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Monatsinterview Mai: Prof. Dr. Sergio Rossi

 

Prof. Dr. Sergio Rossi Prof. Dr. Sergio Rossi ist seit 2005 ordentlicher Professor für Makroökonomie und Geldwirtschaft an der Universität Fribourg sowie nebst vielem andern Senior Research Associate des International Economic Policy Institutes der Laurentian Universität in Kanada. Der gebürtige Tessiner hat in den letzten Jahren zahlreiche Preise für seine wissenschaftlichen Arbeiten entgegennehmen dürfen, ist ein begehrter Interviewpartner, vor allem für französischsprachige und italienischsprachige Medien, und blogt regelmässig zu aktuellen Themen für Hebdo. Im Interview mit Christian Dueblin spricht Professor Rossi über Veränderungen der weltweiten Finanzplätze und Herausforderungen in Sachen Banken und Regulatorien, mit denen auch die Schweiz zurzeit zu kämpfen hat. Viele Finanzexperten sind der Ansicht, dass die derzeitigen Streitigkeiten in Bezug auf Schwarzgelder, Steuern und noch anstehende Regelungen der Finanzwelt nichts anderes bezwecken würden, als eine Umverteilung und Mächteverschiebungen in der Finanzwelt, sprich eine reine Alibiübung darstellen. Professor Rossi nimmt dazu Stellung und zeigt, was sich aufgrund von weltweiten Veränderungen in den letzten Jahren auf dem Finanzplatz Schweiz, auch in Bezug auf seine weltweite Wahrnehmung, verändert hat. Er macht auf Nachlässigkeiten im Umgang mit Potentatengeldern aufmerksam und zeigt, dass ähnlich der Uhrenindustrie in den 1980er-Jahren grosse Veränderungen in der Schweizer Finanzlandschaft anstehen, die es zu meistern gilt.

Christian Dueblin: Sehr geehrter Herr Professor Rossi, wie muss man sich den Einfluss der Finanzkrise 2008 auf die zurzeit diskutierten und offenbar weltweit für nötig empfundenen Regulierungen auf dem Finanzmarkt, gerade auch in Bezug auf Schwarzgelder, erklären? Warum kommt es gerade jetzt zu so grossen Veränderungen, von denen auch die Schweiz und ihr Finanzplatz in einem besonderen Masse betroffen sind?

Professor Sergio Rossi: Die im Jahr 2008 weltweit ausgebrochene Finanzkrise, ausgelöst durch den Konkurs der amerikanischen Geschäftsbank Lehman Brothers, hat zu einer gravierenden wirtschaftlichen Rezession in den Westländern, insbesondere in der Eurozone, geführt. Auf beiden Seiten des Atlantiks mussten die Behörden eingreifen, um zahlreiche „too big to fail“-Banken zu retten und um die steigende Anzahl von Menschen in Not durch die Erhöhung der sozialen Ausgaben zu unterstützen. Diese Massnahmen haben die öffentlichen Defizite explodieren lassen und die Staatsschulden erhöht, oft so weit, dass deren Verhältnis zum BIP nicht mehr tragbar waren. Aus diesem Grund wurde es nötig, auch die Staatseinnahmen zu erhöhen. Der Kampf gegen Steuerhinterziehung und Steueroptimierung von juristischen sowie natürlichen Personen, die lange von der finanziellen Globalisierung und der Ausdehnung des Austausches profitiert haben, wurde verschärft. Im Finanzsektor, gekennzeichnet durch eine starke Verflechtung zwischen den grossen Akteuren auf den globalen Finanzmärkten, wurden neue Regulierungen eingeführt, mit dem Ziel, weitere systembedingte weltweite Krisen zu verhindern.

Welches sind die treibenden Kräfte, die zurzeit Einfluss zu nehmen versuchen?

