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Spezialinterview Film: Xavier Koller

Xavier Koller. Mit freundlicher Genehmigung von Xavier Koller.Xavier Koller, 1944, gehört zu den bekanntesten Filmschaffenden aus der Schweiz. Mit dem Film „Reise der Hoffnung“, für den er 1991 einen Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film entgegennehmen durfte, gelang ihm der grosse internationale Durchbruch. Seit 1993 arbeitet und seit 1995 wohnt Xavier Koller in den USA und hat in den letzten Jahren zahlreiche Filme mit internationaler Starbesetzung gedreht. Für sein Filmwerk „Gripsholm“, das sich mit dem Leben von Kurt Tucholsky auseinandersetzt, erhielt er den Prix C.I.C.A.E. (Conféderations Internationale des Cinémas d’Art et d’Essai Européens). Für „Squanto: A Warrior’s Tale“, ein Film, den er für die Disney Studios drehte, durfte er den Award of Excellence des Film Advisory Board of the United States of America entgegennehmen. Für „Ring of Fire“ gewann er den ersten Preis des Heartland Film Festivals in Indianapolis. „Gripsholm“, „Das gefrorene Herz“ oder „Der Schwarze Tanner“ – in all seinen Filmen beleuchtet Xavier Koller die Tiefen der menschlichen Seele und erzählt Geschichten, die einen packen. Im Gespräch mit Christian Dueblin spricht Xavier Koller über seine Filmkarriere, zeigt auf, warum er sich gerne mit speziellen Charakteren auseinandersetzt und beantwortet Fragen zum Filmgeschäft sowie dessen Zukunft in der Schweiz und weltweit.

Christian Dueblin: Sehr geehrter Herr Koller, Sie sind schon seit vielen Jahrzehnten im Filmgeschäft und durften für Ihre Arbeiten zahlreiche Preise entgegennehmen. Den grössten Preis – sagen wir den „Nobelpreis“ für das Filmschaffen – haben Sie 1991 mit „Reise der Hoffnung“ (auf Englisch: „Journey of Hope“) entgegennehmen dürfen. Der Filmkritiker Emanuel Lévy hat die Bedeutung der Oscarverleihung im Interview mit Xecutives.net sehr gut beschrieben. Wie haben Sie persönlich die Oskarverleihung in Erinnerung und wie hat der Oscar Ihr Filmschaffen verändert?

Xavier Koller: (Lacht) Das ist nun schon bald 20 Jahre her und die Zeit vergeht so wahnsinnig schnell. Ich würde den Oscar nicht unbedingt mit dem Nobelpreis vergleichen. Das ist etwas hoch gegriffen. Gegen aussen mag der Vergleich stimmen, da beide Preise auch mit viel Marketing verbunden sind und diese Informationen die Menschen, respektive das Publikum, erreichen. Es war nie mein Ziel, diesen Preis zu bekommen. Den Film „Reise der Hoffnung“ habe ich aus Passion gemacht. Ich wollte mit dem Film Geschehnisse und Umstände rund um die Flüchtlingspolitik beleuchten, die zuvor eher statistisch betrachtet worden sind, während das Schicksal vieler Menschen nicht wirklich wahrgenommen und erfasst wurde. Der Oscar kam sehr überraschend und er brachte mein Leben zeitweise ziemlich durcheinander. Die Entgegennahme des Preises war mit Gefühlen verbunden, die man nur schlecht beschreiben kann. Die Übergabe war ein ganz aussergewöhnlicher Moment, da etwas Unmögliches plötzlich möglich wurde. Die Überraschung war umso grösser, als „Reise der Hoffnung“ gegen Filmwerke wie beispielsweise „Cyrano de Bergerac“ mit einem Gérard Dépardieu in der Hauptrolle antrat.

„Reise der Hoffnung“ ist keine einfache Filmkost. Es wird eine Geschichte erzählt, die grosse Emotionen wachruft und den Zuschauer in Bann zieht. Die Geschichte ist sehr traurig und gibt zum Denken Anlass. Es ist doch erstaunlich, dass solche Filmen mit einem sehr ernsten Hintergrund und ohne „Hollywood-Happyend“ Oscars gewinnen können. Ich denke dabei auch an „Nirgendwo in Afrika“, „Die Blechtrommel“ oder „La Vita e bella“.

