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Monatsinterview Oktober: Dr. Valentin Landmann


Valentin Landmann (C) Christian Düblin Dr. Valentin Landmann, Jahrgang 1950, wuchs in St. Gallen als Sohn eines Philosophen und einer Schriftstellerin auf. Er gehört heute zu den bekanntesten und illustresten Schweizer Juristen. Aufgrund seiner Tätigkeiten als Strafverteidiger u.a. für Mörder, Prostituierte und Kleinkriminelle, Menschen aus dem sogenannten „Milieu“, aber auch als Anwalt der Hells Angels, und seines Umgangs mit den Medien, wurden seine Fälle auch in der Öffentlichkeit bekannt. Über sein Elternhaus, speziell durch seine Mutter Salcia Landmann, eine bekannte Schriftstellerin (Autorin des Bestsellers „Der jüdische Witz“), findet er Interesse am Schicksal verschiedenster Menschen aus Kultur, Politik und Wissenschaft, Menschen, die in seinem Elternhaus, das er mit dem Begriff Casablanca-Atmosphäre beschreibt, ein und ausgingen. Im Gespräch mit Christian Dueblin spricht Dr. Valentin Landmann, dem einst eine Karriere als Rechtsgelehrter sicher war, über sein Leben, seine Bekanntschaft mit den Hells Angels, seine Ansichten zur Strafverteidigung und zeigt auf, wie Gesetze vollkommen am Ziel vorbeischiessen und gar zum Gegenteil des Gewollten führen können, so am Beispiel des internationalen Drogenhandels. Dass in der Praxis eine Kluft in der Anwendung des Eventualvorsatzes bei Kleinkriminalität und Wirtschaftskriminalität feststellbar ist und am Wachsen ist, muss zu denken geben. Dr. Landmann beantwortet zudem Fragen zu seinem neuen Buch „Jetzt wird's kriminell - Trust me, Die Psychologie der Wirtschaftskriminalität“, in dem er aufzeigt, wie Kriminelle zu Kriminellen werden und sich Geschädigte täuschen lassen.

Christian Dueblin: Herr Landmann, Sie sind in der Schweizer Rechtslandschaft bekannt, vielleicht vergleichbar mit einem Bernhard Russi in Sachen Sport. Das hat wohl damit zu tun, dass Sie regelmässig von Medien kontaktiert werden und Sie oft auch Fälle behandeln, die die Menschen interessieren, gerade, wenn es beispielsweise um die Hells Angels oder ums Milieu geht. Woher stammt dieses Interesse, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, die etwas auf dem Kerbholz haben (könnten) und sich oft auch am Rande der Gesellschaft bewegen?

Dr. Valentin Landmann: Mein Beruf als Anwalt und Strafverteidiger bereitet mir grosse Freude. Es gibt auch schwere und belastende Fälle. Trotzdem mache ich das, was ich mache sehr gerne. Mein Grossvater Julius Landmann war Volkswirtschaftler in Basel und Köln und hat beispielsweise bei der Erschaffung der Statuten der Nationalbank mitgewirkt. Er hat zu seiner Zeit auch das Steuergesetz in Liechtenstein entworfen. Es war aber sicher meine Mutter, die auf mich einen sehr grossen Einfluss hatte. Ich wuchs in St. Gallen auf. Mein Vater war Professor in Berlin. Mit ihm hatte ich viel weniger zu tun, weil er ständig im Ausland war. Die literarische Atmosphäre, die in meinem Elternhaus herrschte, hat mich sehr geprägt. Viele Schriftsteller und Künstler gingen bei uns ein und aus und diese Menschen haben auch viele Schicksale mit sich getragen - und viele Geschichten, die mich extrem interessierten. Diese ganz unterschiedlichen Menschen, mit denen meine Mutter zu tun hatte, kamen aus Länder der damaligen Donaumonarchie, aus Deutschland und aus Österreich. Ich würde die Atmosphäre damals zuhause in St. Gallen als „Casablanca-Atmosphäre“ bezeichnen. Meine Mutter hat sich mit diesen vielen Menschen sehr befasst und hat bis zu ihrem Tod geschrieben. Das Buch „Der jüdische Witz“ ist ein Standardwerk meiner Mutter. Sie finden es auch heute noch im Buchhandel. Es ist ein Dauerbrenner. Der jüdische Witz hat viel Selbstkritisches und grosse intellektuelle Schärfe. Das hat mich auch sehr interessiert. Ich selber bin aber evangelisch reformiert.

