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Spezialinterview Soziologie: Prof. Dr. Peter Gross


Prof. Dr. Peter GrossProf. Dr. Peter Gross, Jahrgang 1941, studierte Soziologie, Nationalökonomie und Betriebswirtschaft und war nach Lehrtätigkeiten an diversen Universitäten in Deutschland von 1989 bis 2006 ordentlicher Professor für Soziologie an der Universität St. Gallen (HSG). Mit dem Buch „Die Multioptionsgesellschaft“ (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, in der 10. Auflage erschienen) gelang ihm als Wissenschafter und Autor der internationale Durchbruch. Sein neuestes Buch (zusammen mit K. Fagetti) heisst: „Glücksfall Alter. Alte Menschen sind gefährlich, weil sie keine Angst vor der Zukunft haben.“ (Herder Verlag, Freiburg, Basel, Wien 2008, 2. unveränderte Auflage 2009). Prof. Dr. Peter Gross war Referent am Symposion zum Thema „Crisis? What Crisis?“, organisiert durch den Förderverein Xecutives und beantwortet für Xecutives.net Fragen, gestellt von Christian Dueblin, zur Wirtschaftskrise, zu sozialen Netzwerken sowie zum Thema „Filz“ und erläutert seinen Wunsch für die Zukunft der Schweiz.

Christian Dueblin: Die Finanzwelt hat bis noch vor Kurzem schier unendliche Optionen geboten, sein Geld mit hohen Renditen anzulegen oder Kredite aufzunehmen, was in einem sprichwörtlichen Scherbenhaufen endete, den es nun aufzuräumen gilt. Was ist aus Sicht der Soziologie in den letzten Jahren schief gelaufen? Sind es auch die vielen Optionen, die Menschen blind und fahrlässig gemacht haben?

Die Möglichkeit ist des Menschen liebste Wirklichkeit. Dass wir die Hoffnung hegen, dass in Zukunft alles besser wird, ist Erbe der christlichen Heilsbotschaft. Fortschritt bedeutet mehr – auch mehr Optionen. Darüber hinaus bieten Optionen auch Gestaltungsspielräume für eine freiheitliche offene Gesellschaft. Freiheit heisst, wählen können. Keine Wahl ohne Auswahl. Diese Freiheit hat ihren Preis.

Optionen haben im Leben, heisst auch Freiheit haben und Entscheide treffen können. Die so verstandene Multioptionsgesellschaft beschreibt weitgehend die reichen Länder. Viele Menschen in armen Ländern, die im Extremfall noch diktatorisch funktionieren, haben weniger bis gar keine Optionen und können oft nicht frei über ihre Lebensführung entscheiden, auch wenn sie es möchten.

Die sogenannt armen Länder haben jedenfalls, solange es nicht wie in China oder gerade im Iran unterbunden wird, ein garantiertes Mindesteinkommen. Zu denken, was man will und zu lesen oder zu sehen, was weltweit angeboten wird, war in vormodernen geschlossenen Gesellschaften undenkbar. Das Internet ist der modernste Ausdruck der Multioptionsgesellschaft, ein unstoppbarer neuer Möglichkeitsraum, in dem, wie auch in den Hochglanzzeitschriften, die Reichtümer und Verführungen der reichen Länder aufgeblendet werden. Peter Gross: Die Multioptionsgesellschaft. ISBN 978-3518119174

Wie lässt sich denn bei uns damit leben? Gibt es keine Options-Stoppregeln?

Man muss lernen, mit einer prinzipiellen Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit zu leben. Liselotte Pulver soll einmal gesagt haben, am meisten ärgere sie eine nicht bekommene Einladung an eine Party, an die sie ohnehin nicht gegangen wäre. Das ist es! Die Multioptionsgesellschaft ist eine endlose Party, an die man allerdings nicht zu gehen braucht, vielmehr muss man lernen, im Konjunktiv zu leben. Das gilt für oben und unten, für rechts und links. Niemand kann alles haben. Wir haben nur einen Magen und ein Leben.

