Suchen

Spezialinterview Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Heinz Riesenhuber (Deutscher Bundesminister a. D.): In die Zukunft investieren

 

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Heinz Riesenhuber

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Heinz Riesenhuber, Jahrgang 1935, war von 1982 bis 1993 unter Helmut Kohl deutscher Bundesminister für Forschung und Technologie und gehört seit 1976 dem Deutschen Bundestag an. Der vielfach ausgezeichnete und geehrte CDU-Politiker Riesenhuber - u.a. Grosses Bundesverdienstkreuz mit Stern, Orden vom Heiligen Schatz mit Stern und Schulterband des Kaiserreiches Japan, Ehrendoktorwürde Universitäten Surrey (England) und Georg-August-Universität Göttingen - hat sich weit über die Grenzen Deutschlands sein berufliches Leben lang mit Bildung, Technik, Innovation, Wertschöpfung und Politik auseinandergesetzt. Er gehört zahlreichen Aufsichtsrats- und Beiratsgremien im In- und Ausland an, so auch dem Verwaltungsrat von HBM Healthcare Investments. Von 1994 bis 2002 war Professor Riesenhuber zudem nebst vielem mehr ehrenamtlicher Ko-Präsident des Deutsch-Japanischen Kooperationsrates für Hochtechnologie und Umwelttechnik.
Professor Heinz Riesenhuber spricht im Interview über seinen Werdegang, beschreibt die Zusammenarbeit mit Helmut Kohl und zeigt auf, warum ein Kulturwandel nötig ist, um das wirtschaftliche Niveau von Deutschland und der Schweiz aufrechterhalten zu können. Er bezieht Stellung zum Anliegen von Dr. Henri B. Meier - ehemaliger Divisionschef der Weltbank, CFO und VR der Roche-Gruppe, Verwaltungsratspräsident von Givaudan -, dem Spiritus Rector des Projektes Zukunftsfonds Schweiz. Dr. Henri B. Meier setzt sich als Unternehmer, Mäzen, Investor und Intermediär seit Jahren für produktive, langfristige und zukunftsgerichtete Direktinvestitionen aus kollektiven Spartöpfen ein. Professor Heinz Riesenhuber stellt fest, dass wir unsere Denkweise verändern und die Gründer- und Innovations-Kultur fördern müssen, um den Werkplatz Europa, auch die Schweiz, weiter stärken zu können. Er macht auf sehr komplexe Zusammenhänge in der Wirtschaft, der Gesellschaft und der Politik aufmerksam und ermahnt uns mit seinen Aussagen, aufmerksam zu sein und sich den für die nächsten Generationen bietenden Chancen, so auch der Idee des Zukunftsfonds, nicht leichtfertig zu verschliessen.

Christian Dueblin: Professor Riesenhuber, Sie schauen auf eine interessante Karriere zurück, während der Sie tiefe Einblicke in politische und wirtschaftliche Zusammenhänge gewinnen konnten, Zusammenhänge ganz besonders auch in Bezug auf Innovation, Firmengründungen und Venture Capital. Was hat Sie damals, bereits sehr erfolgreich in der Privatindustrie tätig, bewogen, in die deutsche Politik einzusteigen?

Prof. Heinz Riesenhuber: Mich haben die Schnittstellen zwischen Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft immer schon interessiert, und wie Sie richtig erkennen, beschäftigt mich die Frage von Firmengründungen und Venture Capital bereits seit über 35 Jahren. In den Sechzigerjahren war Gerhard Stoltenberg Forschungsminister in Deutschland, ein junger Mann, der damals eine Schrift herausgegeben hatte, die „Staat, Wissenschaft und Wirtschaft als Partner“ hiess. Das schien mir eine faszinierende Idee. Ich studierte und arbeitete an Universitäten und war 16 Jahre in Industrieunternehmen als Geschäftsführer tätig. Es gab immer rechtzeitig Momente, in denen ich vom einen Bereich in den anderen gehen und meine Erfahrungen auch in anderen Gebieten einbringen konnte; und ich habe dabei immer versucht, auf jedem Gebiet im Gesamtkontext zu arbeiten.

