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Wirtschaftstandort Nordwestschweiz – Rückblick und Ausblick

 

Dr. Rainer Füeg

Dr. Rainer Füeg, Jahrgang 1951, studierte an der Universität Basel Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Als Unternehmungs- und Wirtschaftsberater (seit 2003 als Inhaber der Firma Borisat GmbH, Pratteln) nahm er unzählige Mandate in der Privatwirtschaft, der öffentlichen Verwaltung und in Non-Profit-Organisationen wahr. Unter anderem war er Autor und Herausgeber der „Wirtschaftsstudie Nordwestschweiz“, welche zwischen 1980 und 2015 jährlich das Wirtschaftsgeschehen in der Region analysierte und präsentierte, Geschäftsführer der Handelskammer beider Basel (1991-2012) und Präsident der Swiss Chambers‘ Arbitration Institution (2004-2012).

Im Interview mit Christian Dueblin spricht Dr. Rainer Füeg über wirtschaftliche Entwicklungen im Raum Basel. Er zeigt, warum die Nordwestschweiz in den letzten Jahren wirtschaftlich wesentlich besser abgeschnitten hat als viele andere Regionen in der Schweiz. Dr. Rainer Füeg macht jedoch auch auf Risiken und die Probleme aufmerksam, welche Wirtschaft und Politik in den Griff bekommen müssen, damit die Region weiterhin wirtschaftlich prosperieren kann. So gelte es der Regulierungsdichte entgegenzuhalten und einer zunehmenden Risikoaversion breiter Teile der Bevölkerung entgegenzuwirken.

Christian Dueblin: Sehr geehrter Herr Dr. Füeg, die Nordwestschweiz gehört zusammen mit Zürich zu den wettbewerbsstärksten Regionen der Schweiz. Im Gegensatz zu anderen Städten und Regionen ist es Basel in den letzten 100 Jahren gelungen, stets zu wachsen, was zum Wohlstand der Stadt und ihrer Umgebung beigetragen hat. Was sind die Gründe für diesen Erfolg?

Dr. Rainer Füeg: Die Nordwestschweiz erwirtschaftet eine Wirtschaftsleistung, welche pro Kopf der Bevölkerung rund 20 % über dem Schweizer Durchschnitt liegt [1] und damit auch leicht höher ist als in der Region Zürich. Die regionale Wirtschaftskraft ist seit Jahrzehnten überdurchschnittlich hoch und geht in der Regel auch einher mit einer unterdurchschnittlichen Arbeitslosenquote.

Einen wesentlichen Anteil an diesen guten Wirtschaftsdaten hat die chemisch-pharmazeutische Industrie, welche eine ausserordentlich hohe Arbeitsproduktivität aufweist. Mit rund zehn Prozent der Arbeitsplätze erwirtschaftet sie 22 % der Wertschöpfung der Region[2] und ist damit deren Leitbranche par excellence. An dieser Dominanz hat sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum etwas geändert. Sprach man im Jahre 1980 noch zu Recht von der chemisch-pharmazeutischen Industrie (welche damals rund 20 % der regionalen Wertschöpfung erwirtschaftete), so müsste man heute allerdings primär von Pharma sprechen, da diese Teilbranche mittlerweile mehr als 90 % der Branchenwertschöpfung erbringt.

In den 90er Jahren hatte die chemisch-pharmazeutische Industrie eine massive Umstrukturierung durchgemacht, bei welcher aus den früheren, breit aufgestellten chemisch-pharmazeutischen Unternehmungen spezialisierte Pharma-, Agro- und Spezialitätenchemie-Konzerne wurden, welche erst noch im grossen Stil Funktionen (z.B. im Facility-Management, in der Informatik etc.) in andere Branchen auslagerten. Damit passte sich die Branche an die Herausforderungen an, welche der damals entstehende Europäische Binnenmarkt und die zunehmende Globalisierung stellten. Die Nordwestschweiz ist in der Folge stärker denn je eine Pharmaregion geworden, deren Prosperität ganz wesentlich von Forschungserfolgen in den einzelnen Unternehmungen, der weltweiten Gesundheitspolitik und den internationalen Regulierungen bezüglich Transferpreisen abhängt.

Wie verhält es sich in Bezug auf die Finanzwirtschaft, die ebenfalls eine grosse Rolle in der Region spielt?

