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Spezialinterview Humor: Frank Baumann

 

Frank BaumannFrank Baumann, Jahrgang 1957, ist ein national bekannter Satiriker, Journalist und Fernsehmoderator. Mit seiner Sendung „Ventil“ schaffte er in der Schweiz den grossen Durchbruch. Als sogenannter „Ventilator“ entwickelte Baumann in der von ihm erfundenen TV-Sendung über das Telefon Gespräche und provokante Auseinandersetzungen mit Zuschauern. Die Sendung brachte Baumann sowohl Lob als auch Kritik. Sie wurde am Festival der „Rose d’Or“ 1999 in der Sparte Humor ausgezeichnet und nach über 70 Sendungen im Jahr 2000 eingestellt. Frank Baumann arbeitete sein berufliches Leben lang als Journalist, bspw. für Radio 24 und für Schweizer Radio DRS, und moderierte zahlreiche Fernsehsendungen in der Schweiz und in Deutschland. 2009 wurde seine Nichttalkshow «Ein Fisch für 2» für den renommierten Adolf-Grimme-Preis nominiert. Ebenfalls seit 2009 ist er nebst vielem mehr auch als künstlerischer Leiter des Arosa Humorfestivals tätig. Er produziert und entwickelt nach wie vor Fernseh-Formate und berät als Werber und Inspirator zahlreiche Firmen und öffentliche Institutionen.
Im Interview mit Christian Dueblin nimmt ein erfahrener und vielseitiger Frank Baumann Stellung zu Entwicklungen im Show- und Humorgeschäft, zeigt auf, wie man die Masse erreicht – indem man das Publikum so bedient, dass es nicht denken muss oder man es mit Fremdschämqualitäten füttert. Baumann zeigt dabei, anhand von Menschen wie Irina Beller und den beiden Zuger Politikpersönlichkeiten, die sich, nachdem „hackebesoffen“, eine Schmierenkomödie und Realsatire der besonderen Art leisten, auf, dass die satirische Qualität der Realität für viele Kabarettisten und Satiriker unschlagbar ist.

Christian Dueblin: Herr Baumann, Sie haben das journalistische Handwerk von der Pike auf gelernt und sind früh bei Radio 24 eingestiegen. An welche Interviews denken Sie manchmal zurück, Gespräche vielleicht, die Sie als misslungen oder gescheitert betrachten würden?

Frank Baumann: (Lacht) Es sind mir in meinem Leben Interviews tatsächlich misslungen. Ich erinnere mich an eine Zieleinfahrt des Skirennfahrers Pirmin Zurbriggen. Der Tonkopf des Mikrophons war eingefroren und das Gespräch konnte somit nicht aufgenommen werden. Ein kleiner Supergau für einen Journalisten ereignete sich, als ich für Radio 24, also für Roger Schawinski, ein Interview mit Julio Iglesias hätte machen sollen. Das Gespräch wurde ebenfalls nicht aufgenommen, da ich die Anschlüsse für das Mikrofon und für die Kopfhörer vertauscht hatte, was bei meinem damaligen Chef, Roger Schawinski, verständlicherweise zu einer „Eruption“ führte.

Sie hatten aufgrund Ihrer Sendung „Grüezi Deutschland“ auch die Möglichkeit, mit Frau Angela Merkel zu sprechen. Wie empfanden Sie dieses Gespräch, mit einer der mächtigsten Frauen auf der Welt?