Später, als ich schon im Bundestag war, suchte Helmut Kohl jemanden, der für die CDU ein Energieprogramm schreibt. Ich war gerade mal zwei Jahre im Bundestag, als er für dieses Programm drei gestandene Abgeordnete ansprach, denen das Thema jedoch nicht zusagte. Sie fanden es unübersichtlich, riskant und unklar. Mir schien es reizvoll, ich bildete einen Arbeitskreis und es resultierte ein Energieprogramm, das vom Bundesparteitag verabschiedet wurde. Mit Hilfe dieses Arbeitskreises gelang es mir, die Kohle zu fragen, was sie vom Öl hält und die Kernenergie zu fragen, was sie von der Kohle hält. Dadurch entstand ein sehr vernünftiges Gesamtbild. Ich bin immer mit Arbeitskreisen an solche Probleme herangegangen und habe die besten Personen in ihrem Bereich, die ich finden konnte, an einen Tisch gebeten.

Hier dringt der Intermediär durch, eine Qualifikation, die Sie von vielen anderen Menschen unterscheidet.

Ja, ein bisschen schon. Der Wirtschaftler sieht die Rechenbarkeit, der Wissenschaftler die Möglichkeiten und der Politiker die Akzeptabilität. Dies so zusammenzufügen, dass etwas Vernünftiges und Begründetes entsteht und dafür zu sorgen, dass neue Chancen entstehen und die Menschen mitgehen können, ist eine riesige Herausforderung. Hier habe ich mich schon immer als Intermediär verstanden und das hat mir grosse Freude gemacht. Lange bevor die Grünen im Bundestag waren, habe ich auf diese Weise auch das erste Umweltprogramm für meine Bundespartei geschrieben. All das ist über Gespräche, über Erfahrungs- und Wissenswelten und über den Einbezug verschiedener Weltsichten entstanden und wurde zu einem geschlossenen Ganzen.

Von 1982 bis 1993 waren Sie Minister für Forschung und Technologie. Sie hatten das Akademische, Politische und Wirtschaftliche im Griff und bekamen von Helmut Kohl die Möglichkeit, im noch grösseren Rahmen tätig zu werden. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit Helmut Kohl in Erinnerung?

Das war damals eine gute Zeit, ein frohgemuter Aufbruch mit der FDP. Wir hatten in den grundsätzlichen Fragen keine Differenzen und Deutschland hat sich gut entwickelt. In den Jahren 1982 bis 1990 spürte man den Unternehmungsgeist und die Freude am Neuen. Jemand, der Forschungsarbeit leisten wollte, fand sich im bestmöglichen Umfeld. 1990 kam die Deutsche Einheit. Das war ein grundstürzender Umbruch, aber auch eine einzigartige Möglichkeit, etwas zu gestalten. Es ging um die Frage, was man aus der DDR mit ihren vielen Instituten und Forschungseinheiten erhalten konnte, welche Strukturen man schafft, wie man das alles mit Bundesdeutschland vernetzt. Es war klar, dass dieses Vernetzen in sehr kurzer Zeit passieren musste, um einen Zusammenbruch zu vermeiden.

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Heinz Riesenhuber

Wir waren mit Helmut Kohl auf Staatsbesuch in Warschau, als die Nachricht kam, die Mauer könnte fallen. Wir flogen zurück nach Berlin. Als wir aus dem Flieger stiegen, wussten wir noch nicht, ob die Grenzen offen waren oder nicht. Es gab eine grosse Kundgebung und bei der Gedächtniskirche riefen mir einige Leute zu, ich solle mit ihnen ein Bier trinken, ich sähe ja aus wie der Riesenhuber (lacht). Ich sagte ihnen, dass ich der Riesenhuber sei, was sie nicht glauben wollten. Einer meinte, es gäbe keinen Minister, der hier einfach ohne Wächter und Entourage rumlaufen würde. Am Schluss, nach dem Bier, glaubten sie mir dann. Das war die Atmosphäre, herzliche Freude und Überschwang.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Helmut Kohl?