Neben der Pharma stellt die Finanzwirtschaft ein zweites wichtiges Standbein der regionalen Wirtschaft dar. Mit einer noch höheren Arbeitsproduktivität als die Pharma erwirtschaftet sie knapp zehn Prozent der regionalen Wertschöpfung. Stellten bis zum Jahre 2008 die Banken noch den grössten Anteil an den Arbeitsplätzen in dieser Branche, so führten die Auswirkungen der Finanzkrise und der Wirtschaftskrieg der USA und der EU gegen den Finanzplatz Schweiz jedoch dazu, dass die Zahl der Arbeitsplätze bei den Banken in der Region stark abgebaut wurde und seither die Versicherungen und Finanzdienstleister ein höheres Gewicht aufweisen.

Schliesslich gilt es aber auch noch die vielen kleinen, stark exportorientierten KMU zu nennen, welche die MEM-Industrie der Region prägen. Auch diese Firmen erwirtschaften den Löwenanteil ihres Umsatzes im Ausland, haben sich in ihren Nischen oft weltweit führende Marktpositionen erarbeitet und tragen heute immer noch gut fünf Prozent zur regionalen Wertschöpfung bei.

Wie wirkt sich die Dominanz der Chemie- und Pharmabranche Ihres Erachtens ökonomisch, aber auch politisch und sozial, auf Basel und die Nordwestschweiz aus? Oder mit anderen Worten gefragt: Was wäre Basel und seine Umgebung heute ohne die Chemie- und Pharma-Branche?

Während die meisten Industriebranchen in den letzten dreissig Jahren an wirtschaftlicher Bedeutung verloren haben, nahm das Gewicht der chemisch-pharmazeutischen Industrie seit 1980 trotz Auslagerungen von Funktionen, welche nicht zum Kerngeschäft gehören, sogar noch weiter zu. Der Beitrag dieser Branche macht nach der konsequenten Neuorientierung in den 90er Jahren und in der jüngsten Vergangenheit mittlerweile 70 % des gesamten Industriesektors der Region aus. Im Gegensatz dazu fiel der Anteil der MEM-Industrie trotz des Aufkommens der Medizinaltechnik deutlich zurück.

Der hohe Anteil der Pharma und der Forschung&Entwicklung in der Nordwestschweiz wirkte sich bis heute immer positiv auf die Wirtschaftskraft der Region aus. Ohne diese Branchen läge die Bruttowertschöpfung pro Kopf der Bevölkerung leicht unter dem Schweizer Durchschnitt, und die Zuwachsraten der Wirtschaftsleistung wären in den vergangenen 20 Jahren deutlich bescheidener ausgefallen. Zwar wurden in der Vergangenheit immer wieder Stimmen laut, welche vor dem „Klumpenrisiko Chemie“ für die regionale Wirtschaft warnten. Diese Befürchtungen haben sich jedoch nie bewahrheitet. Zudem besteht ein allfälliges Risiko weniger aufgrund des Wertschöpfungsanteils der Branche in der Region, als vielmehr darin, dass weniger als fünf global ausgerichtete und organisierte Unternehmungen diese Leistung erbringen.

Die negativen Auswirkungen der Abhängigkeit von der Leitbranche zeigten sich auf dem Arbeitsmarkt in den 90er Jahren. Die Arbeitslosenquote stieg damals von 0.8 % (1990) auf 4.1 % (1997), sank aber bis Ende der 90er Jahre wieder auf 1.6 % [3]. Die chemisch-pharmazeutische Industrie ging aus den geschilderten Transformationen deutlich gestärkt hervor und baute vor allem seit 2005 ihren Personalbestand wieder kräftig aus. Die Zahl der Unternehmungen in der Branche – und damit die Zahl der Entscheidungsträger – erhöhte sich gegenüber 1980 ebenfalls leicht. Allerdings sind mittlerweile in vielen Unternehmungen die Entscheidungszentren nicht mehr in der Region angesiedelt.

Die Pharmaindustrie mit grossen Forschungsstandbeinen in der Region Basel ist im besonderen Masse von äusseren Faktoren abhängig, wie Sie eingangs gesagt haben, auch von der internationalen Gesundheitspolitik. Wo sehen Sie hier die Chancen und Risiken für Basel und seine Pharmaindustrie, vielleicht auch in Anbetracht der politischen Veränderungen in den USA?

