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Monatsinterview Februar 2015: Zeitzeuge

 

Hans Theodor SieberHans Theodor Sieber, Jahrgang 1931, wurde in Basel geboren. Der Kleinhüninger folgte mit seiner Familie als Baby seinem Vater, der an Tuberkulose, der sogenannten Schwindsucht, erkrankte und in Kur nach Davos gehen musste. Davos war schon damals weltbekannt für seine Höhenkliniken und Kurhäuser, die von einer gutsituierten an Tuberkulose erkrankten Klientel aus ganz Europa aufgesucht wurden. Davos war aber auch ein Ort, an dem sich Nazis zu tummeln pflegten, so auch Wilhelm Gustloff, der in Davos am Physikalisch-Meteorologische Observatorium arbeitete und bald von Deutschland zum Landesgruppenleiter der NSDAP-Auslandsorganisation in der Schweiz berufen wurde. Seine Vergangenheit als Vertreter nazifreundlicher Ideen in der Schweiz ist wenig ruhmreich. Aber seine mit seiner Berufung verbundene Rückreise und die damit entstehende Vakanz, bescherte Hans Theodor Siebers Vater einen Halbtagesjob in Davos an besagtem Observatorium. Doch schon bald zog die Familie nach Bern, wo Vater Sieber für den Bund arbeiten konnte, eine Arbeit, die ihm mehr zusagte. Hans Theodor Sieber absolvierte in Bern in der Folge die ordentlichen Schulen und fing eine Lehrstelle beim Reiseunternehmen Kuoni an. Er sollte in der Lehre nicht nur Tickets organisieren, sondern auch Auswanderern helfen, bspw. nach Kanada zu gelangen, wo viele Schweizer Land geschenkt erhielten. Dutzende von Schweizer zog es v.a. im 19. Jahrhundert aufgrund fehlender Perspektive und Gängeleien in der Schweiz ins Ausland, viele von ihnen Wiedertäufer, heute bekannt als Amische und Menenniten. Zuerst in Nizza tätig, wo Hans Theodor Sieber erste berufliche Erfahrungen sammeln konnte, gelangte er nach Korea, wo er im Auftrag der Schweiz (als Militärperson) tätig war und das damals kriegsgezeichnete Land kennen und schätzen lernte. Das sollte jedoch seine letzte Reise in dieses ferne Land nicht sein. Unlängst besuchte er zusammen mit seinem Sohn David Orte in Korea, an denen er sich vor rund sechs Jahrzehnten aufhielt. Im Interview mit Christian Dueblin spricht Hans Theodor Sieber über seine Jugend, seine Lehrzeit, seine Tätigkeiten als Reisefachmann und berichtet über geschichtliche Zusammenhänge in Bezug auf Korea.

Christian Dueblin: Herr Sieber, Sie stammen aus Kleinhüningen in Basel, haben aber Jahre Ihres Lebens in Davos und Bern verbracht. Ihre spätere Arbeit in der Reisebranche brachte Sie zudem in alle Länder dieser Welt. Wo kamen Ihre Eltern her und wo fühlen Sie sich heute zuhause?

Hans Theodor Sieber: Mein Vater war ein Basler aus Kleinhüningen. Meine Mutter war Stadtbernerin Darum, und weil ich viele Jahre in Bern verbracht habe, hört man auch heute noch meinen Berner Dialekt heraus. Ich selber fühle mich aber seit langer Zeit schon als Oberwiler, wo ich wohne, und als Basler, wo ich beruflich tätig war. Ich habe hier Jahrzehntelang gewohnt und gearbeitet und fühle mich mit vielen Menschen und Institutionen sehr verbunden.

Mein Grossvater, der 1875 geboren wurde, war ein Kleinhüninger. Er wohnte in der Bonergasse. Die Familie wurde in den Zwanzigerjahren expropriiert. Das geschah, weil das Hafenbecken 1 am Rhein gebaut werden sollte. Viele Liegenschaften mussten aufgrund dieses Bauvorhabens weichen. Kürzlich fand ich in Basel (Auf dem Wolf) anlässlich einer Ausstellung, die u.a. die Geschichte Kleinhüningens von 1909 bis 1999 beleuchtete, interessante Informationen über die Zeit meiner Grosseltern im „Fischerdorf“. Meine Cousine fand sogar einen alten Lageplan der Liegenschaft meiner Grosseltern. Mein Grossvater hatte immerhin rund 9‘000m2 Land, das er dann abgeben musste. Er bekam aufgrund der Expropriation natürlich Geld, mit dem er sich Anfang der Zwanzigerjahre am Wiesendamm 24 ein neues Haus bauen konnte, das noch heute dort steht. Mein Vater und sein Bruder wuchsen in Kleinhüningen in diesem Haus auf. Mein Onkel besuchte das Humanistische- und mein Vater das Real-Gymnasium.