Sie stammen aus einer jüdischen Familie. Warum haben Sie den evangelischen Glauben angenommen und was bedeutet Glauben für Sie ganz persönlich?

Mein Elternhaus war nicht religiös. Ich habe mir das ausgesucht, was mich überzeugt hat. Ich war auch längere Zeit religionslos. Den evangelischen Glauben fand ich richtig. Ich bin selber aber nicht in einer Kirche dabei. Aus der offiziellen Kirche bin ich ausgetreten.

Es sind der protestantische Glaube und seine Grundsätze, die ich als richtig erachte. Was das Evangelium trägt, sollten wir Menschen verwirklichen. Das ist in einem gewissen Sinne immer auch etwas eine Utopie, aber diese Grundsätze bestimmen mein Leben mit. Moralvorstellungen und Religionsvorstellungen sollten die Handlungen von Personen mitbestimmen. Diese Grundsätze, die ich für richtig erachte, unterscheiden sich im Übrigen aber nicht wesentlich von den Grundsätzen, die auch das Judentum kennt. Das sind für mich auch keine Gegensätze, vielmehr Entwicklungen.

Sie haben sich für das Studium der Rechtswissenschaften entschieden, mit Bestnote abgeschlossen und eine tadellose Dissertation geschrieben. Was waren die Beweggründe, den juristischen Weg zu beschreiten?

Ich habe nach meinem Abitur in St. Gallen in Zürich Rechtswissenschaften studiert. Mich haben die Zusammenhänge zwischen Ökonomie und Recht sehr interessiert. Meine Dissertation handelt von einem strafrechtlich-zivilrechtlichen Grenzgebiet. Es ging um das Thema Notwehr, Notstand und Selbsthilfe im Privatrecht. Ich trieb dann auch meine Habilitation voran. Dort ging es um Produktehaftung. Meine Arbeit war rechtsvergleichend aufgebaut. Deshalb ging ich nach Hamburg ans Max Planck-Institut, um die Habilitationsschrift mit rechtsvergleichenden Erkenntnissen zu komplementieren. Dort gingen mir etliche Gedanken durch den Kopf. Ich sah, wie wir juristische Themen bis ins feinste Ästchen regeln, was rechtlich hochinteressant ist. Irgendwo aber empfand ich, dass das einfach nicht mehr mein Weg sein konnte. Ich suchte den Kontakt zu Randgruppierungen, die Recht anders verstehen und andere Moralvorstellungen haben und dabei gab es auch Kontakte bis in die sogenannte Unterwelt. Es kam damals auch zu Freundschaften mit Mitgliedern der Hells Angels. Ich nahm kurz darauf mein Skript, rund 500 Seiten, und vernichtete es.

Die Habilitation hätten Sie in Zürich Professor Max Keller abgeben sollen. Gab es noch andere Gründe, warum Sie Ihr Skript vernichtet und die Habilitation an den Nagel gehängt haben?

