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Monatsinterview Januar: Viktor Giacobbo

 

Viktor Giacobbo (c) Viktor GiacobboViktor Giacobbo, Jahrgang 1952, gehört zu den bekanntesten Schweizer Satirikern und Kabarettisten. Mit seiner TV-Sendung „Viktors Programm“ und „Viktors Spätprogramm“ wurde er schweizweit bekannt und zu einer Satire-Institution. Es folgte nebst und nach vielen weiteren Theater-, Zirkus und auch Film-Projekten „Giacobbo/Müller“, ein Late night-Programm mit einem satirischen Wochenrückblick, das sich ebenfalls über alle Partei- und Kantonsgrenzen hinweg grösster Beliebtheit erfreut. Viktor Gicacobbo ist für sein künstlerisches Schaffen und Werk mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, so auch mit dem Salzburger Stier und dem Prix Walo. Im Jahr 2000 gründete er zusammen mit Schauspiel- und Kabarett-Freunden das Casinotheater Winterthur, das er seither zusammen mit seinem Team zu einem Spielort für Nachwuchskünstler, aber auch für Kabarett-Legenden und viele weitere kulturelle Aktivitäten ausgebaut hat. Im Interview mit Christian Dueblin spricht Viktor Giacobbo über seine Sicht von Satire, über wirtschaftliche und unternehmerische Aspekte seiner Arbeit für das Theater und seine Zusammenarbeit mit dem Fernsehen.

Christian Dueblin: Sie sind heute ein bekanntes Gesicht im TV, in der Satire- und Kabarett-Welt schon nicht mehr wegzudenken, und haben im Jahr 2000 das Casinotheater in Winterthur gegründet, wie Emil Steinberger, der Ähnliches einige Jahrzehnte zuvor in Luzern auf die Beine gestellt hat, zu einer Zeit, als es ein Vielfaches weniger an Kleintheatern gab. Was haben Sie für Erfahrungen bei der Gründung und beim Aufbau Ihres Theaters in Winterthur gemacht?

Viktor Giacobbo: Wir haben damals das Casinotheater in Winterthur fast leer stehend vorgefunden. Es gehörte der Stadt und es war baulich sowie finanziell in einem nicht sehr guten Zustand. Die vielleicht etwas naive Idee von damals bestand darin, dieses Theater zu übernehmen, es ohne Subventionen zusammen mit privaten Sponsoren zu betreiben und mit Künstlern zusammenzuarbeiten, die selber auch als Investoren einsteigen.

Ich war zuvor nicht Unternehmer, wenn man einmal davon absieht, dass man als Kabarettist immer etwas der Unternehmer ist. Kabarett und Satire werden vom Bund und Pro Helvetia kaum gefördert. Wenn man  in der Schweiz Komik produziert, wird das nicht als Kunst wahrgenommen, man hält sie für leicht und oberflächlich. Darum ist ein selbständiger Kabarettist auch immer ein Unternehmer, der halt alles selber managen muss. Trotzdem besteht die Geschäftsführung des Casinotheaters natürlich aus Fachkräften, die sich in Betriebswirtschaft und Gastronomie auskennen.

Das Theater ist ein KMU, mit mittlerweile 70 Angestellten. Wir haben auch Lehrlinge, beispielsweise in der Küche und im Service, die wir ausbilden.

Damals, als Sie diese Vision oder Idee des Casinotheaters in Winterthur hatten, wie hat die Stadt offiziell reagiert?

Die Idee fanden fast alle gut. Heute schätzt man dieses Theater in Winterthur, das über die Landesgrenzen hinausstrahlt…

Das war aber damals im Jahr 2000 noch überhaupt nicht klar…

Ja, das ist richtig, aber klar war, dass es ohne Subventionen betrieben wird. Die Stadt besass dieses Gebäude und zahlreiche Planungsversuche waren gescheitert. Als dann Künstler vorschlugen, das Theater zu kaufen und zu führen, wurde man hellhörig. Zum Start haben wir allerdings einen zinslosen Kredit von der Stadt erhalten. Den Betrag müssten wir sofort zurückzahlen, sollten wir zu irgendeinem Zeitpunkt in diesem Gebäude keine Kulturprogramme mehr anbieten. Weil aber Schauspieler und Kabarettisten bereit waren, selber zu investieren, unterstützten alle Parteien das Projekt, auch die in der Regel kulturfeindliche SVP. Schliesslich gewannen wir dann die Volksabstimmung über den zinslosen Kredit mit rund 75% der Stimmen.

"Erfolg als Chance" mit Mike Müller, Patrick Frey und Viktor Giacobbo (c) Viktor Giacobbo

Hatten Sie im Hintergrund eine Art Mentor, eine Ihnen wohlgesinnte Persönlichkeit, die mit schützender Hand, Vermögen, Einfluss und Netzwerk zum Gelingen des Projektes beitrug?