Es sind vor allem die Blockbusters, die wir in den grossen Kinosälen zu sehen bekommen und die von vielen Menschen auf der ganzen Welt wahrgenommen werden. Es darf aber nicht vergessen gehen, dass Hollywood auch viele Filme produziert, in denen wichtige und seriöse Themen behandelt werden. Diese Filme sind etwas in den Hintergrund gerückt, weil die grossen Studios den Markt in Hollywood dominieren und mit ihren Filmen möglichst viele Menschen erreicht werden sollen, sprich viel Geld verdient werden soll. Es hat aber in Hollywood im
Xavier Koller in "Ring of Fire". Mit freundlicher Genehmigung von Xavier Koller.mer auch starke Filme mit starken Themen gegeben. Die Foreign Language Section der Academy, die auch „Reise der Hoffnung“ ausgezeichnet hat, setzt sich mit Filmen aus der ganzen Welt auseinander, auch mit Filmen aus kleinen Ländern wie der Schweiz, in denen beim Filmemachen oft auch soziale oder politische Themen im Vordergrund stehen. Die Filmemachenden dieser Länder versuchen, das Klima und die Geschichte ihres Landes zu erfassen. Die Mitglieder der Foreign Language Section sind an solchen Filmen sehr interessiert, weil sie in der Regel eben nicht dem „Hollywood-Mainstream“ folgen, also mutiger und kritischer sind. Zwischen 400 und 600 Academy-Mitglieder setzen sich mit diesen nichtenglischsprachigen Filmen auseinander. Es werden jährlich um die 70 Filme zur Beurteilung eingereicht. Diese Filme alle anzuschauen, bedeutet einen grossen Zeitaufwand. Viele dieser Academy Mitglieder sind pensioniert und haben genügend Zeit, die vielen Filme anzuschauen und zu würdigen. Nebst dem Zeitfaktor ist bekannt, dass diese etwas ältere Generation mit einem besonderen Interesse die Geschehnisse in Europa verfolgt und damit für unsere politischen und sozialen Themen in Europa eher sensibilisiert und interessiert ist. All das hat sicher einen Einfluss darauf, nach welchen Kriterien die vielen Filme schliesslich beurteilt werden.

Es sind viele ausländische Filme mit einem Oscar prämiert worden, die sich sehr ernsthaften Themen widmen. Ich denke dabei an „Mephisto“, „La Vita e bella“, „Nirgendwo in Afrika“ und „Die Blechtrommel“, Filme, die sich alle auch in irgendeiner Form mit dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzen. Wie erklären Sie sich persönlich diese Anhäufung von Preisen rund um das Thema Zweiter Weltkrieg und den Holocaust?

In allen von Ihnen aufgezählten Filmen geht es im Grunde genommen um gute Geschichten und um Menschen und Charaktere, die etwas zu sagen haben und die uns packen. Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust liefern gerade in Ländern wie Deutschland oder Italien wahnsinnig viel Material, das sich in den verschiedensten Formen im Film verarbeiten lässt. Dieses Material ist noch lange nicht ausgeschöpft und wir werden weitere Filme zu sehen bekommen, die sich mit diesen Themen beschäftigen. Natürlich gibt es eine grosse jüdische Gemeinschaft, die im Filmgeschäft in Hollywood tätig ist und aufgrund der diversen Greueltaten sehr sensibel mit der Geschichte umgeht und oft familiär oder persönlich betroffen ist. Das hat sicher auch einen Einfluss auf die Zugänglichkeit und die Affinität diesen Filmen gegenüber.

Sie selber haben sich mit Ihrem Filmwerk „Der schwarze Tanner“ ebenfalls mit dem Zweiten Weltkrieg in der Schweiz auseinandergesetzt und die Anbauschlachtpläne der Regierung unter die Lupe genommen. Daraus wurde ein sehr erfolgreicher Film, der offensichtlich viele Menschen in der Schweiz ansprach. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung und wie ist Ihnen die Schweiz in Bezug auf diesen Film begegnet?