Wie kam es, dass Sie Teile Ihrer Jugendzeit in Davos verbrachten und wie haben Sie diese Zeit grad rund um den Zweiten Weltkrieg in Erinnerung?

Mein Vater arbeitet zunächst für die Brauerei Warteck, die es heute nicht mehr gibt. Für Warteck war er als „Wirtebesucher“ unterwegs. Er verkaufte Bier und sorgte dafür, dass die Kunden, also die vielen Restaurant- und Barbesitzer, zufrieden waren. Wir kennen heute noch das Warteck-Areal, das sich in den letzten Jahren zu einem bekannten kulturellen Treffpunkt entwickelt hat. Später hatte mein Vater einen Job in einer Handelsfirma in Bern, wo er meine Mutter kennenlernte.

Meine Eltern hatten zunächst eine Wohnung in der Frobenstrasse in Basel, unweit der Kaserne und des Rheins. Ich kam in der Leimenklinik zur Welt. Meine Schwester war 11 Monate jünger. Im Wehrdienst erwischte mein Vater die Tuberkulose, eine Krankheit, an der früher sehr viele Menschen starben. Man sprach damals auch von der „Schwindsucht“. Er musste nach Davos gehen, wo es spezielle Höhenkliniken zur Behandlung dieser Krankheit gab. Dort waren auch sehr viele gutsituierte Ausländer - denken Sie an das Buch von Thomas Mann „Der Zauberberg“ -, die an Tuberkulose litten, und es gab viele bekannte Ärzte, beispielsweise Dr. Alexander Spengler - heute noch bekannt als Stifter des Spengler-Cups -, die versuchten, ihre Patienten mit besonderen medizinischen Verfahren zu heilen. Mein Vater wurde in einer sogenannten „Militärsanitätsanstalt“ behandelt und kuriert. Glücklicherweise hatte er einen guten Arzt, der ihm später half, wieder gesund zu werden. Die Behandlung jedoch nahm sehr viel Zeit in Anspruch und meine ganze Familie musste nach Davos ziehen. Zuerst waren wir in Davos Dorf. Das erste Haus, in dem wir wohnten, hiess Kamen. Das zweite Haus hiess Sarsura. Dort lebte übrigens damals eine Familie Sautter. Willi Sautter avancierte später zu einem bekannten Maler und wohnte in Basel, wo er Dauergast im traditionellen Restaurant Hasenburg war, ein Ort, an dem sich viele Künstler und Aussteiger trafen. Wir waren somit aufgrund der Krankheit meines Vaters von 1932 bis 1940 im bündnerischen Davos, wo ich auch die ersten zwei Schulklassen besuchte. Rückblickend habe ich dort vor allem Skifahren gelernt und den Religionsunterricht besucht, was mir nicht sehr behagte. Der Lehrer hiess Donau, auch „Gyge-Hitsch“ genannt.

Davos, heute vor allem aufgrund des World Economic Forums (WEF) ein Begriff, war damals ein begehrter Kurort. Wie haben Sie dieses ehemalige Dorf, heute eine bekannte Stadt, in Erinnerung?

Das Dorf war bekannt aufgrund seiner Kurhäuser, in denen gutsituierte Menschen aus ganz Europa behandelt wurden. Es wimmelte damals in Davos von Deutschen, darunter sehr viele Nazis. Man darf durchaus sagen, dass Davos ein „Nazi-Nest“ war. Ich erinnere mich noch gut, als ein Deutscher Herr namens Wilhelm Gustloff Landesgruppenleiter der NSDAP-Auslandsorganisation in der Schweiz wurde. Er war bemüht, Deutsche in der Schweiz, aber auch Schweizer, für Nazi-Ideen zu gewinnen. Gustloff hatte damals einen Halbtagesjob am Physikalisch-Meteorologische Observatorium in Davos. Das Institut befand sich in der Villa Silvana. Nach seiner Berufung als Landesgruppenleiter durch Nazideutschland musste er zurück in seine Heimat. Damit wurde auch seine Stelle am Observatorium frei. Mein Vater konnte diese Stelle aufgrund von guten Beziehungen übernehmen.