Die Gastronomie im Casinotheater läuft hervorragend. Hier bedarf es keiner Finanzhilfe. Das Theater selber ist der kostenintensive Teil, vor allem dann, wenn man, wie wir das aktiv machen, Nachwuchsförderung betreibt. Auch die Eigenproduktionen, bei denen man Wochenlang probt, ohne vorerst Geld zu verdienen, erfordern finanzielle Mittel. Das ist der Grund, warum Theater teuer sind.

Wir hatten das Glück, dass Peter Spuhler als Unternehmer schon von Anfang an hinter dem Projekt stand. Er war der Meinung, dass man ein privates Theaterprojekt unterstützen müsse, das keine Subventionen vom Staat verlangt. Bis heute ist er als Sponsor, Freund aber auch als Aktionär mit dabei und sorgt dafür, dass sich potentielle Gönner engagieren.

Hatte Ihr schulisches und familiäres Umfeld, in dem Sie aufgewachsen sind, Einfluss auf Ihr Talent, Satire zu betreiben? Haben Ihre Eltern Ihnen geholfen, diesen gewissen „Killerinstinkt“ und die nötige Wortgewandtheit zu entwickeln, die es braucht, etwas auf besondere Weise, auf komische Weise, auf den Punkt zu bringen?

Ich bin in einem relativ unmusischen Familienumfeld aufgewachsen. Mein Vater war angestellter Metzger, meine Mutter schon sehr früh berufstätig. Das hatte für mich zur Konsequenz, dass ich schon als Junge selbständig wurde. So entwickelte ich schon früh einen Sinn für die Realität. Schon in der Schule habe ich Lehrer imitiert. Die Sprengkraft der Satire entdeckte ich jedoch, als ich das, was mir meine Mutter über meine Tante erzählte, vor meiner Mutter und meiner Tante wiederholte.

Was sagte Ihre Mutter dazu?

Sie hat sich geärgert.

Und was sagte die Tante? Nahm sie es mit Humor?

Ich weiss das nicht mehr im Einzelnen, sie war aber wohl eher beleidigt (lacht).

Ich bin in der Schule nicht im Turnunterricht aufgefallen, mehr im Sprachlichen und Spielerischen. Der Umgang mit der Sprache hat mich immer interessiert und gereizt. Ich denke aber auch, dass man den Sinn für Komik einfach hat, oder eben nicht.

Man wird aber nicht einfach so Satiriker oder Kabarettist, so wie man den Entscheid trifft, Bäcker oder Metzger zu werden. Wie kam es zu diesem beruflichen Entscheid?

Nein, das ist richtig. Man merkt das schon relativ früh im Leben. Mich zog es immer schon zum Kabarett und ich habe mir auch lange Zeit ernsthaft überlegt, die Schauspielprüfung zu machen. Das hat mich aber schliesslich weniger interessiert. Mich interessierten vor allem eigene Texte, die Satire, und die Herausforderung, aktuelle Umstände in einen kabarettistischen und satirischen Rahmen zu bringen. Schliesslich galt dann für mich das Prinzip „learning by doing“.

"Harry Hasler" (c) Viktor Giacobbo

Gehört zum Satiriker und Kabarettisten auch eine gewisse Aufmüpfigkeit dazu?

Auf alle Fälle. Man sollte sich als Satiriker ärgern können über Dinge, die einem nicht passen. Es bedarf für das, was in der Welt vorgeht, einer klaren Meinung, die aber nicht parteipolitisch sein muss. Jedoch ohne Standpunkt ist keine glaubwürdige Satire möglich.

Was sind Ihre Anforderungen an künstlerische Leistungen, Dinge, die für Sie im Entscheidungsprozess, jemanden in einer Sendung von Ihnen auftreten zu lassen wichtig sind?

Am liebsten mache ich Nachwuchsförderung. Wenn ich also junge Menschen mit Talent sehe und solchen Künstlern dann eine Chance geben kann, so freut mich das ausserordentlich. Mich hat beispielsweise die „Slam Poetry-Szene“ immer sehr interessiert, auch für unsere Sendung. Es gibt viele Kabarettistinnen und Kabarettisten, die sagen, die Jungen würden nichts Neues produzieren. Das kommt auch daher, dass viele gestandene Künstler nichts Neues anschauen gehen.

Sie arbeiten auch mit Politikerinnen und Politikern, die extreme gesellschaftliche Positionen vertreten, sich am rechten oder linken Rand bewegen oder dort zumindest Wähleranteile suchen. Wo sehen Sie selber Grenzen im Umgang mit Menschen, die dazu tendieren, solche Themen bewusst, vielleicht auch unbewusst, zu missbrauchen? Wo hört dabei die Satire für Sie persönlich möglicherweise auf?