Das Interview mit Angela Merkel war nicht mein bestes. Die Frau ist ein Vollprofi und in Sachen Medienarbeit mit allen Wassern gewaschen. Sie kennt schon alles, jede Situation, wie ein Top Comedian, der auf der Bühne steht und den nichts mehr erschrecken kann, was aus dem Publikum kommt. Wenn ich an dieses Treffen zurückdenke, muss ich heute eingestehen, dass ich viel zu brav war. Dennoch kam das Gespräch beim Publikum und der Youtube-Gemeinde sehr gut an. Leider waren die Kamera und das Mikrophon aus, als ich ihr nach dem Gespräch ein Schweizer Sackmesser schenkte und sie meinte, dass sie eigentlich keine Waffen aus dem Ausland annehmen dürfe. Schade, dass wir das nicht gefilmt hatten! Ganz am Schluss kam sie noch einmal auf mich zu und sagte, dass sie hoffe, mich einmal beim Langlaufen im Engadin zu treffen. Auch das wurde, verflixt nochmal (!), nicht aufgenommen. Sie ist ja immerhin eine der mächtigsten Persönlichkeiten der Welt, kommt wie eine Hausfrau daher, ist rund zwei Jahre jünger als ich und hat wohl nicht unbedingt einen beneidenswerten Job.

Frank Baumann und Bundeskanzlerin Angela Merkel (c) SRF

Über „Grüezi Deutschland“ lernte ich auch Hans-Dietrich Genscher kennen, ein interessanter Mann. Ich fragte ihn, was er jungen Menschen, die etwas aufbauen und ein Geschäft gründen möchten heute raten würde. Er sagte lange nichts und dachte nach. Dann meinte er näselnd: „Denken hilft!“. Das stimmt doch, wenn wir manchmal nur ein wenig nachdenken würden, gäbe es viele Probleme auf der Welt nicht.

Sie haben Ihr berufliches Leben lang sehr viele Techniken für Ihre journalistischen Tätigkeiten, Darbietungen und TV-Sendungen benutzt, so bspw. auch in der TV-Sendung „Ventil“. Was fällt Ihnen seit der Zeit von Kurt Felix, der mir über seine Zeit als TV-Moderator viel erzählt hat, heute in der medialen Humorwelt in Sachen Technik auf?

Das ist interessant und ich muss nachdenken. Es kann ja nur um formale Aspekte des Humors gehen, wenn man über die Technik spricht. Inhaltlich sind die Anforderungen an den Humor auch heute noch dieselben wie damals. Die technische Entwicklung, auch bei der versteckten Kamera, begünstigen, dass man in gewissen Situationen noch dezenter und noch raffinierter vorgehen kann. Es gibt Bühnenshows, in denen in der Show Menschen live aufgenommen und gerade live projiziert werden. Das wäre früher aufgrund der technischen Möglichkeiten undenkbar gewesen. Heute kann man sich Kameras am Kopf befestigen und erreicht perfekte Qualität. Ich habe selber schon mit Lipstick-Kameras gearbeitet, mit denen man Menschen in den Rachen schauen kann. Ich war einer der ersten, der auf der Bühne mit Beamern und grossen Power Point-Präsentationen gearbeitet hatte, was heute weit verbreitet ist. Das war damals beim Bühnenstück „Die Unterbindung“, die auf die Unterbindung in unserem Kopf abzielte.

Alleine mit Technik kann man aber keinen Humor vermitteln, wovon viele Menschen offenbar aber ausgehen. Es gibt heute ganze Fernsehprogramme, die nur mit einem iPhone gemacht werden, also ganz neue Formate, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären. Guter Inhalt kann demgegenüber aber ohne Technik auskommen. Wenn einer mit der versteckten Kamera beim Tischnachbarn sein Gipfeli (Anm.d.R.: Gipfeli ist auf Hochdeutsch ein Hörnchen) in den Kaffee tunkt und so tut, als wäre das ganz normal, ist es doch egal, ob dieses Szene in HD läuft oder nicht. Der Humor springt rüber, weil die Idee und die schauspielerische Leistung einfach phantastisch sind.

Sie haben in den letzten Jahren sehr viel am Fernsehen produziert, Formate erfunden und viele Sendungen auch selber moderiert. Wo erkennen Sie selber als Moderator, aber auch als Privatperson, wenn Sie zurückdenken, den Wandel des Fernsehens?