Ein nicht unerheblicher Teil der Pharmawertschöpfung ist der liberalen Gesundheitspolitik in Nordamerika zu verdanken, die bis heute eine mehr oder weniger freie Preisbildung für Medikamente erlaubte. Entscheidend war und ist auch die Möglichkeit, die immensen Kosten der Forschung&Entwicklung über Transferpreise aus allen wichtigen Märkten zu finanzieren. Ein beträchtlicher Teil der in die Region fliessenden Pharmawertschöpfung stammt somit nicht aus der hiesigen Produktion, sondern aus Lizenzgebühren und anderen Transferzahlungen. Sollte das amerikanische Gesundheitswesen zu einer staatlichen Festlegung der Preise wie in Europa und Japan übergehen, hätte dies gravierende Folgen auf die Ertragskraft der Pharmakonzerne. Ebenso verheerend werden sich ohne Gegenmassnahmen auch die von der OECD durchgesetzten neuen Steuerregimes auswirken. Deren negative Auswirkungen hätten im Rahmen der Unternehmungssteuerreform III mit international kompatiblen Modellen weitgehend entschärft werden können. Das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber Regierung und Parlament führte dann aber zu einer deutlichen Ablehnung der Vorlage. Eine neue Lösung zur Privilegierung von Forschung&Entwicklung mittels Instrumenten wie der Patentbox muss rasch gefunden werden, damit Schaden von der Region abgewendet werden kann.

Sie selber setzen sich seit Jahrzehnten intensiv mit der Entwicklung der Nordwestschweiz auseinander und haben dazu viele Bücher und Artikel verfasst, so auch die jährlich erscheinende Wirtschaftsstudie Nordwestschweiz. Was erkennen Sie heute, wenn Sie diesen Wirtschaftsraum beleuchten? Geben Ihnen die heutigen Entwicklungen Anlass zur Sorge, oder sind Sie eher zuversichtlich, was die Zukunft der Nordwestschweiz anbelangt?

Die Wirtschaft der Nordwestschweiz ist grundsätzlich, auch in Bezug auf die eben geschilderten Risiken, die es zu beachten gilt, in einer guten Verfassung. Sie weist eine überdurchschnittliche Wirtschaftskraft, eine unterdurchschnittliche Arbeitslosigkeit und eine gut durchmischte Branchenstruktur auf, in welcher wertschöpfungsstarke Branchen ein grosses Gewicht haben. Die Absatzmärkte der regionalen Wirtschaft sind heute zudem breiter verteilt als vor dreissig Jahren. Die Abhängigkeit vom EU-Binnenmarkt ist aber dennoch nicht geringer geworden. Der Währungsschock von 2015 ist von der Wirtschaft zwar weitgehend überwunden worden, ohne dass Kunden verloren gegangen wären oder in grossem Stil Arbeitsplätze hätten abgebaut werden müssen. Dies stellt der Wettbewerbsfähigkeit und der Anpassungsfähigkeit der regionalen Wirtschaft ein ausgezeichnetes Zeugnis aus. Allerdings musste für diese Anpassungsleistung ein hoher Preis bezahlt werden. Insbesondere die MEM-Branche musste Verluste hinnehmen, und die Renditen sind in mehreren betroffenen Branchen sehr dünn geworden.

Zu Sorge Anlass geben verschiedene wirtschaftpolitische Entwicklungen in der Schweiz, vor allem auf Bundesebene. Zu nennen sind dabei in erster Linie Immigration, Arbeitsmarktpolitik, die Zunahme der Staatsquote sowie der ungebremste Anstieg der staatlichen Regulierungen. Bedenklich ist auch die Tatsache, dass die Preise für staatliche und staatliche geregelte Dienstleistungen stetig steigen, während in der Privatwirtschaft wettbewerbsbedingt die Preise in den vergangenen Jahren kaum mehr anstiegen oder sich sogar zurückbildeten.

Welche Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt machen Ihnen Sorge?