Zurzeit versuchen die politischen Behörden in den Vereinigten Staaten sowie in der Europäischen Union eine neue finanzielle Architektur zu erarbeiten und einzuführen, deren Regeln und Regulierungen die Aufgabe haben, neue systembedingte Krisen zu verhindern. Die Grundidee dieser Vorgehensweise ist eine ähnliche Regulierung auf beiden Seiten des Atlantiks einzuführen, da eine grosse Mehrheit der Akteure in beiden Märkten tätig ist und ständig versucht, die bestehenden Lücken und Grauzonen zwischen den nationalen Regulierungen auszunutzen. Nun hat aber die Lobby der Finanzindustrie in den Vereinigten Staaten sowie in der Europäischen Union bereits dutzende Milliarden Dollars ausgegeben, um die Wirkung der neuen Regulierungen auf den Tätigkeitsbereich der Banken zu schwächen. Gleichzeitig besteht ein Druck auf die Finanzplätze, die nicht am internationalen Kampf gegen Steuerhinterziehung mitarbeiten, vor allem durch den automatischen Informationsaustausch nach dem Modell der OECD.

Der Finanzplatz Schweiz ist in den letzten Monaten und Jahren immer wieder unter Beschuss geraten. Zu denken gilt es an den Steuerstreit mit Deutschland und den USA. Beide Länder haben mit unerwarteter Härte gegen die Positionen der Schweiz reagiert. Dabei musste auch das Schweizer Bankgeheimnis, das auf 1934 zurückgeht, von der Schweiz fallengelassen werden, was zuvor bei mancher Krise noch nie ernsthaft in Betracht gezogen wurde. Sogar die einst renommierte Bank Wegelin musste schliessen, was die Brisanz dieses Druckes von aussen aufzeigt. Wie schätzen Sie die Situation der Schweizer Bankenlandschaft zurzeit ein?

Die Situation des Schweizer Finanzplatzes ist nicht schlecht. Infolge der Veränderungen des internationalen Steuerwesens müssen jedoch zahlreiche Akteure ihre Tätigkeiten und ihr Geschäftsmodell anpassen. In dieser Hinsicht gibt es zwei Hauptprobleme: einerseits haben die Schweizer Behörden und die betroffenen Banken die Tragweite der seit 2010 von der G20 und der OECD in Gang gebrachten normativen und reglementarischen Erneuerungen im Rahmen des Kampfes gegen Steuerhinterziehung erst mit erheblicher Verspätung erkannt. Diese Verspätung drückt auf die Bilanzen und den Ruf der Schweizer Banken, umso mehr als die Schweiz nicht Mitglied der Europäischen Union ist. Als EU-Mitglied würde die Schweiz im Fiskalstreit nicht unter Druck geraten, die Diskussionen mit Frankreich und Italien wären viel schneller gelöst worden und die Vereinigten Staaten hätten die von amerikanischen Staatsangehörigen mit Hilfe von Schweizer Banken begangenen Steuerdelikte womöglich nicht so genau untersucht. Die Akten sind noch offen und den Schweizer Banken drohen neue hohe Bussen. Andererseits gibt es ein grosses Problem betreffend die Angst vieler Mitarbeiter, die aus zwei Gründen um ihren Arbeitsplatz fürchten: es muss die Anzahl der Arbeitsplätze im Bankensektor weiter sinken, wobei das Profil der offenen Stellen nicht mit dem der entlassenen Mitarbeitenden übereinstimmt. Eine grosse Anzahl von Mitarbeitenden kann zudem das Land derzeit nicht verlassen, da die Gefahr besteht, verhaftet und an die Vereinigten Staaten ausgeliefert zu werden. Dort drohen ihnen aufgrund ihrer Rolle im Steuerstreit zwischen den Steuerbehörden in den Vereinigten Staaten und den Schweizer Banken hohe Strafen - bis hin zu Freiheitsstrafen.