Geht man bei der Behandlung eines Themas in der Zeit zurück, dann ist man in einem gewissen Masse auch „safe“. Ganz anders verhält es sich, wenn man ein aktuelles politisches Thema aufnimmt. In solchen Fällen kann es sein, dass man sich mit Menschen, die diese Politik gestalten oder unterstützen, anlegt und mit Reaktionen rechnen muss. Darum wählen viele Filmemacher für aktuelle Themen ältere Schauplätze in der Geschichte. Die aktuellen Inhalte werden in eine vergangene Zeit zurückversetzt. Das führt zu einer gewissen Verfremdung des Inhaltes und führt aber auch dazu, dass der Inhalt für das Publikum akzeptabler wird, als wenn man den Finger direkt in die offene Wunde steckt. Die Anbauschlacht liegt lange zurück und der Film wurde in der Schweiz sehr erfolgreich. Die umstrittene und damals stark propagierte Anbauschlacht hat sich später als völliger Fehlschlag herausgestellt. Man musste den Bauern, die sich dagegen wehrten, schliesslich doch Recht geben. Sie hatten immer gesagt, man könne an Berghängen keine Kartoffeln anpflanzen. Diesen stillen Bauern-Rebell-Typ, der sich dem Staat nicht einfach fügen will, liebe ich und er war es, der mich für den Film begeisterte. In meinem Fall hat aber die Tatsache, dass der Film im Zweiten Weltkrieg spielt mehr mit dem Schriftsteller Meinrad Inglin zu tun. Ich habe die Geschichten von Meinrad Inglin sehr gerne. Er beschreibt in seinen Erzählungen Menschen, die ich ebenfalls sehr gut kenne. Ich bin in der Innerschweiz aufgewachsen und bin diesen Menschen in meinem Leben ebenfalls begegnet. Diese oft sehr speziellen Charaktere und ihre Haltung dem Leben und den Mitmenschen gegenüber haben mich immer fasziniert. Es sind diese Menschen, die ich in meinen Filmen gerne beschreibe. Das gilt auch für den Film „Das gefrorene Herz“, ebenfalls eine Inglin-Geschichte.

"Der schwarze Tanner": Xavier Koller gibt Regieanweisungen. Mit freundlicher Genehmigung von Xavier Koller.

"Der schwarze Tanner": Xavier Koller gibt Regieanweisungen.
Mit freundlicher Genehmigung von Xavier Koller.


Mit der Produktion des Filmes „Das gefrorene Herz“ hatten Sie damals als noch sehr junger Regisseur die Möglichkeit, mit Schauspiellegenden wie Paul Bühlmann und Sigfrit Steiner zusammenzuarbeiten. Wie haben Sie diese Zeit mit diesen Menschen in Erinnerung?

Wie gesagt, auch diese Geschichte ist von Meinrad Inglin. Ich habe sie verändert und setze mich auch darin mit Menschen auseinander, die ich liebe und die mir gut bekannt sind. Mich hat diese Welt der Fahrenden, Korbflechter und Messerschleifer fasziniert. Als Sigfrit Steiner das Buch las, war er begeistert und meinte, das sei eine Rolle, in der er sich voll einbringen könne. Paul Bühlmann hatte das Buch auf Umwegen bekommen und wollte ebenfalls gerne mitmachen. Ich wollte ihn vorerst gar nicht haben, denn er war ein bekannter Komödiant und Kabarettist. Seine Glatze war so signifikant, dass man bei ihrer Betrachtung den Charakter, den er spielen sollte, gar nicht mehr sah. Die Glatze war in einem gewissen Sinne ein Stigma. Ich sagte ihm, dass er mitmachen dürfte, wenn ich seine Glatze und sein Gesicht so verändern und sein Gebiss so mit falschen Zähnen bestücken dürfe, dass der Komödiant Bühlmann nicht mehr durchscheinen würde (lacht). Er war damit einverstanden und wir bearbeiteten ihn mit Make up und falschen Zähnen, Warzen auf dem Gesicht und einer Kappe, die er im Film trug. Wir waren uns schliesslich gegenseitig sehr dankbar. Ich, weil er so insistiert hatte, und er, weil er ohne Stigma sein ganzes schauspielerisches Talent an den Tag legen konnte. Die Arbeiten resultierten in tollen Freundschaften. Die ganze Produktion war aber auch sehr intensiv und eine grosse Herausforderung.

