rotary habe ich mich in den letzten Jahren sehr intensiv mit der Krankheit, ihrem Verlauf und ihrer Verbreitung sowie ihrer Bekämpfung auf der ganzen Welt auseinandergesetzt.

Polio ist eine virale Infektionskrankheit und verläuft in ca. 90% der Fälle ohne Krankheitszeichen. Bei den restlichen 10% treten grippale Krankheitszeichen mit Fieber, Durchfall und Erbrechen auf. Nur etwa 1% aller Menschen jedoch, die vom Virus infiziert werden, wird auch wirklich krank. Das Virus greift das zentrale Nervensystem an. Es blockiert die Nerven, die Impulse an die Muskeln geben. Das kann beim Menschen zu Lähmungen führen. Polio kann man nicht heilen. Man kann nur die vielfältigen Symptome der Krankheit mit Medikamenten behandeln. Wer einmal Polio hatte, hat diese Krankheit das Leben lang. Das macht die Krankheit besonders heimtückisch, denn Polio kann irgendwann im Leben einfach wieder auftreten und Symptome verursachen, wobei die von der Krankheit betroffenen Menschen nicht mehr infektiös sind. Wir sprechen vom Postpoliosyndrom.

Die Krankheit kann sich auf die Atemmuskulatur auswirken, was im Extremfall zum Erstickungstod führt. Deshalb wurden früher Menschen mit Polio in die sogenannte «Eiserne Lunge» gesteckt. Die Beatmung erfolgte solange maschinell, bis die Atemmuskulatur ihre Funktion wieder aufnahm. Jüngere Menschen wissen heute gar nicht mehr, was Polio eigentlich ist und was die Krankheit an Schlimmem bewirken kann. Darum ist es ein grosses Anliegen von Rotary, immer wieder über die Krankheit zu informieren. Die letzte grosse Epidemie in der Schweiz, generell in Mitteleuropa, grassierte Ende der Fünfzigerjahre. Damals erst kam die Schluckimpfung auf. Heute gilt die Krankheit dank den von den Staaten mitgetragenen Impfprogrammen in den meisten Ländern als ausgerottet.

Polio gilt auch Dank des Engagements von Rotary in der westlichen Welt seit Jahren als ausgerottet. Wie konnte dieses Resultat erreicht werden? Wie hoch belaufen sich die Rotary-Spenden zur Ausrottung dieser Krankheit bis heute?

Der Polio-Impfstoff wurde in den Fünfzigerjahren von den Herren Salk und Sabin entwickelt. Die Impfung wurde bald darauf ins Routineimpfprogramm der meisten Länder aufgenommen. In grossen Teilen der Welt konnte damit Poliofreiheit erreicht werden. In Afrika und Asien ist das jedoch mangels Geld und Aufklärung noch nicht überall gelungen.

1985 sind erste sehr grosse Spendenaktionen von Rotary durchgeführt worden. Man sammelte über 120 Millionen Dollar. Geld allein reicht jedoch nicht, um eine solche Krankheit zu bekämpfen. 1988 entschlossen sich Rotary, die WHO und UNICEF, Polio als Zielkrankheit anzugehen, unterstützt durch das CDC in den USA. Letzteres hat es geschafft, die «Fingerprints» von Polio zu analysieren. Heute kann man deshalb, wenn ein Poliofall auftritt, sagen, woher genau das krankmachende Virus stammt. 1989 bekannte sich auch die Bill & Melinda Gates Foundation zur Bekämpfung von Polio. Es entstand in der Folge die GPEI (Global Polio Eradication Initiative). Einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung von Polio leistet die UNICEF. Sie ist für die ganze Logistik der Impfprogramme zuständig, was eine sehr grosse Herausforderung darstellt.

Rotary selber spendet mit vielen anderen zusammen Geld und ist als religiös neutrale Organisation überall auf der Welt vertreten. Es wird stetig informiert und an vorderster Front Aufklärungsarbeit geleistet. Ich selber war im Frühling 2014 in Indien. Die Impfer und Aufklärer sind mit gelben Mützen unterwegs, das Zeichen eines Impftages. In Indien werden an einem Tag 90 Millionen Menschen geimpft! Die Impfer gehen bis in die letzten Slums, um Kinder gegen die Krankheit immunisieren zu können. Rotary hat bis heute rund 1,2 Milliarden Dollar für die Bekämpfung von Polio beigesteuert und wir arbeiten sehr eng mit der Bill & Melinda Gates Foundation zusammen. Sie hat sich bereit erklärt, Spendenaufkommen von Rotary jeweils aufzustocken – im aktuellen Programm zu verdreifachen. Aber auch andere Institutionen spenden, so bspw. die Weltbank oder die Arabische Bank und viele andere Institutionen und Firmen. Zu denken gilt es auch an die vielen Staaten, in denen geimpft wird, ohne deren logistische und finanzielle Unterstützung Impfkampagnen gar nicht möglich wären.