Diverse Kenner der Finanzbranche sind der Meinung, dass es bei der derzeitigen Regulierungswut lediglich um die Verteilung des weltweiten Geldkuchens gehen würde. Besteht aus wissenschaftlicher Sicht tatsächlich die Gefahr, dass die vielen Regulierungen in Bezug auf Schwarzgelder und Steuergelder nur als Feigenblatt dienen, um von der Gesellschaft verpönte Geschäfte halt anders und andernorts durchführen zu können?

Ich denke nicht, dass die Angriffe gegen das Bankgeheimnis und die Steuerhinterziehung das Ziel einer Neuverteilung der Karten und der Gewinne zwischen den konkurrierenden Finanzplätzen auf internationaler Ebene haben. Sollte dieses Ziel bestehen, ist es höchstens unbedeutend und marginal gegenüber dem grossen Paradigmenwechsel des gesamten Finanzwesens. Die Welt ist in dieser Hinsicht gerade dabei zu kippen, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die sich in den letzten Monaten noch beschleunigt hat. Wenn die Schweiz - und insbesondere ihr Bankenplatz - wettbewerbsfähig bleiben will, muss man erkennen, dass das Bankgeheimnis eine protektionistische Massnahme ist, die keine Existenzberechtigung mehr hat. Das Bankgeheimnis verhindert die strukturellen Veränderungen des Bankenplatzes, die notwendig wären, um in der Schweiz und weltweit Innovationen einzuführen und die Wertschöpfung erhöhen zu können. Die neuen Bankkunden, vor allem in den Schwellenländern, wollen jederzeit mobil sein. Aus diesem Grund versuchen sie, die Steuerbehörden nicht zu betrügen, da dies ihrer Mobilität in der globalen Wirtschaft schaden würde. Es gibt derzeit auf weltweiter Ebene ein riesiges Bedürfnis nach Finanzierung der Wirtschaftstätigkeit, welche durch das Bankgeheimnis und die Steuerhinterziehung gehindert oder für die Geldgeber zu kostspielig gemacht wird.

Der Finanzplatz ist mit einem Beitrag an die nominale Bruttowertschöpfung von über 10% von grosser Bedeutung. Vielleicht passiert zurzeit etwas, wie es die Schweizer Uhrenindustrie in den Achtzigerjahren erlebt hat. Es kommt zu grossen Veränderungen und viele fordern für den Finanzplatz eine neue internationale und nachhaltige Strategie. Ist dieser Vergleich mit der Uhrenindustrie gerechtfertigt?

Der Vergleich zwischen der Finanzindustrie und der Uhrenindustrie in der Schweiz ist gerechtfertigt, wenngleich er nuanciert werden muss. Der Beitrag des Finanzplatzes am Schweizer BIP ist erheblich, auch weil das durchschnittliche Niveau der bezahlten Löhne, verglichen mit den durchschnittlichen Löhnen im Rest der Schweizer Wirtschaft, relativ hoch ist. Allerdings ist der Dienstleistungssektor dem technischen Fortschritt weniger zugeneigt als der Industriesektor. Die Schweizer Uhrenindustrie wurde in den 1980er-Jahren heftig durchgeschüttelt, konnte jedoch in einem relativ krisenfreien Umfeld gut darauf reagieren. Die globale Krise und die tiefen Veränderungen in der Finanzregulierung bilden heute einen volatilen und unsicheren Kontext für den schweizerischen Finanzplatz. Dieser muss sich schnell entwickeln, ohne genau wissen zu können, welche mittel- und langfristigen Szenarien bezüglich der Aktivitäten des globalisierten Finanzwesens am wahrscheinlichsten sind. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass viele Akteure des schweizerischen Finanzwesens diese wesentlichen Änderungen nicht richtig antizipiert und sich an althergebrachten Paradigmen, die infolge der globalen Krise zerbröckelt sind, orientiert haben.