Der Bundesrat hat nach der Annahme der Initiative zur Masseneinwanderung beispielsweise die Kontingente für hoch qualifizierte Fachkräfte aus Staaten ausserhalb der EU gekürzt, was bezüglich Immigration mengenmässig überhaupt nicht ins Gewicht fällt und auch von niemandem gefordert worden war, für die hiesige Wirtschaft aber grosse Probleme bei der Stellenbesetzung schafft. Die vom Parlament beschlossene „Umsetzung“ der Masseneinwanderungsinitiative dürfte als einzige Wirkung eine Erhöhung des administrativen Aufwands in einzelnen Branchen nach sich ziehen, aber nichts zur Lösung der effektiven Probleme der Immigration beitragen. Diese liegen ja nicht beim Zuzug gut ausgebildeter Fachkräfte – wo erheblicher Bedarf seitens der Wirtschaft besteht – sondern im ungebremsten Zustrom von Personen, denen minimalste Voraussetzungen zur Integration in den hiesigen Arbeitsmarkt fehlen, und welche über Jahre oder Jahrzehnte hohe volkswirtschaftliche Kosten verursachen werden.

Die Schweizer Arbeitsmarktregulierungen waren immer eine der grössten Stärken der Schweiz gegenüber der ausländischen Konkurrenz. Ihre vergleichsweise höhere Flexibilität hat massgeblich dazu beigetragen, dass sich die Schweizer Wirtschaft trotz massiv überwertetem Franken und den sich verschlechternden internationalen Wettbewerbsbedingungen immer wieder anpassen und erfolgreich bleiben konnte. Leider erodiert diese Position laufend, da auf dem Schweizer Arbeitsmarkt immer wieder kostentreibende und inflexiblere Regulierungen erlassen werden. Ein abschreckendes Beispiel sind die „flankierenden Massnahmen“ zu den bilateralen Verträgen, welche rasch zu einem Instrument ausgebaut worden sind, dank welchem die Gewerkschaften flächendeckende Lohnkontrollen, Mindestlöhne und die Allgemeinverbindlichkeit von GAVs durchsetzen konnten, wozu ihnen sonst die Voraussetzungen – nicht zuletzt mangels Legitimation – gefehlt hätten.

Und wie verhält es sich mit der von Ihnen genannten Staatsquote?

Die stetige Ausdehnung der Öffentlichen Hand ist sowohl auf dem Arbeitsmarkt, als auch bezüglich der frei verfügbaren Mittel der Bevölkerung festzustellen. Die Beschäftigungsentwicklung ist in der Nordwestschweiz in den vergangenen dreissig Jahren nämlich sehr einseitig erfolgt. In der Privatwirtschaft hat die Zahl der Arbeitsplätze um 7.5 % zugenommen, in der Öffentlichen Hand dagegen um 40 %! Von den seit 1980 zusätzlich geschaffenen 33'500 FTE sind knapp die Hälfte bei der Öffentlichen Hand (inkl. öffentliches Gesundheits- und Bildungswesen) entstanden. Aktuell gehören bereits knapp 20 % aller Arbeitsplätze in der Nordwestschweiz zur Öffentlichen Hand, und der grösste Arbeitsgeber der Region ist der Kanton Basel-Stadt. Dieses starke Personalwachstum der Öffentlichen Hand hat sich dämpfend auf die Wirtschaftsentwicklung ausgewirkt, da die Arbeitsproduktivität in der Öffentlichen Hand wesentlich geringer ist als etwa in der Industrie. Angesichts des erheblichen Fachkräftemangels in der Privatwirtschaft darf der Stellenausbau in der Öffentlichen Hand sicher nicht ungebremst weitergehen.

Laufend zugenommen hat schliesslich auch die Belastung der meisten Haushalte durch Steuern, Gebühren und staatlich vorgeschriebene Sozialabgaben. In der Folge sind die Einnahmen von Kantonen und Gemeinden in der Region in den vergangenen dreissig Jahren stärker gestiegen als die Löhne, und der durchschnittliche Haushalt wendet heute bereits knapp 30 % seines Einkommens für Steuern, Gebühren, Sozialabgaben und obligatorische Versicherungen auf. Das ist gleich viel wie fürs Wohnen, Essen und Trinken zusammen! Berücksichtigt man zudem, dass mehr als ein Drittel der Steuerpflichtigen in den beiden Basel keine oder nur minimale Steuern bezahlt, so fällt die Belastung des Mittelstands durch die Öffentliche Hand noch krasser aus.