Einige Tage bevor er zum Kanzler gewählt wurde, hat er sein Kabinett zusammengestellt. Ich wollte nach acht Jahren Politik wieder in die Industrie zurück. Im Bundestag wollte ich einfach nur wissen, wie Politik tickt. Helmut Kohl kam zu mir und sagte, dass wir miteinander reden müssten und fragte mich, ob ich mit ihm auf die Regierungsbank kommen möchte. Ich antwortete ihm, dass ich darüber noch nicht nachgedacht hätte und dass ich nicht an der Position eines Staatssekretärs interessiert sei. Er meinte, dass er an etwas ganz anderes denken würde, an ein Ministerium. Ich erklärte ihm, dass mich nur zwei Ministerien interessieren würden und sagte zu Helmut Kohl, das eine könne er mir nicht geben, da das Wirtschaftsministerium in den Händen von Otto Graf Lambsdorff liegen würde, der eine Schlüsselfigur in der Koalition war. Er fragte mich, was das andere sei und ich antwortete: das Forschungsministerium. Er teilte mir mit, dass das auch seine Idee sei. Ich erkundigte mich nach der Zusammenarbeit und sagte ihm, dass es für mich von grösster Wichtigkeit sei, dass ich gestalten könne und er mich laufen lassen müsse, wenn ich Ideen und Projekte hätte. Ich wollte nicht, dass mich tüchtige Beamte des Kanzleramtes anrufen und mir sagen, was ich tun soll. Er lachte zu dieser Bemerkung und sagte zu.

Hat er Wort gehalten?

Ja, absolut, das war eine sehr erfreuliche Zusammenarbeit mit Helmut Kohl. Seine Qualität war, dass er einige verlässliche Grundprinzipien hatte, auf die man immer bauen konnte. Seine Überzeugung war, dass die Soziale Marktwirtschaft genau das System sei, das wir bräuchten, und dass wir in der Technik stark sein müssten. Er war der Überzeugung, dass Deutschland, aber auch Europa, zusammenwachsen müsse. Für diese Grundprinzipien setzte er sich mit seiner ganzen Autorität und der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit ein. Die Art der Zusammenarbeit war optimal, mit viel Freiheit und gestalterischem Freiraum verbunden.

Wie Dr. Henri B. Meier haben Sie sich im ganz besonderen Masse mit Wertschöpfung und Innovation beschäftigt, Themen, die Sie beide verbinden. Dr. Henri B. Meier betrachtet die Zukunft unseres heimischen Werkplatzes mit kritischem Blick und mit Sorge. Er meint, wir würden uns zu sehr auf unseren Lorbeeren ausruhen. Es würde die Gefahr bestehen, dass wir aufgrund der Illusion Sicherheit jedes Risiko vermeiden und damit auch die wirtschaftlichen Zukunftschancen für die nächste Generation gefährden. Wenn Sie nun zurückschauen und sehen, wo wir heute wirtschaftlich angelangt sind, und in die Zukunft blicken, was uns erwartet, wo sehen Sie persönlich die Herausforderungen für die nächsten Generationen in unseren Breitengraden?