Das Fernsehen hat sich enorm gewandelt. Früher war der Fernseher eine Art Lagerfeuer der Menschen. Die ganze Sippe sass vor der Mattscheibe und schaute sich Kultsendungen mit Persönlichkeiten wie Kurt Felix oder Hans-Joachim Kuhlenkampf an, zusammen mit der ganzen Familie und Freunden. Für einen solchen Abend nahm man sich Zeit. Es gab Chips und Chicorée Salat mit Sauce zum Dippen und im Idealfall Roastbeef! Das Feuer lodert heute nicht mehr zuhause beim Fernseher und beim Fernsehschauen, sondern es steckt heute in der Hose, in Form eines technischen Gerätes, das man in jeder Situation, im Tram, im Bus, auf der Strasse und während Vorstellungen vor Augen hält. Das glaubt man kaum. Ich war an der Show „Art on Ice“ und neben mir sitzt ein Typ, der einen Tennismatch auf seinem iPhone anschaut!!

Uns ist dieses Lagerfeuer noch bekannt, wie sieht es aber mit jüngeren Menschen aus, denen diese Zeit, obwohl sie ja noch nicht lange vergangen ist, vollkommen unbekannt ist?

Die Jungen von heute bauen und organisieren ihre eigenen Lagerfeuer. Diese finden nicht mehr in Form von gemeinsamen Fernsehabenden statt. Ich kenne aber junge Menschen, die zusammen zum Beispiel „high-end“ kochen, indem sie Gerichte von Andreas Caminada aufs präziseste nachkochen. Ich spreche von Achtzehnjährigen, die ihr Taschengeld sparen, um später die teuren Ingredienzien für ein solches Gericht kaufen zu können. Oder schauen Sie junge Frauen an, die wieder stricken. Das sind schöne Anzeichen, wie sich junge Menschen heute ihre eigenen Lagerfeuer schaffen.

Sie brechen eine Lanze für die Jungen, denen man nachsagt, sie würden ihre Erfahrungen heute vor allem mit ihrem Phone in der Hose machen und etwas dumpf und weltfremd daherkommen…

Es gibt die Dumpfen auch bei den Alten, was man bei den Wahlen ja schön erkennen kann. Natürlich gibt es diese Dumpfen auch unter den Jungen. Ich selber beobachte aber viele junge Menschen, die „hungrig“ sind, etwas wissen wollen und die die Welt bewegen möchten. Sie haben den Abenteuer- und Entdeckergroove in sich. Ihre Erfahrungen machen sie halt auf ihre eigene Art und Weise und da spielt die Technik sicher auch eine Rolle. Frau Muggli hingegen hockt vor dem Fernseher, schaut sich eine Sendung über den Krüger Nationalpark an und meint, dass sie dort nicht hingehen könne und nun ja wisse, wie der Park aussieht. Das Fernsehen ist nicht nur für Jüngere, sondern gerade auch für ältere Menschen, ein Fenster in die Welt. Was dort erscheint, wird auch geglaubt, und das, obwohl das Meiste, was man zu sehen bekommt, ja gar nicht stimmt. Ich denke dabei immer an die Nachrichtensprecher am Fernsehen im Sommer, von denen man sagt, dass sie so schön adrett mit Krawatte und Anzug gekleidet seien. Der unkritische Zuschauer sieht nicht, dass der Kerl in kurzen Hosen und mit Flipflops hinter seinem Tisch sitzt, weil es einfach zu heiss ist, um die Nachrichten mit langen Hosen zu verlesen. Die Menschen können den Unterschied zwischen Realität und Wirklichkeit oft nicht nachvollziehen.

Der gute Satiriker versucht mit viel Finesse, diese Hintergründe zu beleuchten, indem er bspw. auf ganz bizarre Zusammenhänge aufmerksam macht, über die sich Menschen keine Gedanken machen. Mir scheint, dass Sie auf diesem Gebiet ein Spezialist sind. Was reizt Sie an Satire?