Ich hatte einfach zu viel gesehen, als ich mitbekam, wie damals in einer riesigen Aktion gegen die Hells Angels vorgegangen wurde. Die ganze Aktion war eine einzige Alibi-Übung. Ähnliches geschah einige Zeit später in der Schweiz in den Jahren 1984/85. Die ganze Sache, sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz, entpuppte sich am Ende als Riesenpleite. Damals meinte man jedoch, man habe die organisierte Kriminalität erledigt. Das war schlicht und einfach Blödsinn. Natürlich hat man einige Delikte aufgedeckt. Im Grossen und Ganzen war das aber nichts. Ich war der Meinung, dass man sich gegen solche Aktionen wehren und Menschen, die in diese Mühle geraten, helfen können muss. Ich war damals in einer Wirtschaftskanzlei in Zürich tätig. Dort lernte ich auch korrekt arbeiten. Absolute Korrektheit ist dort meines Wissens auch heute noch die Devise. Ich trat dort kurze Zeit später aus und eröffnete ein eigenes Büro. Einer meiner ersten Fälle war ein absolut aussichtsloser Mordfall. Wenn man solche Fälle bekommt, so denkt man am Anfang, dass das völlig hoffnungslos ist. Es gab eine Zeugin, die offenbar alles gesehen hatte. Ich fing aber an, mich selber zu fragen, ob denn der erste Eindruck der richtige ist. Ich konnte den Fall schliesslich gewinnen. Dadurch, dass offenbar bei vielen Fällen ein ordentlicher Erfolg eingetreten ist, kamen immer mehr Menschen zu mir, die rechtliche Unterstützung benötigten.

Sie haben sich eingehend mit den Hells Angeles beschäftigt. Man darf sie als soziales Netzwerk betrachten, ähnlich einem Rotary Club oder einer Loge, natürlich mit sehr vielen Eigenheiten. Was hat Sie an diesem Netzwerk interessiert?

Das ist durchaus ein brauchbarer Vergleich. In Bezug auf die Hierarchie hat ein Hells Angels-Präsident auch etwa so viel Macht und Einfluss, wie ein Rotary-Präsident oder ein Logen-Vorsteher. Würde ein „Mafioso“ jedoch versuchen, aus einem Hells Angels-Club eine organisierte Verbrecherbande zu machen, so würde er wohl nach spätestens zwei Wochen aus dem Fenster springen (lacht). Die Hells Angels-Mitglieder sind freiheitsliebende Querköpfe, die im Grunde keine Hierarchien befolgen.

Darf man die Hells-Angels als Anarchisten bezeichnen?

Nein, sie sind politisch nicht tätig und können somit nicht als Anarchisten bezeichnet werden. Sie akzeptieren den Staat. Sie sagen sich, dass das, was des Staates ist auch dem Staat gehören soll. Sie wollen innerhalb dieses Staates aber ihre Freiheit haben. Bei vielen Menschen, die nicht so einfach sind, und von ihnen gibt es auch Menschen bei den Hells Angels, kann auch hin und wieder mal etwas „verrutschen“. Die Hells Angels sind aber sicher nicht die gut organisierte Kriminalorganisation, als die man sie lange Zeit darzustellen versuchte.

Wie würden Sie die Hells Angels selber beschreiben? Was zeichnet sie aus, was Sie fasziniert?

In der Gruppe sind sie sehr familiär. Sie lassen andere Mitglieder nicht fallen. Dieser letzte Punkt ist sehr ausgeprägt. Sie haben gewisse atavistische Züge. Die alten Hells Angels werden sehr verehrt, im Gegensatz zu unserer Gesellschaft, in der alte Menschen nicht selten auf die Seite geschoben werden und man oft der Meinung ist, man müsse sie unterhalten. Junge Hells Angels hören älteren Mitgliedern zu und nehmen ihre Ratschläge ernst. Das ist bei den Hells Angels sehr ausgeprägt. Ur-Hells Angels kommen auch immer wieder in die Schweiz. Es gibt dann ein gemeinsames Dinner und die jungen Mitglieder sitzen um eine ältere Hells Angels-Persönlichkeit herum und hören ihr zu, was sie zu sagen hat. Ich habe es erlebt, dass man Mitglieder, die an der Sauerstoffflasche hängen, an solche Treffen mitnimmt. Das zeugt von einem ganz strengen Familien- und Gesellschaftskodex, der gelebt wird.

Sie haben in den letzten Jahren sehr viele Bücher geschrieben. Das letzte Buch heisst „Jetzt wird’s kriminell“. In diesem Buch beschreiben Sie die Psychologie kriminell tätiger Menschen. Sie zeigen in diesem Buch auf unwissenschaftliche Art und Weise auf, was Menschen zu Kriminellen macht und wie Kriminelle vorgehen. Sie schreiben aber auch vom Vertrauen der später durch die Kriminellen geschädigten Personen.