Gustloff’s Schicksal, er wurde auf spektakuläre Weise getötet, war damals ein grosses Medienereignis…

Absolut! Der präsumtive Reichsleiter Schweiz der NSDAP weilte immer noch in Davos und war kurz davor, ins Reich zurückzukehren, woraus aber nichts wurde. Der jüdische Student David Frankfurter reiste von Zürich nach Davos, begab sich zur Wohnung von Gustloff, läutete an der Wohnungstüre und als dieser öffnete, fragte er ihn nach seinem Namen. Gustloff nannte seinen Namen, worauf Frankfurter eine Pistole aus der Manteltasche zog und Reichsleiter Gustloff erschoss. Der Aufruhr im Reich war gross, man wollte unbedingt, dass die Schweiz den Mörder ausliefere. Doch das Kantonsgericht verurteilte David Frankfurter zu mehreren Jahren Haft und wehrte alle Begehren der Nazis ab. Man wusste damals, dass SS Agenten in die Schweiz einreisten, um den Delinquenten zu fassen und womöglich zu liquidieren. Doch ein bündnerischer Justizbeamter, Oberaufseher Tuena, verlegte David Frankfurter laufend in andere Gefängnisse des Kantons, so dass Frankfurter durch all die Kriegsjahre heil davonkam. Er konnte kurz nach dem Krieg nach Israel ausreisen. Oberwärter Tuena wurde später von der israelischen Regierung mit dem Titel „Einer der Gerechten“ ausgezeichnet und erhielt einen Baum im Wald der Gerechten.

Ein deutsches Passagierschiff bekam nach Gustloffs Tod den Namen „Wilhelm Gustloff“. Es wurde als Truppentransporter eingesetzt. Kurz vor Kriegsende wurde das Schiff von einem russischen Torpedo getroffen und sank so rasch, dass wohl der grösste Verlust aller Zeiten an Passagieren, darunter viele Flüchtlinge, resultierte. Man spricht von über 5‘000 Menschen, die damals ihr Leben verloren, eine grosse Tragödie.

Was passierte daraufhin in Ihrer Familie? Fühlte sich Ihr Vater in Davos am Institut wohl?

Nein, ihm gefiel die Arbeit und Umgebung nicht und er wollte Davos verlassen. Auch sein Bruder Hans litt an Tuberkulose. Auch er war in Davos stationiert, blieb dort jedoch, anders als mein Vater, sein Leben lang. Er sollte später fast 40 Jahre lang die Basler Heilstätte in Davos, auch Basler Sanatorium genannt, leiten. Das war eine Institution unterhalb des Seehorns, in der Nähe des Davoser Sees. Das ist übrigens die Stelle, wo sich heute das „goldene Ei“, ein architektonisch auffälliges Luxushotel, befindet. Die Basler Heilstätte ermöglichte es auch nichtreichen Menschen, sich gegen Tuberkulose behandeln lassen zu können. Sie wurde damals von zahlreichen Basler Ärzten, aber auch durch ein finanzielles Engagement der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige (GGG), ermöglicht.

Mein Vater wollte also wieder zurück ins Unterland. Er schrieb fast 90 Bewerbungen und konnte schliesslich dank familiären Kontakten auf Seiten meiner Mutter bei der Zentralstelle für Kriegswirtschaft in Bern eine Stelle antreten, wo er schliesslich bis zu seiner Pensionierung für den Bund arbeitete.

Was machten Sie persönlich, zurück aus Davos und neu in Bern, in einer für Sie fremden Stadt?

In Bern absolvierte ich zunächst den Rest der ordentlichen Schulen. Ich wollte ursprünglich Lehrer werden und bewarb mich damals am Unterseminar in Hofwil. Ich hätte möglicherweise dort studieren können. Es kam aber ein Cousin meiner Mutter auf mich zu und erzählte mir von einem Herrn Alfred Kuoni und einem Herrn Harry Hugentobler, damals Chef, heute würde man CEO sagen, von Kuoni Schweiz, der in Bern ein weiteres Reisegeschäft eröffnen wollte. Anlässlich dieser Geschäftsgründung wurde dort auch eine Lehrstelle frei, die ich bekam. Das ist der Beginn meiner beruflichen Karriere im Reisegeschäft, die mich über Jahrzehnte in wohl alle Länder dieser Welt führte. Den Lehrvertrag von damals habe ich noch. Das Aufsetzen des Vertrages kam damals einer riesigen Übung gleich, denn sogar die Schulbehörde von Bern musste das Vertragswerk unterzeichnen, sprich ihren Segen zur Lehre geben.