Das „Reframen“ ist etwas sehr Spannendes. Es geht darum, Lebenssachverhalte in einem neuen Zusammenhäng weiterzugeben und das Hintergründige in den Vordergrund zu stellen. Das sind die spannenden Momente bei der Auseinandersetzung mit dem Publikum - eine herrliche „Sportart“. Der Markt für Satire ist aber nicht mehr derselbe wie auch schon. Während vieler Jahre schon wollen die Menschen Comedians haben, Menschen, die cool dastehen, mit wenigen Requisiten und coole Sprüche klopfend. Diese Art des Auftretens kommt aus den USA, wo Comedians wie Dean Martin grosse Erfolge feiern konnte. Wenn nun aber Dean Martin mit dem coolen Whiskeyglas dasteht und seine Sprüche bringt, hat er schon diverse Gläser dieses Getränkes konsumiert…

…was ihn schon mal vom Schweizer gesund lebenden Komödianten wesentlich unterscheidet…

Ja, das ist ein ganz anderer Approach, der hier oft vollkommen missverstanden wird. Einfach nur etwas auf der Bühne rumlallen, reicht nicht aus. Es gibt aber sehr viele junge und tolle Slam-Poeten, die den Namen „Poeten“ wirklich verdienen. Ich war grad eben mit Bligg zusammen und bin der Meinung, dass der Mann nicht nur Hits komponieren, sondern auch sehr gut und raffiniert dichten und schreiben kann.

Sie sind schon seit vielen Jahren der künstlerische Leiter des Humorfestivals in Arosa. Was ist dort Ihre Aufgabe?

Ich bin im Zusammenhang mit dem Humorfestival in Arosa ein reiner Dienstleister. Ich erbringe eine Leistung für ein grosses Publikum im Auftrag eines bekannten Ortes und einer schönen Gegend. Aus marketingtechnischer Sicht ist das Organisieren des Events überhaupt nicht lustig. Die Menschen, die auftreten, sind lustig. Hinter der ganzen Organisation steckt aber eine unglaubliche Ernsthaftigkeit. Das Business Modell ist finanziell gesehen selbsttragend. Die Leuchtturmwirkung für die Region Arosa ist wiederum sehr gross. In den letzten 25 Jahren ging es darum, die Aufmerksamkeit in Bezug auf diese Destination zu vergrössern. Und das gelang uns überdurchschnittlich gut.

Was hat sich in Sachen Aufmerksamkeit verändert?

Früher reiste man nach Arosa oder nach Gstaad und St. Moritz. Es gab „Wedelwochen“. Herr und Frau Muggli kamen mit vielen Koffern und einer Fuchsstola angereist. Beide betrieben in ihrer Freizeit Paarlauf auf der Eiskunstbahn. Für jeden Abend hatte man ein anderes Kleid im Gepäck und Herr Muggli trank den Afternoon Tea mit der Krawatte um den Hals. Das war die Zeit, in der man auf den Reisen so lebte, wie man leben würde, könnte man es sich leisten, immer so zu leben. Heute will man es vor allem lustig haben in den Ferien und es muss alles funktionieren. Der Kellner muss nett sein, es muss Pulverschnee vorliegen, es müssen bekannte Musiker vor Ort sein, früher bspw. der Ihnen bekannte Hazy Osterwald, heute ein bekannter DJ. Alles muss möglichst günstig sein und die Sonne muss auch nachts scheinen. Das sind Erwartungen an Ferien, die einen solchen Aufenthalt zu einer sehr ernsten Sache werden lassen.

Hat das Zelt auf dem Tscchuggen auf 2000 Meter oberhalb von Arosa nicht auch eine satirische Seite? Man geht in die Alpen auf 2000 Meter, um zu Lachen und sich in humoristischer Weise mit der Welt zu beschäftigen, mit Hilfe von Kabarettisten und Komödianten aus der ganzen Welt, abgelegen im Nirgendwo.