Ich habe beide Seiten in meiner Berufslaufbahn kennengelernt, die Täter und die Geschädigten. Es geht um Fragen, wie ein Manager in seinem Unternehmen plötzlich zum Kriminellen wird und wie er es schaffte, das Vertrauen, oft von einer Vielzahl von Menschen, zu erwerben. Oft sind solche Menschen zunächst von Banken, von Versicherungen und Vertrauenspersonen gefördert worden. Diese späteren Kriminellen tragen bereits eine hohe kriminelle Energie in sich. Es findet in und um diese Menschen ein Prozess statt, bis die kriminelle Energie Überhand gewinnt. Ein kleiner Schritt auf dünnem Eis bringt den nächsten Schritt mit sich und irgendwann bricht das Eis eben ein.

Es kommt zudem auch oft vor, dass Manager, die sich kriminell verhalten haben, schliesslich von der Generalversammlung eines Unternehmens in allen Ehren verabschiedet werden, weil sie zu viel über innere Vorgänge wissen und man, um das Unternehmen zu schützen, von rechtlichen Schritten gegen diese Manager absehen will. Solche Unternehmen gehen davon aus, dass es besser ist, den Schaden, den man erlitten hat, zu „fressen“, als daraus eine grosse Sache zu machen, die noch von den Medien aufgeschnappt werden könnte. Man verzichtet auf eine Anzeige, weil der Täter zu viel über die eigenen Skelette im Schrank weiss, weil man sich möglicherweise schämt oder die Öffentlichkeit scheut. Das schafft für die Täter grosse Anreize. Er kann von Anfang an damit rechnen, dass er für seine Taten nicht verfolgt wird.

Nun beschäftigen Sie sich seit vielen Jahren auch mit Menschen, die sich irgendwo am gesellschaftlichen Rand bewegen. In Ihrem Buch kommen Sie auf den Eventualvorsatz zu sprechen, ein Rechtsbegriff, der vor allem im Strafrecht eine grosse Rolle spielt, und der offenbar, je nachdem, um wen es geht, anders angewendet wird. Was erkennen Sie diesbezüglich in der Rechtspraxis?

Geben Sie einer anderen Person eine grosse Ohrfeige und er fällt auf den Gehsteigrand und verletzt sich am Kopf, dann wird man Ihnen sofort erklären, dass Ihr Verhalten eine eventualvorsätzliche schwere Körperverletzung darstellt. Die Entwicklungen des Eventualvorsatzes, die wir aus der Kleinkriminalität her kennen, klaffen völlig mit der Entwicklung in Sachen Wirtschaftskriminalität auseinander. Hier sehe ich ein grosses Problem. Man muss sich fragen, ob dieses Auseinanderklaffen richtig ist. Der Eventualvorsatz wird zum Instrument, alles vom Erfolgsstandpunkt aus zu betrachten. Es wird sehr schnell gesagt, dass jemand bei einer Tat etwas in Kauf genommen habe. In der Wirtschaftskriminalität gilt das aber überhaupt nicht. Hier bekommt man schnell zu hören, dass es sich beispielsweise beim Kauf einer maroden Firma, bei einem Schadenfall o.ä. um schlichtes Unternehmerrisiko handeln würde, das man akzeptieren muss. Schäden seien auf Unabwägbarkeiten in der wirtschaftlichen Entwicklungen zurückzuführen, lesen wir dann in den Medien und in Geschäftsberichten.

Wo sehen Sie Verbesserungspotential in der Gesetzgebung, sprich wo erkennen Sie gesetzliche Fehlentscheide, die sich schliesslich in Fällen falsch auswirken?

Ich setze mich schon lange für die Liberalisierung im Rotlichtmilieu ein. Betrachtet man die ökonomischen Abläufe, so sieht man, dass jede übermässige Einschränkung in Sachen Prostitution am Ende auf den Frauen ausgetragen wird. Sie werden durch Gesetze für andere Menschen zu einem Risiko und werden damit aber auch viel mehr ausbeutbar. Das ist eine verheerende Entwicklung. Wir müssen uns gegen solche Gesetze wehren. Wenn wir sinnvolle Rahmenbedingungen schaffen wollen, um die Kriminalität niedrig zu halten, so müssen wir liberalisierend eingreifen und nicht restriktiv.

