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Philippe Wampfler zum Thema technischer Fortschritt und Kinder

 

Hannes Lubich

Philippe Wampfler, Jahrgang 1977, studierte Germanistik, Mathematik und Philosophie an der Universität Zürich und arbeitet heute u.a. als Dozent für Fachdidaktik Deutsch am IFE der Universität Zürich. Der Autor und studierte Lehrer setzt sich seit vielen Jahren mit Fragen der Didaktik in Bezug auf Digitalisierung sowie neue Technologien und deren Nutzung in Schulen auseinander. Zu diesem Thema hat er ein Buch geschrieben, das den Titel „Schwimmen Lernen im digitalen Chaos“ (Stämpfli Verlag, Bern 2017, ISBN 978-3-7272-7886-0) trägt. Wampfler ist selber ein Nutzer von sozialen Netzwerken, betreibt Blogs und wird als Berater für Fragen der Digitalisierung in Schulen herbeigezogen.
Im Interview mit Xecutives.net beantwortet Philippe Wampfler Fragen in Bezug auf den Umgang mit neuen digitalen Möglichkeiten durch Lehrer, Schüler und Eltern. Er zeigt auf, warum Sicherheit im Netz nach wie vor eine Herausforderung bedeutet - für Schüler und Eltern. Auf die Frage, ob den Schülern nicht auch wirtschaftliche und unternehmerische Zusammenhänge in Bezug auf soziale Netzwerke und Apps gezeigt werden sollten, stellt Wampfler fest, dass gerade die wirtschaftliche Funktionsweise der Apps Ausgangspunkt für eine kritische Auseinandersetzung mit digitalen Entwicklungen sei.

Xecutives.net: Herr Wampfler, der technische Fortschritt verändert nicht nur Unternehmen, sondern auch Schulen. In Unternehmen geht man davon aus, dass weiter standardisiert wird, wo es das Zeug hält, und dass es in Zukunft viele Stellen nicht mehr geben wird, weil viele Arbeiten auch von Computern und künstlicher Intelligenz verrichtet werden können. Was passiert zurzeit in Schulen, die von der Digitalisierung ebenfalls betroffen sind? Wie verändert sie Schulen generell, den Unterricht sowie Lernmethoden?

Philippe Wampfler: Auch hier läuft das Standardisierungs-Programm. Die Vorstellung, Bildungserfolge müssten zentral überprüft und festgelegt werden, ist eine politisch sehr mächtige Strömung – verbunden mit dem verbreiteten Bauchgefühl, man müsste irgendwie bestimmen, was die Abgängerinnen und Abgänger einer bestimmten Schule können müssen. Dagegen steht die Erfahrung, die alle Menschen schon gemacht haben: Dass sie bei intensiven Erfahrungen und in Projekten mehr lernen, als in einem standardisierten Unterricht. In der Zukunft werden Menschen gerade durch Kreativität und Zusammenarbeit Gesellschaft und Unternehmen prägen, nicht durch das Befolgen festgelegter Abläufe.

Vielen Lehrern und Lehrerinnen fehlt einerseits das Know-how, sie können mit dem technischen Fortschritt nicht mithalten. Die Schüler andererseits nutzen technische Geräte und soziale Netzwerke, können oft aber nur ungenügend einschätzen, auf was sie sich bei deren Gebrauch einlassen, wem sie sich aussetzen und wo Gefahren lauern. Sind unsere Kinder fit für die Digitalisierung, wenn es um Sicherheit geht?

Die Einschränkungen, Kinder müssten nur fit in Bezug auf das Thema Sicherheit sein, würde ich vermeiden: Sie müssen generell fit sein, um digitale Medien gestalten zu können und sich nicht einfach blind durch Interfaces zu klicken. Das hat auch mit Sicherheit zu tun, aber viel allgemeiner mit »digital literacy«, also der Fähigkeit, mit digitalen Texten umzugehen (Link: https://de.quora.com/Was-ist-Digital-Literacy). Das können heute weder Lehrerinnen und Lehrer noch die Kinder, die sie unterrichten. Diese Fähigkeit muss stärker in der Schule verortet werden. Dafür reichen ein paar Medienkompetenz-Stunden nicht. Jede menschliche Tätigkeit hat heute auch eine digitale Komponente. Das muss im Unterricht reflektiert werden.

Geht es um den Gebrauch von Computern und Smartphones habe ich im Gespräch mit vielen Kindern oft den Eindruck, dass der Sinn für Gefahren und Sicherheit zwar vorhanden ist, jedoch haben der Spass und Nutzen Vorrang vor Sicherheitsfragen. Sind Kinder unkritisch im Umgang mit diesen Tools, oder ist das einfach ein falscher Eindruck aufgrund einiger Gespräche?