Das Zelt, umgeben von Bergen und Schnee, das man dort neben der Tschuggen-Hütte plötzlich sieht, strahlt für mich etwas Magisches aus, einerseits eine wunderbare Beschaulichkeit und andererseits vollkommene High-End-Technik. Das ist fast schon ein bisschen surreal, wenn man bedenkt, dass man sich am Ende der Welt befindet.

Für mich persönlich ist das Zelt und das ganze Drumherum auch eine Art WK-Angelegenheit. Ich bin zwei Wochen vor Ort und treffe die Menschen, die ich sonst das ganze Jahr nicht treffe, wie im Militärdienst. Man stellt dort etwas vom Unnötigsten, das es nebst Golf gibt auf der Welt, auf die Beine, vollkommen abgelegen von der Zivilisation. Der Tourismusdirektor und ich machen dann nichts anderes, als die Medien zu motivieren und zu animieren, über den Event zu berichten. Und das machen wir mit Herzblut: wir stehen in ständigem Kontakt mit Journalisten und machen auf Events und auf Auftritte bekannter Künstler aufmerksam. Das ist zwar sehr aufwändig, hat aber auch etwas sehr schönes an sich, denn meistens sind die Medienschaffenden ehemalige Berufskollegen vom Radio, der Zeitung oder dem Fernsehen, Kumpels aus dem Militär oder dem Sport – oder Ex-Freundinnen. Unsere Medienarbeit ist quasi eine Art 3D-Facebook.

Es werden dabei publikumswirksam diverse Preise verliehen. Wer erhält die Humorschaufel und wer erhält den Schneemann?

Die Humorschaufel wird positiven Menschen übergeben, die sich in Sachen Humor mit ihrem Lebensverständnis unter der Nebeldecke der Schweiz einen Namen schaffen konnten, so bspw. die Damen Doris Leuthard und Evelyne Widmer-Schlumpf, aber Personen wie Samih Sawiris und Roger de Weck. de Weck leistet mit den Formaten, die er am TV zulässt, sehr viel für die Sache des Humors.

Der Schneemann des Jahres dagegen wird Menschen verliehen, die durch ausserirdisch peinliche Aussagen oder Auftritte aufgefallen sind. Es sind die besonderen Fremdschämerqualitäten, die im Fokus stehen und ausgezeichnet werden. Denken wir an Geri Müller letztes Jahr oder Peer Steinbrück. Interessant war Irina Beller, die wir in Sachen Fremdschämerqualität nicht berücksichtigen konnten, weil sie es buchstäblich darauf angesetzt hatten, den Preis zu erhalten, um ihren Business Plan umzusetzen.

Es bedarf also schon wahrhaftiger Schämleistungen…

Ja, sonst wird nichts aus dem Preis. Jetzt sind es unsere beiden Zuger Politiker, Markus Hürlimann und Jolanda Spiess-Hegglin, die unter der Nebeldecke mit einer grotesken Art auffallen, wie sie kein Kabarettist oder Komiker hinbekommen würde. Zwei vom Volk gewählte Politiker saufen sich so „hackedicht“, dass sie nicht mehr wissen, was geht. Wobei ich betonen muss, dass wir uns in aller Form von mutmasslichen sexuellen Übergriffen distanzieren! Die Nomination zum „Schneemann des Jahres“ bezieht sich ausschliesslich auf die post-koitale Bearbeitung der Vorfälle. Wenn man nun bedenkt - beim Lesen der vielen Artikel über die beiden Politiker -, dass diese Menschen vom Volk gewählt und für uns und unsere Anliegen zuständig sind, dann muss man sich schon wirklich fragen.

Sie haben die beiden Personen in Zug genannt, auch Frau Beller, die, so meine ich, für normaldenkende Menschen, durch Unsinn auffällt. Trotzdem, oder darum, laufen die Medien Sturm, die Fasnächtler freuen sich und die Satiriker müssen nichts erfinden. Wie reimt sich das alles?