Sie waren damals, als der Film gemacht worden ist, noch sehr jung und genossen offensichtlich das Vertrauen der Produzenten, die an sie glaubten und Geld zur Verfügung stellten. Das ist nicht selbstverständlich.

(Lacht) Wir waren alle sehr jung! Der Film war als Fernsehfilm geplant, obwohl ich ihn immer in die Kinos bringen wollte. Zuvor hatte ich den Film „Hannibal“ gedreht. Der Film floppte und war für die damaligen schweizerischen Verhältnisse völlig überrissen. Ich war damals noch nicht bekannt, hatte aber für das Fernsehen schon einiges auf die Beine gestellt. Mit dem Schriftsteller und Freund Hansjörg Schneider hatte ich damals mein erstes Fernsehspiel gemacht und ich arbeitete mit vielen bekannten Menschen. Auch lernte ich den Schriftsteller André Kaminski kennen, der mich sehr inspirierte. Die Zusammenarbeit mit diesen „Dinosauriern“ war eine grosse Herausforderung und ich habe sehr viel gelernt. Man gab mir damals auch Arbeiten, die mich als jungen Filmemacher überforderten. Mit meiner Energie und mit meiner Leidenschaft, sowie derjenigen meiner Mitarbeitenden haben wir es dann aber trotzdem immer wieder geschafft, passable Resultate zu erzielen. Jede Arbeit war ein Lernprozess und jede Arbeit barg aber auch die Möglichkeit eines Misserfolgs. Das liegt in der Natur dieses Geschäfts mit der Öffentlichkeit. Man muss bereit sein, auch Niederlagen einzustecken. Mein Film über den Sonderbundskrieg „Der Galgensteiger“ war so etwas - ein für meinen damaligen Erfahrungshintergrund vollkommen überrissener Fernsehfilm. Ich bin dankbar, dass mir das Vertrauen trotzdem geschenkt wurde. Rückblickend waren dies alles intensive Ausbildungsprogramme. Ich bin der Nase nach gegangen und kam von einem Ort zum anderen und lernte immer wieder Menschen kennen, die meine Leidenschaft geteilt, mich gemocht und meinen Enthusiasmus nicht kaputt gemacht haben. Ich bin allen diesen Mentoren deshalb bis heute dankbar, dass sie mir damals als frechem jungem Filmemacher die Möglichkeit zuteil werden liessen, meine Projekte umzusetzen.

„Das gefrorene Herz“ ist ein wunderbares und zeitloses Märchen. Es könnte irgendwo spielen und es sprüht vor Ironie und Witz. Können Sie uns etwas über den Werdegang der Produktion dieses Filmes erzählen?

Die Filmarbeiten zu „Das gefrorene Herz“ hatten sich um rund zwei Jahre verzögert. Es fehlte unter anderem auch das Geld. Ich war lange Zeit auf Motivsuche für das geeignete Dorf, in dem der Film spielen sollte und reiste 5000 km durch die Schweiz. Ich stellte fest, dass es dieses „eine“ Dorf, das zur Geschichte passte, nicht gab. Ich ging zu den Produzenten und teilte ihnen mit, dass man das Dorf deshalb bauen müsste. Die Reaktionen waren klar. Man warf mir vor, ich hätte nun völlig den Verstand verloren. Ich konnte die Verantwortlichen aber überzeugen, dass das die beste Lösung sei. Ein bewohntes Dorf ist kein Studio. Es lebt und ist eine eigene Welt. Für die Geschichte von Inglin brauchte es ein zeitloses Dorf. Wir bauten es schliesslich und machten einige Monate lang „Hollywood im Schächental“.