Die Satire hört nirgends auf. Es kann höchstens der Moment aufkommen, in dem der Satiriker keine Missverständnisse produzieren möchte oder wo nicht klar ist, wer die Zielscheibe ist. Wenn ein Toni Brunner bei uns ist, hat er das Recht, seine Message loszuwerden. Allerdings muss er mit unserem Widerspruch rechnen und erst dadurch entsteht ein lebendiges Gespräch. Das wissen alle Gäste, die zu uns kommen.

"Fredi Hinz" (c) Viktor Giacobbo

Sie arbeiten eng mit dem Fernsehen zusammen, stellen dort schon fast eine Galionsfigur dar…

(Lacht) Sie meinen eine Mafia…

… nun, sagen wir ein soziales Netzwerk, in dem Sie sich halt bewegen. Wie steht es mit der Unabhängigkeit zum Fernsehen, mit dem Sie eng zusammenarbeiten? Dort geht es um Quoten, auch um viel Geld und politischen Einfluss?

Die Sendung steht und fällt mit der Unabhängigkeit von Mike Müller und mir. Wir entscheiden, wie die Sendung aussieht und niemand sagt uns, was wir dürfen und was nicht. Was wir beide lustig finden, das machen wir – dabei denken wie nie an die Quote oder an politischen Einfluss. Natürlich freut es uns, dass genau diese Unabhängigkeit und unsere Improvisation dem recht grossen Stammpublikum gefällt.

Mich erinnert das an Jazz-Musik. Es ist im Jazz sehr schwierig, einem Musiker zu sagen, was er tun und lassen soll. Die Obrigkeitsgläubigkeit ist bei vieler dieser Menschen nicht sehr ausgeprägt.

Das ist ein toller Vergleich. Übrigens, Josef Hader, der Kabarettistenkollege aus Österreich, hat unsere Sendung ebenfalls mit Jazz verglichen. Er meinte, wir seien wie zwei Jazz-Musiker, die sich gegenseitig anspielen…

Wie in einer Jam-Session oder einem Piano-Duell…

Genauso! Improvisiert wird leider generell im Fernsehen fast nicht mehr, dabei ist dieses Medium dafür hervorragend geeignet. Es gibt bei uns keine künstlichen Lacher oder Applaus, der eingespielt wird und schon gar niemand, der sagt, wann man applaudieren muss. Das ist bei uns verboten, in den meisten Fernsehsendungen aber gang und gäbe.

Gibt es und gab es ein Vorbild, so wie ein Jazz-Musiker oft auch ein Idol hat, vielleicht Oscar Peterson oder Art Tatum, von dem Sie sich schon früh haben inspirieren lassen?

Dieter Hildebrandt war für mich eine solche Figur. Er kam für mich als Junge sehr spritzig und frech daher, stand vor das Publikum, in dem sich oft auch Politiker aufhielten, und machte sich auf seine besondere und geistreiche Art über sie lustig. Über ihn habe ich dann auch noch vor dem Zugang zur Schweizer Politik, den Zugang zur Deutschen Politik gefunden. Er war bei uns als Gast in der Sendung, spielte auch hier im Casinotheater, das er liebte.

Dieter Hildebrandt hätte sogar im Herbst vor unseren Sponsoren auftreten sollen, weil er das Haus unterstützen wollte.

Er und auch Gerhard Polt, mit dem Sie gut befreundet sind, sind absolute Überflieger. Es ist kaum zu fassen, was in den Köpfen solcher Menschen alles passiert und zusammenkommt.

Gerhard Polt und ich haben bei unseren jeweiligen Filmen zusammengearbeitet. Er hat in meinem Film „Der grosse Kanton“ mitgewirkt und ich in seinem nächsten, der im Frühling in die Kinos kommt.

Was sind ihre nächsten Pläne Herr Giacobbo? Gibt es noch einmal eine Art Casinotheater-Projekt?

Das ist nicht einfach zu sagen. Wir verlängern unsere Sendung mit dem Fernsehen immer nur um ein Jahr. Das Fernsehen hätte viel lieber längere Verträge und auch jährlich mehr Sendungen. Wir wollen aber dann aufhören, wenn wir keine Lust mehr haben. Ich bin mit dieser Einstellung immer sehr gut gefahren.

Sehr geehrter Herr Giacobbo, ich bedanke mich freundlichst für den Empfang und dieses Gespräch und wünsche Ihnen und Ihrem Casinotheater-Team alles Gute und weiterhin viel Erfolg!

(C) 2014 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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Links
- Homepage von Viktor Giacobbo
- Viktor Giacobbo auf Wikipedia

- SRF Sendungsporträt Giacobbo-Müller
- Trailer zu "Der grosse Kanton"

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