Frau Beller ist sich ihrer Fremdschämqualitäten natürlich sehr bewusst. Sie sieht die Zusammenhänge glasklar, wogegen den beiden Personen in Zug die Tragweite ihrer Auftritte vermutlich vollkommen unbekannt ist. Frau Beller verfolgt halt ein sehr durchdachtes Geschäftsmodell. Dabei muss sie ja eigentlich gar nicht arbeiten, weil sie ja reich liiert ist…

…das heisst, seien wir ehrlich, nicht wirklich richtig reich, einfach ein bisschen reich, so, wie das viele andere auch sind…

Ja, im Gegensatz zu sehr reich ist sie wohl etwas weniger reich und muss sich nun halt wirklich etwas dazuverdienen. Die Frage ist, wie lange dieses Business Modell funktioniert. Sie ist keine Zsa Zsa Gabor, dafür reicht es schlicht nicht. Aber – und dafür bewundere ich sie - sie hat offensichtlich viel Humor, kann über sich selber lachen und sorgt Land auf und Land ab für Heiterkeit. Die beiden Kollegen aus Zug dünken mich hingegen völlig naiv und darüber hinaus sind sie auch noch enorm stümperhaft beraten und zeigen, dass die satirische Qualität der Realität unschlagbar ist.

Georg Kreisler war es ein Graus, daran zu denken, dass man nach der Pointe sucht und sich als Künstler nach den Ansprüchen der Masse richtet. Er meinte im Interview, dass die Kunst dabei immer verloren ginge. Tatsächlich will man die Masse im Medien- und TV-Geschäft gewinnen, koste es, was es wolle. Wie geht das, wenn man die Masse am Fernsehen, bspw. bei Auftritten von Frau Beller oder Sendungen wie Dschungelcamp, gewinnen will?

Kreisler war natürlich kein Comedian, sondern ein Kabarettist. Heute werden Tauben jedoch nicht mehr vergiftet. Für die Masse müssen sie im Park mit einer Magnum erschossen werden. Ich vermute mal, heute tragen die Menschen in Parks solche Waffen auf sich. Die Zeiten haben sich seit Kreisler’s Karrierehöhepunkt halt sehr verändert. Ich glaube, dass Unterhaltung gewissen Gesetzmässigkeiten folgt, die auch das Phänomen Beller erklären: Menschen wollen wissen, was andere Menschen machen, auf Englisch: „People want to know everything about people.“ Das war wohl schon immer so. Das Fremdschämen bewegt und berührt viele Menschen. Man schämt sich ja stellvertretend für andere und denkt sich, dass man vielleicht selber weniger peinlich ist. Dann kann man lachen, weil man sich überlegen fühlt. Dschungelcamp, eine Sendung wie viele andere auch, die die Masse bewegen, ist dermassen unterirdisch und zum Wahnsinnig werden, dass man es kaum glauben kann. Als Zuschauer muss man nichts beitragen und ohne mitzudenken, kann man die Geschehnisse verstehen. Gehen Sie ins Modern Art Museum in New York und schauen sich ein weisses Bild auf weissem Untergrund an (Kazimir Malevich) oder das monochrome blaue Viereck von Yves Klein oder das schwarze von Ad Reinhard (1913-1967), muss man als Betrachter mitdenken, um es verstehen zu können. Der künstlerische Sinn und Inhalt des Bildes offenbart sich erst, wenn man sich mit dem Künstler und seiner Idee auseinandersetzt. Viele Künstler fordern ihr Publikum enorm, auch Kabarettisten und Humoristen. Man kann sich bei ihnen nicht einfach hinsetzen und gedankenlos konsumieren. Denken Sie an einen Hagen Rether, der unglaublich und glasklar rüberkommt, an einen Dieter Nuhr, oder auch an den Bruder von Michael Mittermeier, Alfred, der sehr tiefgründige Programme erarbeitet, im Gegensatz vielleicht zu Micheal, der reine Unterhaltung bietet. Oder nehmen Sie einen Gerhard Polt, der auch schon in Arosa aufgetreten ist. Ein Abend mit Polt ist anstrengend. Das Publikum ist nach einem solchen Auftritt regelrecht erschlagen und kaputt, aber glücklich.