Der Industrieanteil am Arbeitsmarkt in der Nordwestschweiz ist seit 1980 von 32% auf 20% gesunken, ein deutliches Zeichen von Deindustrialisierung. Was waren und sind Ihres Erachtens die Gründe für dieses Wegbrechen des Werkplatzes? Ist diese Entwicklung reversibel?

Der Industrieanteil am Arbeitsmarkt ist in der Tat in den vergangenen dreissig Jahren massiv gesunken, und die Aufhebung der Euro-Untergrenze im Januar 2015 akzentuierte die Deindustrialisierung noch weiter. 1980 hatte die Region sechs industrielle Schlüsselbranchen und drei Schlüsselbranchen aus dem Dienstleistungssektor. Im Jahre 2015 war das Verhältnis genau umgekehrt. Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, dass ein grosser Teil der abgebauten Industriearbeitplätze nicht einfach verschwunden ist. Die „Deindustrialisierung“ ist mindestens zum Teil auch ein Phänomen der Wirtschaftsstatistik. Die Ausgliederung des Facility Management aus der chemisch-pharmazeutischen Industrie, die Übertragung von Logistikfunktionen aus der Industrie an die Verkehrsbranche oder die Ausgliederung von Informatikfunktionen an spezialisierte Firmen haben dazu geführt, dass Tausende früher der Industrie zugerechnete Arbeitsplätze heute im Dienstleistungssektor angesiedelt sind.

Gleichzeitig ist aber auch festzustellen, dass heute in der Tat weniger Industriebeschäftigte benötigt werden, um eine bestimmte Wertschöpfung zu erarbeiten als vor dreissig Jahren. Erwirtschaftete ein Industriearbeitsplatz im Jahre 1980 noch eine Wertschöpfung von 68‘200 Franken, so lag dieser Wert im Jahre 2015 bereits bei 266‘200! Die Automation, die verstärkte internationale Arbeitsteilung und neuerdings auch die Digitalisierung haben zu einer markanten Zunahme der Investitionen pro Arbeitsplatz und damit auch zu einem starken Wachstum der Arbeitsproduktivität in der Industrie geführt. Dieser Prozess wird sich nicht umkehren, sondern angesichts der anhaltenden Überwertung des Schweizer Frankens weiter fortsetzen.

Mit den weltweit höchsten Arbeitskosten und ihren übrigen überdurchschnittlichen Standortkosten ist die Schweiz – und damit auch die Nordwestschweiz – darauf angewiesen, wertschöpfungsstarke Spezialitäten zu produzieren und so viele Tätigkeiten mit tiefer Wertschöpfung wie nur möglich von anderen Standorten zu beziehen. Damit werden auch in Zukunft immer noch mehr industrielle Tätigkeiten, zunehmend aber auch repetitive Dienstleistungen in der Administration aus dem Ausland beschafft, was auf dem Arbeitsmarkt einen weiteren Umbruch nach sich ziehen wird.

Dr. Henri B. Meier und Prof. Dr. mult. Heinz Riesenhuber verfolgen die wirtschaftlichen Entwicklungen rund um den Werkplatz Schweiz und Deutschland mit einer gewissen Sorge. Beide setzen sich vehement für den Einsatz von Venture Capital ein und appellieren an Politiker und an die Bevölkerung, nachhaltige wirtschaftliche Entscheide zu treffen, von denen künftige Generationen profitieren können. Prof. Dr. mult. Heinz Riesenhuber stellt in diesem Zusammenhang zudem fest, dass immer weniger junge Leute bereit sind, Risiken einzugehen. Ein Grossteil der Studierenden wünscht bereits im Studium eine Stelle als Beamter oder Staatsangestellter. Wie steht es Ihres Erachtens um unseren Werkplatz und um unsere Innovationen?

In den vergangenen dreissig Jahren sind in den beiden Basel knapp 34‘000 neue Firmen gegründet worden, und der Firmenbestand ist um 7‘000 Unternehmungen gestiegen [4]. Das ist – bezogen auf den Bevölkerungsanteil und den Arbeitsplatzanteil – deutlich weniger als in der übrigen Schweiz. Die hiesigen Universitätsabsolventen ziehen in der Tat eine Anstellung bei der Öffentlichen Hand oder in den grossen Konzernen vor und wählen nicht den Weg in die Selbständigkeit.