Das Kuoni-Büro in Bern, das sich vor allem dem Reisen widmete, war für mich eine interessante Sache. Es ging jedoch nicht nur um das Reisen. Zu den Aufgaben des Büros, und damit auch zu meinen Aufgaben, gehörte die Betreuung von Schweizern, die auswandern wollten. Viele Menschen, vor allem Bauern, suchten damals ihr Glück im Ausland. Unternehmen, wie die Canadian National Railways und Canadian Pacific Railways, gingen bei uns im Büro ein und aus. Wir brachten die Vertreter dieser Bahnen mit den Auswanderungswilligen zusammen und organisierten Interviews. Die Kanadier hatten ein grosses Interesse an Menschen aus der Schweiz. Sie bezahlten ihnen nicht nur die Reise nach Kanada, sondern schenkten ihnen auch Land. Kanada war damals krass unterbesiedelt und der Staat Kanada scheute keine Kosten, um Menschen aus der ganzen Welt ins eigene Land zu holen.

Wer waren diese Menschen, die nach Kanada oder in andere Länder gingen und was bewog sie damals, der Schweiz den Rücken zu kehren?

Es waren viele Menschen aus dem Bernerland, praktisch fast alle Bauern, Leute die keinen Hof übernehmen konnten oder für die das Leben in der Schweiz nicht viel Positives bringen konnte. Es galt damals die fixe Regel, dass der jüngste Sohn den Hof übernehmen konnte. Die anderen Geschwister mussten sich somit zu helfen wissen. Zu meiner Zeit, also 1949, waren das noch ein paar Dutzend Menschen im Jahr, die ausreisen wollten. Zuvor aber waren das Hunderte, die die Schweiz verliessen und nie mehr zurückkehrten. Man muss sich vorstellen, dass es von Bern Extrazüge gab. Es wurden die Unterdecks vieler Schiffe angeheuert, um Menschen aus der Schweiz in andere Länder zu bringen, über den Atlantik nach New York (1. Station Ellis Island) und den Lorenzstrom hinauf nach Kanada. Unter diesen Menschen befanden sich, wie die Jahrhunderte zuvor, im Übrigen auch die sogenannten „Wiedertäufer“, die vom Staat, den Landeskirchen und der Gesellschaft schikaniert ihr Glück in anderen Ländern suchten. Die Art und Weise, wie man mit diesen Menschen verfuhr, erschien mir schon damals als ziemlich rassistisch und diskriminierend. Wiedertäufer hiessen diese Menschen, weil sie mit 20 Jahren ihre Kinder noch einmal taufen liessen. Wir kennen sie heute aus den USA unter dem Namen Mennoniten und Amische. Der Name „Amische“ stammt vom Schweizer Jakob Ammann, der im Simmental aufwuchs. Er war einer der führenden Figuren dieser Religionsbewegung, die vor allem auch im Elsass eine wichtige Rolle spielten. Die Wiedertäufer wurden stets verfolgt und viele mussten, um ihr Leben zu retten, in ferne Länder fliehen, vor allem auch in die heutigen USA.

Es bedurfte eines eidgenössischen Patentes, um den Auswanderungswilligen helfen zu können. Ein Gesetz aus dem Jahr 1888, das meines Wissens ein Mal im Jahr 1925 revidiert wurde, gab vor, wie man mit den Auswanderern umzugehen hatte. Eine Regelung bestand auch zu meiner Zeit als Lehrling in Bern noch darin, dass man diesen Menschen 5 Franken abknöpfen musste. Das war das Geld, das man für eine christliche Bestattung brauchte, sollte ein Auswanderer auf der Reise sterben, was natürlich immer wieder geschah. Ich war als Lehrling also mit diesen Menschen und ihren Problemen beschäftigt und stellte viele Tickets für Reisen aus der Schweiz aus. Das Amt für Auswanderung befand sich, wie jede Bundesbehörde, in Bern.

Was machten Sie nach der Lehre in Bern?

Die KV-Lehre verlief sehr gut und ich konnte viel lernen. An der Schlussprüfung war ich besser als im Jahresdurchschnitt und ich verfehlte den Rang lediglich um einen Zehntelpunkt. Man fragte mich in der Folge aus der Zürcher Hauptzentrale an, ob ich nach Nizza gehen möchte, als Stagiare, also als Praktikant. Hier muss man wissen, dass es Kuoni als Reisegesellschaft schon sehr lange gab. Alfred Kuoni gründete sein Unternehmen bereits 1906.

Der verstorbene Tourismusdirektor Kurt H. Illi erzählte mir viel über die Anfänge der Tourismusindustrie in der Schweiz, aber auch über die Rolle von Thoms Cook. Was machten diese Reisebüros damals?