Im Lebens-„Pace“, in dem wir uns befinden, ist die Versuchung gross, die Masse zu finden und das zu tun, was die Masse haben will, auch in der Politik. Das hat Kreisler zweifelsohne abgeschreckt. Die Masse kann man, um es kurz zu machen, dann gewinnen, wenn man sie so unterhält, dass sie selber nichts beitragen und nur konsumieren muss. Je tiefgründiger ein Künstler wird, desto grösser wird die Wahrscheinlichkeit, dass man sich von der Masse verabschiedet weil die Rezipienten der Botschaft wesentlich zu deren Dekodierung beitragen müssen.

Sie haben damals „Ventil“ am Schweizer Fernsehen gemacht, eine interessante Sache. Die Sendung wurde geliebt oder gehasst und es ging sicher auch darum zu provozieren und Reaktionen auszulösen. Wie sehen Sie das heute, wenn es bspw. um Humor geht, bei dem Religionen oder Religionsvertreter eine Rolle spielen, vielleicht auch als Anspielung auf Charlie Hebdo?

Die Satire muss alles dürfen können und man darf sie nicht beschneiden. Ich denke aber, dass es gute und schlechte Satire gibt. Es gibt Satire, die den Namen gar nicht verdient. Sie ist zu billig und oft mangelhaft, was den künstlerischen Wert anbelangt. Als Zeichner fällt mir auf, wenn der Strich von Zeichnungen nicht gut oder schlampig ist. Das stört mich. Billig wird die Satire dann, wenn bspw. Mohammed mit einem Hund auf dem Kopf dargestellt wird, um etwas Krawall zu machen. Hinter Charlie Hebdo, auch hinter Titanic, steckt aber schon noch viel mehr, um das gleich klarzustellen. Es geht dort um die inhaltlichen Diskussionen, die geführt werden. Bei Charlie Hebdo wird das mit dem Strich und bei Titanic mehr mit Bild und Text gemacht. Es muss Menschen geben, die sich satirisch äussern dürfen.

Ein bekannter Völkerrechtsexperte sagte mir bei der Vorbereitung zu diesem Gespräch und dieser Frage, dass die ganze Angelegenheit auch für Gerichte so schwierig sei, wie das Thema Asylanten und Ausschaffung. Er meinte, dass Satire dann kein Problem darstellen sollte, wenn Sachbezogen gearbeitet wird. Ihr Beispiel mit dem Hund auf dem Kopf von Mohammed scheint mir sehr interessant zu sein. Es könnte pure Effekthascherei sein.

Der platte Lacher und die platte Provokation ist nicht der Anspruch, den ein guter Satiriker an sich selber hat. Er will einen Diskurs eröffnen und möchte den Zuschauer und Lesenden zwingen, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen. Auch bei Ventil haben wir bei allem Irrsinn, den wir produziert haben, immer darauf geachtet, nicht einfach den schnellen Klamauk zu machen. Wir haben immer für einen seriösen Unterbau gesorgt und den Klamauk in eine grössere Idee eingebaut. Ich gehe mit dem Völkerrechtsexperten einig. Gute Satire muss Inhalt haben, sie muss auf die Sache abzielen. Auf diesen Inhalt und Sache soll sie aber abzielen dürfen, auch wenn es um Religionen geht.

Wie die Erfahrung zeigt, sind die lustigen Menschen auf der Bühne privat nicht immer lustig. Kurt Felix stellte fest, dass es viele Menschen auch am TV geben würde, die im Keller lachten. Was für Erfahrungen haben Sie in Arosa bei der Zusammenarbeit mit den vielen Künstlern gemacht, die dort auftreten?