Heute sind es noch drei Länder, in denen Polio-Fälle auftreten: Nigeria, Pakistan und Afghanistan. Warum ist diese heimtückische Krankheit in diesen Ländern noch nicht ausgerottet und was gilt es dort zu tun?

Gerade Menschen aus muslimischen Ländern waren den Impfungen gegenüber anfangs sehr skeptisch eingestellt. Es gingen Gerüchte um, die westliche Welt wolle mit Zusatzstoffen in den Impfungen die muslimischen Menschen schädigen. Darum ist es gerade in diesen Ländern wichtig, dass sich auch Menschen und Institutionen aus muslimischen Regionen selber aktiv für die Impfkampagnen einsetzen.

Aber auch viele Kriege haben das flächendeckende Impfen in gewissen Teilen der Welt verunmöglicht. Zu denken gilt es an Pakistan, Afghanistan und Nigeria. Oft ist es sehr schwierig, die Menschen mit Impfungen überhaupt zu erreichen. Denken Sie an Wüstengebiete oder an Nomaden, die ständig unterwegs sind. Der Impfstoff darf beim Impfen nicht wärmer als 8°C werden, sonst wird er unbrauchbar. Die Not aber macht erfinderisch. In Afghanistan etwa sind in gewissen Tälern, die sich verengen und in einer Sperre münden, Impfungen verabreicht worden. Wer sich nicht impfen lässt, kann die Sperre nicht passieren. Solche Vorgehensweisen sind aber nur möglich, wenn die lokalen Behörden aufgeklärt und dem Impfprogramm gegenüber positiv eingestellt sind. Bis 2018 sollen nun alle Fälle von Polio auf der Welt verschwinden. Es bedarf dazu noch eines finanziellen Aufwandes von rund 1,5 Milliarden Franken. Mit allen an End Polio Now-Beteiligten soll das nun gelingen.

Mit einem Konzert soll 2015 auf End Polio Now aufmerksam gemacht werden. Dieses Konzert im KKL (Kultur- und Kongresszentrum Luzern) mit dem bekannten Dirigenten Giovanni Antonini, dem Pianisten Kristian Bezouidenhout und dem Kammerorchester Basel soll ein Dankeschön an alle darstellen, die sich für die Bekämpfung der Krankheit eingesetzt haben und einsetzen. Was hat Sie nebst der Liebe zur Musik veranlasst, ein solches Konzert zu organisieren?

Wenn man etwas Gutes tut, dann wächst damit auch Gutes. 2015 jährt sich der Kampf von Rotary gegen Polio zum 30sten Mal – Grund genug, etwas Einmaliges auf die Beine zu stellen. Wir haben über Rotary in der Vergangenheit bspw. Sonnenblumenkerne in kleinen Säckchen oder Key-Finder verkauft und mit der Spendenaktion 1,2 Millionen Schweizer Franken sammeln können. Rotary setzt sich nun seit bald 30 Jahren für die Bekämpfung der Krankheit ein und es ist an der Zeit, etwas zu machen, bei dem die Spenderinnen und Spender auch einfach einmal nur geniessen dürfen.

Das Benefizkonzert vom 1. November 2015 im KKL ist nicht gratis. Das Konzert ist durch Sponsoren ermöglicht worden. Das führt dazu, dass jeder Konzertbesucher sicher sein kann, dass der ganze Ticketpreis vollumfänglich dem End Polio Now-Programm zufliesst. Tickets sind für 50 bis 150 Franken ab Frühjahr 2015 erhältlich und jeder ist willkommen. Besonders freut es mich, dass viele Musikerinnen und Musiker auf ihre Gage verzichten – allen voran der Stardirigent Giovanni Antonini –, als Beitrag für die Bekämpfung von Polio.

Sehr geehrter Herr Dr. Herzog, herzlichen Dank für dieses Interview. Wir wünschen Ihnen für End Polio Now und das Konzert im KKL alles Gute!

(C) 2014 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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Links
> Interview mit PD Dr. med. Urs Herzog (2008)...
> Fakten zur Polio-Situation per Januar 2014...
> Infos zum Benefizkonzert Polio Plus 2015 im KKL Luzern...
> Das PolioPlus Plus Porgramm von Rotary Schweiz...
> Rotary und der Einsatz gegen die Kinderlähmung...
> Soziale Netzwerke: Rotary - ein Service Club...

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