Wissen Sie, Dr. Henri B. Meier hat die Probleme erkannt. Auch er ist ein Intermediär. Aus seinem gewaltigen Erfahrungsschatz von Weltbank bis Grossindustrie, von Universität bis Wagniskapital hat er eine Vision entwickelt. Er hat sich mit dem Zukunftsfonds vorgenommen, die nächsten Generationen zu unterstützen. Es ist wunderbar, dass die Menschen heute älter werden und hellen Geistes sind. Das ist prächtig! Das Problem ist aber, dass diese Menschen nicht zur rechten Zeit genügend Kinder gezeugt haben. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung steigt und das Gewicht der Alten wird immer grösser. Da neigen sehr viele Menschen dazu, nicht alle, aber eben sehr viele, sich in dem einzurichten, was sie haben und nicht zu schauen, was die Chancen sind und was man noch tun kann. Es entstehen dadurch enorme Probleme. Ich möchte Ihnen ein Beispiel aufzeigen, das für das Problem steht: Sie haben Stuttgart 21 verfolgt. Da gab es einen Bürgeraufstand und wilde Diskussionen über den Ausbau des Bahnhofes. Der Tenor lautete, dass es doch so schön sei, und wenn man dann in 10 oder 20 Jahren einen grösseren Bahnhof brauchen würde und die Züge anders fahren würden, so interessiert uns das heute einfach nicht. Es geht uns doch gut, der jetzige Bahnhof funktioniert für mich, warum also soll ich etwas riskieren. Es werden aber nicht die Alten sein, die mit einem Bahnhof leben müssen, der nicht mehr funktioniert. Das Problem wird einer nächsten Generation zugeschoben. Ein weiteres Beispiel ist das Fracking. Wir sind dabei, ein Gesetz zu schreiben, das die Risiken zu dieser Energiegewinnung aufs Äusserste begrenzt und selbst die unwahrscheinlichsten Unwahrscheinlichkeiten berücksichtigt, aber die Chancen drangibt. Es gibt zahlreiche weitere Lebensbereiche, bei denen genau dasselbe passiert.

Der bekannte Forscher Ingo Potrykus, Miterfinder des Goldenen Reises, sprach in Zusammenhang mit Pflanzengenetik von Sozialdarwinismus, der uns befallen hat. Was wir glaubten nicht zu brauchen, müsse nicht sein, weil wir ja nicht betroffen seien. Ist es das, was Sie meinen?

Dem ist genauso! Das ist eine schwierige Sache, und mir scheint der Begriff Sozialdarwinismus gar nicht so abwegig zu sein. Diese Denkweise betrifft alles und prägt unsere Kultur. Es werden die Chancen, die sich uns und einer nächsten Generation bieten, nicht ernsthaft geprüft. Es wird vielmehr die Suche nach denkbaren Risiken bis zum Exzess getrieben. Hier widerspiegelt sich die Alterung unserer Gesellschaft. Die Zahl derjenigen, die sich darauf eingestellt haben, die nächsten Jahre einfach nur in Ruhe zu verbringen, steigt ständig an, und ihre Einstellung prägt die Gesellschaft immer mehr, zum Nachteil der nächsten Generationen. Entscheidungen werden, um diese Ruhe nicht zu stören, mehr und mehr aus den augenblicklichen Befindlichkeiten heraus getroffen und nicht mit einem Blick aufs Ganze. Damit haben wir jetzt eine andere Welt. Es hat sich eine gewisse Sattheit eingestellt.

Wie wirkt sich diese Sattheit, verbunden mit Risikoaversion, auf die Gesellschaft aus?

Die Leidenschaft für Neues wird dadurch begrenzt. Das ist jedoch nicht generell so. In mittelständischen Unternehmen treffen Sie nach wie vor auf Menschen mit Biss und Unternehmensgeist, und auch Universitäten kennen diese Welt. Es gibt auch dort Menschen, die etwas wollen, nicht alle gleichermassen, aber es gibt sie. Aber das Gewicht derer, die sich zufrieden zurücklehnen, nimmt zu.

Was müsste man tun, um wieder mehr Innovationen in einer relativ „satten“ Gesellschaft anzustossen?