Die Reisebüros hatten zunächst die Hauptaufgabe, vor allem Ausländern in der Schweiz das Reisen zu ermöglichen und zu erleichtern. Das erste Reisebüro, das auch ins Ausland ging, um Gesellschaftsreisen zu organisieren, war tatsächlich Thomas Cook. Cook organisierte schon im 19. Jahrhundert Reisen über ganz Europa hinweg und war auch im Raum Luzern stark. Kuoni machte das ähnlich in der Schweiz und das Reisebüro hatte in der Schweiz einen guten Namen. Er fing auch an, reisewillige und reiselustige Menschen ins Ausland zu bringen. Das waren damals Reisen im Schlaf- und Salonwagen, gedacht und massgeschneidert für eine gehobene gesellschaftliche Schicht von finanziell sehr gut gestellte Menschen. Bald schon mischte auch Danzas im Reisebereich mit. Erst viel später erfuhr ich von einem Kollegen, dass der damalige Chef von Kuoni Zürich, Harry Hugentobler, zum Zeitpunkt meines Lehrabschlusses die besten Lehrlinge suchte, um ihnen einen Aufenthalt in Nizza zu ermöglichen.

Worin bestand Ihre Arbeit als junger Mann im sonnigen Süden Frankreichs?

Ich fand die Idee mit Nizza toll und es gefiel mir in Südfrankreich sehr gut. Wir verdienten im Monat rund 200 Franken. Das war nicht viel Geld, schon damals nicht, und am Abend überlegten wir uns oft, ob wir nun etwas essen oder ins Kino gehen sollten. Beides zusammen war nicht möglich. Ich musste damals für Voyages Kuoni, den Kuoni-Ableger in Nizza, als der Dollar noch 4,3 Franken war (!), Menschen vor allem aus USA kommend im Süden von Frankreich begleiten. Die Reisenden kamen in Cars, Schiffen und Zügen und ich musste schauen, dass sie ins richtige Hotel gelangten, Ausflüge nach Monte Carlo organisieren und vieles mehr. Die Reisenden kamen unter dem Motto „Europe in 8 days“ nach Südfrankreich. Von dort ging es dann auch nach Genua, nach Italien, natürlich vor allem nach Venedig, aber auch in die Schweiz, beispielsweise nach Luzern, und aufs Jungfraujoch. Damals kamen auch die ersten Flugreisen auf.

Interessant war auch die Reisementalität der Schweizer selber. Ich erinnere mich an die zahlreichen Reisenden aus dem Jura, die für die Uhrenindustrie arbeiteten. Einmal 50 Jahre alt konnten die Mitglieder des „Jahrgängervereins“ eine grössere Reise unternehmen. Sie kamen meist nach Nizza. Ich musste diesen „Contemporains“ helfen, sich in der Stadt zurechtzufinden. Kuoni hatte im Übrigen genau aus diesem Grund auch eine Filiale in La Chaux-de-Fonds aufgebaut. Es gab offizielle Uhrenmacherferien, die drei Wochen dauerten. Die Uhrenfabrikanten selber hatten persönliche Kontakte zu reichen Kunden, bspw. aus den arabischen Emiraten, die sie pflegen wollten. Diese Menschen kauften viele Uhren und betrieben in ihren Ländern Läden, wo reger Handel mit den schon damals teuren Schweizer Uhren getrieben wurde. Es wurde überall sehr viel Geld verdient, was dem Reisen, den Bedürfnissen und Ansprüchen keine Grenzen setzte. So kamen also etliche Menschen aus dem Jura an die Adria und an die Côte d‘Azur. Mir gefiel diese Arbeit sehr. Von Nizza fuhr ich dann 1953 zurück in die Schweiz. Ich ging zwischendurch auch in die Rekrutenschule und verdiente meinen UOF-Grad ab. Kuoni bot mir darauf eine Stelle in Zürich an. Ich fühlte mich dort an der Bahnhofstrasse aber nicht am richtigen Ort.

Es gab damals beim Abverdienen eine Vereinbarung mit dem Militär. Es schrieb einem nebst dem Sold täglich 40 Franken gut. Das war eine Menge Geld, was es mir erlaubte, etwas zur Seite zu legen. Schliesslich wechselte ich zum Reiseanbieter Danzas nach Biel. Es war die Zeit als die Fliegerei aufkam und viele Menschen besuchten die Schweiz und Europa im Flugzeug. Das Flugzeug brachte Reisende in kurzer Zeit überall hin, natürlich nicht mit dem Komfort, den wir heute vom Fliegen gewohnt sind.