Der Finanzplatz Schweiz hat weit mehr als die Uhrenindustrie, vielleicht vergleichbar mit dem Bauernstand in der Schweiz, eine grosse politische Dimension. Erkennen Sie Unterschiede in der Wahrnehmung unseres Finanzplatzes, aber auch anderer Finanzplätze, wenn man die letzten 5 Jahre betrachtet?

Vor dem Ausbruch der Krise 2008 war der Schweizer Finanzplatz sehr diskret und die Politik der Bundesbehörden musste sich nicht allzu sehr darum kümmern. Die Krise hat diese Einstellung geändert, weil sie die Schweizer Banken auf das Parkett der nationalen und internationalen Bühne geschleudert hat, von wo sie in Bezug auf die Wahrnehmung der öffentlichen Meinung, wie auch der Politik, tief fiel. Seitdem arbeiten die SNB, die FINMA und der Bundesrat verbissen daran, die Probleme zu lösen, welche die Krise aufgedeckt hat, und dem Finanzplatz zu ermöglichen, sich den zu Beginn dieses Jahrhunderts zahlreich bestehenden Herausforderungen zu stellen. Man wird noch bis mindestens Ende dieses Jahrzehnts abwarten müssen, um eine erste Bilanz ziehen zu können und zu wissen, ob die Gesamtheit der Beteiligten tatsächlich die richtigen Lehren aus diesen Ereignissen gezogen hat. Es ist allerdings bereits jetzt möglich, eine erste Folge auf dem Arbeitsmarkt festzustellen: die jungen Absolventen der Schweizer Universitäten fühlen sich viel weniger von einem Beruf im Bankensektor angezogen, als dies noch zu Beginn des Jahrhunderts der Fall war. Diese Abnahme der Anziehungskraft ist mehr auf die allgemeinen Arbeitsbedingungen zurückzuführen, als auf die durchschnittlichen Löhne, welche alles in allem immer noch über denjenigen vieler Berufe mit hoher Wertschöpfung liegen. Die Jungen legen heute viel Wert auf ein Gleichgewicht zwischen ihrem Privatleben und ihrem Berufsleben und schenken daher dem Arbeitsumfeld, in welchem sie sich beruflich weiterentwickeln möchten, besondere Aufmerksamkeit.

Auch Potentatengelder haben die oft herrschende negative Sichtweise der Bankenwelt massiv beeinflusst. Jahrelang sind in der Schweiz Gelder gehortet worden, von denen man vermuten musste, dass ihr Ursprung möglicherweise problematisch ist. Wie erklärt es sich aus heutiger Sicht, dass man diesen Geldern und Personen gegenüber nicht kritischer und vorsichtiger eingestellt war?

Es handelt sich um ein Problem, das zu lange von den Banken und den Bundesbehörden vernachlässigt wurde und jetzt zu den dringend zu lösenden Problemen hinzukommt, selbst wenn die Fehler der Vergangenheit nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Die Banken und der Bundesrat hätten mindestens seit der um die Mitte der 1990er-Jahre ausgebrochenen Affäre um die nachrichtenlosen jüdischen Vermögenswerte erkennen müssen, dass es ein grosses Problem mit Geldern von Potentaten und politisch exponierten Personen aus Ländern gibt, wo soziale Unruhen zu einem Machtwechsel führen können. In der Schweiz haben wir die Illusion gehabt, dank dem Bankgeheimnis vor diesen Problemen geschützt zu sein. Wir haben geglaubt, den ganzen Staub, der mit der Affäre um die jüdischen Gelder aufgewirbelt wurde, unter den Teppich wischen zu können, insbesondere nachdem diesbezüglich eine Vereinbarung zwischen den Schweizer Banken und der amerikanischen Justiz getroffen wurde. Man beginnt jetzt zu realisieren, dass das Handwerk der Bank sehr empfindlich auf seinen eigenen Ruf und den Ruf seines Standortes reagiert. Die Banker haben die alte Maxime „know your customer“ zu schnell vergessen - obschon sie in jeder Hinsicht die goldene Regel dieses Berufes gewesen ist -, bevor immer komplexere Finanzinnovationen aufgekommen sind, deren Risiken in der Realität unmöglich zu meistern sind, gerade in tumultartigen Zeiten, wie nach Ausbruch der Krise im Jahr 2008.