Herr Dueblin, an dem Thema bin ich nun seit 35 Jahren dran! Dr. Henri B. Meier denkt vom Geld und der Wertschöpfung her, in einer sehr nachhaltigen Art und Weise, was ihn so besonders wertvoll macht. Das waren auch für mich wichtige Themen, als ich 1982 als Minister anfing. Wir erkannten, dass wir zwar Neues erfinden können, es uns aber nicht schnell genug gelang, das Neue in Produkte umzusetzen und erfolgreich auf den Markt zu bringen. Ende 1983 und Anfang 1984 bauten wir deshalb sechs Gründerberatungszentren in Deutschland auf und starteten mit diversen Programmen, die es innovativen Menschen ermöglichen sollten, Firmen zu gründen. All das führte rasch zu einer guten Entwicklung. Die Börse in den 90er Jahren machte in einer beeindruckenden Weise mit. Es gab eine wirklich lebendige Landschaft mit einer Anzahl von Venture Capital-Unternehmen. Der Umgang mit Venture Capital war immer eine Schwäche hier in Europa. Dann platzte die Dotcom-Blase 2000/2001. Viele Menschen verloren viel Geld. Die Amerikaner konnten aufgrund ihrer alten Venture Capital-Kultur diese Krise viel besser überstehen als wir in Deutschland.

Die USA hatten schon sehr früh die Small Business Acts eingeführt, rückblickend betrachtet eine enorm wichtige wirtschaftsstrategische Entscheidung.

Ja, diese Acts stammen noch aus der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre! Die Amerikaner hatten aber schon in den 1920iger Jahren angefangen, Venture Capital in der Wirtschaft einzusetzen. Das war ein kluger Entscheid, eine sehr kluge Entwicklung. Später halbierten die Amerikaner die Capital Gains Tax für Investoren und schliesslich wurde diese Tax unter bestimmten Voraussetzungen sogar ganz erlassen. Die Amerikaner hatten schon über vier Jahrzehnte Erfahrung mit Wagniskapital, als es zur Dotcom-Blase kam. In Deutschland jedoch waren wir gerade mal acht Jahre mit unseren Programmen unterwegs. Die amerikanische Kultur war relativ resilient und hat alles mit einigen Dellen überstanden. In Deutschland aber kamen die vielen diesbezüglichen Bemühungen unter Druck und seither dümpeln wir auf einem sehr niedrigen Niveau dahin.

Es geht um die Frage, ob wir Jungunternehmen an der Spitze des technologischen Fortschritts langfristiges Ersparniskapital im vernünftigen Umfang zur Verfügung stellen wollen, so wie das Länder wie Israel, die skandinavischen Staaten oder auch die USA, von wo heute 95% aller Innovationen stammen, schon seit langer Zeit mit grossem Erfolg tun. Venture Capital ist in der Schweiz und in Deutschland immer noch ein Begriff, der von vielen Menschen nicht verstanden wird. Was sind die Gründe, dass es hier mit Wagniskapital nicht klappt, obwohl dieses, richtig eingesetzt, einem Land zweifelsohne wirtschaftlichen Aufschwung bescheren kann?

Der Grund, warum es nicht läuft, ist, dass es bei uns keine Wagniskapital-Kultur gibt. Die Wagniskapital-Landschaft in Deutschland, aber auch in ganz Europa, ist zu schwach. Die Schwäche der Wagniskapital-Szene hat viele historische Gründe. Grosse Schwierigkeiten bereiten die steuerlichen Rahmenbedingungen für Venture Capital-Firmen und Business Angels in Europa. 2008 hatten wir den Finanzminister dazu gebracht, dem Gesetz zur Modernisierung der Rahmenbedingungen für Kapitalbeteiligungen (MoRaKG) zuzustimmen. Es sollte insbesondere die Rahmenbedingungen der Venture Capital-Firmen regeln, vor allem die Problematik des Erhalts der Verlustvorträge bei Anteilseignerwechseln. Das Gesetz wurde leider von der Europäischen Kommission abgeschossen. Gerade jetzt in dieser Periode arbeite ich wieder mit politischen Freunden an diesem Thema, und wir haben einen Gesprächskreis organisiert. Wir sind zuversichtlich, dass wir etwas haben, das die Kommission akzeptiert und einige der bekannten Probleme endlich löst. Ich bin zuversichtlich, aber alles braucht seine Zeit.