Sie gingen bald darauf nach Korea, in ein Land, das Sie in Ihrem Leben einige Male besucht haben und das Sie im besonderen Masse beschäftigt hat. Sie waren unlängst auch mit Ihrem Sohn in Korea und haben in Bezug auf diese Reise auch Interviews gegeben. Wie kam es zum Kontakt mit Korea und überhaupt zur Idee, als junger Mensch Mitte der Fünfzigerjahre dorthin zu gehen, fern von vielen schönen und heilen Feriendestinationen, die Sie auch hätten besuchen können?

Ich vernahm, dass ein Kollege von mir nach Korea gegangen ist und mich interessierte dieses Land. Wenn er das konnte, dachte ich, kann ich das auch und ich bewarb mich für einen Einsatz für die NNSC (Neutral Nations Supervisory Comission). Die Schweiz wurde als neutrales Land für die NNSC aktiv und stellte Armeeangehörige, wie das auch die Schweden taten. Wir selber waren jedoch nicht im Auftrag der UNO unterwegs, die im Koreakrieg als Kriegspartei auftrat, natürlich unter Führung der USA, sondern im Auftrag der Schweiz. Nachdem ich mich 1955 für diesen Einsatz bewarb, musste ich diverse Vorbereitungkurse absolvieren. Ich bekam Serum, Tropfen und Spritzen gegen alle Arten von Krankheiten. Bei diesen Massnahmen wusste man schon damals nicht, ob sie nicht schlimmer waren als die Krankheiten selbst, gegen die sie einen hätten schützen sollen. Im November 1955 wäre mein Abflugtermin gewesen. Es gab damals aber einen Rückzug von sogenannten Aussen-Teams, der gerade im Gang war und ich wurde zurückgestellt. Ich dachte schon, dass das alles nicht funktionieren würde und plante meine eigene Reise. Da ich in der Reisebranche tätig war, konnte ich zum Preis von 10%-15% der normalen Kosten Flugtickets kaufen. Ich flog leicht frustriert von Zürich nach Kairo, von dort nach Aussuan und schliesslich nach Athen. Kaum wieder zuhause angekommen, wurde ich in den ersten Januartagen 1956 aufgeboten. Schon im Februar befand ich mich im Flieger, einer Propellermaschine, in Richtung Korea. Die Reise ging von Zürich nach Frankfurt, dann nach den Azoren, Trenton NJ Air Force Base (AFB) nahe New York, Washington DC AFB, weiter nach Travis AFB , Hickam AFB auf Hawaii (Honolulu) und weiter nach Wake Island, um dann in Tokyo-Tashikawa Airport zu landen. Drei Tage Schulung für unsere Aufgabe und schon flogen wir nach Seoul-Kimpo Aiport, um von dort das rund 60 km nördlich gelegene Panmunjon per Autocar zu erreichen. Panmunjon liegt auf dem 38° Breitengrad und war das Hauptquartier der Schweizer- und Schweden, aber auch der polnischen- und tschechoslowakischen NNSC-Delegationen.

Was ging damals in Korea vor sich? Vielen dürfte bekannt sein, dass der Koreakrieg stattfand. Was aber waren die Hintergründe des Krieges, was gab es zu tun und was für eine Stimmung herrschte in Bezug auf dieses Land und den Krieg?

1945 war der Zweite Weltkrieg gerade fertig und schon 1950 steckten die Amerikaner wieder mitten in einem Krieg. Dieses Mal mit Korea. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Korea in zwei Zonen geteilt. Im Norden waren die von den Russen und Chinesen unterstützen Kommunisten und im Süden die nicht kommunistische Republik Korea. Man sah diesen Krieg kommen. Ganz Korea hätte, wenn es nach dem Norden und den Chinesen gegangen wäre, kommunistisch werden sollen. Der Norden war hoch gerüstet, der Süden nicht. Als 1950 die Truppen aus dem Norden den Süden angriffen, hatten die Amerikaner, wenn man so will, nur Bürogummis vor Ort, aber keine grösseren Kampftruppen, die hätten Widerstand leisten können. Die Armee des Nordens überfuhr Südkorea in einer ungeheuren Geschwindigkeit. General McArthur war der oberste Militärchef der Amerikaner und wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Er sendete grössere Truppenkontingente nach Korea. Sie kamen mit Schiffen und gingen auf der Höhe von Inchon an Land. Die Amerikaner trieben die kommunistischen Truppen zurück. Doch an der Grenze zu China schritt Mao Tse-tung mit seiner Chinese People Volunteer Army ein. Seine Armee kam im Norden von Korea von den Bergen her, wo sie lange Zeit von den Amerikanern nicht erkannt wurde. Die chinesische Armee schlug plötzlich für die Amerikaner vollkommen unerwartet los und die Amerikaner wurden schlicht überrollt. Es gab zahlreiche Tote und rund 70‘000 Amerikaner wurden eingekesselt. Mit riskanten Evakuationsmanövern konnten sich diese Soldaten teilweise mit Flugzeugen und Schiffen retten. Auch Seoul wurde bei diesen Auseinandersetzungen, wie viele andere Städte auch, hart getroffen.