Das Problem war nur, dass ich bei der Motivsuche zwei Jahre zuvor zur gleichen Zeit im Schächental über einen Meter fünfzig Schnee antraf und es zu Beginn der Dreharbeiten Anfang Januar absolut aper war. Wir drehten zuerst einige Innenszenen und schickten die Mitarbeitenden wieder nach Hause. Nach einer Woche kam dann der erste Schnee doch noch und wir konnten weiterdrehen. 10 Tage später meldete sich aber der Föhn und der Schnee schmolz auf 5 cm runter. Im Moment, in dem so etwas geschieht, ist man unter Stress. Sie können sich vorstellen: Man dreht eine Situation in viel Schnee und später in einer Folgeszene hat es nur noch wenig Schnee, die Bäume sind möglicherweise sogar schneefrei und machen einen herbstlichen Eindruck (lacht). Wir mussten also sehr innovativ sein.

Herr Koller, Sie haben der Schweiz nach dem Oscar den Rücken zugewendet und leben seither in Los Angeles, wo sie Filmprojekte auch mit grossen Studios und bekannten Stars verwirklichen konnten. Was waren damals nach dieser intensiven Zeit des Filmemachens in der Schweiz die Gründe, nach Hollywood zu gehen und was haben Sie sich damals erträumt und vorgestellt?

Neugierde. Wobei die Betonung auf „Neu“ sein muss. Möglichkeiten wurden mir offeriert, die mich sehr reizten. Da ich schon immer ein neugieriger Mensch war, dachte ich: Warum nicht! Ich nahm Projekte, die mir besonders spannend erschienen, in Angriff. Das Angebot der Disney Studios für den Film „Squanto: A Warrior’s Tale“ war sehr attraktiv und stellte sich als grosser Lernprozess heraus und resultierte damit in einem riesige Erfahrungsschatz. Mit einer Crew von über zweihundert Mitarbeitenden zu drehen, war eine echte Herausforderung.

Xavier Koller mit Filmteam. Mit freundlicher Genehmigung von Xavier Koller.

Xavier Koller mit Filmteam.
Mit freundlicher Genehmigung von Xavier Koller.


Könnten Sie sich vorstellen, zu einem späteren Zeitpunkt wieder ganz nach Mitteleuropa zu kommen und Ihre Erfahrungen hier einzubringen, so wie Sie das etwa mit „Gripsholm“ gemacht hatten?

Gripsholm haben wir in Babelsberg gedreht. Auch arbeite ich zurzeit an Projekten, die in der Schweiz und in Deutschland spielen. Ich hoffe, dass etwas daraus wird. Zurzeit überarbeite ich einen Dürrenmatt-Stoff. Ich habe den Film auf einer Nordseeinsel angesiedelt und hoffe, dass ich das Ganze in absehbarer Zeit drehen kann. Insofern kann ich mir sehr gut vorstellen, wieder in Europa zu drehen.

Es sind in Babelsberg in den letzten Jahren grosse Blockbusters entstanden. Ich denke an Filme wie „The Bourne Supremacy“, „Aeon Flux“, „Speed Racer“ und „Der Vorleser“. Steht Babelsberg dafür, dass Hollywood seinen Stellenwert im Filmbusiness am Verlieren ist?

Es handelt sich in Bezug auf die Drehorte und Studios meistens um eine reine Geldangelegenheit. Es ist oft billiger, in anderen Ländern als den USA zu arbeiten, da die Lohnkosten in anderen Ländern oft tiefer sind. Die brandenburgische Filmförderung, um beim Beispiel Babelsberg zu bleiben, hat viel zum Erfolg von Babelsberg beigetragen, indem viel Subventions-Geld wie auch Tax breaks offeriert und zur Verfügung gestellt wurden. Ein Produzent macht sich seine Gedanken, wenn er im Ausland plötzlich 30% Steuern einsparen kann. Es gab lange Zeit eine Tendenz, Richtung Tschechien zu gehen, beispielsweise nach Prag. Inzwischen ist es dort aber auch schon wieder teuer verglichen mit Ländern wie Ungarn oder Rumänien. Beim Film „Inglorious Bastards“, der ebenfalls in Babelsberg gedreht worden ist, waren auch die Lokalitäten und die Sprache sehr wichtig, wie auch beim „The Reader“. Viele Studios haben heute Affiliates, also Tochtergesellschaften, in anderen Ländern, die sie für lokale Produktionen einsetzen. Diese profitieren dadurch auch von länderspezifischen Subventionen. Die Filme werden somit günstiger und die grossen Studios können sich oft mit wenig Geld einen grossen Teil des Kuchens sichern.