Die Krise hat einige soziale Netzwerke wie Parteien in Erklärungsnotstand gebracht. Was für eine Rolle spielen die Parteien Ihrer Ansicht nach in dieser Krise?

Die heutigen politischen Parteien erfüllen nicht mehr die Zwecke einer Bündelung unterschiedlicher politischer Positionen. Sie sind zu personality shows verkommen, in denen nicht die gescheiteste, sondern die lauteste Stimme zählt. Darüber hinaus ist es für die wirtschaftliche und akademische Elite, überhaupt für Vielgereiste bzw. die ihre Wohnorte und Stellen wechselnden Weltbürger, unmöglich, politische Karriere zu machen. Setzt doch diese Sesshaftigkeit und Provinzialität voraus.

Die Schweiz ist ein kleines Land, in dem sich viele Menschen in Machtpositionen kennen und fördern. Das kann sich positiv auswirken, kann aber leider auch im „Filz“ münden. Wie erleben Sie persönlich und aus soziologischer Sicht soziale Netzwerke in der Schweiz?

Filz- und Clanwirtschaft liegen manchmal nicht weit auseinander. In einer Gesellschaft, in der die überkommenen Heimaten des Blutes und des Bodens verschwinden, müssen Bruder- und Schwesterschaften erzeugt werden. Der linke und der rechte Filz, der Service-Club und der Gewerkschaftsfilz sind erst dann eine Bedrohung, wenn sie Zugangschancen unterbinden. Freiheit bedeutet nicht nur Freiheit von überkommenen Bindungen, sondern auch Freiheit, zu gestalten und zu wählen. Insofern ist die Multioptionsgesellschaft ein unabdingbarer Garant der Freiheit.

Was muss die Politik in den kommenden Monaten tun, um nebst der ökonomischen auch die gesellschaftspolitische Seite der Krise in den Griff zu bekommen? Ich denke unter anderem an die wachsende Zahl von Arbeitslosen, an Fremdenfeindlichkeit und Protektionismus.

Überlegungen zur Überwindung der Krise kranken daran, dass Heil und Rettung durch kräftige Männer in Aussicht gestellt werden. Der Ruf nach LeaPeter Gross und Karin Fagetti: Glücksfall Alter. ISBN: 978-3451299384dership und Führung kaschiert aber eine Vertrauenskrise grundsätzlicher Art, der nicht durch Führung beigekommen werden kann. Unsere Gesellschaft hat keine Führungs-, sondern eine Herzensschwäche. Sie überschätzt die Autonomie des einzelnen, huldigt einem kuriosen und unschweizerischen Führungskult und ist brutal gegenüber jenen, die sich in der Wahl- und Konkurrenzgesellschaft nicht behaupten können. Der Ruf nach Leadership verbindet sich deshalb mit dem Ruf nach Ausschaffung derjenigen, die es nicht schaffen.

Sehr geehrter Herr Professor Gross, was wünschen Sie der Schweiz als Ökonom und Soziologe für die Zukunft?

Dass sie wieder das wird, was sie einmal war, ein offenes, gastfreundliches, ehrliches und vorbildliches Land. Als Kinder haben wir gesungen: „Wir sitzen so traulich zusammen... und haben einander so lieb.“ Wir scheinen in einen Zustand hineinzuschlittern, wo rundum Misstrauen geschürt wird und die alteuropäischen Errungenschaften und Tugenden nicht nur über Hooligans, sondern auch über die seltsamen Kapriolen, Unanständigkeiten und Verfehlungen der Eliten mehr und mehr vergessen werden.

Sehr geehrter Herr Professor Gross, ich bedanke mich herzlich für die Beantwortung dieser Fragen und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg.

 

(C) 2009 by Christian Düblin. Alle Rechte vorbehalten. Anderweitige Publikationen sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors gestattet.

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Links
- Fachartikel von Prof. Dr. Peter Gross: Vertrauen
- Homepage von Prof. Dr. Peter Gross
- Prof. Dr. Peter Gross auf Wikipedia

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