Das ist ein komplexes Thema. Kinder und Jugendliche setzen entwicklungspsychologisch andere Prioritäten. Geht es darum, unerlaubte Aktivitäten vor den Eltern zu verbergen, kennen sie viele Tricks und Einstellungen. Aber gerade im sozialen Kontext ist Aufmerksamkeit und Gesehen-Werden halt wichtiger als Schutz. Hinzu kommt: Viele wichtige Fragen sind politische. Datenschutz oder -sicherheit sind keine Probleme, die Individuen lösen können oder müssen, sondern Gemeinschaften, der Rechtsstaat.

Whatsapp, Facebook, Instagram, Snapchat, Twitter, Google+, Tumblr, Pinterest sindkeine philanthropischen Institutionen. Soweit ist das vielen Menschen klar. Geht man aber weiter und tiefer, und fragt, wie diese Unternehmen genau Geld verdienen mit persönlichen Daten und Informationen, die sie jederzeit abschöpfen können, kann manch einer nicht mehr mithalten. Wäre es da nicht sinnvoll, den Kindern auch die unternehmerischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge aufzuzeigen?

Ganz allgemein werden wirtschaftliche Zusammenhänge komplexer und müssen gerade auch im Rahmen der Digitalisierung in der Bildung verankert werden. Wer unsere Gesellschaft verstehen will, muss das auch aus einer wirtschaftlichen Perspektive tun. Nehmen Sie nur die Startups, die mit Daten Geld verdienen. Aufgrund ihrer Finanzierungsmodelle sind sie darauf ausgerichtet, einen starken Userwachstum zu verzeichnen und die gesammelten Daten dann zu verkaufen. Das bedeutet etwa, dass ich einem so finanzierten Startup kein Versprechen abnehmen kann, weil es mir die Dienstleistung ohnehin nur temporär anbietet.

Viele wirtschaftliche Aspekte der Digitalisierung sind sehr versteckt. Menschen geben sich oft mit Hilfsaussagen ab, die mehr falsch als richtig sind. »Kostet ein Dienst nichts, bist du das Produkt« und »Daten sind das neue Erdöl« sind zwei passende Beispiele. Sie scheinen ein kritisches Bewusstsein darzustellen, sind aber kreuzfalsch. Menschen sind nicht das Produkt von Webunternehmen und Daten funktionieren ganz anders als Erdöl, schon nur, weil sie kopiert werden können.

Microsoft, um nur ein Beispiel eines gigantischen Weltkonzerns zu nennen, hausiert mit „Home useprograms“, um Lehrer und Schüler an der Stange zu halten. Andere Anbieter wenden gleiche und ähnliche Instrumente an, um Abhängigkeiten zu schaffen, Anwender zu konditionieren und somit künftige Käufer heranzuzüchten, Resultataggressiver Marketingmethoden. Das eine ist es, diese Zusammenhänge zu kennen, das andere dann, der persönliche Entscheid, wie man sich verhalten will. Was raten Sie Schulen, die sich diesbezüglich mit IT auseinandersetzen?

Microsoft ist ein schwieriges Beispiel: Einerseits haben die Office-Anwendungen in einigen Branchen fast eine Monopolstellungen und schaffen massive Abhängigkeiten, die nicht nötig wären. Andererseits kümmert sich Microsoft ernsthaft um den Bildungsbereich und sucht nach Lösungen, um auch in Bezug auf Datenschutz den rechtlichen Vorgaben zu genügen. Aus der Sicht der Schulen gibt es also ein Produkt, das ich ohne Bedenken einsetzen kann, das einfach funktioniert und auf die Berufswelt vorbereitet, aber ich stütze damit ein Monopol. Das ist ein echtes Dilemma.

Schulen müssen Ressourcen geschickt einsetzen. Wer fähige Leute hat, die Open-Source-Lösungen installieren und warten können, soll das machen. Liegt das an einer Schule nicht drin, finde ich wichtig, die Schülerinnen und Schüler zumindest punktuell auf das Problem aufmerksam zu machen.

Was sind Ihrer Ansicht die zwingenden Anforderungen an Lerninhalte, wenn es um Apps und Datenschutz beim Einsatz von Smartphones und Computern geht, die Kinder mitgegeben werden sollten, und wer kann diese richtig vermitteln?