Der ehemalige Europaratsabgeordnete, Ständerat und Staatsanwalt Dr. Dick Marty, macht im Interview mit Xecutives.net keinen Hehl daraus, dass sich auch heute noch viele Menschen unbehelligt in der Schweiz bewegen können, obwohl die Herkunft ihres Reichtums wohl eher problematisch ist. Er zeigt auf, dass mit dem Geld auch immer gleich die Kriminalität nachkommt. Die Schweiz sei solchen Menschen gegenüber nach wie vor sehr unkritisch eingestellt. Sind das nicht denkbar schlechte Voraussetzungen, um nachhaltige Veränderungen auf dem Finanzplatz hinzubekommen?

Es handelt sich ohne Zweifel um ein zusätzliches Problem, welches der Finanzplatz Schweiz ohne abzuwarten beheben sollte, bevor er unter internationalem Druck dazu verpflichtet wird. Die Sorgfaltspflichtvereinbarung der Banken, die Unternehmensethik und die Verhaltenskodizes nützen nichts, wenn in der Praxis einige Schweizer Finanzplatzakteure glauben, sich durch immer grössere und komplexere Finanzkonstrukte, deren Komplexität sie selbst nicht mehr verstehen, jeglichen Sanktionen entziehen zu können. Sie sollten verstehen, dass ihr Verhalten dem Finanzplatz Schweiz schadet, auch wenn es Jahre oder sogar Jahrzehnte braucht, um solche Verhaltensweisen aufzudecken, zu verurteilen und zu bestrafen. Die Aufsichtsbehörden und die Justiz müssten mehr Mittel zur Verfügung haben, um solches Verhalten zu verhindern oder gegebenenfalls zu bestrafen. Es reicht nicht, nur die Rechtsgrundlagen in diesem Zusammenhang zu verschärfen. Man muss diese auch derart umsetzen können, dass Verhaltensweisen, welche die finanzielle Stabilität und den Zusammenhalt in der Schweiz oder im Ausland schädigen, tatsächlich verhindert werden.

Die Schweiz ist bei Weitem nicht das einzige Land, das in der Vergangenheit, und auch heute noch, Gelder verwaltet, die mit unserem Demokratieverständnis als umstritten betrachtet werden müssen. Warum ist es aber gerade die Schweiz, die es auch in dieser, eher unrühmlichen Thematik, sogar in Hollywood-Filme schafft und gemeinhin als Steuer- und Geldversteck-Oase wahrgenommen wird? Versuchen hier bestimmte Kräfte ein Exempel zu statuieren?

Im kollektiven Bewusstsein ist die Schweiz am Bankgeheimnis beteiligt und nunmehr auch an den Praktiken der Steuerhinterziehung von natürlichen Personen und an der steuerlichen Optimierung von Unternehmen. Die Schweiz wäscht Geld aus anderen Herkunftsländern und macht sich somit mitschuldig an Geschäften, welche ihren Ursprung im Ausland haben. Die konkurrierenden Finanzplätze unternehmen in mancher Hinsicht sicherlich nichts, um das negative Erscheinungsbild der Schweiz zu ändern, da es um ihre eigene Attraktivität und Rentabilität geht. Bevor man andere angreift, muss man sicher sein, dass man selbst nicht dieselben Fehler begangen hat, um zu verhindern, dass man allenfalls selbst zur Zielscheibe des Milieus wird, auf welches man vorher mit dem Finger gezeigt hat, vor allem, wenn man klein ist und nicht auf die Hilfe der grossen Akteure auf geopolitischer Ebene zählen kann.