Im Kern ist es so, dass die Entmutigung durch das Platzen der Dotcom-Blase für eine nicht reife, noch junge und verletzliche Kultur sehr gross gewesen war. Es reicht aber auch nicht, Geld auszuschütten, sondern es braucht Menschen, die für eine Idee einstehen und mutig sind. Die Stärke Amerikas besteht genau darin. Gehen Sie an einem Nachmittag auf den Campus des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Die Hälfte der jungen Menschen dort hat interessante Geschäftsideen. Sie sprechen darüber, was sie gründen könnten. Sie haben aber auch die Ansprechpartner, mit denen sie sich austauschen können: Spezialisten, Professoren, die ihre Erfahrungen einbringen, aber auch Intermediäre (Venture Kapitalisten), die es verstehen, Innovationen erfolgreich zu machen, indem Sie den jungen innovativen Menschen den richtigen Weg aufzeigen und ihnen helfen, die nötigen Gelder dafür aufzutreiben.

Im Grunde geht es immer um die Frage, wie man ein Netz aufbaut, ein vieldimensionales Gesprächssystem, in dem die vielen Interessen und die vielen Charaktere sich ergänzen. Bei uns besteht in den Köpfen vieler Universitätsprofessoren immer noch die Idee und Kultur, dass die heilige Wissenschaft entweiht wird, wenn sie sich für Geld verkauft. Dieses Denken hat die USA schon in den Zwanzigerjahren überwunden.

Nebst der Risikoaversion und der falschen Ansicht, dass es uns ja gut geht und schon alles von alleine klappen wird, kennen wir aber auch die Kultur des Scheiterns nicht, im Gegensatz zu den Amerikanern, die dem Scheitern einen ganz anderen Wert beimessen.

Ja, das ist wahr. Das machen die Amerikaner viel besser als wir hier in Deutschland. Jack Welch von General Electric (GE) sagte mir einmal, er habe einen Manager im Unternehmen gehabt, der 60 Millionen Dollar in den Sand gesetzt hatte. Dieser kam dann und sagte: „Jack, ich weiss, ich habe das gemacht und ich mache meinen Schreibtisch leer.“ Darauf sagte Jack Welch: „Du bist doch völlig verrückt, wenn Du glaubst, dass wir 60 Millionen Dollar in Dich investieren und Dich dann gehen lassen!“ (Lacht) Das ist eine ganz andere Denkweise. Ich erzähle diese Geschichte in Deutschland immer, wenn es um Risikoaversion geht. GE war und ist eine sehr erfolgreiche Firma.

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Heinz Riesenhuber

Die allgemeine etwas dröge und risikoaverse Grundströmung, wie wir sie in Deutschland und auch in der Schweiz erkennen können, birgt Risiken. Es gibt aber erkennbare Gegenbewegungen und Strömungen. Dazu gehören auch von Privaten finanzierte Schulen und Institute, so wie das auch Henri B. Meier an der Universität St. Gallen macht. Diese reichen aber nicht aus, um einen Kulturwandel in unseren Breitengraden herbeizuführen. Kürzlich sagte mir jemand, es gäbe in Deutschland mehr Lehrstühle für Gender als für Pharma. Ob das stimmt, weiss ich nicht. Wir bilden in Deutschland pro Jahr rund 48.000 Ingenieure mit Bachelorabschluss aus. China hingegen bildet jedes Jahr rund 800.000 Ingenieure mit vergleichbarer Qualifikation aus; damit kommt schon heute mehr als jeder dritte gut ausgebildete Ingenieur weltweit aus China. Und dann gibt es noch eine grosse Zahl von Ingenieuren, die diese Qualifikation nicht haben, aber auch in der Wirtschaft tätig sind. Zugleich investiert China 2% seines Bruttoinlandproduktes in die Forschung. Seit 1998 haben die Chinesen ihre Forschungsausgaben verdreifacht und ihre Wissenschaftswachstumsrate von 20% pro Jahr stetig gehalten. Das ist das Doppelte ihres Wirtschaftswachstums! Wenn wir unseren hohen Lebensstandard halten wollen, müssen wir auch mit neuen Instrumenten arbeiten - und zwar schnell. Der Zukunftsfonds Schweiz ist eine besonders vielverspechende Idee.