Das dürfte auch für den Drogenhandel gelten, der sich in den letzten Jahrzehnten zu einem der grössten Geschäfte weltweit entwickeln konnte…

Die ganze Drogenkriminalität beruht einzig auf der Gesetzgebung von Staaten wie den USA und anderen westlichen Staaten. Ohne diese Gesetzgebung hätte der Drogenhandel gar nie eine solch grosse gewinnbringende Rolle spielen können. Sie können für einige Dollar ein Kilo Heroin in Afghanistan kaufen, das hier ein Tausendfaches kostet. Sie können in Südamerika, um ein alltägliches Beispiel zu nennen, Kaffee kaufen. Kaufen Sie ihn in der Schweiz, kostet das Kilo vielleicht rund 10 Franken. Die Kaffee-Marge scheint inklusive Transport etc. vernünftig zu sein. Mit geschaffenen Verboten, wie sie von den USA gepusht werden, steigen für Drogen die Risikoprämien. Die ganze Kriminalität lebt von diesen Risikoprämien, die von vielen Menschen bezahlt wird. Das Risiko liegt darin, dass Menschen bezahlt werden müssen, die Drogen über die Grenzen bringen, Grenzwachen bestochen werden und illegale Transporte organisiert werden müssen. Der Handel muss zudem geheim ablaufen und es gibt Beschlagnahmungsrisiken. All das kostet sehr viel Geld und schwemmt den Drogenkriminellen unglaubliche Gewinne in die Taschen.

Wir selber halten diesen Handel also mit unserer verfehlten Gesetzgebung aufrecht. Das kann den Drogenhändlern doch nur Recht sein…

… Das ist absolut der Fall. Es läuft hier wie im Rotlichtmilieu, von dem wir vorher gesprochen haben. Das Prostitutionsverbot bringt jedem Zuhälter ganz erhebliche Gewinne. Alkoholverbote sind ein weiteres sehr gutes Beispiel für diesen Mechanismus. Das zeigt die Prohibitionszeit in den USA. Das Alkoholverbot hat die ganzen Gewinne der organisierten Kriminalität in den USA überhaupt erst ermöglicht. Übermässige Verbote können somit oft genau das Gegenteil bewirken, wenn man genauer hinschaut. Hier muss man enorm aufpassen. Ich will nun aber nicht sagen, dass man Drogen einfach so verteilen soll. Wir könnten uns aber überlegen, Drogen unter medizinischer Beobachtung abzugeben, das ist ein guter Ansatz, der schon verfolgt und von der Unterwelt beklagt wird. Das wird man im grossen Rahmen aber in Gemeinschaften, wie der unsrigen, nicht durchbringen können, weil die organisierte Kriminalität einen zu grossen Einfluss auch auf Politiker und ihre Denkweise und ihr Abstimmverhalten hat.

Einen Aspekt erwähnen Sie in Ihrem neuen Buch nicht. Die Gratwanderung zwischen Strafverteidigung und der Wahrung der Interessen der Klienten, die Sie vertreten. Ist das nicht eine sehr schwierige Gratwanderung für Strafverteidiger?

Der Strafverteidiger verteidigt nie eine Straftat. Er verteidigt den Menschen, der möglicherweise etwas gemacht hat. Es geht darum, ein sachgerechtes Urteil herbeizuführen. Wenn jemand etwas verbockt hat, dann bin ich gerne dafür, dass er zu dieser Sache steht. Das macht auch vor Gericht einen guten Eindruck. Er kann dann erklären, wie das Delikt entstanden ist. Das heisst nicht, dass das Delikt entschuldigt oder beschönigt werden soll. Hinter jedem Delikt stehen aber oft Entwicklungen - Schicksale. Kennt man diese, so wird oft nachvollziehbar, wie es zu einem Delikt kommen konnte.