Ich würde ganz grundsätzlich davon ausgehen, dass Kinder eigene Lernprodukte gestalten sollen. Das muss der Mittelpunkt sein. Davon ausgehend kann man an Schulen einfach zeigen, was persönliche Daten sind, die nur mit Erlaubnis anderer und der Erlaubnis ihrer Eltern im Netz gespeichert werden können. Das sind für mich die Basics. Darüber hinaus kommt es wiederum stark auf die Projekte an: Ideal wäre für mich, Fachleute beizuziehen, die auch einen Einblick in die Praxis geben können.

Müssten hier nicht auch gleich die Eltern am Unterricht teilnehmen?

Eltern sind heute recht fit. Wir haben es mit einer Generation zu tun, die zumindest Computer schon im Kindesalter genutzt hat. Aber nicht alle können und wollen sich permanent weiterbilden. Die entsprechenden Kompetenzen, die an Produkte und soziale Praktiken gebunden sind, verändern sich enorm schnell. Aber im Netz gibt es niederschwellige Möglichkeiten, sich zu vernetzen, sich auszutauschen und weiterzubilden. Das müssten Eltern auf jeden Fall tun.

Viele Eltern haben den Überblick über technische Möglichkeiten, die von Jugendlichen genutzt werden, schon lange verloren. Was raten Sie diesen Eltern? Wie können sie trotzdem eine Überwachungsfunktion ausüben, auch wenn sie selber von der Technik nicht viel verstehen?

Eltern sollen mit ihren Kindern offen und wertungsfrei über deren Mediennutzung sprechen, nicht alles für doof und unsinnig halten, sondern echte Fragen stellen, kritische Fragen, aber auch zulassen, dass Kinder andere Perspektiven einnehmen und andere Bedürfnisse haben als Erwachsene.

Viel liest man darüber nicht, aber die Technik führt auch dazu, dass jüngere Menschen mit älteren Menschen nicht mehr kommunizieren (können). Erstere kommunizieren viel mit technischen Hilfsmitteln und letztere tun das nicht oder weniger. Was hat das für gesellschaftliche Konsequenzen?

Der spannendste Punkt ist für mich, dass die Normen sich schnell ändern und von den älteren Menschen nicht mehr bestimmt werden. Was heute höflich ist, entscheiden auch Jugendliche und junge Erwachsene mit. Ältere Menschen verstehen zum Beispiel nicht, wie Telefonanrufe einen übergriffigen Touch erhalten haben: Wer telefoniert, ist nicht zuvorkommend, sondern beansprucht die Aufmerksamkeit eines Gegenübers ohne vorherige Absprache.

Wichtig ist hier, dass wir als Gesellschaft solche Fragen aushandeln. Sie gehen tiefer, als mein Beispiel zeigt: Wie wir arbeiten, Beziehungen führen, solidarisch sind – all das wandelt sich auch. Nicht nur wegen der Digitalisierung. Aber hier zeigt sich, dass wir lebenslang lernen müssen.

Was wird die Zukunft noch in Sachen Digitalisierung und Schulen mit sich bringen? Wo denken Sie, werden wir weitere Herausforderungen meistern müssen?

Wir erleben im Moment eine Verteidigung der traditionellen Schulen gegenüber zwei Reformwellen: Die eine ist wirtschaftlich geprägt. Sie fordert neue Arbeitskräfte, welche nicht für einen Beruf ausgebildet sind, sondern für kreative Partizipation in Firmen. Also Menschen, die Aufgaben zuverlässig und korrekt erledigen – und gleichzeitig neue Geschäftsfelder für ein Unternehmen erschliessen. Die andere Reformwelle ist pädagogisch: Sie sieht die Möglichkeiten der Vernetzung im Netz und leitet daraus ab, dass Menschen freier, offener und selbstgesteuerter lernen könnten, als das in Schulen heute der Fall ist.

In diese Reformen und die Abwehr dagegen werden viele Energien gesteckt. Dabei geht oft vergessen, was Disruption bedeutet: Dass es eine Institution gar nicht mehr braucht. Wir müssen uns mit der Möglichkeit auseinandersetzen, dass bestimmte Formen von Schulen in Zukunft obsolet werden. Das wird bei Hochschulen und Gymnasien zuerst spürbar sein. Können Sie nicht die sozialen Aspekte von Lernen als »uniquesellingpoint« stark machen, werden Online-Zertifikate, die in der Blockchain abgelegt sind, attraktive Alternativen zu einem Master-, Bachelor- oder Maturaabschluss darstellen. Darüber sollten wir uns keine Illusionen machen – zumal damit auch ein recht grosser Markt verbunden ist.

Herr Wampfler, ich bedanke mich freundlichst für die Zeit, die Sie sich für dieses Interview genommen haben und wünsche Ihnen bei Ihren Dozententätigkeiten

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