Der Umbau der regionalen Wirtschaft erfolgte in den vergangenen dreissig Jahren fast ausschliesslich aus ihr selbst. Weder Ansiedlungen, noch Spin-offs aus den Hochschulen haben in diesem Zeitraum einen nennenswerten Anteil an der regionalen Wirtschaft erreicht. Die grössten Unternehmungen der Region waren im Jahre 2015 dieselben wie 1980 (resp. ihre jeweiligen Rechtsnachfolger), und auch die Innovationen stammen zum überwiegenden Teil aus den bestehenden Unternehmungen.

Versuche der Wirtschaftspolitik, neue Cluster zu bilden, sind wie in anderen Regionen weitgehend erfolglos geblieben. Die Region kann (und soll) aber keine Industriepolitik betreiben. Viel wichtiger ist es, die Innovationsfähigkeit der Wirtschaft zu erhalten und den Umbau der Wirtschaft nicht zu behindern, sondern zu erleichtern, d.h. auf den vorhandenen Stärken aufzubauen und diese zu steigern. Das Vorhandensein von genügend Venture Capital ist dabei sicher wesentlich, aber nicht zwingend eine Aufgabe der regionalen Politik. Dafür ist die Region einfach zu klein.

Wenn mehr Ansiedlungen realisiert werden sollen, ist eine Verbesserung der regionalen Infrastruktur zentral (Strassenverbindungen entlang der Hauptachsen, erschlossene Flächen für Ansiedlungen an attraktiver Lage, Ausbau Breitband auf 5G). Aber auch die „Internationalisierung“ der Region ist verbesserungsfähig. Weder wird das Potential der Expats (und deren Angehörigen) genügend genutzt, noch besteht flächendeckend eine eigentliche Willkommenskultur gegenüber diesen Personen, welche in hohem Masse zur überdurchschnittlichen Wertschöpfung der Region beitragen.

Sie sprechen ausländische Arbeitskräfte an, die wesentlich zum Erfolg der Region beitragen. Die Nähe zu Frankreich und Deutschland bringt für die Nordwestschweiz nicht nur kulturellen Austausch, sondern öffnet Unternehmen auch im besonderen Masse den Zugang zu qualifizierten Arbeitskräften. Es dürften weit über 50'000 Grenzgänger sein, die täglich nach in die Nordwestschweiz, auch nach Basel und Umgebung pendeln. Wie wirken sich diese Grenzgänger für Basel und seine Umgebung aus?

Seit 1980 haben die Grenzgängerzahlen in der Nordwestschweiz um 150 % zugenommen. Aktuell pendeln täglich rund 66‘000 Grenzgänger aus Deutschland und Frankreich in die Nordwestschweiz, wobei sich der Anteil deutscher Grenzgänger stetig erhöht hat. Heute stammt beinahe die Hälfte aller Grenzgänger in der Region aus Deutschland, was viel mit den zurückgehenden Deutschkenntnissen im Elsass zu tun hat [5].

Die Zahl der unter 65jährigen in der Nordwestschweiz wohnhaften Erwerbsbevölkerung ist in den vergangenen Jahren weit weniger stark gewachsen als die Gesamtbevölkerung, und die Zahl der Erwerbstätigen hat noch weniger stark zugenommen. Seit Jahren wäre die Nordwestschweiz daher gar nicht mehr in der Lage gewesen, ihren Arbeitskräftebedarf selbst zu decken. Der Zugriff auf den EU-Arbeitsmarkt war, ist und bleibt daher absolut essentiell für den Wirtschaftsstandort.

Allerdings ist die Grenzlage der Nordwestschweiz ebenfalls mitverantwortlich für das geringere Bevölkerungswachstum in dieser Region. Die Bevölkerung der Nordwestschweiz ist seit 1980 nämlich nur gerade um 14 % gewachsen, jene der Schweiz dagegen um 30 %. Für die aus der EU stammenden Beschäftigten ist es angesichts des attraktiveren Kostenniveaus im Elsass oder in Südbaden weit interessanter dort wohnhaft zu bleiben als in die Schweiz zu ziehen.