Es tut sich zurzeit einiges im Filmgeschäft. Einerseits ist das Geschäft von der Wirtschaftskrise gebeutelt und andererseits sieht man ganz neue Wege, die beschritten werden (müssen), um das Publikum bei der Stange und bei Laune zu halten. Der Film „Avatar“ scheint ein schönes Beispiel für einen dieser Wege zu sein. Er ist technisch auf dem absolut neusten Stand und hat ein Vermögen gekostet. Wie wird der Film der Zukunft aussehen und was sind Ihres Erachtens die Herausforderungen für die Filmindustrie ganz generell?

Das ist sehr schwierig zu beantworten. Die Filmindustrie ist immer am Suchen nach neuen Möglichkeiten, das Publikum für sich zu gewinnen. Die 3-D-Welle, die zurzeit auch nach Europa schwappt, ist sicher einer dieser Wege, mit dem die Filmindustrie versucht, an ein noch grösseres Publikum zu gelangen, sprich mehr Geld einzuspielen. Die Studios versuchen vermehrt, das Kino wieder zu einem Event zu machen, wie das zu Beginn der Kinematographie auf dem Jahrmarkt der Fall war. Es ist aber auch mit aller Technologie, die zurzeit zur Verfügung steht, immer noch die Geschichte, die einen Film erfolgreich macht -oder eben auch nicht. Viele Explosionen und viele Gimmicks haben absolut ihren Reiz. Sie machen aber einen Film noch nicht erfolgreich. Anfänglich sind solche Spezialeffekte attraktiv, weil man sie noch nie gesehen hat. Diese Perioden vergehen und sie erschöpfen sich bald einmal.

Wir stellen heute fest, dass man wieder die alten Geschichten sucht. So kommen etwa neue Filme mit Vampir-Geschichten auf den Markt, von denen man sich finanzielle Erfolge verspricht. Zurzeit sind auch die Highschool-Filme „exciting“. Das Aufwachsen einer jungen Generation hat seinen Reiz und viele Menschen können sich mit diesen Filmen und ihren Darstellern identifizieren. Alle diese Sachen bleiben. Weil die Filme aber auch immer teurer werden, werden sie zu reinen Marketingmaschinen. Im Gegensatz dazu, und hier sehe ich ebenfalls grosse Veränderung in der Kinowelt, sehen wir heute eine Tendenz hin zum Minifilm, der auch auf Youtube gesehen werden kann und oft nichts kostet. Die „Distributionskosten“ im Internet sind im Vergleich zu normalen Kinofilmen vernachlässigbar klein. Das hat nun auch das Interesse der grossen Studios geweckt und sie haben angefangen, diese Internetplattformen aufzukaufen. Sie wittern darin ein neues Geschäft und man erhofft sich, so Geld zu generieren. Die Studios haben die berechtigte Angst, dass das Kino immer mehr Menschen verlieren wird, wenn nicht Neues geboten wird.