Nun sind sehr grosse Schwarzgeldvermögen, meist aus steuerlichen Gründen, auch in den USA, beispielsweise in Delaware oder in britisch dominierten Gebieten, wie den Virgin Islands, versteckt oder angelegt. Wie erklärt es sich, dass diese Teile und Staaten weltweit offensichtlich anders behandelt werden als die Schweiz? Ist das nur geopolitisch zu erklären, indem man hinnehmen muss, dass es leichter ist, gegen ein kleines Land vorzugehen, als gegen ein einflussreiches Land, wie die USA?

Das lässt sich nicht einfach mit der Grösse des Landes oder der Bedeutung ihrer Volkswirtschaft erklären. Man muss auch berücksichtigen, dass die Schweiz, wie ich schon angedeutet habe, kein Mitglied der Europäischen Union ist. Dazu kommt, dass die Vereinigten Staaten die Nation ist, die seit 70 Jahren die weltweite Referenzwährung ausgibt. Keine Schweizer Bank kann sich also erlauben, darauf zu verzichten, Zugang zum US-Finanzmarkt zu haben oder sich in einem Mitgliedsland der Europäischen Union unter angemessenen Bedingungen niederlassen zu können. Abgesehen von den letzten fünf Jahren waren es sich die Bundesräte nicht gewohnt, ins Ausland zu reisen und persönliche Kontakte mit ihren Kollegen in den wichtigsten europäischen Hauptstädten oder in den Vereinigten Staaten zu pflegen. Daher leidet die Schweiz an einem Sichtbarkeitsdefizit auf Weltebene, das sie nun teuer bezahlt und das viele Jahre und Anstrengungen erfordern wird, um gegenüber den Hauptkonkurrenten, deren Dynamik es ihnen erlaubt, ihre Position zu stärken und weltweit konkurrenzfähiger zu werden, aufzuholen.

Die Schweiz muss sich nun also überlegen, unter ständigem Beschuss vor allem auch aus den USA, entweder zu bewahren, was zu bewahren ist, oder einen progressiven Weg einzuschlagen – vielleicht ein Musterschüler zu werden. Welchen Weg hat die Schweiz Ihres Erachtens in den letzten Jahren gewählt, welchen sollte sie Ihres Erachtens gehen und wohin bewegt sich die Schweiz zurzeit tatsächlich?

Die Schweiz ist traditionell ein konservatives Land, das Angst vor Veränderungen hat. Unternehmer, die mit neu gegründeten Firmen scheitern, gelten hier als unfähig. Dies hat die Schweiz daran gehindert, mutige Projekte zu unternehmen, um eine Veränderung der Mentalität und der Geschäftsmodelle der auf dem nationalen Finanzplatz tätigen Akteure zu bewirken. Bestätigt wird das durch die Zurückhaltung des Bankensektors gegenüber normativen reglementarischen Veränderungen auf internationaler Ebene. Zum Beispiel hat sich die schweizerische Bankiervereinigung erst kürzlich öffentlich für den automatischen Informationsaustausch ausgesprochen, nachdem sie lange auf die Annahme des „Rubik-Abkommens“ gesetzt hatte, das die Anonymität derjenigen Kunden gewährleisten sollte, welche die Steuern in ihrem eigenen Land bezahlen würden. Die Schweiz befindet sich nun auf halbem Weg zur Verwirklichung des automatischen Informationsaustausches und sollte versuchen, dieses Ziel möglichst schnell zu erreichen, einerseits, um selber einen internationalen normativen Standard in dieser Hinsicht zu beeinflussen, bevor er der Schweiz von Drittländern aufgezwungen wird, und anderseits, um sich im globalen Wettbewerb gegenüber den aufstrebenden Schwellenländern vorteilhafter positionieren zu können.

Sehr geehrter Herr Professor Rossi, ich bedanke mich für dieses Interview und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg!

(C) 2014 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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Links
- Prof. Dr. Sergio Rossi an der Universität Fribourg
- Blog von Prof. Dr. Sergio Rossi für L'Hebdo


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