Wir haben es zurzeit mit inflationär angewendeten stationären psychiatrischen Behandlungen zu tun. Das führt dazu, dass Menschen in einem Regime landen, das sich immer wieder verlängern lässt. Es passiert dabei oft wenig Therapeutisches, was nicht dem Sinn des Gesetzes entspricht. Diese Vorgehensweise kostet den Steuerzahle zudem noch sehr viel.

Dr. Valentin Landmann, mit seinem legendären Totenkopf, ein Symbol für die Vergänglichkeit. (c) Christian DüblinDr. Valentin Landmann, mit seinem legendären Totenkopf, ein Symbol für die Vergänglichkeit 

Wenn mir ein Klient sagt, er sei es nicht gewesen und es gibt triftige Gründe, die gegen ihn sprechen, da spreche ich mit ihm und versuche, die Wahrheit zu finden. Der Wert eines Urteils ist aber auch darin zu sehen, dass man es nur dann zu Lasten eines Menschen spricht, wenn man ein Delikt beweisen kann. Dieser „Wert“ und diese Errungenschaft, betreffen uns alle. Wenn wir sie einschränken oder fallen lassen, so driften wir ab. Diese Problematik ist wieder publik geworden beim möglichen Vergewaltigungsfall von Jörg Kachelmann. Er wurde schliesslich freigesprochen, weil man die vorgeworfene Tat nicht beweisen konnte. An diesem Beispiel konnte man sehen, wie jemand in die „Mühle“ der Justiz geraten kann. Ich selber gehe nicht selber aktiv an die Medien. Gehen mich aber die Medien an, dann spreche ich mit meinem Klienten und frage ihn, was er davon hält. Ich sehe mich aber nicht als Sprachrohr eines Klienten. Ich sage das, was ich selber für richtig halte. Ich arbeite natürlich an Fällen, die für die Medien interessant sind. Sagt ein Klient aber nein, dann sage ich auch nichts.

Sie vertreten bei Weitem nicht nur Menschen aus Randgruppen, sondern beispielsweise auch Manager aus der Industrie und Banken. In Bezug auf die Banken müssen wir zurzeit feststellen, dass gerade mittlere Kader über die Klinge springen müssen, wenn es um Steuer-Probleme mit den USA geht. Deren Vorgesetzte scheinen dagegen rechtlich „immun“ zu sein. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie solche Fälle miterleben?

Es gibt diese Tendenz von der Sie sprechen tatsächlich. Ich erkläre Ihnen dazu das „Wurst-Schinken-Prinzip“: Wenn man an einem bissigen Hund einen Schinken vorbeibringen will, so wirft man ihm zunächst eine Wurst zu. Die Schweizer Banken haben hier etwas ziemlich Fürchterliches aufgegleist. Der Bundesrat hat es schliesslich zugelassen, dass man die ganzen Angestellten den US-Behörden einfach opfert, in der Meinung, man rette damit die Geschäftsleitung. Die dieser Denkweise zugrundeliegende Annahme müsste ja sein, dass einfach einige Angestellte Mist gebaut haben und die Geschäftsleitung damit nichts zu tun hat. Wenn der bissige Hund nun aber weiss, wo der Schinken ist, dann funktioniert dieses Prinzip nicht. Dann nützt nämlich die zugeworfene Wurst nichts. In der Praxis sieht das folgendermassen aus: Die US-Staatsanwälte sind zuerst einmal nicht dumm. Sie wissen, dass man ihnen eine Wurst vorwirft. Sie nehmen diese aber, um ihr Druckpotential vergrössern zu können. Damit ist die Sache aber nicht ausgestanden.

Man hat es in der Vergangenheit erlaubt, dass sich eine Art „Manager-Kaste“ entwickeln konnte, die sich gegenseitig tolle Mandate zuschiebt, ungeheure Summen kassiert, mit dem Vorwand, dass auch die Verantwortung getragen werden müsse. Der einzige Banker, der seine Verantwortung wirklich wahrgenommen hat, nach USA gereist ist und alles aus der eigenen Tasche bezahlt hat, ist Konrad Hummler von der Bank Wegelin. Das ist eine ganz andere Haltung, als wir es heute von vielen Menschen, sogenannten Managern, gewohnt sind.