Ich glaube zudem auch, dass die Home-Kinos immer mehr zunehmen werden. Der Konsument hat heute viel mehr Möglichkeiten, Filmprodukte zu wählen und sie auf seinem Flatscreen oder auf seinem Beamer zuhause abzuspielen. Es geht dadurch natürlich etwas ganz Spezielles am Kinoerlebnis verloren: Der dunkle Saal und das gemeinsame Erlebnis mit anderen Menschen einen Film anzuschauen, scheinen weniger wichtig zu werden. Das Event-Kino versucht, Gegensteuer zu geben, indem es Dinge bietet, die man im Home-Kino eher nicht haben kann. Man kann im Event-Kino Essen und Trinken von first class-Restaurants bekommen, dazu davor noch schnell ein Business Meeting haben oder mit der Frau oder Freundin in den bequemen Sesseln „rumlümmeln“ und Cüplis trinken. Das Event-Kino ist heute auch in den USA gefragter denn je. Die Kinos versuchen somit immer wieder, sich neu zu definieren, damit das „löchrige Schiff“ nicht völlig untergeht.

Sie haben das Filmgeschäft in der Schweiz wesentlich mitgeprägt und leben heute in den USA. Wie würden Sie heute den Zustand des Schweizer Films beschreiben?

Es hat sich sehr viel getan und es gibt sehr viele gute Filmschaffende, die gute Produkte auf den Markt bringen. Ich war dieses Jahr nicht an den Filmtagen in Solothurn. Dort sieht man in der Regel konzentriert den Pegel der Filme und das Klima, das im Filmgewerbe herrscht. Damit hat man einen Überblick über das Filmgeschehen und über gewisse Tendenzen. Über die vielen kleinen Produktionen kann ich deshalb zurzeit nicht viel sagen. Oft messen wir Filme über den Erfolg, den sie im Kino haben. Das halte ich für eine heikle Betrachtungsweise. Es sind oft nur eine Handvoll Filme, die es mit ausländischen Produktionen in Bezug auf den wirtschaftlichen Erfolg aufnehmen können. Diese wenigen Filme treffen den Nerv des Publikums. Bei „Die Herbstzeitlosen“, einem kleinen und eigentlich harmlosen, aber sehr gut gemachten Schweizer Film, ist es mit einer super guten Idee gelungen, eine ältere Generation wieder ins Kino zurückzuholen, die man lange Zeit nicht mehr erreicht hat. Damit hat bei der Produktion des Films niemand gerechnet. Und das mit Unterröcken! (lacht). Viele Menschen konnten sich mit den Damen, die nicht aufgeben und ihre Visionen verfolgen, identifizieren. Das zeigt auch auf, dass sich Erfolge nicht genau steuern lassen.

Ihre Aussagen bestätigen, dass es nicht nur am Geld liegt, ob ein Film erfolgreich ist oder nicht. Es bedarf einer guten Geschichte. Das muss für viele junge Filmschaffende sehr motivierend sein, denn gute Geschichten kann man im Gegensatz zu viel Geld in der Regel finden.

Dem ist absolut so. Es geht nicht nur um das Geld. Es hat im Übrigen eine ganze Anzahl weitere Schweizer Produktionen gegeben, die ähnlich gut gelaufen sind wie „Die Herbstzeitlosen“. Auch die Dokumentarfilme, eine Schweizer Spezialität, finden ein beachtliches Publikum. Leider schaffen es nur wenige dieser Filme, auch im Ausland wahrgenommen zu werden. „Vitus“ von Fredi M. Murer war im Übrigen ebenfalls ein grosser Erfolg, aber eben auch eine Ausnahme. Geschichten, wie die vom hochbegabten Kind Vitus, sind nicht ortsgebunden. Im Zentrum steht das Talent des jungen Pianisten und nicht ein Land oder eine Stadt, für die sich nur eine begrenzte Anzahl Menschen interessieren. Dürrenmatt hat darum immer gesagt: „Güllen ist eine Weltstadt!“ Wir müssen Geschichten erfinden, die Welttheater darstellen. Das kann überall stattfinden, also auch in Güllen. Für mich war die Aussage von Dürrenmatt sehr wichtig bei „Das gefrorene Herz“. Auch „Reise der Hoffnung“ ist im Grunde genommen ein Welttheater, denn die Flüchtlings-Thematik ist nicht nur eine schweizerische, sondern eine weltweite Angelegenheit. Nach wie vor sind viele Millionen Menschen unterwegs auf der Suche nach einem bessern Leben an einem anderen Ort.