Im Grossen und Ganzen ist die Auseinandersetzung mit den vielen Künstlern überaus erfreulich. Sehr viele kenne ich persönlich gut und mit vielen habe ich auch in meiner Freizeit freundschaftlichen Kontakt. Im Hintergrund dieser Künstler sind aber in der Regel Manager tätig, mit denen es vollkommen anders steht. Ich würde behaupten, dass 120% dieser Manager enorm schwierig sind und sie haben mit dem künstlerischen Inhalt rein gar nichts zu tun. Sie sind alles andere als lustig. Das macht uns das Leben oft sehr schwer. Es geht ums Geschäft. Die Manager und auch die Künstler rechnen eiskalt. Das ist zu einem gewissen Grad auch verständlich, denn es stellt sich bei jedem Programm die Frage, wie lange es noch erfolgreich läuft. Sie wissen auch nicht, ob ein nächstes Programm wieder gut ankommt. In Arosa haben wir Fixpreise, etwas aufgeteilt nach Bekanntheitsgrad.

Nehmen wir an, ich will einen grossen Künstler aus Deutschland für Arosa buchen, läuft das in etwa so ab: Wir fragen das Management an und fangen an zu verhandeln. Die erste Frage vom Manager lautet: „Was kriegt er?“ Dann nenne ich eine Zahl. Zum Beispiel 10'000 Franken. Er sagt: „Sie sind ja ein Witzbold!“ Ich sage: „Warum?“ Er sagt: „Das meinen Sie doch wohl nicht im ernst!“ Dann fängt er an, vorzurechnen: „Ein Tag Anreise, ein Tag Abreise, ein Tag Auftritt, TV-Auftritt, ein Tag Ferien. Das sind sechs Tage. In der Weihnachtszeit kann mein Künstler sechs Mal an einem anderen Ort auftreten und verdient jeweils CHF 50‘000. Das ergibt 300‘000 minus die paar Tausend, die Sie mir anbieten, womit wir bei CHF 290‘000 Verlust ankommen!!“ Es geht emotionslos ums Geschäft. Der Künstler selber sieht das möglicherweise anders. Er kümmert sich aber nicht um die Finanzen. Das ist teilweise vollkommener Irrsinn, der sich abspielt und wir könnten ja, wenn es nicht so wäre, dass das Humorfestival Arosa eben für Künstler eine interessante Sache ist, nicht mithalten und gleich dicht machen. Früher war das anders. Da sagte die Frau des Künstlers, dass sie schon lange wieder einmal nach Arosa gehen und einen Auftritt gleich mit ein paar Tagen Ferien verbinden wollte. Das gibt es heute nur noch in ganz seltenen Fällen.

Ich treffe mich immer wieder mit Künstlern bei mir zu Hause. Sie wohnen bei uns und wir diskutieren bis spät in die Nacht hinein. Es gibt diese Künstler, die dieses Feu Sacré in sich haben, extrem engagiert sind und nicht bei jeder Handlung ans Geld denken. Es ist die differenzierte Auseinandersetzung, der Gedankenaustausch, was das Beisammensein mit ihnen extrem spannend macht. Ich hatte zwei Künstler aus Australien bei mir zu Gast und es war wunderbar zu sehen, wie sie die Welt sehen. Ey, man darf nicht vergessen, dass die ja dauernd auf dem Kopf stehen!

Herr Baumann, was wünschen Sie dem Humor und dem Humorfestival Arosa?

Schlechtes Wetter! Aber das dürfen Sie nicht schreiben. Wenn es schneit und „chutät“, dann Platzt das Zelt aus den Nähten!

Herr Baumann, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen sowohl persönlich als auch beruflich weiterhin alles Gute und viel Erfolg!

(C) 2015 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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