Begonnen hat dieser Krieg, der von 1950 bis 1953 anhielt, mit dem Überfall der Kommunisten auf Südkorea. Die UNO in New York hielt daraufhin eine denkwürdige Sicherheitsrats-Sitzung ab, die in der Resolution 85 resultierte. Der russische Vertreter, Jakow Malik, war nicht anwesend. Er boykottierte die Sitzung. So kam es, dass die UN intervenierte und selber Kriegspartei wurde, weil mit der chinesischen Invasion ein Friedensvertrag verletzt worden war, der einst unterzeichnet wurde. Über 20 Nationen stellten Truppen zur Verfügung. Natürlich waren die Amerikaner federführend. Sie wurden aber vor allem von englischen, belgischen, französischen und türkischen Truppen unterstützt. Auch die Äthiopier waren auf der Seite der Amerikaner, mit ihrem legendären Captain Johannes an der Spitze. Seine äthiopischen Einheiten waren sehr gefürchtet, da sie nur mit Säbeln ausgerüstet gegen die Feinde vorstiessen und diese regelrecht massakrierten. Ich kam 2 bis 3 Jahre nach diesen Auseinandersetzungen nach Korea und sah die ganze Zerstörung des Landes mit eigenen Augen. Korea war komplett verwüstet.

Was veranlasste damals die offizielle und neutrale Schweiz, Sie und andere Schweizer nach Korea zu entsenden?

Weil die UNO als Kriegsgegner und Kriegspartei galt, konnte nicht einfach ein UNO-Land als Überwachungskommission in die Sperrzone und nach Nord- und Südkorea gehen. Das wäre von den verfeindeten Zonen in Korea und den vielen anderen am Krieg Beteiligten nicht geduldet worden. Es musste also ein anderes Land her, dem man nicht den Vorwurf machen konnte, auf irgendeine Weise parteiisch zu sein. Man fand für diverse Aufgaben die Schweden, Polen und Tschechoslowaken. Auch dachte man an die neutrale Schweiz, die ebenfalls offiziell für Einsätze in Korea angefragt wurde. Die offizielle Schweiz sagte aber zunächst nein. Der Bundesrat stimmte aber später mit 6:1 zu. Der Bundesrat, der Nein sagte, ist bekannt, doch lassen wir die Namensnennung…

Was waren Ihre Aufgaben im fernen Korea?

Meine Aufgabe bestand darin, diverse Dienstleistungen zu erbringen. Das war anfänglich sehr banal. Ich führte als Chief General Service einen Spezereiladen. Die Teams ausserhalb des Camps assen schlecht und oft nicht genügend. Ich musste gemäss Funkmitteilungen Nahrungsmittel für die Teams bereitstellen. Es kamen Kuriere und ich gab ihnen die bestellten und gewünschten Sachen mit. Später war ich als Verbindungsoffizier tätig. Es gab eine Conference Area. Am Morgen ging ich zu den Nordkoreanern und brachte Papiere, meist irgendwelche Sitzungsprotokolle. Am Nachmittag war ich wieder bei den Amerikanern. Wir sprachen viel und tauschten uns aus. Im Sommer, wenn es heiss war, war der Umdrucker, den wir für die vielen Kopien zu benutzen hatten, immer vollkommen schwarz. Die Hitze führte dazu, dass die Tinte auslief und die Geräte nicht mehr brauchbar waren. Wir mussten regelmässig die ersten hundert Seiten wegwerfen. Wir bekamen darum die Bewilligung, in die Conference-Area zu gehen, um dort nachts um 02:00 Uhr bei kühleren Temperaturen unsere Dokumente zu drucken. Ich wurde auch als Kurier eingesetzt.

Sie waren insgesamt 11 Monate in Korea. Was veranlasste Sie, nach Hause zu gehen und was erwartete Sie in der Schweiz?