Es ist natürlich immer schwierig vorauszusehen, was die Zukunft noch alles bringen wird. Aber trotzdem möchte ich Sie fragen, wohin bei uns die Reise geht, wenn wir es nicht schaffen, diesen Kulturwandel in unserer Gesellschaft herbeizuführen und uns weiterhin zu sehr auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen?

Wenn wir diese Herausforderung nicht von der philosophischen, sondern von der praktischen Ebene her anschauen, erkennen wir in Deutschland eine Stärke - und das gilt auch für die Schweiz -, die nicht alle westlichen Länder haben. Wir besitzen immer noch eine starke Industrie. Fast ein Viertel unserer Wertschöpfung liegt in der Industrie. In Grossbritannien sind das gerade noch mal 10% und in Frankreich steht es nicht besser. Wir müssen deshalb zu unseren Werkplätzen grosse Sorge tragen. Wenn wir nun die Gerüchte hören, dass Google ein selbstfahrendes und automatisch gesteuertes Automobil entwickelt, dann müssen wir aufhorchen. Es muss die Frage gestellt werden, wer hier die Oberhand über die Commodity haben wird: Wird die klassische Automobil- und Maschinenindustrie fähig sein, die neuen Technologien als Add-On in ihren Autos einzusetzen, oder wird die IT-Industrie die Oberhand gewinnen? Diese strategische Frage ist unter den vielen wichtigen Fragen, die sich auch noch stellen, diejenige, die am meisten Querschnittscharakter aufweist. Gelingt es uns, die IT in der Industrie voll zu integrieren, dann werden wir stark bleiben. Wenn es uns gelingt, diese beiden Kulturen, also die Softwarespezialisten und die Ingenieure, zusammenzubringen, dann haben wir auch in Zukunft eine starke Position. Das ist in der Industrie und in der Wissenschaft als Frage verstanden.

Die deutschen Kameras waren Spitzenprodukte, aber Japan hat uns vorgemacht, wie man Kameras kundennäher und preisgünstig baut und wie man Unterhaltungselektronik macht. Diese Märkte haben wir bereits verloren, weil bei uns die Weichen falsch gestellt worden sind. Auch China ist in Bezug auf eine ganze Reihe von Techniken fit, bis hin zur Automobilindustrie. In China wird viel Geld in Köpfe und Bildung investiert und dabei wesentlich dynamischer vorgegangen als hier.

Was spielt in diesem Zusammenhang die Gründung von Unternehmen für eine Rolle?

Die Frage ist, wie neue Ideen aus der Wissenschaft und Forschung schnell in den Markt gelangen. Dabei ist eben die Gründung von Unternehmen ein unschlagbares Instrument. Diese Vorgehensweise ist direkt, schnell und frisch. Dazu braucht es aber Venture Capital und Menschen, die sich aufmachen, um zu gründen und etwas durchzubringen. Sie arbeiten auch mal 18 Stunden am Tag. Das kann man niemandem befehlen. Wenn sie aber Freude an der Arbeit haben, werden sie es mit Begeisterung machen. So entstanden Unternehmen wie Intel, Genentech und Hewlett Packard, heute Weltmarktführer.

Henri B. Meier sagt im Gespräch: „Wenn wir die Wissensexplosion der letzten Jahrzehnte extrapolieren, wird klar, dass unsere Wirtschaft in 20 Jahren total anders aussehen wird und andere Anforderungen an das Wissen und die Fähigkeiten von Unternehmen gelten. Von vielen Fähigkeiten, die ein Unternehmer aufweisen muss, um in Zukunft erfolgreich zu sein, wissen wir zurzeit noch gar nichts, weil wir noch nicht absehen können, wo die Reise wirtschaftlich und technisch hingeht.“ Auch das scheint mir eine grosse Herausforderung zu sein und stimmt einen nachdenklich.