Der junge Filmemacher Giacun Caduff meint im Interview mit Xecutives.net, dass in den vergangenen Jahren in der Schweiz versucht worden sei, grosse Filme zu unterstützen und zu finanzieren. Das zum Nachteil kleinerer Produktionen. Wie stehen Sie zu dieser Debatte?

Das Credo weniger Geld, dafür mehr Filme, ist nicht neu. Dieses Thema ist schon vor 25 Jahren sehr aktuell gewesen. Es fragt sich einfach nur, wie man das Publikum für diese vielen kleinen Filme gewinnen und begeistern kann. Grosse Produktionen sind oft mit riesigen Marketingbudgets unterwegs. Giacun Caduff ist seinen ganz eigenen und einen initiativen Weg gegangen. Er hat kurzerhand ein Festival für Kurzfilme gegründet, zu dem ich ihm nur gratulieren kann. Seine Schaffenskraft für den Film ist enorm. Darum habe ich mich auch für das „Basler Gässli Film Festival“ begeistern lassen, das er initiiert hat und werde dort im August drei Tage mit dabei sein und mich mit jungen Filmschaffenden und mit filminteressierten Menschen auseinandersetzen.

Die Frage auch für die Schweizer Filmemacher ist, wie sich ihre Filme gegen die grosse und allgegenwärtige ausländische Konkurrenz, gerade auch aus Hollywood, durchsetzen können. Ein grundsätzliches Problem ist meines Erachtens darin zu sehen, dass man gemeinhin davon ausgeht, dass das Drehbuch nichts kosten darf. Ich kann ihnen ein wunderbares Beispiel nennen, das mir kürzlich aufgefallen ist: Sie kennen den Schweizer Science Fiction-Film „Cargo“, ein bemerkenswertes Filmprojekt. Die Special Effects sind gewaltig und der Aufwand für den Film war, trotz relativ bescheidenem Budget, enorm. Es handelt sich um eine sehr mutige Arbeit, in der sehr viel positive Energie und innovative Ideen stecken. Nur hat man es offensichtlich unterlassen, der Geschichte, die den Film letztlich tragen sollte, ebensoviel Beachtung, innovatives Denken und Kreativität zu schenken, wie dem Dekor und den Spezialeffekten. Der Film wäre mit einer besser durchdachten Geschichte und vielschichtigeren Charakteren, sprich mit einem besseren Drehbuch, das packt und interessiert, noch ein grösserer Erfolg geworden. Aber letztlich zählt auch hier die Erfahrung, welche sich die Macher durch diese Arbeit aneignen konnten. Ich bin sicher, von ihnen wird man in Zukunft mehr zu sehen bekommen. Dies zumindest wünsche ich ihnen

Sehr geehrter Herr Kolller, was wünschen Sie sich für die Zukunft und für den Film?

Mein grösster Wunsch ist, dass ich meine geplanten Filme realisieren kann. So egoistisch bin ich schon (lacht). Ich bin nun 66 Jahre alt. Wenn ich bei meinen Produktionen immer so lange warte wie in der Vergangenheit, dann werde ich nicht mehr viele Filme verwirklichen können. Es gibt aber einige Filme, die ich doch noch gerne machen möchte. Für mich ist das Filmmachen eine Passion. Ich liebe diese Arbeit und fühle mich sehr wohl dabei. Es ist die Sinnlichkeit, die ich liebe, sich nicht nur technisch mit einer Produktion zu beschäftigen, sondern sich leidenschaftlich mit anderen Menschen und einer guten Geschichte auseinanderzusetzen. Das ist mein Antrieb und ich hoffe, dass ich diesen noch lange spüre. Den Filmschaffenden wünsche ich, dass es ihnen gelingt, interessante und unterhaltende Geschichten zu erzählen, die das Publikum packen und für das Kino begeistern.

Sehr geehrter Herr Koller, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen und Ihren Projekten weiterhin viel Erfolg!

 

(C) 2010 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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Links
- Xavier Koller auf artfilm.ch

- Xavier Koller am Basler Gässli Film Festival
- Xavier Koller auf Wikipedia


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