Wir waren das erste Team in Korea, das über China nach Hause reisen durfte. Wir waren zu Dritt unterwegs und es bedurfte für dieses Unterfangen der persönlichen Bewilligung des damaligen Bundesrates Max Petitpierre. Mein Vater, der für den Bund arbeitete, wurde bei ihm vorstellig und konnte diese Bewilligung bewirken. Wir gingen kurze Zeit darauf von Pjöngjang nach Peking. Die Eisenbahnwagen waren aus Ungarn, ein Land, das damals über eine enorm hochstehende Industrie verfügte. In Peking kamen wir in Kontakt mit der Schweizer Botschaft. Wir hatten eine ganze Kiste voller Esswaren mit dabei und das Botschaftspersonal hatte zu unserer Überraschung riesige Freude am Käse und an der frischen Salami, die wir aus Korea mitnahmen. Es ging mit dem Flugzeug nach Kanton, das heutige Guangzhou. Kaum auf britischem Hoheitsgebiet angelangt, vernahmen wir, dass es zum Ungarnaufstand kam. Die Reise ging über Yokohama nach Hawaii, von dort nach Schottland und über Frankfurt zurück in die Schweiz.

Was machten Sie zurück in der Schweiz?

1957 war ich somit nach langer Zeit wieder zurück in der Schweiz. Ich arbeitete für Danzas und bekam die Möglichkeit, in Basel zu arbeiten. Dort lernte ich dann auch meine Frau Lisbeth kennen. Ein Kollege, Peter Schaub, sagte mir kurz darauf, er würde ein Reisebüro eröffnen, im Namen der GZB, der Genossenschaftlichen Zentralbank. Er hatte eigentlich hierfür einen Kollegen aus Bern angestellt, der aber am Tag der Eröffnung nicht erschien. Ich sprang in die Bresche und stieg ins eben gegründete Reisebüro ein. Das Reisebüro Basilisk gibt es heute noch. Ich war dort der Fachmann für das Reisewesen. Ich organisierte eine Vielzahl von Reisen für das Management der Bank. Auch kamen sehr viele Menschen, die in gehobenen finanziellen Verhältnissen lebten und sich teure Reisen auf der ganzen Welt leisten konnten. Dadurch ergaben sich im Leben sehr viele Schnittstellen und Bekanntschaften. Das „Geschäften“ war damals noch anders als heute, wo man die Kunden draussen suchen gehen muss und auf jedem erdenklichen Gebiet eine unerhörte Konkurrenz herrscht. Von den Fluggesellschaften und Hotelketten gab es regelmässig gesponserte Reisen. Viele Chefs von Reisebüros profitierten von diesen, auch ich. So kam ich in alle Länder der Welt. 1996 gingen wir nach Korea, eine Reise, die ich organisierte, weil mich das Land nach wie vor beschäftigte. Ich organisierte Ausflüge in die Conference Area, in die man sonst nicht reinkommt.

Sie waren 2010 wieder in Korea, zusammen mit Ihrem Sohn David. Die Reise resultierte auch in Interviews und Berichten hier in der Schweiz. Was hat Sie veranlasst, noch einmal in dieses Land zu gehen?

Das Interesse am heutigen Zustand Südkoreas, einer führenden Wirtschaftsnation, und ein bisschen „gelbe Krankheit“, die mich befallen hat, waren ausschlaggebend. Mit „gelber Krankheit“ wurden Menschen bezeichnet, die ein Faible für Asien hatten. Zweifelsohne habe ich diese Krankheit, also dieses „Leiden“. Dazu wollte ich meinem Sohn vor Ort zeigen, über was ich Jahrzehntelang in der Familie gesprochen hatte. Diese Reise war für mich äusserst interessant, da ich die geschichtlichen Zusammenhänge kenne und ich gemeinsam mit meinem Sohn Nord- und Südkorea besuchen konnte.

Macht es Sie manchmal melancholisch, wenn Sie an die vielen Orte denken, die Sie bereisen konnten und die heute anders sind?

Nein, alles hat seine Zeit und ich heule nichts nach. Ich möchte aber erwähnen, dass es mir all die Jahre gut ging, ich meine Arbeit gerne machte, fast nie krank war und eine tolle Familie mit tollen Kindern grossziehen konnte, was hauptsächlich meiner lieben Frau Lisbeth zu verdanken ist. Jetzt sind wir über 55 Jahre verheiratet, die Kinder sind ausgeflogen und wir geniessen die Möglichkeiten des Altwerdens, ohne allzuviele „Bresten“. All das hängt auch viel mit ganz generellem Lebensglück zusammen, das ich all die Jahre hindurch sicher auch hatte…

Lieber Herr Sieber, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen, Ihrer Frau und Ihrer Familie viel Gesundheit und weiterhin alles Gute!

(C) 2015 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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