Das ist natürlich ein Punkt, der Sie zu Recht nachdenklich macht, und der auch ganz besonders in Bezug auf unser Schulsystem eine Rolle spielt. Wie wir ausbilden sollen, ist schwierig zu entscheiden, weil alles sich ändert. Eine andere Ebene aber ist, welche Interessenfelder wir öffnen und welche Charaktereigenschaften wir bei den jungen Menschen ermutigen sollen. Interessenfelder öffnen, heisst bspw., dass an Schulen vernünftig über Wirtschaft und wirtschaftliche Zusammenhänge diskutiert wird. Dem ist leider sehr oft nicht so! Ein Teil der Welt bleibt in der Schulzeit ausserhalb des Spektrums der jungen Menschen. Vor Jahren gab es eine Umfrage unter Studenten, mit der Frage, was diese einmal zu tun gedenken. Über 65% äusserten den Wunsch, in den öffentlichen Dienst zu gehen. Das ist das Resultat dieser begrenzten Erfahrung in der Schule. Die Schüler sehen den Lehrer, den öffentlichen Dienst, aber nicht auch andere Möglichkeiten, die das Leben ebenfalls bietet.

Mit Hilfe des von Dr. Henri B. Meier initiierten Zukunftsfonds-Projektes sollen Gelder aus kollektiven Spartöpfen in technisch fortschrittliche Jungunternehmen und Innovationen investiert werden. Was sind die Chancen eines solchen Projektes und was wünschen Sie dem Fonds?

Wir beobachten in Deutschland, was Dr. Henri B. Meier hier in Sachen Zukunftsfonds tut. Ich wünsche mir, dass der Zukunftsfonds abheben kann und fliegt. Wenn das gelingt, ist das nicht nur Geld, das zur Verfügung steht, sondern ein mächtiges Signal. Es stehen dann die Versicherungen dahinter, die Pensionskassen und die Regierung. Die Pensionskassen sind immer noch zurückhaltend. Wenn es gelingt, sie für das Projekt zu gewinnen, wird schon ein Wagniskapitalbeitrag unter 1% der Pensionskassengelder die ganze Schweiz verändern. Vom Konzept scheint mir das sehr gut zu sein, weil es grosse Summen vernünftig bewegt. Das müsste ja alles aufgebaut werden. Ich sehe aber keinen Grund, warum dann nicht eine Landschaft entstehen sollte, die so fruchtbar ist, wie der Campus des MIT. Zu Silicon Valley ist es ein weiter Weg. Aber auch das ist möglich.

Es bedarf professioneller Intermediäre, die das Geschäft und wirtschaftliche Zusammenhänge vollkommen verstehen. Diese Intermediäre müssen professionell aufgebaut werden.

Aber denken Sie daran, eine professionelle Venture Capital-Firma verändert die Welt!

Was würde Deutschland, ein Land, das die Geschehnisse rund um den Zukunftsfonds beobachtet, tun, wenn das Projekt hier in der Schweiz erfolgreich sein würde?

Wir hätten in Deutschland ein enormes zusätzliches Argument, und das würde uns umso mehr anspornen, es Dr. Henri B. Meier und der Schweiz gleich zu tun.

Sehr geehrter Herr Professor Riesenhuber, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen persönlich, beruflich und politisch weiterhin viel Erfolg!

(C) 2015 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

______________________________
Links
- Biographie von Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Heinz Riesenhuber
-
Zukunftsfonds Schweiz

- Xecutives Interview mit Dr. Henri B. Meier
- Xecutives Interview mit Ständerat Konrad Graber

______________________________

Wollen Sie das nächste Interview nicht verpassen? Newsletter abonnieren

 

Eddie Murphy...

Richard Clayderman...

Richard Clayderman...

Charlie Chaplin...

Jon Lord...

Czwalina Consulting

MAW Interim Management

Dennis Hopper...

Chi Coltrane...

Erich von Däniken...

Echoes of Swing

Praxishandbuch ...

Dennis Hopper...

Procure.ch

btools.ch