Die Region Basel profitiert daher nicht nur von den Rekrutierungsmöglichkeiten im nahen Ausland. Sie verliert gleichzeitig auch erheblich an Kaufkraft, weil die Grenzgänger den Löwenanteil ihres in der Schweiz verdienten Gehalts an ihrem Wohnort und nicht an ihrem Arbeitsort ausgeben. Die wirtschaftlichen Impulse aus ihrer Kaufkraft fehlen der regionalen Binnenwirtschaft, was sich im Detailhandel und im Gastgewerbe, aber auch in einzelnen Dienstleistungsbranchen seit Jahren dämpfend auswirkt.

Wir leben in einer Welt der absoluten Sicherheit. Das Sicherheitsdenken schlägt auch auf unsere Wirtschaft durch, auf das Stimmverhalten älterer Menschen und auf die Berufswünsche jüngerer Menschen, die Risiken gegenüber negativ eingestellt sind. Was besagen Ihre Studien zu diesen Tendenzen und Umständen, wenn es um die künftige Entwicklungen auch der Region Nordwestschweiz geht?

Die alternde und reiche Gesellschaft der Schweiz hat tatsächlich eine immer grössere Risikoaversion und ein entsprechend steigendes Sicherheitsbedürfnis. Dies führt zu einer immer geringeren Fehlertoleranz, aber auch zu einem zunehmenden Bedürfnis nach Absicherung des Erreichten und nach Regulierungen. Diese Risikoscheu, der zunehmende Individualismus und die laufend ausgebauten Einsprachemöglichkeiten für Partikularinteressen behindern die wirtschaftlich notwendigen Veränderungen und Innovationen zunehmend.

Das Zurückdrängen der Selbstverantwortung und der Ausbau der staatlichen Regulierungen haben der Wirtschaft deutlich höhere Produktionskosten und weniger Flexibilität gebracht. Ehemals bestehende Freiheiten der Bevölkerung sind eingeschränkt worden, haben ihr aber auch zu einem schönen Teil die Verantwortung für sich selbst und ihre Angehörigen abgenommen.

Bei den Banken führte dies beispielsweise zu einer hohen, für kleinere Institute kaum mehr zu bewältigenden Komplexität. Die Regulierungen stellen heute das grösste Betriebsrisiko einer Bank dar und haben zu hohen Zusatzkosten und dem Rückzug vieler Banken aus einzelnen Geschäftsbereichen oder Märkten geführt. Auch die auf dem Binnenmarkt tätigen KMU leiden unter der zunehmenden Regulierung in vielen Bereichen, vor allem in den Bereichen Sicherheit, Arbeitsmarktregulierungen und Umweltschutzanforderungen. Damit sie ihre Produktivität steigern und ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Importen stärken können, sind sie von hinderlichen Fesseln zu befreien. Der Abbau von Regulierungen und Einschränkungen der Wirtschaftsfreiheit ist unabdingbar, wenn das aktuelle Wohlstandsniveau der Region erhalten bleiben soll.

Solche Verbesserungen erfordern viel Kleinarbeit auf lokaler und regionaler Ebene. Dazu gehört auch, dass die Gerichte mit Personen besetzt werden, welche den gesunden Menschenverstand stärker gewichten als juristische Spitzfindigkeiten. Mögliche Wege zu einer Reduktion der Regulierungsdichte haben sich in anderen Ländern bereits bewährt, z.B. indem neue Gesetze mit einem automatischem Verfalldatum versehen werden. Gerade bei internationalen Abkommen könnten „opting-out“-Vorbehalte aber auch dazu genutzt werden, auf den Binnenmarkt ausgerichtete KMU von Regulierungen auszunehmen, welche im internationalen Umfeld möglicherweise erforderlich sind, im Binnenmarkt dagegen nicht.

Sehr geehrter Herr Dr. Füeg, ich bedanke mich freundlichst für dieses Interview und wünsche Ihnen bei Ihren Projekten weiterhin alles Gute!

[1] Wirtschaftsstudie Nordwestschweiz 2014/2015, s. 80

[2] Wirtschaftsstudie Nordwestschweiz, s. 87/88

[3] Wirtschaftsstudie Nordwestschweiz 2014/2015, s. 63

[4] Creditreform, Neueintragungen nach Kantonen

[5] Bundesamt für Statistik, Grenzgängerstatistik

(C) 2017 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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