Die Rolle der Medien darf in solchen Fällen nicht unterschätzt werden. Wie arbeiten Sie mit Medien zusammen?

Die Arbeit der Medien sehe ich zunächst als sehr wertvoll. Sie bilden auch eine Art Kontrolle. Medien nehmen die Meinung der Bevölkerung auf. Es resultieren daraus oft nützliche Diskussionen. Es kann auch sein, dass, beispielsweise aufgrund eines bösen Rückfalles eines Kriminellen, der Ruf kommt, man brauche mehr Sicherheit und dürfe generell solche Menschen nicht mehr rauslassen. Dann wird es gefährlich. Der Ruf ist zwar verständlich und Menschen dürfen empört sein. Generalisieren kann aber auch schädigend sein.

Ich arbeite gerne mit Medien. Ich probiere aber nicht, Journalisten Dinge zu berichten, die nicht den Akten entsprechen. Medien instrumentalisieren will ich nicht. Ich sage einfach meine Meinung.

Es gibt entsetzliche Taten, an denen nichts beschönigt werden kann. Setzt man sich aber mit Tätern auseinander, so fängt man irgendwann an, den Menschen hinter der Tat zu erkennen. Das ändert nichts an den schlimmen Eigenschaften an der Tat, das ändert nichts an der Betroffenheit und am Leid von Geschädigten. Es entsteht bei dieser Auseinandersetzung aber ein neuer Aspekt. Ich sehe es auch als meine Aufgabe, diesen Aspekt zu erkennen und wenn nötig auch auf diesen Aspekt aufmerksam zu machen.

Gerne möchte ich noch einmal auf Ihr neustes Buch zu sprechen kommen, in dem sie auf Ihre Weise und anhand von vielen Beispielen aufzählen, wie kriminelle Taten begangen werden und wie sich Opfer täuschen lassen, gerade auch in Sachen Wirtschaftskriminalität. Was stellen Sie bei Ihren täglichen Fällen in Sachen Wirtschaftskriminalität fest?

Die In House-Kriminalität in der Wirtschaft ist eine klare Wachstumsbranche. Ich will nun niemanden motivieren, in solche Machenschaften zu investieren. Aber es ist erstaunlich zu sehen, wie sie wächst. Das ist verheerend. Diese Art von Kriminalität findet in der Öffentlichkeit nur wenig Interesse und Aufmerksamkeit. Es sind immer relativ einfache Sachverhalte. So werden beispielsweise Firmen für gewisse Machenschaften ins Ausland verlagert oder es werden Zahlungen verschleiert. Diese Wirtschaftskriminalität ist nicht schwierig. Man muss aber die Fähigkeit haben, das Wichtige zu erkennen und den roten Faden zu finden. Genau das will der Wirtschaftskriminelle aber verhindern. Ein guter Staatsanwalt hat die Fähigkeit, den roten Faden zu finden. Interessant sind Fälle wie die Hells Angels, wo riesige Nachforschungen gemacht wurden, die zu nichts geführt haben. Es kann nicht das Ziel sein, 1000 Ordner zu füllen. Das Ziel muss vielmehr sein, aus 1000 Ordnern wieder 5 zu machen. Die langen Verfahren sind ein grosser Anreiz für die Kriminalität. Fälle müssen darum sehr gezielt und möglichst schnell abgehandelt werden.

Herr Landmann, was wünschen Sie sich selber und der Schweiz für die Zukunft?

Es sollten in der Schweiz mehr ehemalige Kriminelle zu Managern, als Manager zu Kriminellen werden (lacht).

Ich selber wünsche mir, dass ich möglichst lange und gesund meinem Beruf nachgehen kann und dass ich weiterhin mit meinen Publikationen in Fettnäpfchen treten darf (lacht).

Sehr geehrter Herr Landmann, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen persönlich und bei Ihren Fällen alles Gute und viel Erfolg!

(C) 2013 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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Links
- Anwaltsbüro Landmann
- Dr. Valentin Landmann auf Wikipedia
- Literatur von Dr. Valentin Landmann

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